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Lexikon Latein

Genus

Andere Bezeichnung:  (grammatisches) Geschlecht

 

Über das Wort „Genus“

Genus, Betonung:  das Genus
Plural:  die Genera
Abkürzung:  —
Herkunft:  von lat. genus Geschlecht, Gattung, Art 

 

Definition

„Genus“ ist eine Dimension der Deklination (= der Flexion der Nomen). Unter „Genus“ versteht man eine Einteilung der Substantive (und anderer gegenständlich gebrauchter Wörter) in grammatische Klassen, die folgenden Zwecken dient:
• Sie zeigt in vielen Fällen an, ob der bezeichnete Gegenstand eine Person oder Sache ist und welches biologische Geschlecht die Person hat.
• Als Kongruenzeigenschaft bindet sie die Wörter zusammen, die denselben Gegenstand beschreiben.

Erläuterung:
Das Genus ist eine unveränderliche Eigenschaft der Substantive, die meist nicht eindeutig an den Substantiven selbst, aber immer an den Deklinationsendungen der mit ihnen kongruenten Adjektive, Partizipien und Pronomen ausgedrückt wird.

 

Bestand an Genera

Das Lateinische verfügt wie das Deutsche über drei Genera:

• das sogenannte „Maskulin“ (von lat. genus masculīnum männliches Geschlecht); Abkürzung: m. oder M.; 
die genauere Bezeichnung für „Maskulin“ lautet: Utrum (von lat. genus utrum ein beliebiges von beiden Geschlechtern, d.h. dieses Genus bezeichnet (ursprünglich) geschlechtliche Wesen ohne Unterscheidung des Geschlechts, im Gegensatz zu den ungeschlechtlichen Sachen).

• das Feminin (von lat. genus fēminīnum weibliches Geschlecht); Abkürzung: f. oder F.

• das Neutrum (von lat. genus neutrum keins von beiden Geschlechtern, also (ursprünglich) das „Geschlecht“ der geschlechtslosen Sachen); Abkürzung: n. oder N.

 

Ausdruck

(1)  Bei Substantiven ist das Genus eine „unsichtbare“ Eigenschaft des Wortstamms, die erst durch die Kongruenz mit anderen Wörtern in Erscheinung tritt. Immerhin kann man aus vielen Deklinationstypen der Substantive mit gewisser Wahrscheinlichkeit auf ein bestimmtes Genus schließen:
• ō-Deklination: meist maskulin oder – mit teilweise abweichenden Endungen – neutrisch
• ā-Deklination: meist feminin
• ē-Deklination: meist feminin
• ī-Deklination: meist feminin oder – mit teilweise abweichenden Endungen – neutrisch
• ū-Deklination: meist maskulin oder – mit teilweise abweichenden Endungen – neutrisch

Allerdings gibt es in allen diesen Deklinationen Genus-Ausnahmen, und in der wortreichen konsonantischen/gemischten Deklination lassen sich kaum Genus-Regeln aufstellen. Daher muss in diesen Fällen das Genus als Eigenschaft des Wortstamms bei jedem Wort einzeln gelernt werden.

(2)  Bei Adjektiven, Partizipien und Pronomen wird das Genus durch die Deklinationsendung angezeigt. Es gibt jedoch nicht für jedes Genus eine immer gleiche Endung. Da die Endungen immer eine Kombination aus Kasus, Numerus und Genus ausdrücken, ist die Genusendung je nach Kasus und Numerus verschieden. Außerdem gibt es wie bei den Substantiven verschiedene Deklinationen (= Deklinationstypen), die ihre eigenen Endungen besitzen.

(3)  Alle allgemeinen Regeln für den Ausdruck des Genus in Endungen findest du unter Deklination (> Maskulin-Feminin-Regel, Neutrum-Regeln).

 

FUNKTIONEN

 

(A)  Allgemein

Jedem Substantiv, auch solchen, die Sachen bezeichnen, ist ein Genus zugewiesen. In den meisten Fällen gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Genus und der Wortbedeutung. Daher ist die Hauptfunktion des Genus nicht, das biologische Geschlecht oder andere Bedeutungsklassen der Gegenstände anzuzeigen, sondern, die Kongruenz zu unterstützen, also zu klären, welche Wörter im Satz denselben Gegenstand beschreiben.

 

(B)  „Maskulin“ = Utrum

(1)  Bei Substantiven, die Sachen bezeichnen, hat das „Maskulin“ keine besondere Bedeutung, es dient allein der Kongruenz.

(2)  Bei Substantiven, die Personen bezeichnen: 
(a)  Hier kennzeichnet das „Maskulin“ meist Personen ohne Unterscheidung des (biologischen) Geschlechts (daher die genauere Bezeichnung: Utrum), vor allem im Plural; z.B.:
÷ homō (m.) der Mensch = Mann oder Frau
÷ dominī (m.Pl.) die Hausherrn = Hausherr + Hausherrin
÷ deī (m.Pl.) die Götter = männliche Götter + Göttinnen;
   auch im Singular: deus (m.) Gott = männlicher Gott oder Göttin,
   wenn es auf das Geschlecht nicht ankommt
(b)  In allen Fällen, wo ein „Maskulin“ nur für Männer verwendet werden kann, liegt das nicht am Genus, sondern an der Wortbedeutung; es handelt sich hauptsächlich um Verwandtschaftsbezeichnungen; z.B.:
÷ vir (m.) Mann, Ehemann (Pl.: virī Männer; für „Menschen“ sagt man nur hominēs (m.))
÷ pater (m.) Vater (Pl.: patrēs Väter; für „Eltern“ sagt man parentēs (m.))
÷ frāter (m.) Bruder (Pl.: frātrēs Brüder; für „Geschwister“ sagt man germānī (m.))

(3)  Bei gegenständlich gebrauchten oder substantivierten Adjektiven, Partizipien oder Pronomen ohne Beziehungswort:
(a)  
Hier bezeichnet das „Maskulin“ = Utrum gewöhnlich Personen ohne Unterscheidung des (biologischen) Geschlechts, vor allem im Plural; z.B.:
÷ amīcī (m.Pl.) die Freunde (wörtlich: die Befreundeten = männliche Freunde + Freundinnen);
   auch im Singular: amīcus (m.) männlicher Freund oder Freundin; z.B.:
   Vērus amīcus est tamquam alter īdem.
   Ein wahrer Freund ist gleichsam ein zweites Selbst (= ein zweites Ich).
   (Cicero: Laelius 80)
÷ vīcīnī (m.Pl.) die Nachbarn (wörtlich: die Benachbarten = männliche Nachbarn + Nachbarinnen);
   auch im Singular: vīcīnus (m.) männlicher Nachbar oder Nachbarin; z.B.:
   Aliquid malī est propter vīcīnum malum.
   Hat man einen bösen Nachbarn, hat man ein Problem.
   (Wörtlich: Etwas vom Bösen ist vorhanden wegen eines bösen Nachbarn.)
   (Plautus: Mercator 4:4:32)
÷ Rōmānī Carthāginiēnsēs dēspiciēbant. (2x m.Pl.)
   Die Römer verachteten die Karthager.
   (Wörtlich: Die Römischen verachteten die Karthagischen.)
(b)  Wenn diese im Deutschen nicht mit Substantiven, sondern mit Adjektiven, Partizipien oder Pronomen übersetzt werden, kann es manchmal nützlich sein, ein allgemeines Substantiv zu ergänzen, das klarmacht, dass von Personen die Rede ist:
• Im Singular kann, wenn das deutsche Maskulin für ein Neutrum gehalten werden könnte, je nach Sinn „Mensch“, „Mann“ oder eine genauere Bezeichnung ergänzt werden. 
÷ Ā bonō virtūtēs, ā malō vitia discimus.
   Von einem Guten lernen wir Tugenden, von einem Bösen Laster.
   = Von einem guten Menschen lernen wir Tugenden, von einem
   bösen (Menschen) Laster
.
   (Nicht: Von einer guten Sache...; siehe (D)(2).)
• Im Plural der Adjektive, Partizipien und Pronomen können im Deutschen keine Geschlechter unterschieden werden. Bei gegenständlichem Gebrauch gilt die Regel, dass Personen gemeint sind, keine Sachen. Im Zweifelsfall kann je nach Sinn „Leute“, „Menschen“, „Personen“, „Männer“ oder eine genauere Bezeichnung ergänzt werden.
÷ Nōlīte dēspicere īnferiōrēs!
   Verachtet nicht die Geringeren! 
   = Verachtet nicht die geringeren Leute! 
   (Nicht: ... die geringeren Dinge; siehe (D)(2).)

(4)  Da es ein echtes Maskulin, das nur für Männer verwendet wäre, nicht gibt, muss in allen Fällen, wo nur von Männern die Rede ist, zwangsläufig das unechte „Maskulin“ = Utrum verwendet werden. Dass nur Männer gemeint sind, muss auf andere Weise deutlich gemacht werden:
• durch ein Wort, dessen Bedeutung auf Männer eingeschränkt ist, siehe (2)(b).
• indem dem „Maskulin“ = Utrum ein Feminin entgegengesetzt wird; z.B.:
  ÷ amīcī et amīcae  Freunde und Freundinnen
  ÷ deī deaeque  Götter und Göttinnen
• durch den Textzusammenhang; z.B.:
  ÷ Eā pūgnā Rōmānī Gallōs vīcērunt.
     In dieser Schlacht besiegten die Römer die Gallier.
     Da – wenn nicht anders erwähnt – nur Männer als Soldaten kämpften,
     muss in diesem Satz ausschließlich von Männern die Rede sein. 

 

(C)  Feminin

(1)  Bei Substantiven, die Sachen bezeichnen, hat das Feminin keine besondere Bedeutung, es dient allein der Kongruenz.

(2)  Bei Substantiven, die Personen bezeichnen, steht das Feminin nur für weibliche Wesen. Bei Personenbezeichnungen gibt es also ein echtes Feminin.

(3)  Bei gegenständlich gebrauchten oder substantivierten Adjektiven oder Partizipien bezeichnet das Feminin gewöhnlich weibliche Wesen; z.B.:
÷ amīca (f.) Freundin  (wörtlich: die Befreundete)
÷ vīcīna (f.) Nachbarin  (wörtlich: die Benachbarte)
Es gibt jedoch unter den substantivierten Adjektiven zahlreiche feminine Sachbezeichnungen, bei denen ein ursprünglich begleitendes feminines Substantiv weggelassen ist; z.B.:
÷ [domus (f.)] rēgia  Königspalast (ursprünglich: königliches Haus)
÷ [terra (f.)] Belgica  Belgien (ursprünglich: belgisches Land, d.h. Land der Belger/Belgier)
÷ [ars (f.)] medicīna  Medizin, Heilkunst (ursprünglich: ärztliche Kunst)

(4)  In allen Fällen, wo offensichtlich nur von Frauen die Rede ist, muss immer ein Feminin verwendet werden. Auch können Adjektive, Partizipien und Pronomen, die sich auf ein feminines Substantiv (Person oder Sache) beziehen, nur im Feminin stehen, sofern ein solches vorhanden ist. Das „Maskulin“ = Utrum ist in solchen Fällen nicht erlaubt. Der Grund hierfür ist, dass die Kongruenz zuverlässiger funktioniert, wenn in allen Fällen, wo Feminin gebraucht werden kann, dies auch tatsächlich gebraucht wird.

Beachte aber, dass die meisten Adjektive der ī-Deklination, alle Adjektive der konsonantischen + gemischten Deklination, die nt-Partizipien sowie einige Pronomen keine Femininformen bilden. Sie müssen statt Feminin immer das „Maskulin“ = Utrum verwenden, auch zum Ausdruck der Kongruenz. Wenn wir in den Deklinationstabellen dieser Adjektive, Partizipien und Pronomen über die Spalte des „Maskulins“ = Utrums immer „m. und f.“ schreiben, dient das nur zur Erinnerung, dass das „Maskulin“ = Utrum hier auch fürs Feminin zuständig ist.

 

(D)  Neutrum

(1)  Das Neutrum bezeichnet im Lateinischen immer nur Sachen, niemals Personen. Es ist daher ein echtes „Ne-utrum“, das ja wörtlich bedeutet: keins von beiden Geschlechtern, d.h. weder männlich noch weiblich.

(2)  Bei gegenständlich gebrauchten oder substantivierten Adjektiven, Partizipien oder Pronomen ohne Beziehungswort: 
Das Deutsche kann im Plural und im Genitiv und Dativ Singular der Adjektive, Partizipien und Pronomen nicht Maskulin und Neutrum unterscheiden. Wir verstehen diese Wörter, wenn sie kein Substantiv begleiten, gewöhnlich als Personenbezeichnungen, z.B. „die Guten“ = „die guten Menschen“, nicht: „die guten Dinge“. Daher müssen wir beim Übersetzen eines lateinischen Neutrums oft ein Substantiv wie „Ding(e)“, „Sache(n)“ ergänzen. (Vergleiche zum Maskulin oben (B)(3)(b).) Z.B.:
÷ Laudāmus honesta, vituperāmus inhonesta.
   Wir loben die anständigen Dinge (nicht: Leute!) und
   tadeln die unanständigen (Dinge).
÷ Ea nesciō.
   Diese Dinge kenne ich nicht.
Immer wenn es nicht besonders wichtig ist, ob es sich um ein Ding oder mehrere Dinge handelt, können wir das lateinische Neutrum Plural auch mit Neutrum Singular übersetzen:
÷ Wir loben das Anständige und tadeln das Unanständige.
÷ Dies kenne ich nicht.

 

Lateinisches und deutsches Genus im Vergleich

(1)  Die wichtigsten Unterschiede zwischen dem lateinischen und dem deutschen Genus sind folgende:

• Lateinische Substantive, die Sachen bezeichnen, haben sehr oft ein anderes Geschlecht als die deutschen Übersetzungen. Wo sich das lateinische Genus nicht aus der Deklination oder der Wortbildung ableiten lässt, muss es besonders gelernt werden. Z.B.:
÷ liber (m.)  das Buch
÷ sōl (m.)  die Sonne
÷ labor (m.)  die Arbeit
÷ arbor (f.)  der Baum
÷ ōs (n.)  der Mund

• Im Plural der Adjektive, Partizipien und der meisten Pronomen kann das Lateinische die drei Genera unterscheiden, im Deutschen ist der Genusunterschied im Plural abgeschafft. Daher benötigen wir in diesen Fällen manchmal besondere Übersetzungsmethoden, siehe oben zum Maskulin (B)(3)(b) und zum Neutrum (D)(2).

• Personenbezeichnungen können im Deutschen auch Neutrum sein, z.B.: das Kind, das Mädchen, das Weib. Im Lateinischen ist das nicht möglich, das lateinische Neutrum bezeichnet immer Sachen (siehe oben unter (D)(1)). Umgekehrt können aber in beiden Sprachen Sachen nicht nur neutrisch, sondern auch maskulin oder feminin sein.

(2)  Die wichtigsten Übereinstimmungen zwischen dem lateinischen und dem deutschen Genus sind folgende:

• In beiden Sprachen gibt es drei Genera, die Maskulin, Feminin und Neutrum genannt werden.

• Es gilt die Neutrum-Regel, dass Nominativ und Akkusativ (und Vokativ) immer gleich sind und die übrigen Kasus mit dem Maskulin übereinstimmen. 

• Das Deutsche hat, wie das Lateinische und alle anderen Sprachen unserer indogermanischen Sprachfamilie, kein echtes Maskulin. Die Bezeichnung „Maskulin“ ist ein Etikettenschwindel. Die korrekte Bezeichnung wäre „Utrum“ (= gemeinsame Form für das männliche und weibliche Geschlecht). Dass für Personen immer dann, wenn es sich nicht ausdrücklich nur um Frauen handelt, das sogenannte „Maskulin“ verwendet wird, ist also weder im Lateinischen noch im Deutschen noch in irgendeiner anderen Sprache eine Diskriminierung der Frauen.

Die Indogermanistik (= Wissenschaft der Etymologie unserer Sprachfamilie) hat schon lange bewiesen, dass das sogenannte „Maskulin“ auch früher niemals ein echtes Maskulin war. Die indogermanische Ursprache, von der unsere Sprachen abstammen, unterschied ursprünglich nur zwei Genera: Genus personale (für Personen, das spätere „Maskulin“ = Utrum) und Genus impersonale (für Sachen, das spätere Neutrum). Später wurde speziell für Frauen das Feminin hinzuerfunden. Die Gründe hierfür sind nicht sicher geklärt. Wahrscheinlich durchlebte die urindogermanische Gesellschaft eine matriarchalische Phase (= Zeit der Frauenherrschaft), in der das Feminin als besondere Ehrenform zunächst für die Herrscherin, dann für alle Frauen geschaffen wurde. Die Männer mussten sich damit begnügen, durch das Utrum weiterhin nur allgemein als „Personen“ klassifiziert zu werden. Dieser Zustand hat sich bis in die heutigen Sprachen erhalten. 

Sind also in Wirklichkeit die Männer diskriminiert, weil es für sie kein echtes Maskulin, also keine besondere Ehrenform gibt? Das kann man durchaus so sehen. Die Frauen sind nur insofern diskriminiert, als man das Utrum, das doch für beide Geschlechter da ist, fälschlich als „Maskulin“ bezeichnet. Würde man die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung „Utrum“ in den allgemeinen Sprachgebrauch einführen, könnte man sich in Zukunft unaussprechbare Schreibweisen wie „Schüler/inn/en“, „LehrerInnen“, „Student*innen“ usw. sparen. Mit Utrum-Ausdrücken wie „der Schüler“, „der Lehrer“, „der Student“ oder „die Schüler“, „die Lehrer“, „die Studenten“ bezeichnen unsere Sprachen seit 5000 Jahren bis heute Personen beider Geschlechter. Ein Maskulin existiert nicht.

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