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Vergleichende Analyse von literarischen Texten: Eduard Mörike: „Peregrina III“, Albert Ostermaier: „abschiede“


Lösung

Eduard Mörikes Gedicht „Peregrina III“ entstand im Jahr 1824 und ist noch der Epoche der Romantik zuzuordnen, auch wenn es in letzter Fassung erst 1867 erschienen ist, also acht Jahre vor Mörikes Tod (1804–1875). Das reimlos aufgebaute Gedicht soll im Folgenden näher analysiert und in seinen epochalen Hintergrund eingeordnet werden. In „Peregrina III“ setzt sich ein lyrisches Ich mit der Trennung von seiner Geliebten in der Vergangenheit auseinander. Das lyrische Ich, das unter dem Verlust der Liebe leidet, erinnert sich an die glückliche Zeit mit der Geliebten und stellt sich vor, wie ein Wiedersehen verlaufen könnte.

„Peregrina III“ besteht aus 24 Versen ohne festes Strophen- oder Reimschema. Es lassen sich drei unterschiedlich lange Strophen ausmachen (zwölf, drei und neun Verse), wobei die erste Strophe genauso lang ist wie die anderen beiden zusammen und damit einen einführenden Schwerpunkt setzt. Das Gedicht weist kein regelmäßiges Metrum auf. Diese formal sehr freie Gestaltung ist für ein Gedicht der Romantik eher ungewöhnlich.
Das Gedicht beginnt mit dem poetischen Ausdruck „Ein Irrsal“ (V. 1) – diese Verirrung, so heißt es im märchenhaften Stil weiter („einst“, V. 2), habe die Liebe in Unordnung gebracht. Im dritten Vers erklärt das vermutlich männliche lyrische Ich die Störung der Liebe mit einem lange zurückliegenden (Liebes-)„Betrug“ (V. 3). Unter Tränen habe es nach der Aufdeckung des Betrugs die Geliebte fortgeschickt. Auch dem „Mädchen“ (V. 6) (positiv konnotiert durch die Adjektive „schlanke, / Zauberhafte“, V. 6 f.) sei die Trennung nicht leichtgefallen (vgl. V. 8 f.), dennoch sei es auf die Aufforderung des lyrischen Ichs hin „fort in die graue / Welt hinaus“ (V. 11 f.) gezogen. An dieser Stelle kann der Leser eine Verbindung zum Titel des Gedichts, „Peregrina“, herstellen: Der Name bedeutet laut Fußnoteninformation zur vorliegenden Aufgabenstellung „Reisende“ oder „Fremde“. Im Nachhinein reflektiert das lyrische Ich seine Entscheidung kritisch, da ihm bewusst ist, dass es von der Frau aufrichtig geliebt wurde (vgl. V. 9). Der Sprecher erkennt die Trauer der Geliebten in deren Körpersprache, in der sich ihre Reaktion auf die erfahrene Verstoßung äußert („ihre hohe Stirn / War gesenkt“, V. 8 f.).
Seither, so schließt die zweite Strophe an, sei das lyrische Ich erfüllt von Liebesleid und ohne Aussicht auf Genesung („Krank […], / Wund […] wehe mein Herz. / Nimmer wird es genesen“, V. 13–15).
In der dritten Strophe äußert das lyrische Ich seine immer noch bestehende Sehnsucht nach der Geliebten und spielt in Gedanken eine Versöhnung mit ihr durch. Wie durch einen „Zauberfaden“ (V. 16) fühlt es sich dem Mädchen noch immer verbunden. Eingeleitet durch die Frage „Wie?“ (V. 19) stellt es sich vor, die Frau käme nach einer Reise oder Wanderung („Das Wanderbündel neben ihr“, V. 21) zu ihm zurück. Das Motiv der Wandernden lässt hier erneut eine Verbindung zum Titel „Peregrina“ herstellen. Die Offenheit der Frage „Wie?“ macht deutlich, dass die Versöhnung eine Wunschvorstellung bleibt. Der vom Sprecher imaginierte Blick der Geliebten beim Wiedersehen („Und ihr Auge, treuherzig zu mir aufschauend“, V. 22) spannt einen Bogen zur ersten Strophe, in der die Frau mit gesenktem Blick fortgeht.

Sprachlich und formal ist Mörikes Gedicht sehr vielschichtig gestaltet. Die reimlosen, im freien Rhythmus verfassten Verse werden durch verbindende Zeilensprünge strukturiert und zusammengehalten, die sich in fast allen Versen finden. Unterschiedliche sprachliche Mittel dienen dazu, den Liebeskummer und die Sehnsucht des lyrischen Ichs auszudrücken. So enden die zweite und die dritte Strophe jeweils mit Ausrufen (vgl. V. 15, V. 24), die das Leiden und die Sehnsucht des Ichs betonen. Den Schmerz über die Trennung unterstreichen ebenso die Interjektion „Ach“ in Vers 8 wie die Alliteration „Wund […] wehe“ in Vers 14. Die starke Emotionalität und Betroffenheit des Sprechers kommt auch durch Inversionen (vgl. V. 13 f.) und Wiederholungen („zieht […], zieht“, V. 18) zum Ausdruck, die einen Eindruck von spontaner, gesprochener Sprache vermitteln. Durch den Tempus- und Moduswechsel vom Präteritum (Strophe 1) über Indikativ Präsens (V. 13 f.) und Futur (V. 15) in der zweiten Strophe hin zum Konjunktiv in der dritten Strophe („ginge“, V. 16; „fände“, V. 20; „sagte“, V. 23) wird die Entwicklung der Liebe von der Trennung zum Liebesschmerz und zur Sehnsucht deutlich. Der Konjunktiv veranschaulicht den mit der Realität kontrastierenden Wunschtraum.
Sprachliche Bilder und Metaphern aus dem Bereich der Farben und Lichtverhältnisse („Mondscheingärten“, V. 1; „graue / Welt“, V. 11 f.; „Morgen-Zwielicht“, V. 20) veranschaulichen die Gefühlswelt und Stimmung des lyrischen Ichs. Die in der zweiten Strophe verwendete Metapher „Herz“ (V. 14) und mit Krankheit verknüpfte Bilder („Krank“, V. 13; „Wund […] wehe“, V. 14; „nimmer wird es genesen“, V. 15) unterstreichen den starken Einfluss der Emotionen auf das lyrische Ich. Weitere romantische Bilder („Zauberfaden“, V. 16; „ängstig Band“, V. 17) drücken die immer noch verspürte Bindung des Sprechers an die Geliebte aus. Während die Liebe fast märchenhaft dargestellt wird („Mondscheingärten“, V. 1; „heilig“, V. 2; „zauberhaft“, V. 6), sind die Untreue der Geliebten und die Trennung mit negativen Begriffen konnotiert („Schaudernd“, V. 3; „weinendem“, V. 4; „grausam“, V. 4; „graue“, V. 11).

In Mörikes Gedicht „Peregrina III“ trauert ein lyrisches Ich um seine verlorene Liebe zu einer jungen Frau, die der Sprecher verstoßen hatte, nachdem ihm ein bereits lange zurückliegender Betrug bekannt geworden war. Rückblickend bedauert das lyrische Ich diesen Schritt und verspürt Sehnsucht nach der Frau. Insgeheim hofft es, sie werde eines Tages wieder zu ihm zurückkehren. Der Sprecher ist dabei innerlich zerrissen zwischen seiner damaligen harten Entscheidung zur Trennung und dem Liebesschmerz bzw. der Hoffnung, die Geliebte könne eines Tages zurückkehren. Er empfindet immer noch tiefe Gefühle für die Frau und reflektiert seine möglicherweise falsche Entscheidung. Gleichzeitig imaginiert er ein Wiedersehen und eine Versöhnung mit der Frau.

Mit den Motiven der unglücklichen Liebe, der Trennung von der Geliebten und der (unerfüllbaren) Sehnsucht behandelt Mörikes Gedicht typische Themen der Romantik. Auch der Grund für die Trennung – der Betrug – findet sich häufig in romantischen Texten. Dabei wird die Unglück bringende Liebe gleichzeitig als unvergänglich überhöht („Nimmer wird es genesen“, V. 15) und stellt ein Ideal mit nahezu religiösen Zügen dar („Einer einst heiligen Liebe“, V. 2). Zahlreiche sprachliche Bilder (z. B. „zauberhaft“, V. 6; „Zauberfaden“, V. 16; „ängstig Band“, V. 17) sind typisch romantische Metaphern, die sich in ähnlicher Form auch in anderen Texten der Epoche finden: So ist beispielsweise in Joseph von Eichendorffs Gedicht „Wünschelrute“ vom „Zauberwort“ („Triffst du nur das Zauberwort“) die Rede oder in einem anderen Gedicht Mörikes, „Er ist’s“, vom „blaue[n] Band“ („Frühling lässt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte“). Auch das imaginierte, nicht in der Realität angesiedelte Wiedersehen mit der Geliebten stellt ein Motiv der Romantik dar, in der Wirklichkeitsflucht und Fantastisches eine große Rolle spielen. Allerdings endet Mörikes „Peregrina III“ mit der Hoffnung auf eine tatsächliche Versöhnung, was eine Abwandlung der romantischen Motivik darstellt, in der das geliebte Gegenüber sonst meist in unerreichbare Ferne gerückt bleibt. Auch sprachlich weist der Text mit seiner reimlosen Form und dem unregelmäßigen Metrum Merkmale auf, die insofern nicht typisch romantisch sind, als die Lyrik der Romantik formal häufig am Volkslied und dessen einfachem Aufbau orientiert ist.

Auch Albert Ostermaier (geb. 1967) thematisiert in seinem Gedicht „abschiede“ (1997) das Ende einer Beziehung. Die Trennung des lyrischen Ichs vom geliebten Gegenüber wird hier aus der Sicht des Verlassenen betrachtet, dennoch lassen sich inhaltlich und motivisch Ähnlichkeiten mit Mörikes Gedicht „Peregrina III“ feststellen. Das Gedicht weist durchgängig Kleinschreibung auf und verzichtet auf Interpunktion. Dies sowie Enjambements und Wiederholungen von Wörtern bzw. Wortgruppen erschweren zunächst das Lesen. Ostermaier verzichtet wie Mörike auf ein regelmäßiges Metrum, allerdings wählt er einen strengeren Strophenaufbau als Mörike und verwendet in den drei Strophen à vier Versen ein Kreuzreimschema (abab, cdcd, efeg). Er spielt also bewusst mit traditionellen dichterischen Formen, die er wiederum durch moderne Elemente wie die Kleinschreibung und den Verzicht auf Interpunktion aufbricht.

In der ersten Strophe konstatiert das lyrische Ich, dass ein mit „du“ angesprochenes Gegenüber nicht mehr anwesend ist („du bist verschwunden“, V. 1). Es überlegt, ob es das Du am Verschwinden hätte hindern können, was es offenbar nicht getan hat („ich hielt mich zurück“, V. 3; „hätte dich halten können“, V. 4).
In der zweiten Strophe schildert das lyrische Ich seine Befindlichkeit nach der Trennung, die offensichtlich einen Seitensprung des Ichs („mit dir ich nur fremd“, V. 5) und somit eine (kurze) Affäre beendete. Wie in Mörikes „Peregrina III“ endete die Beziehung, indem das Du fortging, „in die fremde“ (V. 5) ging. Das lyrische Ich bedauert, dem Du nicht gefolgt zu sein, und fühlt sich nach der Trennung in seinem Umfeld einsam und verloren („alles wird mir nun fremd“, V. 7).
In der dritten Strophe wird dieses Gefühl der Einsamkeit des lyrischen Ichs weiter gesteigert. Ihm fehlt der Halt („nichts hält mich zurück“, V. 9) und es verspürt ein Empfinden von Selbstverlust („bin fast verschwunden“, V. 9). Dabei wird ihm die Bedeutung des Du für das eigene Leben bewusst („du […] könntest mich halten nicht ich“, V. 11 f.).

Das Gedicht kann als Monolog eines lyrischen Sprechers beschrieben werden, in dem dieser die Trennung von einem abwesenden Du reflektiert. Dem „Kreisen“ der Gedanken des Sprechers um das Du und die Trennung entspricht auf sprachlicher Ebene die Konzentration auf bestimmte Wörter, die sich mehrfach wiederholen und mit deren Bedeutungen gespielt wird. So fällt zunächst die häufige Verwendung der Personalpronomen „du“ und „ich“ auf. Bereits das erste Wort des Gedichts ist „du“ (V. 1), mit „du“ beginnt auch die zweite Strophe (vgl. V. 5) und in der dritten Strophe folgt das Wort am Ende von Vers 10 und am Anfang von Vers 11 direkt aufeinander. Das Wort „ich“ bildet sozusagen einen Gegenpol zu dem Wort „du“: Mit „ich“ beginnt jeweils der dritte Vers in der ersten sowie in der zweiten Strophe und das Gedicht endet mit „ich“ (V. 12).
Außer den Personalpronomen werden auch die Wörter „verschwinden“ (vgl. V. 1, 3, 9–12), „(zurück)halten“ (vgl. V. 1–4, 9–12), „fremd(gehen)“ (vgl. V. 5–7) mehrfach wiederholt. Dabei wird mit verschiedenen möglichen Bedeutungen gespielt, wie beispielsweise in Vers 5: „in die Fremde gehen“ und „fremdgehen“. Die wiederholten Verben und Teilsätze werden dabei in Tempus und Modus variiert (z. B. „du bist verschwunden“, V. 1; „ich war verschwunden“, V. 3; „hielt dich zurück“, V. 1, V. 2; „hätte dich halten können“, V. 2, V. 4). Auf diese Weise scheinen Alternativen zum tatsächlichen Verlauf der Beziehung auf. So drückt der Konjunktiv (vgl. V. 2, V. 4, V. 6, V. 8, V. 10, V. 12) etwa die Möglichkeit aus, dass das lyrische Ich nicht verlassen worden wäre oder gemeinsam mit dem Du gegangen wäre.
In der letzten Strophe wird das regelmäßige Kreuzreimschema aufgebrochen: An die Stelle von „du“ tritt als letztes Wort im letzten Vers des Gedichts „ich“ (efeg). Dies verdeutlicht auf formaler Ebene das Verschwundensein des Du, das Zurückbleiben des Ichs und damit die Trennung von Ich und Du.

Wenn man die Gedichte „Peregrina III“ von Mörike und „abschiede“ von Ostermaier im Hinblick auf ihr zentrales Thema, die Trennung, vergleicht, fallen über die Epochen der Romantik und Postmoderne hinweg einige Gemeinsamkeiten, aber auch spezifische Unterschiede auf. In beiden Gedichten setzt sich ein lyrisches Ich mit der Trennung von einem geliebten Gegenüber auseinander und reflektiert die eigene Rolle bei der Beendigung der Beziehung. Beide Sprecher fühlen sich infolge der Abwesenheit der anderen Person unglücklich, einsam bzw. haltlos und sehnen sich nach dem verlorenen Gegenüber. Sie stellen sich vor, wie es gewesen wäre, wenn die Trennung nicht stattgefunden hätte, bzw. wie ein Wiedersehen verlaufen könnte. In beiden Gedichten äußert das lyrische Ich keine Schuldzuweisungen an die andere Person, sondern setzt sich vielmehr mit sich selbst, der eigenen Situation und Verantwortung auseinander.
Die Art und Dauer der Beziehungen in den beiden Gedichten scheint jedoch unterschiedlich zu sein: So handelt es sich in Mörikes Gedicht offensichtlich um eine langjährige und für beide Partner sehr bedeutsame Verbindung („heilige Liebe“, V. 2). Ostermaiers Gedicht deutet auf eine eher kurze Affäre hin („mit dir ich nur fremd“, V. 5). Auch die Trennung hat jeweils andere Auslöser: In „Peregrina III“ geht die Trennung vom Sprecher aus, der die Geliebte nach einem Betrug verstößt, in „abschiede“ werden keine Gründe für die Beendigung der Beziehung genannt, offenbar wurde jedoch das Ich vom Du verlassen.
Auch sprachlich unterscheiden sich die Texte: Entsprechend der Epoche der Romantik verwendet Mörike eine abwechslungsreiche, metaphernreiche und poetische Sprache, um die unglückliche Situation des Sprechers zu schildern. Das postmoderne Gedicht Ostermaiers hingegen weist eine moderne, reduzierte Sprache auf, die mit Bedeutungen spielt und Assoziationen hervorruft. Die dargestellte Situation erscheint hierdurch bei Ostermaier weniger eindeutig als bei Mörike und der Leser ist gefordert, aktiv die Gesamtsituation zu erschließen.

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