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Erschließen eines literarischen Textes, Gedichtinterpretation: D. Grünbein: „Transparenz in Blau“


Aufgabe 

  1. Erschließen und interpretieren Sie das Gedicht Transparenz in Blau (Text A) von Durs Grünbein. Nutzen Sie dazu auch Text B! 
  2. Zeigen Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen vergleichend auf, wie die Stadt in Text C dargestellt wird.

Der Schwerpunkt der Aufgabenstellung liegt auf Teilaufgabe a. 

Vorbemerkung (für Text A):
Durs Grünbein ist deutscher Lyriker, Übersetzer und Essayist. Geboren in Dresden lebt er heute in Rom. Er hat u. a. den renommierten Georg-Büchner-Preis erhalten.

Vorbemerkung (für Text C): 
In dem kurzen Prosatext Hamburg stellt der Schriftsteller Wolfgang Borchert dem Leser sein Bild seiner Heimatstadt Hamburg vor Augen.

Material:

durs_gruenbein_transparenz_in_blau.pdf

Lösung

a)

Das Gedicht „Transparenz in Blau“ von Durs Grünbein entstand 2012. Damit handelt es sich um ein zeitgenössisches Gedicht. Der Autor beschäftigt sich in diesem Gedicht mit dem Thema „Stadt“ – ein oft gewähltes Thema in der Literatur. Die Expressionisten – z. B. Georg Heym – haben sich bereits intensiv mit dem Thema „Stadt“ und den Lebensbedingungen im urbanen Raum auseinandergesetzt. Grünbein zeichnet in seinem Gedicht ein sehr düsteres Bild des modernen Menschen: Sein Leben ist bedeutungslos und sinnentleert. Die Stadt wird hier nicht als menschlicher Lebensraum dargestellt, sondern als Schauplatz sinnentleerter menschlicher Routine. Zentrales Motiv des Gedichts ist die Leere, die das zentrale Charakteristikum modernen Lebens zu sein scheint.

Im Folgenden soll das Gedicht unter Einbeziehung der Rezension von Ron Winkler genauer erschlossen und interpretiert werden. Im Anschluss wird vergleichend aufgezeigt, wie die Stadt bei Wolfgang Borchert dargestellt wird.

Das Gedicht beginnt mit einer thematischen Einordnung, die sich wie eine Einleitung zu einer Beschreibung oder Definition liest: „Das ist die Stadt“ (V. 1). Im Verlauf der ersten Strophe wird diese Beschreibung ausgeführt, indem der lyrische Sprecher die Stadt als „Inventar unserer Tage“ und als „Ort, an dem die Toten die Lebenden streifen“ definiert.
In der zweiten Strophe wird die Routine der Städter beschrieben, die ständig „blind“ die gleichen Wege laufen, ohne ihre Umwelt noch wahrzunehmen. Daher bemerken sie auch nicht, wie entfremdet sie von der Natur leben, die gegen die städtische Zivilisation keine Chance hat.
Die dritte Strophe widmet sich dem zentralen Thema des Gedichts: der Leere. Sie ist überall, gleichzeitig aber so unfassbar, dass die Menschen sich ihrer nicht bewusst sind.

Dieses Thema wird in den nächsten beiden Strophen fortgeführt und zugespitzt. Die Menschen leben vor sich hin – abgedichtet, d. h. isoliert und eingeschlossen in ihrem täglichen Einerlei. Sie kommunizieren – klagen –, nehmen sich dabei aber weder gegenseitig noch selbst wirklich wahr. Sie sind blind für die Tatsache, dass ihr Leben keinerlei Bedeutung hat – nicht für ihre Mitmenschen und noch viel weniger im historischen Sinne.
In der letzten Strophe wird diese Aussage noch konkretisiert und intensiviert, indem dem Menschen jegliche Merkmale über die rein physischen hinaus abgesprochen werden und er mit „Luft“ gleichgesetzt wird. Ihm wird eindringlich klargemacht, dass der Welt nichts fehlen wird, sollte er einmal nicht mehr da sein. 

Das Gedicht macht zunächst einen unregelmäßigen Eindruck, da die fünf Strophen aus unterschiedlich vielen Versen aufgebaut sind. Dem steht die gleichmäßig gestaltete Länge der Verszeilen gegenüber, die die beschriebene Gleichförmigkeit menschlicher Routine unterstützt.

Das Gedicht reimt sich nicht, auch lassen sich kein regelmäßiges Metrum und keine einheitlich gestalteten Kadenzen feststellen. Zur formalen Gestaltung lässt sich also sagen, dass bewusst auf Mittel zur klanglichen Aufwertung sowie auf Mittel zur harmonischen Gestaltung des Gedichts verzichtet wurde. Damit unterstützt die formale Gestaltung sowohl den beschreibenden Charakter des Gedichts als auch seine Aussageabsicht. Festzustellen ist, dass die Form in ihrer „Formlosigkeit“ den Inhalt unterstützt, da ein kunstvoller Aufbau und eine harmonische Gestaltung nicht zu der dargestellten Belanglosigkeit und Beliebigkeit menschlichen Lebens passen würden.

Im Gedicht liegt überwiegend Zeilenstil vor, sodass die einzelnen Verse für sich Sinneinheiten ergeben. Oft wird das Versende durch eine Interpunktion gekennzeichnet; am Strophenende steht immer ein Punkt. Insofern stellt auch jede Strophe eine für sich abgeschlossene Sinneinheit dar. An einigen Stellen zerschneidet die Versgrenze eine Sinneinheit. Diese Abweichungen verleihen den Textstellen eine besondere Bedeutung. Das Enjambement in Vers 11/12 betont in besonderem Maß die Leere, die sich leitmotivisch durch die dritte Strophe zieht. Die Verse 16, 17 und 18 bilden eigentlich für sich Sinneinheiten, werden aber durch einen Zeilensprung miteinander verbunden. Dem stehen die dort bewusst gesetzten Leerstellen gegenüber, die durch die Auslassungszeichen (V. 17) und den Gedankenstrich (V. 16) gekennzeichnet werden. Diese Leerstellen können nicht sinnvoll gefüllt werden, sie unterstreichen die dargestellte Sinnentleertheit der menschlichen Existenz, für die der lyrische Sprecher keine Lösung aufzeigt. Sie betonen und erweitern lediglich das Gefühl der Ausweglosigkeit und Resignation.
Die gesamte letzte Strophe wird durch Enjambements verbunden, wodurch ein besonderer Fokus auf diese Textstelle gelegt wird. Dies wird unterstützt durch das mehrfache lyrische Ansprechen, das schon in den Strophen zwei und vier auffällt. Die letzte Strophe liest sich wie ein trauriges Resümee menschlicher Existenz. Der lyrische Sprecher betont, dass der Mensch in seinem Sein und Handeln bedeutungslos ist. Wenn sein Leben beendet ist, hat dies keinerlei Relevanz und keinerlei Auswirkungen. Jegliche Spiritualität und alles Metaphysische – wie Geist oder Seele – werden verneint. Durch die Negierung menschlicher Beziehungen und Gefühle sowie die Definition der Welt als rein physisch wird den Menschen eine höhere Daseinsebene als die rein körperliche abgesprochen. Der lyrische Sprecher geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er den Menschen als „Luft“ bezeichnet. Damit setzt er die zuvor dargestellte Gleichgültigkeit absolut. Das lyrische Ansprechen kann also nicht als Aufforderung an den Leser gesehen werden, etwas gegen seine desolate Situation zu tun – nein, er soll sich damit abfinden, dass sein Leben nun einmal keine Bedeutung hat, und am besten schon einmal seine Abwesenheit „trainieren“. Die damit ausgedrückte Handlungsunfähigkeit und die Unfähigkeit des Menschen, sein Leben in die Hand zu nehmen und ihm einen Sinn zu geben, hinterlässt ein Gefühl der Ernüchterung und lässt den Leser resigniert zurück. Der Mensch ist nicht mehr als ein „corpus passatus“ (Text B, Z. 3) – ein vergänglicher, entindividualisierter Körper.

Unterstrichen wird diese Kernaussage des Gedichts durch die nüchterne, sachliche und völlig emotionsfreie Sprache. Die prosaartigen Sätze, die besonders in den letzten beiden Strophen auffallen, verdeutlichen in ihrer Schmucklosigkeit den beschreibenden Charakter des Gedichts. Der lyrische Sprecher liefert uns eine Zustandsbeschreibung. Er zeigt den Menschen als seelenloses, „konditioniertes“ Wesen (vgl. Text B), das in seinem unnatürlichen Existenzraum – der Stadt – fast roboterähnlich seiner täglichen Routine nachgeht. Das wiederholte lyrische Ansprechen (V. 10, 14 und 16), verbunden mit dem Imperativ („Sieh nur“), wirkt wie ein Versuch, diesen Menschen aufzurütteln und ihm die Missstände seiner Existenz und seines Lebensraums nachdrücklich zu verdeutlichen – aber dem Leser werden keine Lösungswege aus dieser Situation aufgezeigt. Im Gegenteil, in der letzten Strophe wird ihm nahegelegt, er solle sich doch damit abfinden, dass er bedeutungslos („Luft“) ist. Dazu passen auch die Ellipsen in den Versen 1,10 und 16, die es dem Leser überlassen, die bewusst gesetzten Leerstellen inhaltlich zu füllen beziehungsweise leer zu lassen.

Nomen stellen die dominierende Wortart des Gedichts dar. Dadurch wird der Eindruck von Statik, Bewegungslosigkeit und Starre hervorgerufen. Die verwendeten Verben sind entweder neutral oder negativ besetzt („kämpft“ V. 8, „klagen“ V. 17). Das Verb „verhallt“ in V. 13 betont die Sinnlosigkeit menschlicher Existenz. Diese hat keinerlei nachhaltige Bedeutung, genau wie Religion für den modernen Menschen keine Rolle mehr spielt. Dies wird besonders deutlich durch das Wortspiel in V. 12, 13 – eine Anlehnung an die Redensart: „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ So sicher ist auch die Leere menschlicher Existenz, die alles ausfüllt. Gleichzeitig ist sie „unfaßbar“ (V. 14). Das heißt, die dargestellte Leere ist zwar allumfassend, gleichzeitig aber nicht greifbar und für die Menschen auch nicht begreifbar. Folglich kann der Mensch auch nichts tun, um sie zu füllen. Damit in Verbindung steht auch, dass die Menschen „blind“ (V. 6) sind und in ihrem Trott und ihrer Routine weder sich noch ihre Umwelt bewusst wahrnehmen. Unterstützt wird diese Aussage durch das Partizip „abgedichtet“ in V. 16. Diese zunächst ungewöhnlich anmutende Wortverwendung betont die Isoliertheit und das Eingeschlossensein des Menschen (vgl. „Enge“ V. 4) in seiner „Potemkinschen Welt“ (Text B, Z. 7). Fast roboterhaft (vgl. „konditioniert[…]“, Text B) existiert er in dieser kulissenhaften Welt, reduziert auf das bloße Reagieren auf seine „Scheinwelt“. Diese wird bereits in der ersten Strophe als eine solche dargestellt. Die Stadt wird als ein Ort beschrieben, „wo die Toten die Lebenden streifen“. Diese Aussage wird noch einmal betont, indem der lyrische Sprecher deutlich macht, dass dies nicht nur in Friedhofsnähe der Fall ist, sondern überall, „wo Mieter sich folgen in wohnlicher Enge“ (V. 3, 4). Damit wird gleich zu Beginn des Gedichts eine bedrückende Stimmung hervorgerufen, ja, fast wird der Eindruck einer Geisterstadt erweckt, in der die Stadtbewohner als lebendige Tote wandeln. 
Der lyrische Sprecher macht deutlich, dass die Menschen diesen Zustand nicht reflektieren, denn sie vergessen, „wie durchsichtig“ (V. 18) sie sind. Durchsichtig lässt sich hier im Sinne von gleichgültig und nicht wahrnehmbar verstehen. Die Menschen nehmen weder sich selbst noch ihre Mitmenschen noch ihre Umgebung wirklich wahr; sie sind sich gegenseitig, vor allem aber der Zeit, egal. Menschliches Leben hat im zeitlichen Verlauf keinerlei Bedeutung; Menschen kommen und gehen, hinterlassen aber keine bleibenden Spuren.
In den letzten beiden Strophen wird die Ron Winklers Beschreibung des Menschen bei Grünbein als „vergehende[r]“ „Ich-frei[er]“ „Körper“ (Z. 3, 4) besonders deutlich. Die Bezeichnung des Menschen als „durchsichtig“ passt zum Titel des Gedichts: „Transparenz in Blau“. Dieser zunächst positiv anmutende Titel, mit dem man spontan etwas Leichtes, Luftiges assoziiert, wird durch diese Verbindung, insbesondere durch das Gleichsetzen menschlicher Existenz mit „Luft“, in ein deutlich negativeres Licht gerückt. 

Die im Gedicht verwendeten sprachlichen Bilder unterstützen die Textaussage. Direkt zu Beginn finden wir die Metapher „Inventar unserer Tage“ (V. 1), mit der die Stadt bezeichnet wird. Dieser eigentlich aus der Betriebswirtschaft stammende Begriff setzt die Stadt gleich mit einem Bestandsverzeichnis dessen, was den modernen Menschen ausmacht. Dazu passt auch die Beschreibung der Welt als rein „physisch[…]“ (V. 21). Deutlich gemacht wird auch die Entfremdung des Stadtlebens von der Natur, indem Naturerscheinungen mit negativ besetzten Verben personifiziert werden. Der Klee „schluckt die Gase am Straßenrand“ (V. 8, 9) und hat keine Chance, sich zu entfalten oder in seiner natürlichen Bestimmung zu fungieren. Dazu passend wird das eigentlich positiv besetzte „Traumspiel“ in dieser Strophe zum Synonym für immer gleich bleibende Routine, die die Menschen vom wirklichen Leben abhält; schon Kinder sind Opfer dieser immer gleich bleibenden Kulisse.

Der „Kiosk“ in Strophe 4 fungiert hier beispielhaft als Ort in der Stadt, an dem Menschen sich begegnen, ohne sich wirklich wahrzunehmen. Sie reden zwar miteinander, aber ohne wirklich zu kommunizieren. Ihre Kommunikation ist floskelhaft und leer, was durch die Antithese „Alles ist gut, sie klagen …“ verdeutlicht wird. Absolut gesetzt wird diese Leere und die menschliche Wirkungs- und Bedeutungslosigkeit durch das Gleichsetzen des Menschen mit Luft (V. 23).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Gedicht „Transparenz in Blau“ ein hoffnungsloses und resigniertes Bild des modernen Menschen zeichnet. Der Leser wird aktiv desillusioniert, indem er aufgefordert wird, sich erst gar keine Illusionen hinsichtlich der Bedeutungslosigkeit und Sinnentleertheit seiner Existenz zu machen. Sein Leben wie sein Sterben haben keine Bedeutung, sie verhallen im Nichts der Zeit.
Die Stadt wird nicht als menschlicher Lebensraum dargestellt, sie ist lediglich eine tote Kulisse, in der die Menschen von sich selbst und von der Natur entfremdet vor sich hin existieren. Eine solche Darstellung der Stadt und ihrer Bewohner hinterlässt beim Leser ein Gefühl absoluter Resignation.

Das Thema Stadt und Leben im urbanen Umfeld ist ein Thema, mit dem sich schon zahlreiche Lyriker beschäftigt haben. Schon die Expressionisten kritisierten die Lebensbedingungen in der Stadt, unter anderem Georg Heym in seinem Gedicht „Der Gott der Stadt“. Während dort allerdings viel Kraft und Dynamik ausgedrückt werden, steht Grünbeins Großstadtlyrik dieser Darstellungsweise mit einer radikalen Hoffnungslosigkeit und Statik gegenüber.

b)

Eine ganz andere Beschreibung der Stadt findet man in Wolfgang Borcherts Text „Hamburg“ aus dem Jahr 1946. Der Autor schildert die Stadt mit einem geradezu ansteckenden und mitreißenden Enthusiasmus. Die Stadt Hamburg wird lebendig und lautmalerisch ausgestaltet, sodass der Leser ein klares Bild vor Augen hat. Im Gegensatz zu Grünbeins Gedicht wird die Stadt hier als wirklicher Lebensraum definiert, den seine Bewohner aktiv mitgestalten. Nachdrücklich betont Borchert, dass eine Stadt so viel mehr ist als nur ihre physischen Bestandteile wie Häuser, Brücken und Fabriken. Sie ist die Verkörperung menschlicher Lebenslust. Wo bei Grünbein die Stadt als „tote Kulisse“ dargestellt wird, ist sie bei Borchert ein lebendiger Organismus. Sie wird beseelt, personifiziert und naturalisiert, denn sie kann „betör[en]“ und „behex[en]“ und ihre Pflastersteine werden mit einem Waldboden verglichen.

Auch von den Stadtbewohnern zeichnet Borchert ein gänzlich anderes Bild. Er stellt den Menschen als bewusst lebendes und sich bewusst entscheidendes Individuum dar, während der Mensch bei Grünbein „Ich-frei“, entfremdet und fremdbestimmt ist.

Auffällig ist auch der unterschiedliche Umgang mit dem Thema Vergänglichkeit. Bei Grünbein hinterlässt der Mensch nichts, wenn er stirbt, weil er lebend schon nicht mehr als Luft ist. Bei Borchert sind die Verstorbenen Teil einer Stadt, die sie mitgeprägt haben und der sie etwas hinterlassen haben, was man manchmal sogar noch wahrnehmen kann.

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