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Eine Gedichtanalyse schreiben

Oberstufe Dauer: 40 Minuten

Wie du die Analyse einer Gedichtinterpretation vorbereitest

Bewertung

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Aufgabe

Lies das Gedicht „Die eine Klage" von Karoline von Günderode.  Schildere deine ersten Eindrücke und beschreibe dabei die visuellen Signale und die Bauform des Textes.

Schritt 1: Erfasse die Aufgabenstellung

Analyseschwerpunkte

Die Gedichtinterpretation setzt immer an einem Beispieltext an, den du analysieren und interpretieren sollst. Dabei wird von dir entweder eine allgemeine Erschließung in Bezug auf Form, Sprache und Inhalt verlangt, oder es werden bereits konkrete Anhaltspunkte für die Analyse vorgegeben.

  • Bei der offenen Aufgabenstellung („Analysieren und interpretieren Sie …“) sollst du die formalen und inhaltlichen Elemente eines Gedichts sowie seine sprachlichen Bilder und die Wortsemantik analysieren. Dabei kannst du selbst die Aspekte auswählen, die dir wichtig erscheinen.
  • Bei Aufgaben mit Analyseschwerpunkten kann es um Motive oder die Einordnung in eine Epoche gehen. Sollen zwei Gedichte verglichen werden, achte auf die Untersuchungsaspekte. Notiere dir die Aspekte, auf die du dich konzentrieren sollst.

Operatoren

Lies die Aufgabenstellung genau. Im Arbeitsauftrag weisen dich bestimmte Operatoren darauf hin, was von dir verlangt wird. Bestimme, was die Operatoren bedeuten, und überlege, was genau analysiert werden soll.

Operatoren für Analyse und Interpretation

  • Analysieren: unter gezielten Fragestellungen sprachlich-stilistische und inhaltliche Merkmale, Strukturen und Zusammenhänge herausarbeiten und die Ergebnisse darstellen
  • Untersuchen: Texte anhand vorgegebener Kriterien oder Aspekte durcharbeiten
  • Herausarbeiten: aus einem Text Aussagen, Merkmale, Aspekte erarbeiten, die nicht explizit genannt werden
  • Interpretieren: von der Deutung textimmanenter und ggf. textexterner Elemente und Strukturen zu einer Gesamtdeutung eines Textes kommen
  • Erschließen: Texte zugänglich bzw. verständlich machen, indem man ihren Sinn kriterien- und aspektorientiert erarbeitet
  • Charakterisieren: Figuren, Vorgänge oder Sachverhalte in ihrer jeweiligen Eigenart treffend und anschaulich kennzeichnen

Schritt 2: Erfasse die Bauform und äußere Kennzeichen

Visuelle Signale

Die meisten Gedichte weisen Besonderheiten im Schriftbild auf. Sie helfen, bestimmte Effekte zu verstärken oder Aussagen optisch zu unterstreichen. Solche visuellen Signale bedürfen einer besonderen Betrachtung.

Visuelle Signale in Gedichten

  • Leerzeilen gliedern ein Gedicht in Abschnitte bzw. Strophen.
  • Eingerückte Verszeilen oder verschiedene Schrifttypen verdeutlichen die inhaltliche Gliederung des Gedichts; bestimmte Zusammenhänge oder Gegensätze können auf diese Weise betont werden.
  • Die gleichmäßige Länge der einzelnen Verszeilen kann einen geschlossenen und geordneten Eindruck erwecken. Verszeilen, die in ihrer Länge stark voneinander abweichen, wirken demgegenüber unruhig und disharmonisch.

Bauform

Viele Gedichte sind in Strophen und Verse gegliedert. Notiere die Anzahl der Strophen und der Verse pro Strophe. Je nach Strophenform und Metrum kann man Gedichte charakteristischen Bauformen zuordnen.

Charakteristische Bauformen von Gedichten

  • Ballade
  • Elegie: Klagegedicht, in Distichen verfasst; wesentliche Themen sind wehmütige Erinnerungen, Liebesklage, die Vergänglichkeit oder die Sehnsucht nach einem Ideal.
  • Epigramm: kurzes Sinngedicht (ursprünglich Distichon), meist ein antithetisch bzw. zugespitzt formulierter Gedanke; Sinnspruch mit Pointe.
  • Hymne: feierlicher Lob- und Preisgesang in erhabener Sprache zur Verherrlichung von Göttern, Helden, Herrschern oder Tugenden.
  • Lied: schlichter, aber unmittelbarer lyrischer Ausdruck; steht der Musik nahe; die Strophen sind durch Reim und Parallelismus miteinander verbunden; meist drei bis vierhebige Verse.
  • Ode: strenge, strophisch gegliederte Form; hat Feierliches und Erhabenes zum Thema; Ausrufe, oft in Anredeform (eine Ode richtet sich an ein Gegenüber); oft freie Rhythmen, aber keine Reime.
  • Sonett

Lösung

Es geht um den Schmerz um eine verlorene Liebe und um den Rückblick auf die Freude, die eine Liebe geben kann. Es herrscht eine resignierte Stimmung, da der Verlust der Liebe endgültig zu sein scheint; aber dennoch scheint es eine Sehnsucht oder Hoffnung zu geben. Warum enthält der Titel bestimmten und unbestimmten Artikel („die“ und „eine“)? Was bedeutet der Titel?

Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit jeweils sechs Versen. Vers 1 und 4 sind jeweils kürzer als die übrigen Verse, dadurch entsteht ein unruhiges Schriftbild.

Wie du die klanglichen Gestaltungsmittel untersuchst

Bewertung

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Aufgabe

Untersuche „Die eine Klage" im Hinblick auf die klanglichen Gestaltungsmittel und erläutere deren Wirkung.

Schritt 1: Bestimme das Versmaß

Notiere zur Bestimmung des Versmaßes oder Metrums den regelmäßigen Wechsel von betonten Silben (Hebungen) und unbetonten Silben (Senkungen) in einem Schema. Setze für jede Silbe ein „x“ und markiere jede betonte Silbe mit einem Akzent auf dem jeweiligen x. Die kleinste Einheit des Metrums ist der Versfuß.

Versfüße

Versmaße

  • Blankvers: fünfhebige Jamben ohne Reim
  • Alexandriner: sechshebiger Jambus mit Zäsur in der Mitte
  • Hexameter: Vers mit sechs Hebungen, dazwischen ein oder zwei Senkungen
  • Pentameter: Vers mit sechs Hebungen und einer Zäsur; tritt fast nur in Verbindung mit einem Hexameter auf
  • Distichon: Doppelvers, der aus einem Hexameter und einem Pentameter besteht
  • freie Rhythmen: reimlose Verse, die weder ein einheitliches Metrum noch eine festgelegte
  • Zeilenlänge haben, aber trotzdem sehr rhythmisch klingen.

Bestimme, welche Wirkung ein Metrum oder ein Rhythmus hat, und frage dich bei Abweichungen vom Metrum immer nach der möglichen Absicht.

Schritt 2: Bestimme Reime und Kadenzen

Von einem Reim spricht man, wenn zwei oder mehr Vokale vom letzten betonten Vokal an gleich klingen. Achte auf die Position des Reims und bestimme, ob es sich um Endreime (Versende), Binnenreime (innerhalb eines Verses) oder Anfangsreime (Versanfang) handelt. Liegen reine Reime (Geld/fällt), unreine Reime (Gemüt/Lied) oder beide Reimarten vor? Analysiere das Reimschema der Strophen, indem du es mithilfe von Kleinbuchstaben darstellst. Gleiche Buchstaben stehen für sich entsprechende Reime.

Häufige Reimschemata

Achte bei der Untersuchung der Reime immer auf die Funktion, die sie erfüllen. Tragen die Reime zum Klangreichtum bei, heben sie bedeutsame Wörter hervor oder gliedern sie das Gedicht, indem sie Verse bzw. Gedanken verknüpfen oder abgrenzen? Erzeugt das Verhältnis von Reim und Inhalt eine harmonische Stimmung oder treten die beiden in ein Spannungsverhältnis zueinander? Neben dem Reim sind auch die Kadenzen für die Versschlüsse bedeutsam. Untersuche dazu, ob der Vers mit einer Hebung oder einer Senkung endet. Hauptsächlich unterscheidet man zwischen

  • der männlichen (stumpfen) Kadenz (Wind/Kind),
  • der weiblichen (klingenden) Kadenz (Gipfel/Wipfel) und
  • der dreisilbigen (gleitenden) Kadenz (Singende/Springende).

Beschreibe die Wirkung der jeweiligen Kadenzen. Hinterlassen die weiblichen Versschlüsse einen weichen und klanghaften Eindruck oder unterstreichen harte, männliche Versschlüsse entsprechend den Inhalt?

Schritt 3: Bestimme die Klangfiguren

Klangfiguren basieren meist auf der Wiederholung von Lauten oder Wörtern. Benenne die Klangfiguren und untersuche ihre Funktion und Wirkung für die Textaussage. Heben sie wichtige Wörter hervor, gliedern sie den Text, verbinden sie Wörter, Verse oder Strophen oder erzeugen sie Stimmungen durch emotionale Assoziationen?

Klangfiguren auf der Basis von Lauten

  • Assonanz (Halbreim): Gleichklang der Vokale ab der letzten betonten Silbe (schweifen/leise)
  • Alliteration: Gleichklang der betonten Anfangslaute von zwei oder mehr Wörtern (Wechsel weniger Worte)
  • Onomatopöie (Lautmalerei): sprachliche Nachahmung natürlicher Geräusche zur Verstärkung des sinnlichen Eindrucks (Kuckuck, summen)
  • Häufung gleichartiger Vokale: Wiederholung von dunklen bzw. dumpfen Vokalen (a, o, ö, u, au) oder hellen Vokalen (e, i, ü); eine Wirkung entsteht bei ungewöhnlicher Häufung betonter heller oder dunkler Vokale.
  • Paronomasie: Wortspiel mit ähnlich lautenden Wörtern (Das Haus war unbezahlt, nicht aber unbezahlbar) wissen Klangfiguren auf der Basis von Wortwiederholungen
  • Refrain (Kehrreim): die regelmäßige Wiederholung eines Verses oder mehrerer Verse; der Refrain findet sich meist am Ende der Strophe.
  • Anapher: Mehrere Verse oder Sätze beginnen mit dem gleichen Wort oder Satzteil (Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll, Johann Wolfgang v. Goethe).
  • Epipher: Wiederholung eines Wortes am Ende aufeinanderfolgender Satzteile oder Sätze (Ihr überrascht mich nicht / erschreckt mich nicht, Friedrich Schiller)
  • Polyptoton: Wiederholung des gleichen Wortes in verschiedenen Flexionsformen (Wenn mancher Mann wüsste, / Wer mancher Mann war, / Gäb mancher Mann / Manchem Mann / Manchmal ein Jahr.)
  • Polysyndeton: Verknüpfung von Wörtern, Wortgruppen oder Sätzen durch dieselbe Konjunktion (Und es wallet und siedet und brauset und zischt, Friedrich Schiller)

Lösung

Vier gleichartige Strophen mit je sechs Versen, die mit einem Schweifreim (aabccb) verbunden sind. Versmaß ist Trochäus, wobei jeweils die Verse 1 und 2 sowie 4 und 5 vierhebig sind und mit weiblicher Kadenz enden, die Verse 3 und 6 je dreihebig sind und mit männlicher Kadenz enden. Wirkung: Lesefluss in den Versen 3 und 6 gerät ins Stocken, die Aussagen dieser Verse wirken dadurch sehr nachdrücklich. Dunkle Reimvokale bei Wörtern, die Verlust ausdrücken (Wunden/empfunden; Verlohren/erkohren); helle Reimvokale bei Wörtern, die die Freuden der Liebe ausdrücken (finden/schwinden; Sinnen/liebgewinnen; finden/empfinden)

Wie du den Inhalt eines Gedichtes erfasst

Bewertung

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Aufgabe

Lies das Gedicht „Die eine Klage" von Karoline von Günderrode.  Analysiere den gedanklichen Aufbau, die Motive und die Sprechersituation.

Schritt 1: Bestimme Thema, Gedankengang und Titel

Bestimme, welches Thema das Gedicht behandelt (z. B. Liebe, Natur, Tod, Politik usw.), und prüfe, wie die Inhalte gestaltet werden. Geht es um Erlebnisse oder Empfindungen, die anschaulich und gegenständlich dargestellt werden (bildhafte Lyrik), oder werden weltanschauliche Themen oder theoretische Fragen behandelt (Gedankenlyrik)? Untersuche anschließend den gedanklichen Aufbau des Gedichts. Erscheinen Gedanken, Empfindungen, Wahrnehmungen aneinandergereiht, z. B. in chronologischer Folge (linearer Aufbau), stehen sie sich als Gegensätze gegenüber (antithetischer Aufbau) oder laufen die Teile auf eine Forderung, ein Urteil oder Fazit hinaus (argumentativer Aufbau)?

Gedankenfiguren

  • Anrede: Hinwendung des Erzählers an den Leser oder andere Personen
  • rhetorische Frage: an den Leser gerichtete, scheinbare Frage, auf die keine Antwort erwartet wird
  • Antithese: Gegenüberstellung gegensätzlicher Aussagen
  • Ironie: Aussage, die eigentlich ihr Gegenteil meint

Prüfe, in welchem Verhältnis Titel und Text zueinander stehen. Weist der Titel auf wichtige Elemente des Inhalts wie Hauptpersonen („Der Bauer“), einen Ort („Heidelberg“) oder eine Zeit („Herbst“) hin? Wird das Thema oder der Anlass („Zum neuen Jahr“) angegeben? Achte darauf, dass Titel mitunter auch ironisch und irreführend sein können.

Schritt 2: Bestimme die Motive und Stoffe

Prüfe, welche Motive oder Stoffe in dem Gedicht verwendet werden.

  • Werden Situationen und Vorgänge geschildert (z. B. Wanderung, Liebesleid)?
  • Wird in dem Gedicht von Personen gesprochen? Handelt es sich um anonyme Menschentypen (z. B. der Müller) oder um bekannte Personen (Stoffe) aus Mythologie, Geschichte usw. (z. B. Prometheus)?
  • Beschreibe den Ort, von dem gesprochen wird (z. B. Wald, Meer, Großstadt).
  • Spielt in dem Gedicht die Zeit eine Rolle? Steht ein geschichtlicher Zeitpunkt, eine Tagesoder Jahreszeit (Frühlingsanfang, Nacht, Weihnachten, Geburtstag) oder ein Lebensabschnitt (erste Liebe, Alter) im Mittelpunkt?

Schritt 3: Bestimme den Sprecher und den Adressat

Verdeutliche dir die Perspektive. Gibt es ein lyrisches Ich? Wie viele Sprecher sind es? Wird ein fiktives Du angesprochen? Analysiere, um welchen Typ von Sprecher es sich handelt. Hat er Merkmale und Eigenschaften (Geschlecht, Alter, Beziehungen)? Aus welcher räumlichen Perspektive betrachtet er seinen Gegenstand (z. B. Ferne, Nähe)? Aus welcher zeitlichen Perspektive betrachtet er sein Thema (z. B. Erinnerung an die Vergangenheit)? 

Sprechertypen

  • Das lyrische Ich erscheint in der ersten Person Singular („ich“). Es drückt seine Gedanken und Gefühle aus und ist typisch für die Erlebnislyrik.
  • Wird als Sprecher eine Figur eingeführt, spricht man von Rollengedicht. Auch die Figur im Rollengedicht spricht in der ersten Person Singular. Vom lyrischen Ich unterscheidet sie sich dadurch, dass sie entweder namentlich genannt wird (häufig im Titel, z. B. Goethes „Prometheus“) oder in ihrer Rolle auftritt (etwa als Hirte).
  • Der verdeckte Sprecher macht keine Aussage über sich selbst, nur über andere Lebewesen, Gegenstände, Sachverhalte und Vorgänge. Seine Aussagen wirken objektiv. Ein verdeckter Sprecher ist typisch für Dinggedichte, viele Balladen, Gedankenlyrik und konkrete Poesie.

Lösung

Es handelt sich um einen verdeckten Sprecher; es gibt keine Personalpronomen der ersten Person. Durch die Konstruktion „Wer“ – „der“ wird eine Verbindung zwischen der ersten und zweiten Strophe hergestellt; dadurch kommt es zum Spannungsaufbau in der ersten Strophe und zu einem Spannungsabfall in der zweiten Strophe. Dieses Schema wird innerhalb der dritten Strophe wiederholt („Wer“ – „den“). Die vierte Strophe bildet eine Art Zusammenfassung und hebt das Thema auf eine allgemeine Ebene („Leben“, „Gott“). Situationsmotive: Liebesleid, Sehnsuchtsmotiv, Liebeserfüllung.

Wie du die sprachlichen Gestaltungsmittel eines Gedichtes untersuchst

Bewertung

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Aufgabe

Lies das Gedicht „Die eine Klage" von Karoline von Günderrode.  Analysiere die sprachliche Gestaltung.

Schritt 1: Untersuche Satzbau und Versbau

Der Autor eines Gedichts präsentiert seine Aussagen in Sätzen und Verszeilen. Untersuche das Verhältnis von Satzbau und Versbau und analysiere, welche Wirkung dadurch erzeugt wird.  

Verszeilen und Sätze

  • Zeilenstil: Die Verszeilen stimmen mit dem Satzbau überein. Es entsteht ein gleichmäßiger Eindruck. Der Zeilenstil ist der Normalfall und muss nicht erläutert werden.
  • Zeilensprung (Enjambement): Die Versgrenze zerschneidet eine Sinneinheit, indem sie zusammengehörende Satzteile trennt, z. B. Adjektiv und Substantiv oder Substantiv und nachfolgendes Prädikat. Hierdurch gerät der Lesefluss ins Stocken und die Wörter am Versende sowie am Versanfang werden hervorgehoben. Diese Wirkung wird gesteigert, wenn das Enjambement zwischen Strophen erfolgt (Strophensprung).
  • Hakenstil: Die meisten oder alle Verszeilen einer Strophe enden mit einem Zeilensprung. Der gesamte Satzbau wird durch die Versgrenzen gestört. Dies macht einen unruhigen und disharmonischen Eindruck.

Achte auf ungewöhnliche Satzstellungen. Sie heben häufig bedeutende Wörter oder Aussagen hervor oder erzeugen Stimmungen.  

Ungewöhnliche Satzstellungen

  • Inversion: Umkehrung der geläufigen Wortstellung im Satz (Der Blumen betörender Duft)
  • Ellipse
  • Prolepse: Unterbrechung und Wiederaufnahme des Satzes mit einem Pronomen (Die Blumen, sie duften)

Untersuche den Text auf Stilmittel der Wiederholung. Sie verdeutlichen die innere Gliederung eines Gedichts, heben wesentliche Aussagen hervor, verstärken die Bildhaftigkeit, wecken Erwartungen oder brechen diese bewusst. Liste die Stilmittel nicht nur auf, sondern untersuche immer, inwiefern sie die Aussage unterstützen.  

Stilmittel der Wiederholung

  • Chiasmus: Satzglieder werden spiegelbildlich angeordnet (Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebenen, Bertolt Brecht).
  • Häufung: Wörter, Satzteile oder Sätze, die Gleiches aussagen, werden aneinandergereiht.
  • Klimax
  • Leitmotiv: Textwiederholung, die sich durch das ganze Gedicht zieht.
  • Parallelismus: Satzglieder werden in aufeinanderfolgenden Sätzen in der gleichen Reihenfolge angeordnet.
  • Pleonasmus: unnötige Doppelung (weißer Schimmel)
  • Synonym
  • Tautologie: Bezeichnung eines Begriffs durch gleichbedeutende Wörter (immer und ewig)
  • Textwiederholung: Wiederholung von Einzelwörtern oder Wortgruppen

Schritt 2: Analysiere die Wortwahl

Die Sprache von Gedichten weicht oft von der Normalsprache ab und verwendet ungewöhnliche Wörter oder eine ungewöhnliche Kombination von Wörtern. Das können besonders gehobene oder veraltete Ausdrücke sein, bildhafte Umschreibungen oder eine expressive und emotionale Sprache. Untersuche die Wortwahl des Gedichts und beachte dabei folgende Aspekte:

  • inhaltliche Aspekte, d. h. bestimmte Bedeutungsfelder und ihre Beziehung zueinander
  • formale Aspekte, d. h. das Vorkommen von Substantiven, Adjektiven und Verben: Tauchen an bestimmten Stellen auffällig häufig Substantive, Adjektive oder Verben auf? Sind sie in ihrer herkömmlichen Bedeutung verwendet oder sind sie verfremdet? Gibt es neue Wortbildungen?
  • Wahl der Stilebene, z. B. Umgangssprache, Dialekt, feierlicher Tonfall, dichterisch überhöhte Sprache, Fachsprache
  • Schlüsselwörter
  • Stimmungen, die durch die Wortwahl erzielt werden, z. B. düster, heiter, aggressiv
  • Bewegungen, die durch Verben hervorgerufen werden, z. B. Dynamik, Aktivität, Starrheit
  • Qualität der Adjektive, z. B. wertende oder beschreibende/neutrale Adjektive

Achte bei der Analyse der Wortwahl auch auf die assoziativen Verknüpfungen sinntragender Wörter. Viele Wörter sind zusätzlich zum klar definierten begrifflichen Inhalt (= Denotat) noch mit einem darüber hinausgehenden Vorstellungsgehalt (= Konnotat) verbunden (z. B. das Wort „Rose“ mit der Vorstellung „Schönheit“ und „Liebe“). Welche der mehreren möglichen Vorstellungen aktiviert wird, legt der Textzusammenhang fest (vgl. die Farbe „Rot“ in einem Liebesgedicht bzw. in einem politischen Gedicht).

Schritt 3: Bestimme die Sprachbilder

Sprachliche Bilder machen literarische Texte vieldeutig. Sie bringen etwas anderes zum Ausdruck als das, was sie normalerweise bezeichnen. Notiere oder unterstreiche die Sprachbilder in dem Gedicht. Achte besonders auf Sinnbilder wie Allegorien und Symbole. Sie dienen der Verbildlichung abstrakter Ideen und Begriffe. Schaue immer dann genauer hin, wenn Ausdrücke auf der wörtlichen Ebene keinen Sinn ergeben. Kläre die abweichende Bedeutung der Wörter im Textzusammenhang und deute sie im Bezug zu dessen Aussage. Achte auf Hinweise des Autors, wie bestimmte Sprachbilder zu verstehen sind. Häufig wird das Gemeinte im Titel genannt, manchmal am Anfang oder am Ende des Textes erläutert.

Sprachbilder

  • Metapher
  • Vergleich: Zwei Gegenstände oder Bereiche werden miteinander verbunden, um etwas ihnen Gemeinsames auszudrücken (ein Mann wie ein Baum).
  • Chiffre (absolute Metapher): stark verschlüsselte, rätselhafte Bilder ohne erkennbaren Bezug zur Wirklichkeit. Sie entstehen, wenn der Dichter einem oder mehreren Wörtern willkürlich einen neuen Sinn gibt; sie können nur aus dem Textzusammenhang erschlossen werden (blaues Klavier, Else Lasker-Schüler).
  • Personifikation
  • Synästhesie: Koppelung von Eindrücken wesensverschiedener Sinne (süße Düfte).

Lösung

  • Enjambements (V. 1/2 in der ersten und dritten Strophe)
  • Inversionen (erste Strophe V. 3, zweite Strophe V. 2, dritte Strophe V. 2 und 6)
  • Anapher (erste Strophe „wer“; zweite Strophe „Eins“)
  • Polysyndeton (vierte Strophe „und“)
  • Chiasmus (erste Strophe V. 4 und 5: „geliebt“ – „verlohren“ / „lassen muss“ – „erkohren“)
  • Ellipse (erste Strophe V. 4 und 5, „hat“ wird ausgelassen)
  • Ausruf (dritte Strophe, V. 3; „O!“)
  • Wortfeld Schmerz: „Wunden“, „Schmerz“, „des Daseins Pein“
  • Wortfeld Trennung: „verlohren“, „schwinden“
  • Wortfeld Liebe: „Herz“, „Eins in Zwei“, „Zweiheit“, „liebgewinnen“
  • Metaphern („Herz“ – der/die Geliebte; „Wunden“ – der tiefe Schmerz; „Denken und Empfinden“ – Verstand und Gefühl; „Suchen und Finden“ – Erfüllung; „Wort und Sinn und Blick“ – Sprache, Gefühl und optische Wahrnehmung; „Nehmen und Geben“ – Ergänzung des einen durch den anderen)
  • Personifikation („der Liebe ewig Sehnen“)

Wie du eine Gedichtinterpretation gliederst und verfasst

Bewertung

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Aufgabe

Formuliere eine schlüssige und gegliederte Analyse des Gedichts „Die eine Klage“ mit Einleitung, Hauptteil und Schluss.

Schritt 1: Schreibe die Einleitung

Nenne in der Einleitung die Grundinformationen zu dem Gedicht wie Autor, Titel, Entstehungszeit und Thema. Formuliere anschließend dein Vorverständnis des Gedichts. Dabei kannst du deinen Eindruck beim ersten Lesen schildern, Fragen oder Probleme beim Verständnis aufwerfen oder deine Deutungshypothese aufstellen.

Schritt 2: Verfasse den Hauptteil

  • Gib zunächst einen Überblick über die Makrostruktur – die äußere Gliederung des Gedichts (Schriftbild, Versgruppen).
  • Stelle deine Untersuchungsergebnisse zu Rhythmus und Klangcharakter dar.
  • Bestimme, um welchen Typ von Sprecher es sich handelt, und gib den Hauptinhalt des Gedichts wieder.
  • Analysiere nun die einzelnen Versgruppen (Strophen) detailliert. Bei einer aspektorientierten Aufgabenstellung kannst du nun auf die verschiedenen Untersuchungsaspekte eingehen.
  • Achte bei deiner Darstellung darauf, Aussagen zu Inhalt, Form, Stil und Bedeutung immer zueinander in Beziehung zu setzen. Beschreibe nicht nur die Textmerkmale, sondern erläutere ihre Wirkung und Bedeutung für die inhaltliche Aussage des Gedichts.
  • Begründe deine Deutungen, indem du sie aus der Beschreibung der Textelemente so herleitest, dass der Leser deine Interpretation nachvollziehen kann. Belege deine Deutungen mit aussagekräftigen Zitaten des Gedichts. 

Richtig zitieren

Zitate ermöglichen es, deine Deutungen nachzuprüfen. Wähle sie daher sorgfältig aus. Sie müssen

  • als Beleg zur Aussage passen,
  • exakt dem Wortlaut des Textes entsprechen,
  • grammatisch korrekt mit deiner Aussage verknüpft werden,
  • mit doppelten Anführungszeichen gekennzeichnet werden.

Setze von dir vorgenommene Auslassungen in eckige Klammern und gib in runden Klammern nach dem Zitat die Fundstelle an

Schritt 3: Formuliere den Schluss

Fasse deine Ergebnisse zusammen und formuliere eine abschließende Deutung des gesamten Gedichts. Vergleiche anschließend deine Untersuchungsergebnisse mit deinem Vorverständnis und deiner Deutungshypothese. Hat sich dein Vorverständnis geändert? Falls es in der Aufgabenstellung verlangt ist, ordne das Gedicht in seinen historischen und/oder literaturgeschichtlichen Zusammenhang ein.

Lösung

1. Einleitung:

Das Gedicht „Die eine Klage“ wurde von Karoline von Günderode verfasst, die von 1780 bis 1806 lebte. In dem Gedicht geht es um den Schmerz einer verlorenen Liebe und um den Rückblick auf die Freuden, die eine Liebe geben kann. Das Gedicht macht auf mich einen traurigen und resignierten Eindruck, da der Verlust der Liebe endgültig scheint; es ist eine Sehnsucht oder Hoffnung auf eine neue Liebe zu erahnen, die jedoch die verlorene Liebe nicht ersetzen kann.

2. Hauptteil:

2.1 Makrostruktur: Der Text ist in vier gleichartigen Strophen angeordnet, in denen je sechs Verse mit einem Schweifreim (aabccb) verbunden sind. Die Verse sind aus Trochäen aufgebaut, wobei jeweils die Verse 1 und 2 sowie 4 und 5 vierhebig sind und mit weiblicher Kadenz enden, die Verse 3 und 6 je dreihebig sind und mit männlicher Kadenz enden. Dadurch gerät der Lesefluss in den Versen 3 und 6 ins Stocken, die Aussagen dieser Verse wirken dadurch sehr nachdrücklich. Durch die Enjambements in Vers 1 und 2 in der ersten und dritten Strophe sowie die zahlreichen Inversionen (erste Strophe V. 1, 2, 3; zweite Strophe V. 2, 5, 6; dritte Strophe V. 2, 5, 6) und die Ellipse (erste Strophe V. 4 und 5, „hat“ ausgelassen) werden die Wörter, die Verlust und Freuden der Liebe ausdrücken, hervorgehoben. Die gedankliche Struktur ist durch einen Spannungsaufbau und -abfall zwischen Strophe 1 und 2 (durch die Konstruktion „Wer – der“) sowie innerhalb der dritten Strophe („Wer“ – „den“) geprägt. Die vierte Strophe ist eine Aufzählung dessen, was verloren gegangen ist, und wirkt wie eine lakonische Zusammenfassung. Es finden sich keine Personalpronomen der ersten Person, daher ist von einem verdeckten Sprecher auszugehen, der das Leiden und den Schmerz distanziert und abgeklärt vorbringt. Nur der Ausruf „O!“ in der dritten Strophe (V. 3) drückt die Resignation und Trauer angesichts der Trostlosigkeit der Situation auch emotional aus.

2.2 Analyse der einzelnen Strophen: In der ersten Strophe wird der Schmerz der Trennung thematisiert. Er wird sowohl körperlich („Sinn“) als auch geistig („Geist“) empfunden, bezieht sich also auf den ganzen Menschen. Der Chiasmus „Wer geliebt, was er verlohren, / lassen muß, was er erkohren“ betont die Verlusterfahrung sehr nachdrücklich, da sie zweimal in je anderer Formulierung zum Ausdruck kommt. Auch die verkürzten Verse 3 und 6 richten die Aufmerksamkeit des Lesers auf den zentralen Inhalt: den Verlust des geliebten Herzens. Auffällig ist, dass durch die Verwendung des Pars pro Toto „Herz“ nicht gesagt wird, wer oder was eigentlich verloren wurde. Auch der Grund für die Trennung wird nicht näher erläutert. Die erste und die zweite Strophe sind durch die Konstruktion „Wer“ – „der“ satzlogisch aufeinander bezogen. Die zweite Strophe beschreibt die Folge der Verlusterfahrung, die in der ersten Strophe beschrieben wurde. Es ist das Verständnis („Der versteht“) für die Sehnsucht der Liebe nach der Verschmelzung mit dem „Andern“. Das Verlangen nach Einheit und Ganzheit wird durch die Anapher in Vers 3 und 4 („Eins“) besonders betont. Die dritte Strophe zeigt, dass der Verlust unwiederbringlich ist und durch nichts getröstet werden kann. Neue Freuden (besondere Betonung des Neuen durch Wiederholung von „neu“: „Neue Freuden neu gebohren“) ersetzen nicht die alten, verlorenen. Es scheint auch, dass die Liebeserfahrung nur ein einziges Mal stattfinden kann, denn es ist nur von „ein[em] Wesen“ und in Strophe 1 von „das geliebte Herz“ (nicht „ein“ geliebtes Herz) die Rede. Eine Hoffnung auf neue Erfüllung gibt es nicht, nur die Sehnsucht danach (vgl. Strophe 2). Die vierte Strophe hebt das Thema „Verlust“ auf eine allgemeine Ebene. Hier scheint es nicht mehr um ein „Wesen“, sondern um das „Leben“ an sich zu gehen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass das Gedicht im letzten Vers eine Wendung ins Religiöse nimmt („kein Gott“). Verloren ist das Leben, das geprägt ist von der Ganzheit des Menschen („Denken und Empfinden“, also Verstand und Gefühl), von Erfüllung („Suchen und Finden“), von der Einheit von Sprache, Gefühl und Wahrnehmung („Wort und Sinn und Blick“), von der Ergänzung des einen durch den anderen („Nehmen und Geben“). Durch die Häufung der Konjunktion „und“ in dem Polysyndeton der letzten Strophe erscheint die Fülle des Verlusts bzw. der Verlust der Ganzheit umso stärker.

3. Schluss:

Das Gedicht ist vordergründig ein Liebesgedicht, das den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen zum Ausdruck bringt. Das, was verloren ist, wird jedoch nur sehr unbestimmt ausgedrückt. Die erste Strophe spricht von dem „geliebte[n] Herz“, die dritte Strophe von einem „Wesen“. Auf einer tieferen Ebene scheint es um einen allgemeineren Verlust zu gehen. An zwei Stellen spricht Günderode von „Dasein“ und dem „geliebte[n], süße[n] Leben“, das unwiederbringlich verloren ist. Der Schmerz bezieht sich offenbar (auch) auf den Verlust einer einstigen Ganzheit des Lebens, für das die Liebe das Symbol ist. Vor diesem Hintergrund könnte auch der Titel verstanden werden: „Die eine Klage“ meint weder „die“ noch „eine“ Klage, bezieht sich nicht auf ein Individuum oder eine bestimmte Verlusterfahrung, sondern meint eine Art Grund- oder Lebensklage, die von einem Verlustgefühl ausgelöst wird, das charakteristisch für das Dasein als solches ist.