Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Erschließen eines literarischen Textes: Conrad Ferdinand Meyer: „Stapfen“


Aufgabe

  1. Erschließen und interpretieren Sie das Gedicht Stapfen von Conrad Ferdinand Meyer! Berücksichtigen Sie dabei auch das Verhältnis von Erleben und Erinnern!
  2. Zeigen Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen vergleichend auf, wie das Thema „Abschied“ in einem anderen literarischen Text gestaltet wird!

Der Schwerpunkt der Aufgabenstellung liegt auf Teilaufgabe a.

Material:

c_f_mayer_stapfen_gedicht.pdf

Quelle: Conrad Ferdinand Meyer, Gedichte, hg. von Hans Zeller und Alfred Zäch, Bd. 1, Bern 1963, S. 210 f.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbücher zur deutschen Rechtschreibung

Lösung

Die Zeit mit einem geliebten Menschen zu verbringen ist wunderbar. Man genießt jede Sekunde und wünscht sich, dass es kein Ende gibt. Dies bleibt jedoch in den meisten Fällen nur ein frommer Wunsch, denn man weiß, dass es früher oder später heißt, Abschied zu nehmen. Dieser Moment ist häufig mit großen Emotionen und Tränen verbunden. Zurück bleiben die Erinnerung und die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Conrad Ferdinand Meyer, ein Dichter des Realismus, hat dieses Thema in seinem 1882 im Erstdruck erschienenen Gedicht „Stapfen“ verarbeitet. Im Folgenden soll das Gedicht erschlossen und interpretiert werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Verhältnis von Erleben und Erinnern in dem Gedicht. Anschließend wird die Gestaltung des Themas Abschied bei Meyer mit der Darstellung in Schillers „Maria Stuart“ verglichen.
In Meyers Gedicht erinnert sich das lyrische Ich aus großer zeitlicher Distanz an einen Abschied und lässt diesen in der Erinnerung wieder lebendig werden. In den Versen 1 bis 8 schildert der Sprecher die Ausgangssituation: Das lyrische Ich begleitet ein mit „Du“ angesprochenes Gegenüber zurück zu einem in der Nähe gelegenen Haus, in dem das Du zu Gast ist. Bei dem Du handelt es sich vermutlich um eine Frau. Das Wetter ist regnerisch, weshalb auf dem Waldboden Fußabdrücke zurückbleiben.
Auf dem gemeinsamen Weg sprechen das lyrische Ich und sein Gegenüber über eine zurückliegende und eine bevorstehende Reise des Du (V. 8–13). Die beiden scherzen miteinander, um dem nahenden Abschied die Schwere zu nehmen. 
Nachdem dieser vollzogen ist, geht das lyrische Ich denselben Weg wieder zurück (V. 14–17) und denkt dabei noch voller Entzücken an die Frau, auf ein baldiges Wiedersehen hoffend. In froher Stimmung (V. 18–28) entdeckt es die Fußspuren der Geliebten auf dem Waldboden. Dadurch erinnert sich der Sprecher an deren Wesenszüge, wodurch die Frau vor seinem inneren Auge vergegenwärtigt wird und als „Traumgestalt“ (V. 29) anwesend erscheint.
Im letzten Abschnitt (V. 31–34) regnet es immer stärker. Aus diesem Grund verschwinden allmählich die Fußspuren und gleichzeitig verblasst die Erinnerung an die Geliebte. Die Folge ist eine traurig-melancholische Stimmung des lyrischen Ichs.
Auffallend an diesem Gedicht ist seine formale Gestaltung: Es weist keine Gliederung in Strophen auf. Meyer wählt eine Monostrophe mit 34 Versen, wodurch das Gedicht zunächst unübersichtlich wirkt. Aber gerade dieser Strophenbau unterstreicht das Thema, das auch bei der Analyse des Inhalts deutlich wird: Das Erinnern des lyrischen Ichs an den Abschied von der Geliebten ist ein Teil des Sprechers selbst und kann nicht von diesem getrennt werden. Das lyrische Ich und das Erinnern stellen ebenso wie die Monostrophe eine Einheit dar.
Zudem verzichtet der Autor auf die Verwendung eines Reims. Hierdurch rückt der Text in die Nähe einer Prosareflexion.
Als Metrum wählt Meyer einen fünfhebigen Jambus. Im Zusammenspiel mit der Reimlosigkeit liegt ein Blankvers vor. Dieses Versmaß findet sich häufig in klassischen Versdramen, also in Texten, die nicht einfach Realität abbilden, sondern das Wesen der Dinge erfassen sollen. Durch den bewussten Einsatz dieses Versmaßes hebt Meyer somit die „reale“ Szene auf eine höhere, abstraktere und für das lyrische Ich bedeutendere Ebene. Dieses Metrum mit den durchgängig betonten, also männlichen Kadenzen lässt darüber hinaus eine Assoziation mit den Fußspuren zu, die sich dem Waldboden eingeprägt haben („Die Sohlen prägten sich / Dem feuchten Waldesboden deutlich ein“, V. 6 f.).
Nach dem ersten Satz („In jungen Jahren war’s“, V. 1) erinnert sich das lyrische Ich an den Weg durch den Wald. Diese Erinnerungen aus der Vergangenheit entstehen in der Gegenwart neu, was sich im fließenden Rhythmus der folgenden Verse zeigt und durch die zahlreichen Zeilensprünge unterstützt wird.
Bemerkenswert ist auch die sprachliche Gestaltung des Textes. Meyer wählt einen sehr hohen Sprachstil, was sich vor allem in den zahlreichen Inversionen zeigt, die teilweise zu eigenwilligen Satzkonstruktionen führen, wie die folgende Textstelle zeigt: „[…] Ich brachte dich / Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast, / Durch das Gehölz […]“ (V. 1–3). Durch diesen ungewöhnlichen Satzbau erzielt Meyer eine gesteigerte Aufmerksamkeit des Lesers. Dazu tragen auch einige Neologismen bei, die er in Zusammenhang mit dem Wesen der Frau verwendet, wenn er sie als „reisehaft“ (V. 22) oder „walddunkel“ (V. 23) beschreibt. Meyer erweist sich hier als sehr versiert im Umgang mit Sprache. Unterstützt wird dies zusätzlich durch zahlreiche Enjambements, die sich durch das gesamte Gedicht ziehen (vgl. z. B. V. 1 f., V. 4 f., V. 16 f. oder auch V. 33 f.) und den bereits erwähnten fließenden Rhythmus des Gedichts bewirken.
Meyer verwendet vorwiegend Aussagesätze, wodurch der erzählerische Ton des Gedichts entsteht. Es gibt lediglich eine Ausnahme: einen Ausruf in Vers 23 („[…] aber o wie süß!“). Dies ist die Textstelle, an der die Bedeutung der Geliebten für den Sprecher deutlich wird. Eine weitere Auffälligkeit auf der Satzebene sind die Doppelpunkte am Ende der Verse 25 und 32, die den Blick auf die jeweils folgenden Verse lenken. In Vers 26 wird aus den Erinnerungen heraus die Gestalt der Frau vergegenwärtigt. Vers 32 stellt in einer knappen Parataxe die veränderte Stimmung des lyrischen Ichs dar („Da überschlich mich eine Traurigkeit“) und gibt in den folgenden beiden Versen, auf die durch den Doppelpunkt hingewiesen wird, den Grund dafür an: Die Erinnerungen verblassen.
Auf der Wortebene sind besonders die Personalpronomen „ich“ und „du“ sowie die entsprechenden grammatikalischen Formen zu erwähnen. Gleich zu Beginn treffen sie aufeinander: „[…] Ich brachte dich“ (V.1). Hier entsteht bereits der Eindruck einer Verbundenheit, was sich in den folgenden Versen bestätigt. Daher ist es auch gerechtfertigt, von einem Liebesgedicht zu sprechen.
Dem Stil des Realismus entsprechend verwendet Meyer nur wenige Adjektive. Wenn es jedoch um die Geliebte geht, reiht er in den Versen 22 und 23 einige Adjektive (z. B. „reisehaft / Schlank, rein, walddunkel […] süß“) und adjektivisch gebrauchte Partizipien („wandernd“) aneinander. Dadurch wird deutlich, welch starken Eindruck die Geliebte beim lyrischen Ich hinterlassen hat.
Grundsätzlich wird die Sprache dominiert von Begriffen aus der Natur (z. B. „Gehölz“, V. 3; „Nebel“, V. 3; „Ulmen“, V. 13; „Waldesboden“, V. 20). Dadurch wirkt sie insgesamt recht bildhaft, wozu auch Personifizierungen beitragen, beispielsweise: „Die Stapfen schritten jetzt entgegen […]“ (V. 24). Darüber hinaus finden sich Alliterationen (z. B.: „In deiner wilden Scheu, und wohlgemut / Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn“, V. 16 f.), die durch den Gleichklang der W-Laute die Einheit der Verse unterstreichen.
Conrad Ferdinand Meyer schildert in einer langen, zusammengehörigen Strophe die Erinnerung an einen Abschied, der vor langer Zeit stattgefunden hat („In jungen Jahren war’s“, V. 1). Dieses Erlebnis muss sehr prägend gewesen sein, da sich das lyrische Ich noch immer daran erinnert. Eine Rückblende, die in V. 1 mit dem gemeinsamen Gang zum Nachbarhaus beginnt, ermöglicht ein erneutes Erleben dieses Abschieds. Es setzt ein und ist besonders intensiv, als sich der Sprecher nach dem Abschied allein auf den Heimweg macht. Durch die Erinnerungen an die Geliebte wird diese als Gestalt quasi wieder gegenwärtig, wenn es heißt: „Aus deinen Stapfen hobst du dich empor / Vor meinem innern Auge“ (V. 26 f.). Hier wird aus dem Erinnern ein neues Erleben. Dem lyrischen Ich ist dabei bewusst, dass es sich um eine „Traumgestalt“ (V. 29) handelt, die aufgrund des zunehmenden Regens, der die Spuren auf dem Waldboden verwischt, wieder verschwindet. Das neue Erleben steht somit in einem Zusammenhang mit den noch sichtbaren Spuren, welche die Geliebte hinterlassen hat. Wenn sie verschwinden, dominiert die Erinnerung. Das bedingt letztlich einen Stimmungswandel beim lyrischen Ich, wenn es sich diese Erkenntnis traurig eingestehen muss (vgl. V. 32).
Meyer gestaltet in diesem Gedicht die Erinnerung an den Abschied von einem geliebten Menschen als lebendigen Teil des lyrischen Ichs. Dadurch geht diese Person nicht verloren, sondern kann in den Vorstellungen neu erlebt bzw. erfahren werden. Auslöser sind konkrete Anhalts- bzw. Erinnerungspunkte, wie die im Gedicht erwähnten „Stapfen“ (V. 24, V. 26, V. 30). 

Ein weiteres Beispiel für einen Abschied findet man in Friedrich Schillers „Maria Stuart“. Die Titelheldin wurde des Komplotts bzw. Hochverrats an Elisabeth, der Königin von England, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Vor der Vollstreckung des Todesurteils verabschiedet sich Maria von ihrer Amme Kennedy und den Bediensteten. Sie tut dies sehr gefasst, hat für jeden ein gutes Wort und fordert die Dienerschaft auf, England zu verlassen, um sich vor möglichen Nachstellungen in Sicherheit zu bringen. Zudem verteilt sie ihren letzten Besitz. In ihrer Todesstunde erweist sie sich als fürsorgliche Königin ihrer Untertanen. Maria geht sehr gefasst und mit sich im Reinen in den Tod. 
Schiller stellt hier einen endgültigen Abschied dar. Maria verabschiedet sich von vertrauten Personen, die ihr in Zeiten der bittersten Not die Treue gehalten haben. Ein Wiedersehen wird es nicht geben. Daher ist es umso erstaunlicher, mit welcher Fassung sich Maria verabschiedet. Sie vergießt im Gegensatz zu ihren Dienern keine Träne. Schiller schafft mit seiner Titelheldin eine Figur, die ganz dem klassischen Geist des Idealismus entspringt, jedoch kein Verhalten an den Tag legt, wie es in der Realität angesichts einer bevorstehenden Hinrichtung zu erwarten wäre. 
Conrad Ferdinand Meyer ist demgegenüber Realist. Er lässt das lyrische Ich in dem Gedicht „Stapfen“ zwar auch eine aus der Erinnerung auftauchende „Traumgestalt“ (V. 29) erleben, doch kommt es zum Stimmungswandel, wenn der Sprecher sich seine Traurigkeit angesichts der verblassenden Erinnerung eingesteht. Zudem besteht bei ihm, im Gegensatz zu Schiller, noch die Hoffnung auf „ein baldig Wiedersehn“ (V. 17). Das Thema ist also nicht der endgültige Abschied, vielmehr schildert Meyer die Erinnerung an einen Abschied, während Schiller den Abschied selbst darstellt.
Das Leben besteht nicht nur aus freudigen Augenblicken. Gerade das Abschiednehmen gehört zu den Situationen im Leben, die man vermeiden möchte, die aber dennoch wesentlich für unser Leben sind. Nicht umsonst ist dieses (existenzielle) Motiv bei Schriftstellern sehr beliebt und wird in allen Epochen auf unterschiedlichste Weise gestaltet.

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier