Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Interpretation eines lyrischen Textes: G. Eich: „Wald vor dem Tage“


Lösung

Das Gedicht „Wald vor dem Tage“ von Günter Eich stammt aus dem Jahr 1930 und ist damit der Epoche der Moderne zuzuordnen, obwohl der Text auf den ersten Blick den Anschein macht, als gehörte er zur Naturlyrik und fiele in das Zeitalter der Romantik. In der Romantik beschäftigten sich die Dichter vor allem mit den Motiven der Sehnsucht, dem Wandern und der Suche nach dem Unbekannten. Daneben spielten das Mystische und die Natur eine große Rolle. Auch Eich zeichnet in seinem Gedicht einen vom Mond beschienenen Wald im Morgengrauen, in dem mystische Dinge vor sich gehen. An diesem Ort scheint das lyrische Ich etwas zu suchen oder vor etwas zu fliehen. Schon zu Beginn entsteht ein Gefühl von Spannung, da der Leser nicht weiß, was passiert, wenn das lyrische Ich weiter in den Wald eindringt. Erst am Ende des Textes erfährt er, dass es an dem gesteckten Ziel angekommen ist.

Im Folgenden soll das Gedicht unter Einbeziehung der Beschreibung der lyrischen Situation und der textbezogenen Reflexion der Wirkung interpretiert werden.

Zu Beginn des Textes wird vor den Augen des Lesers das Bild einer unberührten Natur aufgebaut, auf die am frühen Morgen der untergehende Mond noch ganz schwach scheint. In der zweiten Strophe wird diese Natur bereits genauer beschrieben. Das lyrische Ich befindet sich in einem „Nadelwald“ (V. 5), der nun noch exakter dargestellt wird. In Strophe drei tritt das lyrische Ich zum ersten Mal wörtlich auf, indem es seine Gedanken und Sinneseindrücke zum Ausdruck bringt. Dies zieht sich auch durch die vierte Strophe, in der es jedoch explizit körperliche Empfindungen beim Durchschreiten des Waldes beschreibt. Obwohl das lyrische Ich ab der fünften Strophe nicht mehr erscheint, ist es noch deutlich zu spüren. Es geht immer weiter in den Wald hinein, der aus einer vergangenen Welt (vgl. „Spinngewebe“, V. 20) zu stammen scheint. Dieser Eindruck verstärkt sich durch das Auftreten von „Urwelttieren“ (V. 23) in Strophe sechs. In der letzten Strophe gelangt das lyrische Ich schließlich an das Ziel seines Weges; es betritt „[…] die Stelle, / wo aller Tag beginnt“ (V. 27 f.), wo sich der Ursprung des Lebens oder der Ort für einen (Neu-)Anfang befindet.

Eichs Gedicht ist in sieben Strophen mit je vier Versen (insg. 28 Verse) gegliedert. Obwohl die Verse unterschiedlich lang sind, strahlt der Text eine gewisse äußere Gleichmäßigkeit aus, die mit der inneren sprachlichen Harmonie korrespondiert. Diese spiegelt sich auch in der weiteren formalen Gestaltung wider. Denn der Dichter verwendet kein durchgängig einheitliches Metrum. Vielmehr mischt er Jambus, Trochäus und Daktylus, was dem natürlichen Sprechrhythmus des Lesers entspricht und somit keine Künstlichkeit erzeugt. Das Reimschema entspricht einem reinen Kreuzreim mit Endreim und die Kadenz wechselt zwischen männlich und weiblich, was sich wiederum an die Natürlichkeit der Sprache anlehnt und fortwährend mit dem Inhalt übereinstimmt. Diese ausgeglichene Form erweckt einen sehr geordneten Eindruck und erzeugt eine harmonische Stimmung, da das Naturthema im Text dem echten Sprechrhythmus entspricht.

Der Titel des Gedichts, „Wald vor dem Tage“, gibt schon einen ersten Hinweis auf das Thema des Textes. Es scheint, als müsse das lyrische Ich erst das Gehölz durchdringen, um den Tag und damit einen Anfang zu erblicken. Das lyrische Ich befindet sich in Strophe eins auf einer Waldlichtung, auf die der Halbmond schwach scheint, der den Morgentau aber noch zum Schimmern bringen kann. Dieses Bild wird mit der Akkumulation „Schräg und halb und blasser“ (V. 1) sowie der Metapher „[…] kristallene[s] Wasser“ (V. 3) ausgedrückt und deutet hier schon auf das Ende des Textes hin, wo das lyrische Ich die „Quelle“ (V. 25) „aller Tage“ (V. 28) findet. Anschließend wird der Leser mit der Ellipse „Der Nadelwald“ (V. 5), die wie eine erneute Überschrift wirkt, in eine neue Situation eingeführt. Das lyrische Ich befindet sich nun auf dem Weg in den Wald, der am Boden mit „Zapfen“ (V. 5) und „Moos“ (V. 6) bedeckt ist. Weiterhin befinden sich dort Spuren, die allerdings abseits des Weges liegen und die das lyrische Ich nicht mehr richtig identifizieren kann (vgl. „vergangen und körperlos“, V. 8). Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen begibt es sich immer weiter in den Wald hinein, um den Ursprung dieser Spuren zu finden. Dieser Sachverhalt wird auch mit der einzigen Frage des Gedichts verdeutlicht: Das lyrische Ich fragt sich, wem es „[…] auf der Spur“ (V. 10) sei, also wohin es will, und beobachtet dabei sich selbst und den Wald, der den Morgendunst der Vegetation versprüht (vgl. V 9). Es erkennt, dass es noch tiefer in das Dickicht hineinmuss, denn „[d]er Atem, den [es] fühl[t] / ist [s]einer nur.“ (V. 11 f.) Es will aber nach wie vor wissen, wessen Spuren sich am Waldboden befinden. Während in den beiden ersten Strophen vor allem der Sehsinn des lyrischen Ichs angesprochen wurde, mit dem es sich einen Überblick über den Handlungsort verschafft hat, dominiert in Strophe drei und vier der Tastsinn. Denn das lyrische Ich spürt die morgendliche Kühle des Waldes auf seiner Haut (vgl. V. 9) sowie die Zweige der Bäume im Gesicht (vgl. V. 13 f.). Und es weiß auch, dass es keinen allzu langen Weg mehr vor sich hat, um das Ziel zu erreichen. Die Inversion „Bald schlägt der Wald zusammen / zur Nacht im Morgenlicht“ (V. 15 f.), die mit der Kontrastierung von Tag und Nacht zudem eine Antithese darstellt, macht den Sachverhalt unmissverständlich klar: Das Ziel wird binnen Kurzem erlangt, da es außerhalb der Baumkronen des Waldes bereits zu tagen beginnt. Doch es muss immer noch ein Stück des Weges zurückgelegt werden, was mit der Inversion „[w]eiter noch die Jahre / zurück mit jedem Schritt“ (V. 17 f.) verdeutlicht wird. Wohin, das ist an dieser Stelle des Textes noch immer nicht ganz klar. Der Leser kann lediglich die Vermutung anstellen, dass sich das lyrische Ich entweder in Erinnerungen verliert oder aber – und das ist hier der Fall – auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens befindet. Nun hört es auch das Reisig, auf das es auf seinem Weg tritt, lautmalerisch krachen (vgl. V. 19), weil es, wohl alt und von den Bäumen gefallen, schon morsch ist. Das hohe Alter des Forstes, der Bäume und damit auch das Aussehen kommen außerdem darin zum Ausdruck, dass sich Spinnweben im Haar des lyrischen Ichs verfangen. Auch dass es in der sechsten Strophe nach „Pilz- und Moderduft“ (V. 22) riecht, zeugt davon, dass der Wald schon sehr alt sein muss. Dies bestätigen ebenso die in Vers 23 auftretenden „Urwelttiere“, zu denen auch „der Elch“ (V. 24) gehört. Diese Tiere stammen aus vergangenen Zeiten, in denen das Leben entstand. Langsam wird dem Leser offenbar, zu welchem Ziel sich das lyrische Ich hinbewegt. Es sucht den Ursprung bzw. den Anfang des Lebens, das bekanntlich im Wasser entstand. Den Ursprung hat es in der siebten Strophe mit der „Quelle“ (V. 25), „[…] wo aller Tag beginnt“ (V. 28), gefunden. In ihr „[rinnt] die Zeit in Tropfen“ (V. 26), langsam, aber stetig, unaufhörlich. An diesem Ort beginnt die Zeit, beginnt und endet auch das Leben. Um das zu verdeutlichen, nutzt Eich das Wortfeld des Wassers. Er stellt vom Anfang bis zum Ende seines Gedichts den Kreislauf des Wassers dar. Denn der in der ersten Strophe auftretende Niederschlag in Form von Morgentau (vgl. V. 3) verdunstet (vgl. V. 9) und versickert im Boden (vgl. V. 27), um später aus einer Quelle (vgl. V. 25) hervorzutreten. Eich will mit dem Bild des Wassers sowohl den Kreislauf des Lebens versinnbildlichen als auch das Wasser als den Ursprung des Lebens darstellen, dem das lyrische Ich auf der Spur war. Es kann zudem die Vermutung aufgestellt werden, dass das lyrische Ich auch auf der Suche nach sich selbst war und nun eine Antwort gefunden hat. Diese These lässt sich damit begründen, dass das lyrische Ich lediglich in Strophe 3 und 4 offensichtlich erscheint und somit fast in der Mitte des Gedichts steht. Jetzt, am Ende des Textes, hat es sowohl seinen eigenen Ursprung als auch seinen Mittelpunkt gefunden.

Diese Interpretation lässt nur den Schluss zu, dass es sich bei dem Gedicht nicht um Naturlyrik, sondern um Gedankenlyrik handelt. Es wird eine mystische Aufbruchsstimmung eines suchenden lyrischen Ichs gezeichnet, das sich durch das „Dickicht“ (V. 14) des Waldes kämpfen muss, um an seinen Zielort zu gelangen. Der ist allerdings lediglich eine Metapher für den Ursprung und den Beginn des Lebens, der sich an der Quelle im tiefsten Wald und vielleicht auch im Tiefsten, im Mittelpunkt, eines jeden Menschen findet. Das aktive, dynamische und furchtlose lyrische Ich ist bei seiner unwegsamen Suche an sein Ziel gelangt. Vielleicht sollte sich der moderne Mensch von heute auch öfter einmal auf die Suche nach seinem eigenen Ich und seiner Herkunft machen sowie über sich und sein Leben reflektieren. Vielleicht gäbe es dann auch nicht eine so ausgeprägte Ellenbogengesellschaft wie die, in der wir heute leben.

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier