Direkt zum Inhalt
Lexikon

Industrielle Revolution

1. Lernjahr ‐ Abitur

Industrielle Revolution, die historische Entwicklung, in der die industrielle Produktion zunehmend die landwirtschaftliche und handwerkliche Produktion verdrängte. Die industrielle Revolution begann Ende des 18. Jahrhunderts in England. Sie breitete sich anschließend in Teilen Europas und der USA aus und griff Anfang des 19. Jahrhunderts auch auf Deutschland über.

Revolution und Industrialisierung

Wegen Schnelligkeit der Entwicklung von der merkantilistischen zur industriellen Produktionsweise und ihrer tiefgreifenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft erscheint der Begriff Revolution angebracht. Der auch durch wissenschaftlichen Fortschritt und technische Erfindungen in Gang gesetzte stürmische Prozess ging dann in eine lange Phase der Industrialisierung, der Ausbreitung der industriellen Produktionsweise in Europa und den USA über.

Allgemeine Voraussetzungen

Ein größeres Nahrungsangebot sowie hygienischer und medizinischer Fortschritt ließen die Bevölkerungszahl wachsen. Immer mehr Menschen wurden nicht mehr in der Landwirtschaft gebraucht und der Bedarf an industriell erzeugten Gütern stieg an. Kohle und Erzvorkommen als Energieträger und Rohstoff für die Eisenerzeugung und den Maschinenbau ließen neue Unternehmen entstehen. 
Banken vergaben Kredite und ermöglichten die Gründung neuer Unternehmen. Entfallene Binnenzölle und die Gewerbefreiheit schufen neue Absatzmärkte. Nach der Erfindung der Lokomotive entwickelte sich ein völlig neues Transportsystem. Durch technische Innovationen entstanden neue Produkte. Die Innovationen förderten gleichzeitig den Bedarf an Arbeitskräften, Energie und Rohstoffen. 

Kennzeichen und Bedeutung

Der Arbeitsprozess wurde in zahlreiche Schritte unterteilt und von verschiedenen Menschen übernommen (Arbeitsteilung und Spezialisierung). Es wurde in hoher Stückzahl für einen unpersönlichen Markt produziert (Massenproduktion). Maschinen verdrängten Menschen von einem Arbeitsplatz (Rationalisierung). Das Aufkommen der industriellen Produktion schuf zugleich Arbeitsplätze in anderen Bereichen. Kohle wurde zur universellen Energiequelle. Durch die Elektroindustrie war es möglich, Energie überallhin zu transportieren. Es entstanden kapitalintensive neue Unternehmensformen (zahlreiche Firmengründungen und Aktiengesellschaften). 
Die Industrialisierung bedeutete eine massive Veränderung der Gesellschaft und rief soziale Krisen (soziale Frage) hervor. Das Ausmaß der Umwälzung ist mit dem Sesshaftwerden des Menschen am Ende der Steinzeit vergleichbar (neolithische Revolution). Die industrielle Revolution verwandelte innerhalb kurzer Zeit vor allem landwirtschaftlich geprägte Länder in Europa und die USA von Agrarstaaten in Industriestaaten.

Industrialisierung in England

Voraussetzungen für die Industrialisierung in England waren: gewinnbringender Handel mit afrikanischen Sklaven, größte Handelsflotte der Welt und mächtige Seeflotte zu deren Schutz sowie zum Schutz der Kolonien, günstiger Import und Verarbeitung von Baumwolle und anderen Rohstoffen aus den Kolonien, große und leicht abbaubare Kohle- und Eisenerzvorkommen, gewinnbringender Export von Metallwaren, geschlossener Binnenmarkt ohne Zollschranken, technische Erfindungen und Neuerungen, eine breite Schicht reich gewordener Kaufleute, die unternehmerisch tätig wurde, Bergwerke und Fabriken gründeten, Kapitalbildung und leistungsfähige Banken, die Kredite für Unternehmen vergaben, eine liberale Wirtschaftspolitik, die die Freiheiten der Unternehmer kaum einschränkte.
Unter diesen Voraussetzungen verzeichnete England zwischen 1770 und 1820 ein enormes Wirtschaftswachstum und wurde konkurrenzlose Wirtschaftsmacht in Europa.

Industrialisierung in Deutschland

Aufgrund der staatlichen Zersplitterung nach dem Wiener Kongress, des Fehlens eines großen Binnenmarkts aufgrund der Binnenzölle und wegen der wirtschaftlichen Rückständigkeit aufgrund des Festhaltens am Merkantilismus setzte in Deutschland die industrielle Revolution erst um 1835 ein. 
Folgende Faktoren begünstigten die Industrialisierung in Deutschland nachhaltig: Eine rapide Zunahme der Bevölkerungszahl ab den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts (Bevölkerungsexplosion) führte zu einer steigenden Nachfrage nach landwirtschaftlichen und gewerblichen Produkten. 
Durch die Preußischen Reformen wurden Gewerbebeschränkungen abgeschafft Mit der Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 wurde das Wirtschaftsgebiet erweitert und Zollschranken abgebaut. Eine Wirtschaftspolitik im Zeichen von Liberalismus und Freihandel führte zur Beseitigung staatlicher Hemmnisse. 
Veränderungen in den Produktionstechniken steigerten die Produktivität. Das Schienennetz der Eisenbahn wuchs (1840: 549 km, 1870: rund 20 000 km) und trieb wie die Maschinenbauindustrie (z.B. durch die Fertigung von Lokomotiven) die Eisenerzeugung und die Kohleförderung voran (Steinkohle 1835: 2 Millionen Tonnen, 1873: 30 Millionen Tonnen, 1913: 190 Millionen Tonnen). Die Anzahl der Maschinenfabriken in Preußen stieg zwischen 1852 und 1875 von 180 auf 1.200.

Technischer Fortschritt

Wichtige Erfindungen, die auch die Industrialisierung beschleunigten waren z.B. Dampfmaschine, Eisenbahn und elektrisches Licht.
Der englische Unternehmer Abraham Darby (*1676, †1717) erzeugte 1709 erstmals hochwertiges Roheisen mit dem Einsatz von Steinkohle im Hochofen. 1764 erfand James Hargreaves (getauft 1721, †1778) eine einfach funktionierende Spinnmaschine Diese neuen Spinnmaschinen (Spinnmaschine „Jenny“ mit 36, später 130 Spindeln) und der Maschinenwebstuhl ließen die Baumwollindustrie expandieren. 
Dampfmaschine: 1712 entwickelte der britische Erfinder Thomas Newcomen (*1663, †1729) eine funktionstüchtige Dampfpumpe. Die erste Newcomen-Dampfmaschine wurde sieben Jahre später im belgischen Steinkohlebergbau eingesetzt. 1769 erhielt der britische Ingenieur James Watt (*1736, †1819) ein Patent auf eine Dampfmaschine mit Drehbewegung. Über Riemen konnten durch die Drehbewegung der Dampfmaschine zahlreiche andere Maschinen angetrieben werden. Die Dampfmaschine erzeugte eine höhere Arbeitsleistung als Wasser- oder Windmühlen. Es konnten mehr Waren hergestellt werden. Zudem ließ sich die Maschine an jedem Ort aufstellen. 1785 wurde die erste deutsche Dampfmaschine im Mansfelder Bergrevier am Rand des Harzes in Betrieb genommen. Das erste Dampfschiff wurde 1807 in New York gebaut.
Eisenbahn: 1815 konstruierte George Stephenson (*1781, †1848) eine voll funktionsfähige Lokomotive, genannt „Rocket“. 1835 fuhr die erste deutsche Eisenbahn „Adler“ von Nürnberg nach Fürth. Bis 1848 waren in Deutschland 5.000 km Schienen verlegt. Waren und Rohstoffe konnten nun schneller und billiger transportiert werden. Das Eisenbahnzeitalter begann.
Elektrizität: 1867 erfand Werner von Siemens (*1816, †1892) den Dynamo und schuf damit eine ganz neue Industrie: die Elektroindustrie. 1878 entwickelte Thomas Alva Edison (*1847, †1931) die Glühlampe. Gaslampen wurden durch elektrische Lampen ersetzt.

Auswirkungen

Der technische Fortschritt und das Bevölkerungswachstum ermöglichten zusammen mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise Produktionssteigerungen. Wo Kohle und Metalle lagerten, entstanden Städte und neue Industriezweige. Die Städte als Zentren des Wirtschaftens mit ihren Industriebetrieben beschleunigten den Wandel von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft und zogen immer mehr Menschen an. 
Um die Maschinen bedienen zu können, bedurfte es vor allem zahlreicher Arbeitskräfte, die zu Tausenden vom Land kamen, weil das Leben in den Städten attraktiver erschien. Mit dem Wirtschaftssystem des Kapitalismus entstand vor allem in den Städten eine neue Schicht oder „Klasse“, die Lohnarbeiter (Arbeiterklasse). Mit der industriellen Revolution war somit ein gewaltiger gesellschaftlicher und sozialer Wandel verbunden, der die soziale Frage aufwarf.