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Erschließen eines literarischen Textes, Drama: A. Schnitzler: „Das weite Land“


Lösung

a)

Die Ehe wird häufig als die Vollendung der Liebe angesehen. Dem gegenüber stehen jedoch die Statistiken, die belegen, dass mittlerweile jede zweite Ehe geschieden wird. Eheprobleme gab es zu jeder Zeit und sie sind ein bedeutendes Thema in der Literatur. Arthur Schnitzler stellt in seinem Drama „Das weite Land“, das im Jahr 1911 uraufgeführt wurde, mit Ferdinand und Genia Hofreiter ein Ehepaar auf die Bühne, das sich nicht mehr viel zu sagen und sich voneinander entfremdet hat.

Ein Ausschnitt aus dem zweiten Akt dieses Werks der Jahrhundertwende soll im Folgenden erschlossen werden. Zudem wird herausgearbeitet, wie Friedrich Hofreiter sein Reisevorhaben rechtfertigt. Abschließend wird die Darstellung des Themas „Entfremdung zwischen zwei Menschen“ mit der in Theodor Fontanes „Effi Briest“ verglichen.

Im Gespräch zwischen Genia und Friedrich Hofreiter geht es um den Grund für die unterwartet rasche Abreise des Ehemannes. Nach einigem Hin und Her wird deutlich, dass der Selbstmord eines Verehrers von Genia, den sie aber zurückgewiesen hat, der Auslöser für die Reise Friedrichs ist. Insgesamt wird deutlich, dass die Eheleute eine völlig unterschiedliche Auffassung von Treue haben und sich nichts mehr zu sagen haben.

In den Zeilen 1–20 äußert Genia ihre Verwunderung über die unerwartete Abreise ihres Mannes, der sich rechtfertigt, erst von einem Freund ganz kurzfristig ein Angebot zu einem Aufenthalt in den Bergen erhalten zu haben. Er möchte das Gespräch beenden und endlich fort, gibt aber noch einige Anweisungen für die Zeit seiner Abwesenheit und verspricht seiner Frau, sich täglich zu melden.

Mit dieser Erklärung gibt sich Genia in den Zeilen 21–47 jedoch nicht zufrieden. Sie hakt nach und will den tatsächlichen Grund für die Abreise wissen, da sie ahnt, dass Friedrichs Antwort eine Ausrede ist. Er will sich nicht weiter auf das Thema einlassen, drückt auf ihre Nachfrage aber letztlich aus, dass sie bzw. ihr Verhalten der Anlass der Reise ist.

Genia bringt in den Zeilen 48–73 schließlich selbst den Abschiedsbrief Korsakows zur Sprache, in dem steht, dass sie ihren Mann nicht betrogen hat. Nun gibt Friedrich zu, dass dieser Brief der Grund für das Zerwürfnis zwischen den Eheleuten ist. Er ist der Meinung, sie verwende den Selbstmord des Verehrers gegen ihn, was sie vehement zurückweist.

Ab Zeile 74 stellt Friedrich den Selbstmord immer stärker in den Mittelpunkt des Gesprächs und gibt letztlich seiner Frau klar die Schuld am Tod von Korsakow. Dabei räumt er ein, andere würden Genias Verhalten anders bewerten, was ihm aber nicht möglich sei. Für ihn ist die Folge eine Entfremdung, da er die grundsätzliche Bereitschaft zur Untreue bei Genia erkennt und sie seiner Auffassung nach durch ihr tugendhaftes Verhalten „einen Menschen in den Tod getrieben“ habe (V. 95 f.).

In den letzten Zeilen (Z. 103–106) entschuldigt sich Friedrich quasi für seine deutlichen Worte und will die Situation herunterspielen, was Genia letztlich aber mit einem Wortspiel umkehrt und ins rechte Licht rückt.

Schnitzlers Drama folgt dem klassischen fünfaktigen Aufbau (vgl. Vorbemerkung). Beim vorliegenden Textausschnitt handelt es sich um einen Auszug aus dem zweiten Akt, was bedeutet, dass nach der Dramentheorie an dieser Stelle die Steigerung der Spannung durch das sogenannte „erregende Moment“ erfolgt. Nach der Exposition, die meist in der Einführung der Personen sowie des zentralen Themas des Stückes besteht, wird hier der Handlungsknoten quasi festgezurrt, sodass er sich nicht mehr lösen lässt und somit das Geschehen nicht mehr aufzuhalten ist. Die Entfremdung als zentrales Thema zwischen den Eheleuten ist aufgrund der Sprachlosigkeit Genias im zweiten Teil des Ausschnitts ab Zeile 102 klar zu erkennen.

Von Interesse sind in diesem Zusammenhang die Regieanweisungen, die insgesamt knapp gehalten sind. In Zeile 14 findet sich der für beide Protagonisten geltende kurze Hinweis: „Bange Pause“, was die unangenehme Situation des Gesprächs zum Ausdruck bringt. Die Regieanweisungen für Genia sind Handlungsvorgaben: „sich über die Stirn streichend“ (Z. 12) sowie „(g)reift sich an den Kopf“ (Z. 74) verdeutlichen dem Zuschauer bzw. dem Leser ihre Situation. In Zeile 12 ist es eine Geste der Verlegenheit bzw. des Nachdenkens, da sie sich nicht mit Friedrichs Antwort zufriedengibt und nachhakt. Die zweite Regieanweisung dagegen ist ein Ausdruck der Fassungslosigkeit angesichts der Haltung von Friedrich. Letztlich führt dies zur Regieanweisung in Zeile 102: „schweigt“. Es gibt nichts mehr zu sagen, eine weitere Kommunikation ist nicht mehr möglich.

Friedrich dagegen ist deutlicher der Herr seiner Gefühle. Zunächst ist er „etwas ungeduldig, aber nicht heftig“ (Z. 22) in seiner Reaktion, als Genia den wirklichen Grund für seine Abreise erfahren möchte. Ihm ist die Situation unangenehm und er möchte sie rasch beenden. Wichtig für den Gesprächsverlauf ist die Regieanweisung in Z. 58: „Zögert“. Dabei handelt es sich um den Moment, bevor Friedrich seiner Frau seine Sicht auf die gesamte Situation präsentiert und er seinen begonnenen Satz nicht beendet, wie an den Auslassungspunkten in Zeile 57 deutlich wird. In diesem kurzen Augenblick nimmt er seinen Mut zusammen und rückt endlich mit der Wahrheit heraus.

Wie bereits erwähnt, sind Friedrich und Genia Hofreiter verheiratet, was sich auch an der vertrauten und teils umgangssprachlichen Art zeigt, wie die beiden miteinander reden. Genia erweist sich in dieser Szene als selbstbewusste Frau, die sich nicht mit einer knappen und dazu ausweichenden Antwort auf ihre Frage zufriedengibt. Sie scheint zudem ihren Mann gut zu kennen, da sie aus seinem Verhalten und seinen Worten schließt, dass er ihr die Wahrheit verschweigt (vgl. Z. 6, 21, 36). Friedrich ist zu Beginn des Gesprächs ausweichend und versucht, dem „Verhör“ seiner Frau zu entgehen. Was schließlich zum Bruch im Gespräch und letztlich mit Genia führt, ist sein Verständnis von Treue. Da er zahlreiche Affären hat (vgl. Vorbemerkung) und auch bei ihr eine Bereitschaft zur Untreue erkennt, wirft er ihr vor, durch ihre Treue für den Selbstmord an Korsakow verantwortlich zu sein.

Beide Gesprächspartner sind Vertreter des gehobenen Bürgertums, die in gesicherten Verhältnissen ohne Geldnot leben (vgl. Vorbemerkung). Der Sprachstil fällt entsprechend hoch aus, zeigt daneben auch umgangssprachliche Wendungen vor allem durch Auslassungen von Endungen bzw. teilweise Dialekt („so schick‘ mir’s nach“, Z. 17, und „Ich hab‘ nämlich keine Ahnung gehabt“, Z. 3). Das alles passt zu einem vertrauten Gespräch in den eigenen vier Wänden zwischen zwei Menschen, die sich gut kennen.

Genia macht im Verlauf der Unterhaltung eine Veränderung durch, was sich auch an ihrer Sprache zeigt. Zunächst formuliert sie noch recht lange und vollständige Sätze, was sich v. a. ab Zeile 59 deutlich ändert. Hier sind Ellipsen bzw. Einwortsätze sowie viele Auslassungszeichen (vgl. Z. 63 f., 69) zu finden. Die Äußerungen ihres Mannes machen sie fassungslos, sodass sie die Sätze kaum noch beenden kann. Auffallend sind in diesem Zusammenhang ebenso die häufigen Wortwiederholungen, die ihre Rede bereits von Beginn an kennzeichnen (vgl. Z. 21, 61). Der Situation entsprechend formuliert sie viele Fragen und neigt zu Fragehäufungen, wobei anzumerken ist, dass Genia Aussagesätze als Fragen formuliert, die zeigen, dass sie die Haltung von Friedrich überhaupt nicht verstehen kann. Gut deutlich wird das im folgenden Beispiel, das alle bisherigen sprachlichen Besonderheiten erkennen lässt: „Klar -? Ja … wo gibt’s denn eine Unklarheit? Du hast doch … den Brief in der Hand gehabt? Du hast ihn doch gelesen? ...“ (Z. 48 ff.) Auch die häufigen Ausrufe v. a. seines Vornamens (vgl. Z. 63, 82 und 91) fallen auf. Verstärkt wird dies in Zeile 82, zudem durch die Alliteration mit dem Wort „Fremder“, wodurch gezeigt wird, wie die Eheleute zueinander stehen. Genia bringt die Entfremdung auf den Punkt.

Friedrich dagegen gibt zu Beginn des Gesprächs noch verschiedene Anweisungen (vgl. Z. 15 ff.), was während seiner Abwesenheit zu tun ist, was sein Rollenverständnis als Herr im Haus zeigt. Seine überlegene Haltung zeigt sich auch im wiederholten Gebrauch des Kosenamens „Kind“ (vgl. z. B. Z. 5, 19) für seine Frau. Dass die Situation für ihn unangenehm ist, kann man an den Ellipsen im ersten Teil (z. B. Z. 7 ff.) des Gesprächs erkennen. Durch die Inversion in den Zeilen 72 f. wird die Tatsache, dass sich Korsakow umgebracht hat, betont. Dies steht in engem Zusammenhang mit der Wiederholung bzw. Alliteration ab Z. 65 ff. von „Du“, womit er seiner Frau die Verantwortung für die Situation zuweist. Letztlich zeigt aber vor allem die Parenthese in Zeile 95 („– daß deine Tugend –“), warum er Genia die Verantwortung für den Tod Korsakows sowie für die gestörte Beziehung zwischen den Eheleuten gibt.

Das Gespräch zeigt deutlich, dass die Gesprächspartner unterschiedliche Ziele verfolgen. Genia geht es darum, den wahren Grund für die unvermittelte Abreise ihres Mannes zu erfahren. Erst nach beharrlichem Nachfragen erhält sie die gewünschte Antwort, die sie im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos macht.

Friedrich will sich zunächst nicht auf die Unterhaltung bzw. das „Verhör“ einlassen, was an seiner Reaktion und seinen Ausflüchten deutlich wird. Letztlich gelingt ihm die Flucht aber nicht und er formuliert seine Sicht der Dinge, die darin besteht, dass er ihr aufgrund ihrer „Tugend“ (Z. 95) die Schuld am Tod ihres Verehrers gibt, was für Außenstehende ebenso unbegreiflich ist wie für Genia.

Der Verlauf der Unterhaltung ist davon gekennzeichnet, dass sich die Gesprächsanteile umkehren und man von einer komplementären Kommunikationssituation sprechen kann. Der Wendepunkt des Gesprächs ist, wie bereits erwähnt, in Zeile 59 zu sehen. Bis dahin hat Genia die Gesprächsführung inne. Ab der Regieanweisung für Friedrich („Zögert“, Z. 59) kehrt sich dies jedoch um.

Daher lässt sich ein etwas eigentümlicher Spannungsaufbau in dieser Szene erkennen. In den ersten Zeilen (Z. 1–20) möchte Genia lediglich den Grund für die Abreise erfahren. Dies gelingt jedoch nicht, weshalb in den Zeilen 21–57 die Handlung gesteigert wird, da Genia die Frage explizit formuliert, Friedrich aber wieder ausweicht und Genia sich ihre Frage selbst beantwortet. An diesem Punkt ist die Spannungswende zu erkennen, denn Friedrich macht Genia für Korsakows Tod verantwortlich. Die Spannung wird ab Zeile 74 jedoch weiter zugespitzt, da Genias tugendhaftes Verhalten nach Friedrichs Meinung der Grund für den Selbstmord ist. Besonders hervorzuheben ist, dass Friedrich dadurch seine eigenen Affären im Grunde rechtfertigt, denn durch sein Verhalten ist noch kein Mensch gestorben.

Friedrich Hofreiter versucht auf verschiedene Weisen seine Abreise zu rechtfertigen. Zunächst ist es die Einladung des Freundes Mauer, wobei der Reisezeitpunkt im Grunde gleichgültig gewesen wäre. So sagt Friedrich: „Daß es gerade heute abend sein wird – absolut nicht. Wenn der Mauer nicht zufällig gekommen wäre … Aber daß ich Lust hätt‘, auf ein paar Tage ins Gebirge zu gehen – das war dir ja nicht unbekannt. Ob ich nun heut fahr‘, - oder morgen oder übermorgen …“ (Z. 7 ff.). Er schiebt somit den Zufall vor, um den wahren Grund nicht nennen zu müssen. Im weiteren Verlauf wird er konkreter: „Ich fühle mich seit einiger Zeit nicht besonders wohl“ (Z. 31 f.), weshalb eine Luftveränderung notwendig sei. Genia hingegen erkennt auch darin eine Ausrede, was dazu führt, dass er letztlich zugibt, dass er von seiner Frau wegmöchte (vgl. 37 f.). Im Grunde ist es jedoch sein eigenwilliger Tugendbegriff, der hinter seinem Unwohlsein steckt. Er, der einige Affären hat und es mit der ehelichen Treue nicht genau nimmt, wirft seiner Frau ihre Treue vor. Friedrich nutzt somit den Tod Korsakows aus, um die Entfremdung von seiner Frau, die ja auch durch seine außerehelichen Beziehungen stark belastet ist, zu begründen und ihr damit nicht nur die Schuld am Selbstmord, sondern auch am Scheitern der Ehe zu geben.

b)

Ein ähnliches Problem führt in Theodor Fontanes „Effi Briest“ zum Ende einer Ehe und ist wie bei Schnitzler das Resultat einer Entfremdung zwischen den Eheleuten. Die junge Effi wird mit dem mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten verheiratet. Die junge Frau, die mit ihrem Mann nichts gemeinsam hat, vereinsamt in der Ehe immer stärker, da Innstetten seinen politischen Aufstieg verfolgt und Effi lange Zeit allein lässt. Durch ihre Ehe wird sie in ein komplett neues gesellschaftliches Umfeld gestellt, das für sie ungewohnt ist und das ihr Angst macht. Aus diesem Grund ist sie anfällig für Aufmerksamkeiten, wodurch es zu ersten Annäherungen mit Major Crampas kommt, der das völlige Gegenteil ihres Mannes ist. Letztlich beginnen die beiden eine Affäre, die aber lange Zeit unentdeckt bleibt. Erst nach Jahren findet Innstetten Briefe, die Effi des Ehebruchs überführen. Crampas wird im Duell erschossen und Effi von ihrem Mann sowie ihren Eltern verstoßen.

Die Beziehung zwischen Innstetten und Effi zeigt ebenfalls eine Entfremdung. Der Hauptgrund ist sicherlich im großen Altersunterschied zu sehen, da Effi für eine Ehe nicht reif genug ist.

Ähnlich wie Friedrich in Schnitzlers Drama „Das weite Land“ ist auch Baron von Innstetten derjenige, der sich selbst verwirklicht. Die Frau wird auf den häuslichen Bereich beschränkt und hat sich den Konventionen entsprechend zu verhalten. Beide Frauen, Genia und Effi, tun dies aber nicht: Genia stellt ihren Mann zur Rede, Effi lässt sich mit Crampas ein. Hier ist jedoch ein Unterschied zu bemerken, da Genia eine Affäre mit Korsakow ablehnt und wegen der ungenutzten Möglichkeit zur Untreue für seinen Tod verantwortlich gemacht wird. Auch Effi muss mit dem Tod von Crampas leben, allerdings aus einem anderen Grund. Baron von Innstetten geht es um seinen Ruf und seine Stellung in der Gesellschaft. Für seine Frau bzw. ihre Nöte interessiert er sich nicht.

Beide Ehen können als gescheitert bezeichnet werden: Die Ehe von Innstetten und Effi wegen des Treuebruchs, die von Genia und Friedrich aufgrund des Treuebekenntnisses. Beiden Ehemännern kommt eine entscheidende Bedeutung hinsichtlich der Entfremdung zu ihren Ehefrauen zu.

Es ist verwunderlich, dass es zu einer Entfremdung zwischen Eheleuten kommt, weil sich ein Ehepartner zur Treue bekennt und eine Affäre ablehnt. Aus heutiger Sicht ist eine solche Verhaltensweise kein Grund für das Scheitern einer Ehe. Aber gerade deshalb ist Schnitzlers Drama „Das weite Land“ ein besonders interessantes Beispiel für die Darstellung von Eheproblemen in der Literatur, das zeigt, dass in einer Beziehung zwischen Menschen wirklich alles Unmögliche möglich ist. 

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