Direkt zum Inhalt
Lexikon

Wiedervereinigung, deutsche Einheit

1. Lernjahr ‐ Abitur

Wiedervereinigung, deutsche Einheit, die Wiedererlangung der staatlichen Einheit Deutschlands nach den Jahren der Spaltung in zwei deutsche Staaten 1949 nach dem Zweiten Weltkrieg. 1989 führte die friedliche Revolution in der DDR zum Zusammenbruch der SED­-Herrschaft und ebnete den Weg zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

Der Weg der friedlichen Revolution 1989

Seit den 1970er-Jahren kämpfte in der DDR meist unter dem Dach der evangelischen Kirche eine Opposition (z.B. Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen) unter anderem für die Einhaltung von Menschenrechten insbesondere nach der auch von der DDR 1973 unterzeichneten Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Das SED-Regime ging gegen alle diese Bestrebungen auch unter Einsatz der Stasi vor trotz der unter Bundeskanzler Willy Brandt (*1913, †1992, Bundeskanzler von 1969 bis 1974) eingeleiteten neuen Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland und beiderseitiger Entspannungsbemühungen.

Ein Menetekel (mahnendes Vorzeichen) war unter anderem die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann (*1936) 1976, die zu Protesten nicht nur von DDR-Künstlern führte. Besonders bekannt wurden auch die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche, die ab 1982 regelmäßig montags stattfanden.

Am 15.1.1989 waren auf einer Demonstration in Leipzig Transparente mit der Aufschrift „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden“, ein Zitat der 1919 umgebrachten Kommunistin Rosa Luxemburg (*1870, †1919) zu sehen. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen. Im März 1989 folgten weitere Demonstrationen in Leipzig: Etwa 600 DDR-Bürger forderten ihre Ausreise.

Im Mai 1989 wurden Wahlfälschungen der Regierung bei den Kommunalwahlen bekannt und empörten große Teile der DDR-Bevölkerung.

Anlässlich des 28. Jahrestages des Mauerbaues in Berlin am 13.8.1989 betonte die SED, dass die DDR nicht reformbedürftig sei.

Von Juli bis September 1989 besetzten DDR-Bürger die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin und die Botschaften der Bundesrepublik in Prag, Warschau und Budapest (Botschaftsbesetzungen). Die DDR-Regierung gestattete nach Verhandlungen die Ausreise, weil der 40. Jahrestag der Gründung der DDR bevorstand.

Ungarn öffnete am 11.9.1989 seine Grenze nach Österreich. Rund 50.000 DDR-Bürger, die hier im Urlaub waren, flüchteten in den Westen. Vom August bis Oktober 1989 trafen sich DDR-Bürger wöchentlich zu Demonstrationen (Montagsdemonstrationen) in Leipzig und gründeten Oppositionsgruppen. Am 25.9.1989 demonstrierten Tausende in Leipzig. In den folgenden Wochen stieg die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Montagsdemonstrationen auf schätzungsweise über 300.000 an.

Am 7.10.1989 forderte Michail Gorbatschow (*1931, Generalsekretär der KPdSU von 1985 bis 1991 und Staatspräsident der Sowjetunion 1990/91) bei den Feierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der DDR Reformen. Ihm wird dabei der Satz zugeschrieben: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Mehr als 70.000 Menschen demonstrierten im Anschluss an das Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig am 9.10.1989 für Reformen. Mit 8.000 Mann standen Volkspolizei und Sicherheitskräfte bereit, schritten trotz Einsatzbefehls aber nicht ein. Diese galt als entscheidender Wendepunkt der friedlichen Revolution.

Unter Druck trat Staats- und Parteichef Erich Honecker nach 18 Jahren am 18.10.1989 von allen Ämtern zurück und wurde am 3.12.1989 aus der SED ausgeschlossen. Sein Nachfolger in beiden Ämtern wurde Egon Krenz (*1937).

Die Oppositionsbewegung wuchs weiter. Auf immer größeren Demonstrationen im Oktober 1989 riefen DDR-Bürger selbstbewusst: „Wir sind das Volk“, später auch die auf eine baldige Wiedervereinigung zielende Parole „Wir sind ein Volk“.

Als weiterer Meilenstein der friedlichen Revolution galt die Demonstration auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin am 4.11.1989. Sie war die größte nicht staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR, an der nach Schätzungen eine Million Menschen teilnahm. Die Demonstration und die Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz, die offiziell genehmigt war, richteten sich gegen Gewalt und für verfassungsmäßige Rechte, Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

Am 7./8.11.1989 traten der Ministerrat (Regierung) und das Politbüro zurück. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow (*1928) stellte vage Reformen und Reisefreiheit für alle DDR-Bürger in Aussicht.

Mauerfall und Weg zur deutschen Einheit

Am Abend des 9.11.1989 verkündete Politbüromitglied Günter Schabowski (*1929, †2015) auf einer Pressekonferenz überraschend Reisefreiheit an allen DDR-Grenzstellen. Tausende durchschritten daraufhin in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1989 die Berliner Grenzanlagen. Die DDR-Grenzsoldaten hatten keine Handlungsanweisungen und ließen die Menschen passieren. Die Berliner Mauer war gewaltfrei gefallen, ein historisches Ereignis. Auch die innerdeutsche Grenze wurde durchlässig.

Bundeskanzler Helmut Kohl (*1930, Bundeskanzler von 1982 bis 1998) verabredete am 19.12.1989 mit dem letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow eine Vertragsgemeinschaft. Diese sollte unter anderem die Öffnung des Brandenburger Tors für Fußgänger, Reiserleichterungen und den Wegfall des Zwangsumtauschs sowie Amnestie für politische Gefangene umfassen.

Am 10./11.2.1990 erhielten Bundeskanzler Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (*1927, †2016, von 1969 bis 1974 Bundesinnenminister, von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister, 1974 bis 1985 FDP-Vorsitzender) in Moskau das Einverständnis Gorbatschows zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Auf der gemeinsamen Konferenz vom 12. bis 14.2.1990 in Ottawa (Kanada) verständigten sich die Außenminister der NATO- und Warschauer-Pakt-Staaten auf die Formel Zwei-plus-Vier: Die zwei deutschen Staaten und die vier Siegermächte (USA, Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien) verhandeln über die außenpolitische Seite der deutschen Vereinigung. In Frankreich, Großbritannien und Polen gab es anfangs Bedenken gegen das zukünftig vereinte Deutschland.

Am 18.3.1990 fanden die ersten freien Wahlen zur Volkskammer, dem Parlament der DDR, statt. Die Ost-CDU gewann die Wahl und Lothar de Maizière (*1940) bildete am 12.4.1990 eine Koalitionsregierung aus dem Wahlbündnis Allianz für Deutschland (Ost-CDU, Demokratischer Aufbruch und Deutsche Soziale Union), der SPD und den Liberalen (Bund Freier Demokraten).

Den Volkskammerwahlen folgten die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen. Deutschland konnte in der NATO bleiben und verpflichtete sich im Gegenzug, die Zahl der Soldaten von 500.000 auf 370.000 zu reduzieren. Am 12.9.1990 wurde in Moskau der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet.

Am 1.7.1990 trat der Staatsvertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR in Kraft.

Am 3.10.1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland durch den Einigungsvertrag bei. Die Wiedervereinigung Deutschland wurde damit vollendet.

Bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen am 2.12.1990 siegten die Unionsparteien CDU/CSU mit 43,8% der Stimmen. Die christlich-liberalen Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Bundeskanzler Kohl wurde bestätigt.

Der erste gesamtdeutsche Bundestag beschloss am 20.6.1991 den Sitz der Bundesregierung und des Bundestags von Bonn nach Berlin zu verlegen. Damit wurde Berlin zur Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands.

Bild vom Brandenburger Tor in der Zeit vom Mauerfall: