Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein aktuelles und viel diskutiertes Problem in der Medien- und Politiklandschaft. Elternschaft entpuppt sich heute als eine immer schwieriger zu bewältigende Gestaltungsaufgabe. Eltern müssen alles können und stehen dadurch permanent unter großem Druck.

Einerseits stellen sie hohe Anforderungen an sich und ihre Erziehungsarbeit, andererseits sind die Erwartungen an sie von außen mindestens genauso hoch. Dass nur wenige Eltern Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf haben, ist schlichtweg gelogen.
Fast alle Eltern kämpfen mit dem bekannten Vereinbarkeitsdilemma und finden keine endgültige und zufriedenstellende Lösung. Irgendwas oder irgendjemand kommt immer zu kurz.

Warum die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so schwierig ist

Schaut man sich die Rahmenbedingungen an, wird schnell klar: Eine ganz simple Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nur sehr schwer umzusetzen. Viele Unternehmen spannen Mütter, aber vor allem Väter stark in berufliche Verpflichtungen und Termine ein. Abholzeiten in Kitas, Schulen oder in sonstigen Betreuungsinstitutionen und Öffnungszeiten von Supermärkten, Apotheken, Drogerien tragen außerdem dazu bei, dass im Alltag vielfach umorganisiert werden muss. Ohne Stress geht das nicht.

Und das ist längst nicht alles. Eltern sollen jederzeit überall verfügbar sein – im Beruf und zu Hause. Nicht nur der Chef verlangt die Anwesenheit im Büro; auch die Kinder brauchen ihre Eltern zu Hause. Zum Beispiel als Spielpartner oder Hausaufgabenhilfe. Auf lange Sicht ist klar, dass das nicht reibungslos funktionieren kann.

Eltern wollen helfen – Väter genauso wie Mütter

Vereinbarkeit von Familie und Beruf iStock @Chanisorn

Vereinbarkeit von Familie und Beruf iStock @Chanisorn

Dabei besteht und wächst der Wunsch nach einer größeren Teilnahme am Alltag der Kinder und deren Erziehung. Eltern wollen bei den Hausaufgaben helfen, sie wollen bei Problemen für ihre Kinder da sein und sie abends ins Bett bringen. Väter genauso wie Mütter. Doch sie kriegen es zeitlich nicht hin. 24 Stunden am Tag reichen nicht. Die persönlichen Bedürfnisse kommen sowieso zu kurz.

Diejenigen, die die größten Abstriche hinnehmen, sind berufstätige Mütter. Denn sie trifft es besonders hart. Für viele von ihnen ist die Rückkehr in den Beruf nach der Elternzeit nicht nur langwierig und anstrengend, sondern auch nicht wirklich befriedigend. Häufig werden sie in ihrer Position oder in ihren Aufgaben runtergestuft, einige erhalten nicht mal mehr eine Vollzeitstelle.

Die Realität sieht anders aus

Ab und an sind sie trotzdem im Fernsehen oder auf dem Cover eines neuen Buches zu sehen: prominente, erfolgreiche und glückliche Supermamis, die proklamieren, dass jede Mutter genau das schaffen kann: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die wohlklingenden Worte mögen zwar die eine oder andere Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs besänftigen, doch die Realität sieht anders aus. Von den Bedingungen und Vorteilen, von denen solche Supermamis profitieren, können durchschnittliche Mütter nur träumen. Die Folge: noch mehr Druck und noch höhere Anforderungen.

Elternschaft ist heute nicht mehr selbstverständlich

Die Konsequenzen beunruhigen. Eine Studie von 2008* befasste sich unter anderem intensiv mit dem Phänomen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Heraus kam, dass Elternschaft heute nur noch eine Option neben anderen Lebensstilen ist. Sind Kinder heute also keine Selbstverständlichkeit mehr wie früher? Klingt beinahe so, als wären die Kinder schuld.
Doch die Schuld liegt natürlich ganz woanders. Starre, unflexible Unternehmen und Chefs, unzureichend vorhandene Kinderbetreuungseinrichtungen für mittags, nachmittags und den frühen Abend. Auch für Familien, die nicht mit den nötigen finanziellen Ressourcen ausgestattet sind, müssen finanzierbare Alternativen oder Unterstützung verfügbar sein.

Darüber hinaus braucht es eine interessierte und engagierte Familienpolitik, die genau weiß, welche Hürden und Hindernisse Eltern im Alltag überwinden müssen. Und vor allem, wie es ihnen und den Kindern dabei geht. Erst wenn das Problem an der Wurzel behandelt wird, ist erkennbar, wo es eigentlich wirklich schmerzt.

*Hinweis zur Studie:
Merkle, T./Wippermann, C., 2008: “Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten“. Im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., Lucius & Lucius