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Interpretationsaufsatz mit übergreifender Teilaufgabe (Werk im Kontext)


Lösung

a)

Schenkt man den Aussagen eines Richters am Bundesgerichtshof Glauben, so handelt es sich bei rund einem Viertel aller gefällten Urteile in Deutschland um Fehlurteile. Die Gründe hierfür sind mangelnde Beweise oder es steht „Aussage gegen Aussage“. Aber auch die sehr komplexen Gesetze, stark überlastete Gerichte und nicht zuletzt die klagefreudigen Deutschen führen immer wieder zu falsch gefällten Urteilen. Die Betroffenen sind für ihr Leben gezeichnet und rutschen nicht selten nach ihrer Haftstrafe tatsächlich in die Kriminalität ab. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb sich zahlreiche Literaten mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. So auch Franz Kafka, der mit seinem Roman „Der Proceß“ die während des Nationalsozialismus vorherrschenden gesellschaftlichen und politischen Urteile anprangert und mit ihnen „ins Gericht geht“.

Im Folgenden wird zunächst dargestellt, weshalb der Protagonist des Romans „Der Proceß“, Josef K., das Gericht aufsuchen muss. Im Anschluss daran wird der vorliegende Textauszug aus der Szene „Erste Untersuchung“ interpretiert und auf erzählerische und sprachliche Gestaltungsmittel hin untersucht. Im zweiten Teil der Arbeit werden die drei Werke „Der Proceß“ von Franz Kafka, „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt und „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist hinsichtlich der Bedeutung des Gerichts für die jeweiligen Protagonisten untersucht und miteinander verglichen.

Josef K., ein höherer Bankbeamter, wird am Morgen seines 30. Geburtstages von zwei Gerichtsbeamten noch im Bett verhaftet. Als Josef K. nach einer Begründung für die Verhaftung verlangt, bekommt er keine Antwort. Als Erklärung für diesen merkwürdigen Vorfall sieht K. als einzigen Grund einen Scherz seiner Kollegen zum Geburtstag. Auf weiteres Nachfragen nach dem Verhaftungsbefehl wird Josef K. lediglich mitgeteilt, dass sich die Behörden vor jeder Verhaftung ein genaues Bild der Person machen würden, ein Irrtum sei also ausgeschlossen. Trotz seiner Festnahme ist es Josef K. weiterhin möglich, seiner täglichen Arbeit als Prokurist nachzugehen, jedoch unter Begleitung und Aufsicht dreier Kollegen, die schon bei der Festnahme anwesend waren.

Einige Tage später erhält Josef K. per Telefon weitere Informationen zu seinem Gerichtstermin. Am nächsten Tag, einem Sonntag, soll die erste kleine Untersuchung seiner Angelegenheit stattfinden.

Da K. keine Uhrzeit zur Anhörung genannt worden ist, beschließt er das Gericht um neun Uhr aufzusuchen. Die genannte Adresse erweist sich allerdings als heruntergekommenes Wohnhaus, weshalb K. zunächst sehr irritiert ist. Dort wird er bereits von zahlreichen Schaulustigen und dem vorsitzenden Richter zur Verhandlung erwartet. Den Grund für seine Verhaftung kennt Josef K. noch immer nicht.

b)

Zu Beginn der Szene wirkt der Untersuchungsrichter sichtlich beunruhigt und verlegen, denn er rutscht nervös auf seinem Sessel herum (vgl. Z. 1 f.). Das fällt auch dem Mann auf, der neben ihm sitzt. Dem Untersuchungsrichter wird Mut zugesprochen (vgl. Z. 2–4). Auch alle anderen Anwesenden unterhalten sich angeregt (vgl. Z. 4 f.). Der neblige Dunst, der im Zimmer vorherrscht, verdichtet diese unruhige Stimmung noch (vgl. Z. 8). Josef K. erkennt die Unruhe, schlägt auf den Tisch, da die sonst im Gericht übliche Glocke fehlt, und verschafft sich auf diese Weise Gehör (vgl. Z. 15 ff.). In einer Rede verdeutlicht Josef K. seinen Standpunkt: Er betrachte das Gericht objektiv, da er nicht in den Prozess involviert sei. Immer wieder ermahnt er die Anwesenden zum Aufpassen und kündigt schließlich sein baldiges Gehen an (vgl. Z. 20 ff.). Sofort tritt Stille im Raum ein und Josef K. hat die Kontrolle über den Saal zurückgewonnen. Er ergreift erneut das Wort und prangert das Verfahren gegen ihn an. Er sieht es als eine Art konspirativen Anschlag auf sein Ansehen und seine Stellung in der Bank. Hinter allem stehe eine große Organisation, deren einzige Funktion darin bestehe, unschuldige Personen zu verhaften und gegen sie ein sinnloses und ergebnisloses Verfahren zu eröffnen (vgl. Z. 28–48).

Insgesamt liegt dem Werk ein sehr nüchterner, sachlicher und emotionsloser Sprachstil zugrunde (vgl. Z. 1–4). Er ist geprägt durch Kafkas Anstellung als Jurist bei einer Versicherung, auch sind österreichische Spracheigenheiten  (Z. 34 „Gendarmen“) in den Text eingeflossen. Die sachliche und präzise Ausdrucksweise v. a. des Protagonisten des Romans, Josef K., schafft eine gewisse Distanz zum Geschehen. Dieser Distanz steht eine sehr detaillierte Beschreibung z. B. des Gerichtszimmers und der Anwesenden gegenüber. Der Detailreichtum steht im Kontrast zu Josef K.s unklarer Situation und betont ihre Unheimlichkeit.

Des Weiteren wird durch den häufigen Wechsel zwischen Indikativ und Konjunktiv die Unsicherheit und Verunsicherung von Josef K. verdeutlicht (vgl. Z. 10 ff.). Dies ist eng mit der hypothetischen Erzählweise verbunden.

Auch bedient sich Kafka eines sehr bildhaften Sprachstils, indem er beispielsweise die Metapher „mit sich ins Gericht gehen“ sehr wörtlich nimmt.

Dem hinzuzufügen ist der gezielte Einsatz sprachlicher Mittel, der v. a. in der Ansprache des Josef K. an die Prozessteilnehmer zum Ausdruck kommt.

Josef K. beginnt diese Ansprache, indem er den Teilnehmern mitteilt, er sei gleich fertig. Auffällig hierbei ist der gezielte Einsatz der Pronomen. Ganz stark betont er immer wieder seine eigene Position, indem er einige Male die Pronomen „ich“ (Z. 14, 17, 20, 21), „mir“ (Z. 17, 20) sowie „Sie“ (Z. 18, 20, 21) und „Ihnen“ (Z. 18) verwendet. Dabei sollen die Anwesenden direkt angesprochen und zum Zuhören animiert werden. Dieses Ansprechen erfüllt auch gleich seinen Zweck, denn „sofort war es still“ (Z. 22). Im weiteren Verlauf seiner Rede an das Publikum betont Josef K. zweimal sehr eindringlich, dass „kein Zweifel“ (Z. 25, 28) vorliege, dass hinter dem Prozess und der Anklage gegen Josef K. eine „große Organisation“ (Z. 30) stehe. Sie bestehe aus „bestechliche[n] Wächter[n)“ (vgl. Z. 31), „läppische[n] Aufseher[n]“ (Z. 30), einem ebenso korrupten „Untersuchungsrichter“ (Z. 30) sowie aus einem „unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen und anderen Hilfskräften“ (Z. 34) wie z. B. einem „Henker“ (Z. 35). Die Aufzählung stellt zugleich eine Art Klimax dar, mit welcher der Weg des Prozesses beschrieben wird, der mit Josef K.s Verhaftung durch die beiden Wächter beginnt und schließlich schon hier einen Hinweis auf K.s Tod durch den Henker gibt.

Weiter spricht Josef K. die Anwesenden mit zwei rhetorischen Fragen gezielt an: „Und der Sinn dieser großen Organisation, meine Herrn?“ (Z. 36) und „Wie ließe sich bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen die schlimmste Korruption der Beamtenschaft vermeiden?“ (Z. 39 f.). Damit will er erreichen, dass sie über die gerade genannte „große Organisation“ (Z. 30) und deren „Sinnlosigkeit“ (Z. 39) nachdenken. Beide Male gibt K. die Antwort selbst, indem er an seinem Fall verdeutlicht, dass „unschuldige Personen verhaftet w[e]rden“ (Z. 37) und ein „ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird“ (Z. 37 f.). Die Korruptheit der Beamtenschaft verdeutlicht Josef K. durch sehr bildhafte Darstellungen, wie beispielsweise im Fall der Wächter, die „den Verhafteten die Kleider vom Leib [ ] stehlen“ (Z. 42). Alle, die bei einem Gerichtsprozess beteiligt sind, profitierten davon und unternähmen nicht das Geringste dagegen.

Die Erzählweise des gesamten Romans ist monoperspektivisch (also einsinnig, personal). Dies lässt sich daran festmachen, dass das gesamte Geschehen aus der Perspektive des Josef K. berichtet wird. Zudem wertet der Erzähler nicht, der Standpunkt liegt also innerhalb des Geschehens. Dies hat zur Folge, dass beim Leser keine Identifikation mit einer Figur stattfindet und somit die kritische Distanz fehlt. Die Äußerungen beschränken sich also auf die Wahrnehmungen des Josef K. Dabei muss sich der Leser mit dem Bewusstsein des Josef K. auseinandersetzen und daher fehlt eine Orientierung, denn es werden nur die subjektiven Eindrücke des Protagonisten vermittelt. Eben diese monoperspektivische Erzählweise lässt sich schon in der ersten Zeile des Textauszuges belegen: „In Verlegenheit oder Ungeduld rückte der Untersuchungsrichter auf seinem Sessel hin und her.“ Es wird hier die subjektive Wahrnehmung des Josef K. wiedergegeben, dass aus seiner Sicht der Untersuchungsrichter nervös und angespannt wirkt und deshalb auf seinem Sessel hin und her rutscht.

Eng damit verbunden ist auch der in diesem Roman oft verwendete hypothetische Erzählstil. Dabei werden geäußerte, unbewiesene Annahmen zur Grundlage des Verhaltens der Personen. Dies schafft die Möglichkeit, nicht Existierendes oder gar Unsichtbares zu evozieren. Die Aussage des Josef K., dass „für die Galeriebewohner [der neblige Dunst] störend sein [müsse]“ (Z. 10), ist lediglich seine Vermutung, dass sich der Dunst für die anderen Galeriebesucher als hinderlich erweist und sie sich deshalb durch Nachfragen an die Näherstehenden wenden müssen, um das Geschehen weiter verfolgen zu können. Ob dem tatsächlich so ist, bleibt dem Leser verborgen.

Auch die erlebte Rede, die die inneren Vorgänge von Personen darstellt, wird in diesem Textauszug verwendet. Sie nimmt eine Zwischenstellung zwischen Erzählerbericht und indirekter Rede ein. Dies hat zur Folge, dass der Leser mit der Innenwelt der Romanfiguren, in diesem Fall mit der des Josef K., konfrontiert wird (vgl. Z. 10 ff.).

c)

Im Anschluss an die Interpretation des Textauszuges wird nun ein Vergleich der Bedeutung des Gerichts anhand der drei Werke „Der Proceß“, „Der Besuch der alten Dame“ sowie „Michael Kohlhaas“ vorgenommen.

Josef K. wird überraschend verhaftet und erfährt während der gesamten Handlung nicht, weshalb ihm der Prozess gemacht wird. Es handelt sich nicht um ein gewöhnliches Verfahren, denn die Verhandlung findet immer sonntags in ominösen Dachstuben statt. Anstatt wie üblich per Post, erhält K. per Telefon am Arbeitsplatz den Bescheid, sich zu Gericht zu begeben. Das Gericht selbst wird als allgegenwärtig und allmächtig dargestellt und wird lediglich durch Vertreter niedrigster Ordnung repräsentiert. Als Gesetzesgrundlage dient nicht das übliche Gesetz, sondern handgeschriebene Zettel und eigenartige Gesetzbücher.

Bei Dürrenmatts Drama „Der Besuch der alten Dame“ ist das Gerichtsverfahren ebenso wie bei Kafkas „Der Proceß“ durch Korruption gekennzeichnet. Aufgrund des Fehlurteils aus dem Jahr 1910 – als wichtige Zeugen dafür bestochen wurden, zugunsten Alfred Ills auszusagen und dessen Vaterschaft an Klara Wäschers ungeborenem Kind anzuzweifeln – muss die gefallene Klara ihren Heimatort Güllen verlassen und sich mit Prostitution durchs Leben schlagen. Einige Jahre später, nun zu großem Reichtum gekommen, fasst sie den Plan, Selbstjustiz an ihrem ehemaligen Geliebten sowie all seinen Helfern zu verüben. Dafür missachtet sie auch die Menschenwürde, indem sie beispielsweise ihre beiden Begleiter kastriert und blendet. Sie kauft sämtliche Grundstücke und Fabriken in der nun heruntergewirtschafteten Stadt Güllen auf und begibt sich dorthin. In Güllen unterbreitet sie den Bürgern das Angebot, insgesamt eine Milliarde zur Verfügung zu stellen, wenn Alfred Ill getötet wird. Insgesamt gesehen bildet also das Fehlurteil die Ausgangslage des Dramas und bringt die Handlung ins Rollen. Anders als bei „Der Proceß“ wird die Gerichtsverhandlung nur am Rande erwähnt. Sie findet jedoch in einem angemessenen Rahmen und mit dafür ausgebildeten Beamten statt.

Auch bei Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ steht ein Gerichtsverfahren am Anfang der Handlung. Der Pferdehändler Michael Kohlhaas besucht Wenzel von Tronka und stellt dort einige seiner Pferde unter, mit der Aufgabe für die Stallburschen, sie bis zu seiner Rückkehr gebührend zu versorgen. Als er einige Tage später zurückkehrt, muss er feststellen, dass drei seiner Pferde abgemagert im Stall stehen. Auch Kohlhaas lässt es zu einem Prozess kommen, sein Gerechtigkeitssinn ist wie derjenige Klaras sehr ausgeprägt. Doch Wenzel von Tronka kann den Prozess mithilfe seiner weitreichenden Beziehungen und durch Korruption verhindern. Wie auch Claire Zachanassian übt Kohlhaas Rache an Tronka und all jenen, die ihm zur Seite stehen, und begibt sich in die Illegalität. Auch soll durch ein weiteres Verfahren die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden. Darin bekommt Kohlhaas zwar das Recht zugesprochen, da er jedoch Verrat an seinem Landesherrn verübt hatte, wird er zum Tode verurteilt. Nur auf Gerechtigkeit aus, nimmt Kohlhaas das Urteil glücklich an und verweigert sich auf diese Weise nicht der stattlichen Rechtsordnung wie Claire Zachanassian, die glaubt, sich durch ihren Reichtum eine eigene Weltordnung leisten zu können.

In allen drei Texten wird das Gericht als Ort der Korruption und als allmächtige Instanz dargestellt. Bei „Michael Kohlhaas“ und „Der Besuch der alten Dame“ stehen eine ausbleibende Gerichtsverhandlung bzw. ein Fehlurteil am Anfang der Handlung und treiben die Protagonisten zur Selbstjustiz. In Kafkas Roman „Der Proceß“ hingegen wird die Gerichtsverhandlung an sich zum Gegenstand der Handlung. Ebenso wie Josef K. weiß der Leser nicht, welches Unrecht begangen wurde, auch am Ende wird nicht klar, welches Verbrechen er verübte. Schließlich enden alle drei Texte in der Katastrophe, denn sowohl Michael Kohlhaas als auch Alfred Ill und Josef K. werden getötet.

Es sind aber nicht nur Autoren vergangener Tage, die die Thematik der Fehlurteile in ihren Werken aufnehmen. Auch in der modernen Belletristik stößt man immer öfter darauf. Sei es bei Hakan Nesser, bei zahlreichen Fernsehserien wie „Monk“ und auch dem deutschen „Tatort“. Justizirrtümer werden wohl nie ausgeschlossen werden und liefern weiterhin einen guten Stoff als Vorlage zahlreicher Werke.

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