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Textinterpretation H. v. Hofmannsthals "Der Tor und der Tod"


Lösung

1)

Fragen nach Sterben und Tod haben sich die Menschen zu allen Zeiten in jeder Kultur gestellt und verschiedene Antworten gefunden – die abgelaufene Lebensuhr, die Überfahrt in die Unterwelt oder das Bild von Gevatter Tod, der die Lebenden holt.

Eine solche Situation ist der Handlungsauslöser in Hugo von Hofmannsthals lyrischem Drama „Der Tor und der Tod“, aus dem im Folgenden ein Ausschnitt unter Berücksichtigung der Frage, welche Funktion dem Auftritt des Todes zukommt, interpretiert wird. Anschließend wird der Dramenauszug mit Goethes ‚Gretchen‘-Tragödie aus „Faust I“ verglichen.

Der junge adlige Claudio wird in seiner Todesstunde durch die Begegnung mit drei Verstorbenen (Mutter, ehemalige Geliebte, Jugendfreund) mit seinem verfehlten Leben konfrontiert. Im vorliegenden Auszug präsentiert der personifizierte Tod ihm seine Mutter und seine ehemalige Geliebte, die einen Monolog hält, in dem sie an die Liebesbeziehung mit ihm und an das Ende dieser Beziehung erinnert. Durch diese Begegnungen begreift Claudio, was er in seinem Leben versäumt hat, und erkennt, dass es keine Möglichkeit gibt, die Zeit zurückzudrehen.

Im ersten inhaltlichen Abschnitt (Z. 1–20) wird in einem kurzen Dialog mit dem Tod Claudios Reaktion auf die Begegnung mit seiner verstorbenen Mutter geschildert. Er will sie für sein Verhalten zu Lebzeiten um Verzeihung bitten, doch kann er sie nicht mehr zurückholen. Erst jetzt begreift Claudio, was die Mutter für ihn bedeutet hat.

Nach der Regieanweisung (Z. 21–23), die den Auftritt der ehemaligen Geliebten ankündigt, erscheint ein einfach gekleidetes Mädchen, das bis zum Ende der Szene einen ausführlichen Monolog hält. In einem ersten Teil (Z. 25–45) steht die Erinnerung an die Liebesbeziehung mit Claudio im Mittelpunkt. Das Mädchen empfindet diese, trotz der ihm zugefügten Enttäuschung, als glücklich und ist dafür sehr dankbar. In diesem Zusammenhang erinnert sie sich an ihr Zimmer, vor allem an den Schrank, in dem sie die Briefe und Geschenke ihres Geliebten aufbewahrt hat. Jäh werden die schönen Erinnerungen von der Erkenntnis des Beziehungsendes, für das Claudio verantwortlich ist, unterbrochen. Besonders beklagt das Mädchen die Art der Trennung. Resigniert äußert sie ihre Ohnmacht, Claudio an sich zu binden.

Nach einer kurzen Pause (Z. 46) steht das Ende der Liebesbeziehung (Z. 46–69) im Mittelpunkt. Claudio hat die Beziehung mit einem Brief beendet, daraufhin wollte sie sterben. Dies gesteht sie, ohne ihm ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Sie berichtet von einem Abschiedsbrief, den sie ihm schreiben wollte, aber nicht geschrieben hat, da sie Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Liebe und an seiner Treue hatte. Die Zeit ohne Liebe wird von ihr als unerfüllt beschrieben. Nur in seiner Todesstunde wollte sie Claudio noch einmal sehen, um ihn an die schöne gemeinsame Zeit zu erinnern.

Nach dem Ende des Monologs geht sie ab und Claudio verbirgt beschämt sein Gesicht in den Händen (Z. 70).

In dem Dramenausschnitt treten drei Figuren in Erscheinung, deren Darstellung ebenso wie die Sprechanteile sehr unterschiedlich sind.

Zunächst ist Claudio zu nennen, der in seiner Todesstunde mit seinen Verfehlungen konfrontiert wird. Nur mit dem personifizierten Tod, der zweiten handelnden Figur, befindet er sich im Dialog (Z. 3–20).

Claudio führt ein unerfülltes Leben voller Sehnsüchte. Zwar ist er reich und umgibt sich mit Kunstwerken, doch er fühlt sich vom Leben ausgeschlossen. Das einfache Volk beneidet er um seine Naturverbundenheit (siehe Vorbemerkung). Zu wahren Gefühlen scheint er nicht fähig, was sich gut an seiner Reaktion auf den Auftritt der verstorbenen Mutter zeigt: Erst in seiner Todesstunde erkennt er die tiefe emotionale Beziehung zu ihr (vgl. Z. 16 f.), während er ihr zu Lebzeiten gleichgültig gegenüberstand (Vorbemerkung). Durch ihren Auftritt verändert sich sein Verhalten: Er zeigt Reue und will deshalb die Zeit zurückdrehen, was in den Zeilen 5 ff. deutlich wird, wenn er schon fast verzweifelt sagt: „Mutter, komm! Laß mich dir einmal mit den Lippen hier, / Den zuckenden, die immer schmalgepreßt, / Hochmütig schwiegen, laß mich doch vor dir / So auf den Knien …“ Er kann den Satz nicht vollenden, was anschaulich macht, dass es kein Zurück gibt. Auffallend ist, dass er sich in diesen Versen selbst als „[h]ochmütig“ (Z. 8) bezeichnet, das zeigt, dass er sein falsches Verhalten erkennt. Ähnlich ist auch die letzte Regieanweisung zu interpretieren, wenn er nach dem Monolog seiner ehemaligen Geliebten „sein Gesicht in den Händen“ (Z. 70) verbirgt. Sein Verhalten wird von dem jungen Mädchen als rücksichtslos (Z. 42 f.) und auf verletzende Art unpersönlich (Z. 47) bewertet. Claudio hat mit ihr lediglich gespielt und sich seines Spielzeugs, als er dessen überdrüssig war, einfach entledigt.

Einen Gegensatz zu Claudio stellt das junge Mädchen dar. Sie scheint aus einfachen Verhältnissen zu stammen (vgl. die Beschreibung ihres Kleides in der Vorbemerkung oder auch ihres Zimmers, Z. 30 ff.). Sie unterscheidet sich aber vor allem von ihm durch die Fähigkeit, ihre Gefühle zu zeigen. Sie tut dies einmal gleich zu Beginn ihres Monologs, als sie feststellt: „Es war doch schön …“ (Z. 25). An anderer Stelle sagt sie: „Allein es war so schön, und du bist schuld, / Daß es so schön war“ (Z.41 f.). Andererseits spricht sie klar aus, wie sehr sein Verhalten sie verletzt hat: „Wie dann dein Brief, der letzte, schlimme, kam, / Da wollt‘ ich sterben“ (Z. 47 f.).

Letztlich macht sie sich aber nichts vor, denn ihr ist klar, dass ihm die Liebe nichts bedeutet hat (vgl. Z. 56 ff.), das ist auch der Grund dafür, dass sie den geplanten Brief nicht geschrieben hat. Der Wunsch zu sterben wird ihr erst später erfüllt – ebenso wie das Wiedersehen mit dem ehemaligen Geliebten in der Todesstunde, wobei sie betont, dass Rache nicht der Grund für ihren Wunsch war (vgl. Z. 66).

Nur einen kurzen Auftritt hat der personifizierte Tod. Sein Kennzeichen ist eine Geige, die an seinem Gürtel hängt (vgl. Vorbemerkung) und mit der er den Auftritt des Mädchens durch ein Volkslied ankündigt (Z. 21) Diese Musik weist auf ihre Herkunft hin, das Mädchen kommt aus einfachen Verhältnissen. In dem kurzen Dialog mit Claudio zu Beginn des Dramenausschnitts hat er mit zwei Redeeinsätzen einen geringen Textanteil. Claudio gegenüber verhält er sich schroff, wenn er ihn auffordert, still zu sein (Z. 3 f.) und die Fakten zu akzeptieren. Generell lässt er sich nicht auf Diskussionen mit ihm ein, sondern unterbricht ihn. Er ist derjenige, der den Handlungsablauf bestimmt.

Damit kommt dem personifizierten Tod eine wesentliche Funktion zu. Er arrangiert die Begegnungen Claudios mit den Verstorbenen, wodurch Claudio letztlich erkennt, was er alles verpasst und wie falsch bzw. ungerecht er sich ihnen gegenüber verhalten hat.

Auch wenn Claudio seine „Lebensleere“ beklagt und „sich ausgeschlossen von allem Lebendigen“ (Vorbemerkung) fühlt, führt ihm der Tod vor, dass er für diesen Zustand durch sein Verhalten und seine Versäumnisse selbst verantwortlich ist. Claudio war nie fähig, seine Gefühle zu zeigen, was ihm durch die Begegnung mit seiner Mutter klar wird. Auch zu wahrer Liebe ist er nicht in der Lage, wie das Beispiel der ehemaligen Geliebten zeigt.

Verstärkt wird dieser Eindruck vor allem dadurch, dass der Tod an keiner Stelle einen entschuldigenden oder zurücknehmenden Einwurf macht. Im Gegenteil, durch dessen kurze Aussagen erkennt Claudio sein Fehlverhalten nur noch deutlicher.

In Claudio, der dem Tod leibhaftig begegnet, erkennt der Leser/Zuschauer sich selbst. Hier scheint das barocke Memento-mori-Motiv auf: Der Mensch soll so leben, dass er ohne Reue jeden Moment sterben kann – also genau gegensätzlich zur Figur, die Hofmannsthal mit dem Toren Claudio auf die Bühne bringt.

Unterstützt wird dies durch die dramaturgische Gestaltung, die teilweise schon erwähnt wurde. Die Regieanweisungen in den Zeilen 1, 21 bis 23, 46 und 70 gliedern den Dramenausschnitt.

Der Abgang der Mutter (Z. 1) führt dazu, dass Claudio beginnt, über seine Gefühle ihr gegenüber zu reflektieren.

Durch das Verhalten des Todes, aber auch durch den langen Monolog des Mädchens – beide sprechen Claudio direkt an (z. B. Z. 3, 25) – wird er zum Zuschauer, an dem seine Verfehlungen vorbeiziehen. Er hat gar keine andere Wahl, als sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Den Tod kümmert das nicht (vgl. Z. 21) und er kündigt – wie bereits erwähnt – die Geliebte mit der Melodie eines Volksliedes an (Z. 21 ff.).

Obwohl es ihr Wunsch war, ist das Treffen für die ehemalige Geliebte nicht einfach, das wird an der Regieanweisung „Kleine Pause“ (Z. 46) deutlich. Nach den schönen Erinnerungen an die Liebe zu Claudio holt sie gewissermaßen Luft, um sich nach dieser Pause mit dem Ende der Liebe und letztlich auch mit ihrem eigenen Tod zu befassen. Die letzte Regieanweisung in Zeile 70 verdeutlicht schließlich Claudios Hilflosigkeit und Scham über sein Verhalten ihr gegenüber.

Sehr interessant ist der Dramenausschnitt sprachlich gestaltet. Es überwiegen fünfhebige, gereimte Jamben, was an den klassischen Blankvers erinnert (z. B. in Goethes „Iphigenie auf Tauris“). Dadurch erhält der Text seinen kunstvollen Charakter, passend zum Ästhetizismus der Jahrhundertwende. Mit Claudio zeichnet Hofmannsthal die Figur eines Ästheten, der sich „mit erlesenen Kunstgegenständen und Altertümern“ (Vorbemerkung) umgibt, aber den Kontakt zur Realität verloren hat, was zu seiner „Lebensleere“ (Vorbemerkung) führt.

Das Metrum liegt überwiegend parataktisch gereihten Sätzen zugrunde, die häufig elliptisch sind, um die Emotionalität der Situation zu betonen, wie an dem folgenden Ausruf Claudios deutlich wird: „Ah! Und nie / Gefühlt! Dürr, alles dürr!“ (Z. 14 f.). Claudios Sprache, seiner Herkunft entsprechend auf einem hohen Niveau, ist von Aufregung und Verzweiflung gekennzeichnet ist. Er verwendet Ausrufe, bedient sich unvollständiger Sätze, Fragesätze oder auch Imperative, um mit dieser Situation umgehen zu können. Er will sich nicht mit der Endgültigkeit, die ihm der Tod präsentiert, abfinden. Dazu bedient er sich auch häufig des Stilmittels der Wiederholung: „Laß mich dir […] laß mich doch vor dir […]“ (Z. 6–8). Auffallend ist auch das Trikolon „Mit Menschensehnsucht, Menschenlust – und -weh?!“ (Z. 20) in den sehr emphatisch aufgeladenen Zeilen 15 bis 20.

Der Tod hingegen lässt keine Gefühlsregung erkennen. Er spricht zwar auch in kurzen, knappen Sätzen, doch dies ist hier Ausdruck seiner völligen Überlegenheit gegenüber Claudio. Er weist diesen knapp an zu schweigen (Z. 3) und stellt die unverrückbaren Positionen heraus, wenn er sagt: „Laß mir, was mein. Dein war es“ (Z. 13).

Variationsreicher spricht die junge Frau. Dabei fällt auf, dass sie im Gegensatz zu den gereimten Versen Claudios ohne Reime spricht. Das verdeutlicht einerseits ihre einfache Herkunft und entspricht dem natürlichen Sprechen. Andererseits darf aber nicht vergessen werden, dass sie den klassischen Blankvers verwendet. Dadurch wird ihre Liebe zu einer unerreichbaren Vision gesteigert, was letztlich genau dem einseitigen Verlauf dieser Liebesbeziehung entspricht.

Ihre Sprache ist von großer Emotionalität gekennzeichnet, das zeigen die zahlreichen Stilmittel in ihrer Rede. Gleich zu Beginn vergleicht sie die glückliche Zeit der Liebe mit einem Traum (Z. 29). Diesen Vergleich wiederholt sie in den Zeilen 57 bis 59: „In all dem war, was meinen armen Sinn / Mit Glanz und Fieber so erfüllte, daß / Ich wie im Traum am lichten Tage ging.“ In einem weiteren Vergleich drückt sie aus, wie sie von Claudio behandelt worden ist: „Und daß du mich dann / Fortwarfest, achtlos grausam wie ein Kind, / Des Spielens müd, die Blumen fallen läßt …“ (Z. 42–44). Das zeigt, dass sie sich als Objekt seiner Laune erkennt und diese Herabsetzung durch das Bild eines spielenden Kindes verdeutlicht. Ein ähnlich starkes Bild für das Ende der Liebesbeziehung ist die Metapher in Zeile 40: „Und liegt in unsrer Liebe kleinem Grab.“ Auffallend in ihrer Rede sind rhetorische Fragen wie „Denkst du nie mehr daran?“ (Z. 25) oder auch „Allein was hört denn nicht in Schmerzen auf?“ (Z. 27). Gerade durch diese letzte Frage, gleichzeitig eine Sentenz, erweist sich das junge Mädchen als durchaus erfahren und abgeklärt. Bemerkenswert im Textbild sind häufige Punktierungen (vgl. Z. 25, 26, 33, 44) und auch Gedankenstriche (z. B. Z. 34, 37). Sie sind als Pausen zu verstehen, die durch die intensive Erinnerung entstehen. Der Leser hat den Eindruck, als möchte sie nichts vergessen und dadurch auf die Bedeutung dieser Erinnerungen hinweisen.

Hugo von Hofmannsthal präsentiert hier ein recht drastisches Beispiel: Im Angesicht des Todes wird ein junger Mann mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Er erkennt, was er im Verhältnis zu Personen, die ihm nahegestanden haben, falsch gemacht hat. Es gibt aber keine zweite Chance, sosehr er es sich auch wünscht. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

2)

Eine ähnliche Situation findet sich in der ‚Gretchen‘-Tragödie in „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe.

In beiden Fällen lässt sich ein junges Mädchen aus eher kleinbürgerlichem Milieu mit einem Mann ein, der sich seine Partnerin den Konventionen entsprechend aus seiner eigenen Schicht wählen sollte.

Da ist Margarete, die mit ihrer Mutter zusammen in einem Haus wohnt, rechtschaffen den Haushalt versorgt und regelmäßig in die Kirche geht. Faust dagegen ist, auch wenn er bei der Begegnung schon verjüngt ist, ein angesehener Wissenschaftler, der für Gretchen im Grunde zu alt ist. Er ist ein Intellektueller, der sich in ein einfaches, teilweise naives Mädchen – wie man am Blumenorakel gut erkennen kann – verliebt.

Ähnlich ist die Situation bei Claudios Geliebter. Sie erscheint als bedingungslos Liebende. Durch die Liebe zu Claudio hat sich ihr Leben komplett verändert. Sie hat frohe Tage, nimmt die Natur anders wahr und ist glücklich. Dies aber nur so lange, wie die einseitige Liebe aufrechterhalten wird. Nachdem Claudio durch einen Brief die Beziehung zu ihr beendet hat, wünscht sie sich den Tod, der einige Zeit später auch kommt.

Sehr ähnlich sind sich ebenfalls die männlichen Protagonisten. Von Claudio ist zu erfahren, dass diese Liebe für ihn nichts Ernstes bedeutet hat; er wird daher auch als spielendes Kind (vgl. Z. 43) charakterisiert. Seine Reue über sein Verhalten ihr gegenüber am Ende des Dramenausschnitts kommt zu spät und ist nutzlos.

Auch Faust ist im Grunde nicht zu wahrer Liebe fähig, denn seine Beziehung zu Gretchen ist das Werk von Mephisto, das ist die wohl schlechteste Basis einer Beziehung überhaupt. Es erscheint sogar gerechtfertigt, auch bei Faust von einem Spiel zu sprechen, denn der Pakt mit dem Teufel ist nichts anderes. Fausts Bestreben, Gretchen aus dem Kerker zu retten, kommt viel zu spät, da er sie in ihrer Not zuvor alleingelassen hat. So lässt sich sagen, dass beide männlichen Figuren zu einer wahren Liebe unfähig und vor allem nicht in der Lage sind, angemessen und verantwortungsvoll zu handeln.

Trotz dieser Gemeinsamkeiten gibt es auch Unterschiede.

Gretchen wird mit der Hilfe Mephistos von Faust verführt. Sie gibt der Mutter Schlaftropfen, die ihr Faust zusteckt, um mit ihm die Nacht verbringen zu können. Dadurch wird sie letztlich sogar zur Mörderin. Bei Claudios junger Geliebten erhält der Leser keinen Hinweis darauf, dass sie die Verführte ist.

Gretchen ist sehr auf den guten Ruf in der Gesellschaft bedacht. Sie weiß, was es bedeutet, ein uneheliches Kind zu haben (vgl. Szene am Brunnen). Deshalb tötet sie ihr Kind. Diese Tat treibt sie in den Wahnsinn und sie wird dafür zum Tod verurteilt. Faust will sie mit Hilfe von Mephisto aus dem Kerker retten. Das ist für Gretchen nicht akzeptabel, sie überlässt sich schließlich dem Gericht Gottes.

Das junge Mädchen in Hofmannsthals Drama ist enttäuscht über Claudios Verhalten und wünscht sich den Tod. Sie wird jedoch nicht wahnsinnig, sondern ist sogar in der Lage die Liebesbeziehung rational zu hinterfragen und Gründe für das Scheitern zu formulieren.

Deutlich wird die jeweils unterschiedliche Intention der Dichter. Goethe klagt mit dem Schicksal Gretchens die Gesellschaft an. Die Angst vor dem Verlust des guten Rufes führt zum Mord an ihrem Kind.

Anders stellt sich die Situation bei Hofmannsthal dar. Hier steht Claudios selbstverliebtes, egoistisches Verhalten im Mittelpunkt. Er hat keinerlei Verbindung zum realen Leben und weiß nicht, was er dem Mädchen durch sein oberflächliches Treiben zufügt.

Der Tod hat in beiden Dramen eine besondere Bedeutung. Die Darstellung bei Hofmannsthal ist jedoch besonders drastisch, da der junge Mensch, der sich mitten im Leben meint, von der Bühne des Lebens abtreten soll. Dazu kommt für Claudio die Erkenntnis, dass er in seinem Leben viele Fehler gemacht hat, die sich nicht mehr korrigieren lassen. Für den Zuschauer ist dieses Drama eine deutliche Mahnung (Memento mori), sein Leben so führen, dass es einer Prüfung zu jedem Zeitpunkt standhalten kann.

 

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