Legasthenie – Lese- und Rechtschreibschwäche erkennen und behandeln

Legasthenie, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder kurz LRS: Nur weil Ihr Kind sich beim Lesen ab und zu mal verhaspelt oder Wörter falsch vorliest, hat es nicht gleich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Sollte es jedoch eine LRS sein, gibt es keinen Grund zur Panik – eine früh diagnostizierte Legasthenie kann gut behandelt werden und die Probleme können ausgeglichen werden. Wie Sie eine Lese- und Rechtschreibstörung erkennen und wie Sie Ihr Kind bei der Behandlung unterstützen können, erklären wir Ihnen im Folgenden.

Was ist Legasthenie? Bedeutung und Definition

Der Begriff Legasthenie wurde in den Siebzigerjahren geprägt und heißt wörtlich übersetzt Leseschwäche. Diese wörtliche Übersetzung schließt jedoch den Bereich der Rechtschreibschwäche aus. Heutzutage wird unter Legasthenie allgemein die Schwäche oder Störung bei dem Erwerb der Schriftsprache zusammengefasst – gängige Begriffe sind Lese-Rechtschreib-Störung, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder einfach LRS.

Das medizinische Modell, das dahintersteckt und in den 70er-Jahren entwickelt wurde, gilt mittlerweile als veraltet, da die Ursachen für die Probleme beim Erwerb der Schriftsprache ausschließlich bei dem Kind selbst vermutet wurden.

Übrigens: Die Schwierigkeit, mit Mengen und Zahlen umzugehen, wird Dyskalkulie genannt und ist auch eine anerkannte schulische Entwicklungsstörung. Das wollen wir hier aber nur der Vollständigkeit halber erwähnen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Legasthenie und Intelligenz?

Häufig haben Eltern die Sorge, dass ihr Kind weniger intelligent ist als andere Kinder im gleichen Alter, wenn Probleme beim Lesen und Schreiben auftreten. Da gibt es aber keinen Zusammenhang! Eine Lese-Rechtschreib-Störung heißt nicht gleichzeitig, dass ein Kind nicht intelligent ist. Bei besonders intelligenten Kindern wird eine etwaige Legasthenie oft erst sehr spät diagnostiziert, da diese Kinder ihre Schwierigkeiten gut verbergen können.

lese-rechtscheib-schwaeche
@Artem Peretiatko

Was ist der Grund für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche?

Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft mit der LRS, jedoch gibt es keine einzelne wissenschaftlich belegbare Ursache, auf die eine Legasthenie zurückzuführen ist.

Vielmehr sind es mehrere Faktoren, die eine Lese-Rechtschreib-Störung im Zusammenspiel befördern können. Kinder, auf die die folgenden Punkte zutreffen, müssen jedoch nicht zwangsläufig Probleme beim Erwerb der Schreib- und Lesefertigkeiten haben.

Faktoren, die eine Lese-Rechtschreib-Störung begünstigen:

  • langsame oder gestörte Sprachentwicklung
  • Wahrnehmungsstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • motorische Probleme (Fein- und Grobmotorik)
  • genetische Disposition (in Familien, in denen LRS schon vorkam, ist die Rate der Betroffenen höher)

Mythos:

Die Annahme, dass Linkshänder und Linkshänderinnen häufiger an einer LRS leiden oder dies der Grund für eine Lese- und Rechtschreibschwäche wäre, wurde noch in keiner Untersuchung bestätigt.

Wie kann man eine Lese- und Rechtschreibschwäche erkennen?

Wenn Ihr Kind Probleme mit dem Lesen oder Schreiben hat, heißt das nicht zwangsläufig, dass es an einer LRS leidet. Es gibt keine Rechtschreibfehler, die nur Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche machen. Kinder lernen unterschiedlich schnell und haben verschiedene Probleme beim Schrift-Sprach-Erwerb, wodurch auch die Fehlerarten variieren.

Fällt Ihnen jedoch auf, dass Ihr Kind immer die gleichen Fehler macht oder trotz häufigen Übens starke Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben hat, könnte eine LRS vorliegen.

Es wurde festgestellt, dass es bestimmte Bereiche der Rechtschreibung gibt, bei denen Kinder mit LRS verstärkt Schwierigkeiten haben.

legasthenie
@KatarzynaBialasiewicz

Typische Rechtschreibfehler von Legastheniebetroffenen:

  • Verwechslung von Konsonanten
    • b/p, b/d, g/k und d/t
  • Wiedergeben von Konsonantenclustern (Folgen mehrerer Konsonanten)
    • kr, br, gl, dr, tr (Krach, Brot, glatt, drei, treu)
  • Reproduzieren der richtigen Reihenfolge der Buchstaben bei längeren Wörtern
  • Schwierigkeiten bei der Groß- und Kleinschreibung
    • „Der Grüne apfel“, „der Kranke mann“
  • Probleme bei der Zusammen- und Getrenntschreibung
    • „Fahr Schule“, „Ärzte Haus“, „ab laufen“
  • Dehnungs- und Dopplungsfehler
    • „one“ statt ohne, „felt“ statt fällt

Auch beim Lesen können bestimmte Fehlergruppen ausgemacht werden. Da Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche häufig Probleme mit dem sinnerfassenden Lesen haben, werden einzelne Wörter Buchstabe für Buchstabe vorgelesen. Andersrum werden manche Buchstabengruppen wiedererkannt, aber anhand dieser Gruppen wird das Wort dann geraten und falsch zusammengesetzt.

Typische Lesefehler von Legastheniebetroffenen:

  • Verwechseln von Umlauten
    • ä/a, ü/u
  • Verwechseln von gespiegelten Buchstaben
    • b/d, p/q
  • Verwechseln von gekippten Buchstaben
    • u/n, a/e
  • Verwechseln von ähnlichen Buchstaben
    • m/n, f/t

Was kann man gegen eine Lese-Rechtschreib-Schwäche tun?

Eine Lese-Rechtschreib-Schwäche lässt Kinder den Schulstoff langsamer aufnehmen, wodurch sie häufig den Anschluss verlieren und zurückfallen. Zusätzliche Übungen helfen hier, um den Abstand klein zu halten bzw. um wieder aufzuholen.

Als Elternteil können Sie das Kind unterstützen, jedoch sollten sich alle bewusst sein, was sie jeweils leisten können. Dem eigenen Kind etwas beizubringen kann auf beiden Seiten zu Frustration führen und ist nicht hilfreich. Kinder nehmen auch oft ungern Hilfe von den Eltern an, vor allem wenn das Lernen durch die LRS schon mit negativen Erfahrungen verbunden ist.

Hier kann es helfen, andere Personen einzubeziehen, z. B. Großeltern, Freunde, Freundinnen oder Verwandte. Wichtig ist, dass der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin informiert ist und zu den Fehlern und Schwierigkeiten des Kindes Auskunft gibt. Dann können schwierige Themen gezielt geübt werden.

Tipps für Übungen mit dem Kind:

  • Lesefolie oder Lineal nutzen, wenn das Kind häufig in der Zeile verrutscht.
  • Problembuchstaben ertasten und zuordnen (Magnet- oder Schaumstoffbuchstaben, Knete, Teig, aus Sandpapier ausgeschnitten etc.).
  • Große Buchstaben aus Überschriften von Zeitungen und Katalogen ausschneiden und benennen lassen.
  • Buchstaben auf groß gedrucktem Text einkreisen lassen.
  • Laut vorlesen lassen.
  • Keine ähnlichen Buchstaben gleichzeitig üben.

Rahmenbedingungen für die Übungen zu Hause:

  • Kind einbeziehen, um die richtige Tageszeit für die Übungseinheiten zu finden.
  • Immer die gleiche Uhrzeit zum Üben wählen, so entsteht eine Routine.
  • Kurze Lerneinheiten zwischen 10 und 15 Minuten pro Tag wählen.
  • Das Wochenende sollte Freizeit bleiben.
  • Kind loben, damit keine negativen Erfahrungen entstehen.
  • Rechtzeitig abbrechen, wenn Ihre Geduld am Ende ist.

In unserem Ratgeber „Lernen leicht gemacht“, gibt es weitere Tipps aus unserer Learnattack-Lernmethode.

Wenn die Übungen zu Hause nicht funktionieren, sollte professionelle Hilfe herangezogen werden.

Es gibt ausgebildete Therapeuten und Therapeutinnen, die sich auf den Schriftspracherwerb spezialisiert haben und die die didaktischen Fähigkeiten mitbringen, um Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche beim Erlernen von Lesen und Schreiben zu unterstützen.

Vor dem Beginn der Therapie sollte eine ausführliche Diagnose vorgenommen werden, anhand derer dann der Therapieplan und -verlauf entwickelt wird. Anschließend ist darauf zu achten, dass die Inhalte der Übungen zu dem Alter und der Klassenstufe des Kindes passen.

Wie bei den Übungen zu Hause sollte auch die Lehrkraft des Kindes von den Eltern einbezogen werden.

Weitere Links

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. bietet weitere Informationen rund um das Thema Legasthenie an. Dort gibt es die Möglichkeit, dienstags und mittwochs eine Legasthenie-Telefonberatung zu nutzen.

Zusätzlich gibt es die Landesverbände des Legasthenie & Dyskalkulie e. V., die in allen Bundesländern vertreten sind und auch Informationen und Beratungsgespräche anbieten.