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Wie du sprachliche Figuren erkennst und deutest

Bewertung

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Aufgabe

Suche aus dem folgenden Textausschnitt (Cicero, Tusc. disp. 5,5) fünf lateinische Stilmittel heraus und erkläre ihre Bedeutung.

0 vitae philosophia dux, o virtutis indagatrix expultrixque vitiorum! quid non modo nos, sed omnino vita hominum sine te esse potuisset? Tu urbis peperisti, tu dissipatos homines in societatem vitae convocasti, tu eos inter se primo domiciliis, deinde coniugiis, tum litterarum et vocum communione iunxisti, tu inventrix legum, tu magistra morum et disciplinae fuisti; [...]

 

Das musst du wissen

Texte sind oft vom Autor bewusst so formuliert, wie sie letztlich vor uns liegen. Inhalt und Sprache wirken dabei oft zusammen. Sprachliche Mittel wurden in der Antike benutzt, um den Zuhörer bzw. Leser zu beeindrucken und von einem bestimmten Standpunkt zu überzeugen.
Stilmittel sollen Sachverhalte besonders betonen oder veranschaulichen. Welche Funktion sie jeweils genau erfüllen, lässt sich nur vor dem jeweiligen Kontext entscheiden. Du solltest dir bei der sprachlichen Analyse immer die Frage stellen: Warum steht hier genau dieses Stilmittel? Was soll es betonen?

Name Erklärung Lateinisches Beispiel
Alliteration Mehrere aufeinanderfolgende Wörter beginnen mit dem gleichen Buchstaben. Veni, vidi, vici.
Anapher Wortwiederholung am Anfang von Sätzen oder Satzteilen

Arte citae veloque rates moventur,
Arte leves currus: arte regendus amor.

Antithese Zwei Begriffe oder Satzteile mit entgegengesetztem Sinn werden einander gegenübergestellt.  Magna est ars, parvum lucrum.
Apostrophe Eine Person oder Sache außerhalb des Textes wird angesprochen. O Amor, quid tu fecisti?
Asyndeton In einem Satz stehen wenige oder keine Konjunktionen. Viri, feminae, liberi, infantes iter fecerunt.
Chiasmus Überkreuzstellung = Gegenteil von Parallelismus:
a - b - b - a

multum laboris,
           X
    lucri paulum

Ellipse Ein Wort ist weggelassen meist das Hilfsverb. Nuntius nuntiavit Cartaginem deletam <esse>.
Hyperbaton Wörter, die eigentlich zusammengehören, stehen getrennt. Atque animos placida contudit arte feros.
Klimax Steigerung in einer Aufzählung servi, fugitivi, barbari, hostes
Litotes Doppelte Verneinung Non ignorunt.
Metapher Verkürzter Vergleich, bei dem ein Wort in einen neuen Sinnzusammenhang übertragen ist ignis amoris
Parallelismus Parallele Satzstruktur: a - b - a - b multum laboris,
    |          |
paulum lucri
Personifikation Eine Sache wird als Person behandelt. dea Fides
Polysyndeton Gegenteil von Asyndeton; die Wörter oder Satzteile werden durch Konjunktionen verbunden. Et viri et feminae et liberi et infantes iter fecerunt.
Rhetorische Frage Eine Frage, die keine Antwort erwartet Quid sine te fecissem?
Trikolon Eine Aufzählung, die aus genau drei Elementen besteht. Veni, vidi, vici.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schritt 1: Suche die Stilmittel heraus

Wir gehen den Text satzweise durch, um sprachliche Figuren zu bestimmen und im nächsten Schritt ihre Funktion im Text zu klären. Dafür ist es natürlich wichtig, dass du zunächst unbekanntes Vokabular klärst, um inhaltlich den Sinn zu verstehen.

O vitae philosophia dux, o virtutis indagatrix expultrixque vitiorum!
Im ersten Satz wird die Philosophie mit O angesprochen; solch eine Ansprache nennt man Apostrophe. Die Philosophie wird zudem wie eine Person angeredet; weil sie abstrakt und keine wirkliche Person ist, liegt hier eine Personifikation vor. Außerdem werden ihr drei Funktionen zugeschrieben, die sie erfüllt, nämlich vitae dux, virtutis idagatrix und expultrix vitiorum. Somit haben wir es hier mit einem dreigliedrigen Ausdruck einem Trikolon zu tun. Die beiden Begriffspaare virtutis idagatrix, expultrix vitiorum sind dabei entgegengesetzt angeordnet (Genitiv - Nominativ - Nominativ - Genitiv), weshalb wir von einem Chiasmus sprechen können.

quid non modo nos, sed omnino vita hominum sine te esse potuisset?
Der ganze Satz ist zwar ein Fragesatz, jedoch befinden wir uns nicht in einem Gespräch, und es wird darauf keine Antwort erwartet; demnach handelt es sich um eine rhetorische Frage. Außerdem werden durch das non modo - sed omnino die Begriffe nos und vita hominum gegenübergestellt: eine Antithese.

Tu urbis peperisti, tu dissipatos homines in societatem vitae convocasti, tu eos inter se primo domiciliis, deinde coniugiis, tum litterarum et vocum communione iunxisti, tu inventrix legum, tu magistra morum et disciplinae fuisti;
In diesem Satz beginnen alle Abschnitte mit tu, was Merkmal einer Anapher ist. Die Aussage urbis peperisti zu Beginn des Satzes ist eine Metapher, da Städte nicht hervorgebracht werden, zumal nicht von der Philosophie. Außerdem haben wir mit der Aufzählung primo domiciliis, deinde coniugiis, tum [...] communione wieder ein Trikolon vorliegen, diesmal sogar in Form einer sich inhaltlich steigernden Klimax. In den beiden Satzteilen inventrix legum und magistra morum et disciplinae können wir auch einen Parallelismus erkennen, da jeweils zuerst der Nominativ, danach der Genitiv steht.

Schritt 2: Gib die Funktion der Stilmittel an

Jetzt bestimmen wir die Funktion, die diese Stilmittel innerhalb des Textausschnitts erfüllen.

0 vitae philosophia dux, o virtutis indagatrix expultrixque vitiorum!
Apostrophe + Personifikation: Die direkte Ansprache an die Philosophie, die also einer realen Person gleichgestellt wird, wirkt dramatisch und weckt die Aufmerksamkeit des Zuhörers. Ihre Wichtigkeit die einer realen Person gleichkommt wird so besonders hervorgehoben. 
Trikolon: Die dreigliedrige Aufzählung betont die großen Leistungen der Philosophie.
Chiasmus: Die verkreuzte Anordnung der Genitive virtutis und vitiorum spiegelt den Gegensatz von Tugend und Fehlern wider; da die Tugend am wichtigsten ist, steht sie vorne, die Fehler als negatives Element hinten.

quid non modo nos, sed omnino vita hominum sine te esse potuisset?
Rhetorische Frage: Durch die rhetorische Frage sichert Cicero sich indirekt die Zustimmung seiner Zuhörer: Ein Leben ohne Philosophie ist undenkbar, jedoch wird dies durch die Frage viel deutlicher. Man ist beinahe gezwungen, „nichts“ zu antworten.
Antithese: Die Gegenüberstellung kontrastiert uns und das Leben der Menschen überhaupt. Sie spielt auf die Wichtigkeit der Philosophie an: Natürlich hat die Philosophie Einfluss auf einige wenige und so wird suggeriert kleine, unbedeutende Menschen, aber ohne sie ist überhaupt jegliches menschliches Verhalten undenkbar. Demnach ist sie von unschätzbar großem Wert für alle Menschen.

Tu urbis peperisti, tu dissipatos homines in societatem vitae convocasti, tu eos inter se primo domiciliis, deinde coniugiis, tum litterarum et vocum communione iunxisti, tu inventrix legum, tu magistra morum et disciplinae fuisti;
Anapher: Der betonte Beginn eines jeden Satzabschnitts mit tu hat zur Folge, dass die Philosophie als Urheberin vieler Leistungen besonders hervorgehoben wird. Ihr allein ist es zu verdanken, dass es Städte und menschliche Gemeinschaft gibt.
Metapher: Die Darstellung der Philosophie, die Städte hervorbringt wie eine Mutter Kinder, stellt sie wiederum als Person dar. Zugleich betont diese Metapher, dass die Städtegründung etwas ist, das der Philosophie eigen und natürlich ist.
Trikolon/Klimax: Die sich steigernde Aufzählung primo domiciliis, deinde coniugiis, tum litterarum et vocum communione deutet an, dass die Zusammenkunft der Menschen erst rein äußerlich ist, dann sich auf den zwischenmenschlichen Kontakt der Ehe ausweitet und schließlich in die Sprach- und Kulturgemeinschaft vieler mündet. Das Verhältnis wird also immer intensiver, wobei diese Weiterentwicklung in einem Dreischritt erfolgt.
Parallelismus: Die gleiche Wortanordnung in tu inventrix legum, tu magistra morum et disciplinae zeigt die Aspekte der Philosophie, die besonders wichtig sind, nämlich, dass sie Erfinderin und Lehrerin ist. Weil diese beiden Begriffe zentral sind, stehen sie jeweils betont am Anfang, gefolgt vom Bereich, in denen die Philosophie die ihr zugeschriebene Wirkung entfaltet: Sie ist im Besonderen die Erfinderin von Gesetzen und Lehrerin von Sitte und Disziplin.

Lösung

0 vitae philosophia dux, o virtutis indagatrix expultrixque vitiorum!
Apostrophe (0 vitae philosophia...) + Personifikation (philosophia): Erhöhung der Philosophie zu einer Person
Trikolon (dux, indagatrix, expultrix): Betonung der die Leistungen der Philosophie
Chiasmus (virtutis idagatrix - expultrix vitiorum): Gegensatz von Tugend und Fehlern hervorheben

quid non modo nos, sed omnino vita hominum sine te esse potuisset?
Rhetorische Frage (ganzer Satz): Sicherung der Zustimmung der Zuhörer
Antithese (nos - omnino vita hominum): Kontrastierung von uns und das Leben der Menschen überhaupt → Wichtigkeit der Philosophie hervorheben

Tu urbis peperisti, tu dissipatos homines in societatem vitae convocasti, tu eos inter se primo domiciliis, deinde coniugiis, tum litterarum et vocum communione iunxisti, tu inventrix legum, tu magistra morum et disciplinae fuisti;
Anapher (tu..., tu..., tu..., tu..., tu...): Betonung der verschiedenen Leistungen der Philosophie
Metapher (urbes peperisti): Philosophie als natürliche Gründerin der Gesellschaft
Trikolon + Klimax (primo domiciliis, deinde coniugiis, tum ... communione) betonen die immer intensivere Form des menschlichen Zusammenlebens
Parallelismus (inventrix legum - magistra morum et disciplinae): Die besondere Leistungen der Philosophie als Erfinderin von Gesetzen und Lehrerin von Sitte und Disziplin besonders hervorheben.

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