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Wie du ein Gedicht formal analysierst


Schritt-für-Schritt-Anleitung

Wie du ein Gedicht formal analysierst

Aufgabe

Analysiere den formalen Aufbau des Gedichts „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke.

Textgrundlage

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

1   Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

2   so müd geworden, daß er nichts mehr hält.

3   Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

4   und hinter tausend Stäben keine Welt.

 

5   Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

6   der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

7   ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

8   in der betäubt ein großer Wille steht.

 

9   Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

10  sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

11  geht durch der Glieder angespannte Stille –

12  und hört im Herzen auf zu sein.

(aus: Rilke: Werke, Bd. 1,2, Gedicht-Zyklen)

Schritt 1: Erfasse die Strophenform des Gedichts

Im ersten Schritt untersuchst du die Strophenform des Gedichts. Schau dir dein Gedicht genau an. Wie viele Zeilen, also Verse, zählst du und kannst du auch Strophen erkennen? Rilkes „Der Panther“ hat insgesamt zwölf Zeilen, sodass das Gedicht aus drei gleichmäßig gebauten Strophen bzw. aus drei Vierzeilern besteht.

Wichtig ist auch der Vergleich von Vers und Satzbau: Manchmal stimmt ein Vers mit einer Sinneinheit oder mit einem Satz überein, manchmal nicht. Endet eine Sinneinheit mit dem Vers, wird vom Zeilenstil gesprochen. Geht der Sinn über das Versende hinaus, nennt man dies Zeilensprung oder Enjambement. In unserem Gedicht gibt es zum Beispiel von Zeile 1 zu Zeile 2 sowie von Zeile 9 zu Zeile 10 einen Zeilensprung, während Zeile 3 mit der Sinneinheit endet.

Wir fassen zusammen: Das Beispielgedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils vier Versen und weist mehrere Zeilensprünge auf. 

Schritt 2: Ermittle das Reimschema 

Im zweiten Schritt kümmern wir uns um das Reimschema. Viele Gedichte präsentieren sich in Reimform. Der Reim, also der lautliche Gleichklang zweier oder mehrerer Wörter vom letzten betonten Vokal an („verwittern – erzittern“, „Pilgerzug – Vogelflug“), ist aber nicht zwingend notwendig für lyrische Texte. Insbesondere moderne Gedichte verzichten meist auf den Reim.

Dennoch ist der Reim ein wichtiges Strukturprinzip eines Gedichts. Den Gleichklang von Wörtern am Versende nennt man Endreim. Stehen die sich reimenden Wörter im Versinneren, spricht man von einem Binnenreim („überall herrscht Lug und Trug auf Erden“). Ein Anfangsreim liegt vor, wenn die Anfangswörter zweier oder mehrerer Verse gleich klingen („Not, wohin man sah/Tod, er war ganz nah“).  

Abhängig davon, wie die Reimwörter zueinander stehen, treten beim Endreim verschiedene Reimfolgen auf. Diese Reimschemata gibt man mit kleinen Buchstaben (a, b, c usw.) an. Die sich reimenden Zeilen tragen immer denselben Buchstaben.

  • Klingen die Endwörter zweier aufeinanderfolgender Verse gleich, liegt ein Paarreim (aabb) vor.
  • Beim Kreuzreim (abab) liegt eine paarweise gekreuzte Reimstellung vor.
  • Der umarmende Reim (abba) besteht aus einem Paarreim, der von zwei gleich klingenden Versen eingerahmt wird.
  • Beim Schweifreim (aabccb) reimen sich innerhalb von sechs Versen jeweils der erste und der zweite sowie der vierte und der fünfte Vers paarweise. Außerdem haben auch der dritte und der sechste Vers einen Gleichklang.
  • Klingt ein Vers in einem ansonsten gereimten Gedicht mit keinem anderen Vers gleich, bezeichnet man ihn als Waise.

Betrachte das dir vorliegende Gedicht in Hinblick auf das Reimschema. Welche Reimformen liegen vor? Am besten markierst du dir die Gleichklänge der Endreime mit den Buchstaben a, b und c. Auf diese Weise kannst du leicht erkennen, ob ein Paarreim, ein Kreuzreim, ein umarmender Reim oder ein Schweifreim vorliegt.

Bei dem Gedicht „Der Panther“ sind die Verse durch Kreuzreim verbunden. In der dritten Zeile der ersten Strophe gibt es außerdem einen sogenannten Schlagreim (Stäbe gäbe), eine besondere Form des Binnenreims, bei der sich innerhalb einer Zeile zwei aufeinanderfolgende Wörter reimen.

1   Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe                     a

2   so müd geworden, daß er nichts mehr hält.                    b

3   Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe                           a (Schlagreim)

4   und hinter tausend Stäben keine Welt.                           b

Schritt 3: Bestimme das Metrum 

Neben der Strophenform und dem Reimschema ist es vor allem der Rhythmus, der einem Gedicht seine besondere Gestalt gibt. Dieser Sprechrhythmus wird durch die Abfolge von betonten und unbetonten Silben erzeugt. Bei einer betonten Silbe hebt sich die Stimme, bei einer unbetonten senkt sie sich wieder. Das nennt man auch Metrum oder Versmaß. Das Metrum zu bestimmen ist nicht ganz einfach. Am besten liest du das Gedicht laut und mit etwas übertriebener Betonung vor, um zu erkennen, an welchen Stellen der Zeile du Silben betonen musst. Hilfreich ist auch, den Rhythmus der Zeile mit der Hand auf den Tisch zu klopfen. Wird eine Silbe betont, schlägst du mit der flachen Hand auf den Tisch.

Hast du den Sprechrhythmus herausgefunden, markierst du ihn am besten direkt unter der jeweiligen Zeile. Betonte Silben markierst du mit einem Strich (–). Unbetonte Silben bekommen dieses Zeichen: v.  Das kann zum Beispiel dann so aussehen:

Der Tag ist nun vergangen,

v      –     v    –     v    –      v  

(Paul Gerhardt: Abendlied)

In der Lyrik haben sich spezielle Abfolgen von Hebungen und Senkungen herausgebildet, also bestimmte Versmaße oder Metren.

  • Beim Jambus wechseln sich Senkung und Hebung (unbetonte und betonte Silbe) regelmäßig ab. Der zweisilbige Jambus (v –) beginnt immer mit einer Senkung. Der Jambus kennzeichnet mit seinem Rhythmus eine eher langsame und zögerliche Gemütsbewegung.
  • Der Trochäus (– v) ist ebenfalls zweisilbig und regelmäßig, beginnt aber mit einer Senkung und steht für Lebhaftigkeit und Bewegung.
  • Der dreisilbige Daktylus (– v v) besteht aus der Abfolge von Hebung, Senkung, Senkung, also betonter Silbe, unbetonter Silbe, unbetonter Silbe. Er symbolisiert häufig einen erregten Gemütszustand wie Jubel oder Unruhe.
  • Der ebenfalls dreisilbige Anapäst (v v –) beginnt mit einer Senkung, der eine weitere Senkung und dann eine Hebung folgt. Er veranschaulicht etwas Herandrängendes, Wogendes.

Endet ein Vers mit einer Hebung, spricht man von männlicher Kadenz. Endet er mit einer Senkung, spricht man von weiblicher Kadenz. Moderne Lyrik ist meist im freien Rhythmus gestaltet. Ihre Gedichte haben also in der Regel kein festes Metrum oder Versmaß.

Bestimme nun das Metrum unseres Beispielgedichts, indem du die Hebungen und Senkungen festlegst.

Das Gedicht „Der Panther“ benutzt als Metrum den Jambus, also einen regelmäßigen Wechsel von Senkung und Hebung. Jede Zeile hat insgesamt fünf Hebungen, deshalb spricht man hier von einem fünfhebigen Jambus.

1   Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

      v       –      v    –      v   –  v     –      v    –     v

Während die ersten beiden Strophen sehr regelmäßig gebaut sind, unterbricht die dritte Strophe diesen Rhythmus. Sie beginnt mit zwei Hebungen:

9   Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

       –      –       v       –        v     –     v      –    v  –  v

Der Satz läuft über das Zeilenende hinaus und endet in der Mitte der zweiten Zeile. Hier entsteht vom Sprachrhythmus her eine Pause. Die letzte Zeile nimmt den Rhythmus des Jambus wieder auf. Sie ist im Vergleich zu den anderen allerdings verkürzt und hat nur vier Hebungen.

Nach der formalen folgt die sprachliche Analyse des Gedichts.

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