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Lexikon Latein

Silbe

Über das Wort „Silbe“

Genus, Betonung:  die Silbe
Plural:  die Silben
Abkürzung:  —
Herkunft:  von lat. syllaba Silbe, dies von griechisch syllabḗ Zusammenfassung, Silbe (Silbe als Zusammenfassung von Lauten; zu syllambánein zusammenfassen)

 

Definition

Das Wort „Silbe“ wird in drei verschiedenen Bedeutungen verwendet, die man genauer bezeichnen kann als Sprechsilben, Sinnsilben und Schreibsilben.

(1)  „Sprechsilben“ sind die kleinsten angenehm sprechbaren lautlichen Einheiten, in die sich Wörter und Sätze aufteilen lassen. Was die Sprecher als angenehm sprechbar empfinden und wie sie daher Silben abgrenzen, ist von Sprache zu Sprache verschieden. Allgemein gilt jedoch, dass eine Silbe aus einem Vokal (oder seltener einem Liquid oder Nasal) als Silbenkern und meist zusätzlich einem oder mehreren darum gruppierten Konsonanten besteht. Dabei nimmt die Schallfülle vom Silbenkern zu den Silbenrändern hin normalerweise ab.

Erläuterung:
• Liquiden (= Fließlaute) sind im Lateinischen die Laute l und r.
• Nasale (= Nasenlaute), genauer: Nasalkonsonanten, sind im Lateinischen die Laute m und n (wobei n in zwei verschiedenen Aussprachen vorkommt: [n] und [ŋ]).

(2)  „Sinnsilben“ sind die kleinsten bedeutungstragenden lautlichen Einheiten, in die sich Wörter und Sätze aufteilen lassen. Die sprachwissenschaftliche Bezeichnung für „Sinnsilbe“ lautet „Morphem“. Von Sinnsilben sprechen wir z.B., wenn wir sagen, ein Wort sei aus einem anderen mittels einer „Vorsilbe“ (= Präfix) oder „Nachsilbe“ (= Suffix) abgeleitet. Die Sinnsilben eines Wortes stimmen meist nicht mit seinen Sprechsilben überein. Sinnsilben können einen Vokal oder mehrere Vokale oder auch gar keinen Vokal enthalten.

(3)  „Schreibsilben“ sind die kleinsten Teile geschriebener Wörter, zwischen denen eine Trennung am Zeilenende erlaubt ist. Die Regeln der Schreibsilbentrennung beruhen – wie die gesamte Rechtschreibung – auf Übereinkunft von Grammatikern, Buchdruckern (in der Antike: Buchschreibern) und Politikern. Je nach Sprache orientieren sich die Regeln entweder an den Sprechsilben oder an den Sinnsilben oder an beidem, weichen davon aber in den meisten Sprachen aus praktischen oder historischen Gründen mehr oder weniger stark ab.

 

Wofür sind die lateinischen Silben wichtig?

(1)  Die lateinischen Sprechsilben sind für zwei Dinge wichtig:
— Erstens hängt die Betonung der Wörter von den Sprechsilben ab. Für die richtige Wortbetonung benötigst du außer den unten erklärten Silbentrennungsregeln auch die Regeln unter dem Stichwort Akzent.
— Zweitens hängt der Rhythmus der Verse von den Sprechsilben ab. Um lateinische Verse richtig zu lesen, brauchst du außer den Silbentrennungsregeln auch die Bildungsregeln der Verse.

(2)  Die lateinischen Sinnsilben (= Morpheme) benötigst du beim Lernen von Deklination, Konjugation und Vokabeln. In diesem Lateinlexikon haben wir in den Deklinations- und Konjugationstabellen die Sinnsilben der Endungen durch verschiedene Farben gekennzeichnet (vergleiche z.B. die Tabellen unter Konjugationen des Präsensstamms). — Das Vokabellernen wird wesentlich einfacher, wenn du die Bedeutung der Sinnsilben kennst, mit denen längere Wörter von kürzeren abgeleitet sind (Ableitungssilben). So kannst du dir die Bedeutung der abgeleiteten Wörter oft erklären, ohne sie extra lernen zu müssen.

(3)  Die lateinischen Schreibsilben brauchst du für die Schule nicht zu kennen. Am besten vermeidest du die Trennung lateinischer Wörter am Zeilenende. Wenn du doch unbedingt einmal trennen musst, richtest du dich nach den deutschen Trennregeln.

 

Regeln der Sprechsilbentrennung

Wortakzent tragende Silben sind durch Punkt ( ) unter dem Vokal gekennzeichnet, in Versen jedoch nur die Silben mit Versakzent mit Akut ( ´ ) auf dem Vokal.
Lange Vokale tragen einen Strich ( ¯ ); Diphthonge gelten als Langvokale, sind aber nicht gekennzeichnet; kurze Vokale sind nicht gekennzeichnet oder tragen einen Bogen (˘). 
Lange Silben sind in Versanalysen unterstrichen, kurze Silben nicht besonders gekennzeichnet.
 

(1)  Sprechsilbentrennung innerhalb eines Wortes

(a)  Folgen zwei Vokale unmittelbar aufeinander, liegt dazwischen eine Silbengrenze. Diphthonge gelten als ein einziger langer Vokal. Z.B.:
  ÷ pers-pị-cu-us  durchsichtig
  ÷ a-mī-cị-ti-ae  Freundschaften
  ÷ ạu-re-us  golden

(b)  Liegen zwischen zwei Vokalen ein oder mehrere Konsonanten, liegt die Silbengrenze vor dem letzten Konsonanten. Dabei gilt x = cs. Z.B.:
  ÷ dē-lī-be-rạ̄-vi-mus  wir überlegten
  ÷ tes-tā-mẹn-tum  Testament
  ÷ ab-sol-vịs-se  abgeschlossen haben
  ÷ con-vẹẋus (= con-vẹc-susgewölbt
  ÷ dē-vị̄nc-tus  gefesselt

(c)  Ausnahme zu (b):  Die Konsonantenkombination Plosiv + Liquid (= Verschlusslaut + Fließlaut = „mūta cum liquidā“) wird folgendermaßen behandelt:
Für den Akzent liegt die Silbengrenze immer vor der Kombination. Z.B.:
  ÷ ịm-pe-trō  ich erlange  (Silbengrenze vor tr)
  ÷ cẹ-le-brant  sie besuchen zahlreich  (Silbengrenze vor br)
  ÷ ọb-se-crat  er fleht an  (Silbengrenze vor cr)
  ÷ quạ-dru-plum  das Vierfache  (Silbengrenzen vor dr und pl)
Für den Vers liegt die Silbengrenze nach Wahl des Dichters vor oder in der Kombination. Z.B.:
  ÷ vo-lu-cr... oder vo-luc-r...; vergleiche (lange Silben unterstrichen):
     Ét prī-mṓ si-mi-lís vo-lu-crī́, mox vḗ-ra vo-lúc-ris.  (Hexameter)
     Vogelähnlich zuerst, doch bald ein wirklicher Vogel.
     (Ovid: Metamorphosen 13:607)

(d)  Zusammengesetzte Wörter:
• Im Normalfall
wird beim Trennen auf die ursprünglichen Bestandteile keine Rücksicht genommen. Z.B.:
  ÷ sụ-pe-rest  er ist übrig  (obwohl es aus super + est  zusammengesetzt ist)
  ÷ an-tịs-tat  er übertrifft  (obwohl es aus ante vor + stat er steht zusammengesetzt ist)
• Bei Plosiv + Liquid muss die Silbengrenze mit der Grenze der Bestandteile zusammenfallen. (Diese Regel wirkt sich zufällig nur auf den Versakzent aus.) Z.B.:
  ÷ sụb-le-vat  er hebt hoch  (< sub + levat)
  ÷ ạb-ri-pit  er reißt fort  (ab + ripit)
  Vorgesetztes re- ist eine Ableitungssilbe (hier: Präfix), kein Bestandteil einer Zusammensetzung. Daher kann der Dichter die Silbentrennung nach (c) frei wählen:
  ÷ re-plẹ̄-tus oder rep-lẹ̄-tus  angefüllt

Erläuterung:
• Ein Plosiv (= Verschlusslaut = Okklusiv = Muta) ist ein Laut, bei dem der Luftstrom im Mund für einen Moment ganz blockiert wird. Im Lateinischen werden sie geschrieben mit den Buchstaben  p, b, t, d, c, k, g, qu, gu, außerdem x (= cs, wovon der Anteil c Verschlusslaut ist).
 

(2)  Sprechsilbentrennung im Vers

Die gesamte Verszeile wird lautlich wie ein einziges Wort behandelt, als gäbe es keine Wortgrenzen oder Satzzeichen. Darauf werden die unter (1) gegebenen Regeln für Silbengrenzen angewendet. Beachte insbesondere folgende Regeln, die zum Teil über die Regeln von (1) hinausgehen:

(a)  Wenn ein Wort auf Konsonant endet und das nächste Wort mit Vokal anfängt, liegt eine Silbengrenze vor diesem Konsonanten und der Konsonant gehört zur ersten Silbe des nächsten Wortes. (Beachte, dass am Wortanfang in der Kombination i + Vokal das i als Konsonant [j] zählt! Z.B.: iacet = [jaket].) Z.B.:
÷ Lū́cusinúrbe fuít mediā́ laetíssimusúmbrā.  (Hexameter)
   Silben:  Lū́-cu-si-núr-be fu-ít me-di-ā́ lae-tís-si-mu-súm-brā.
   (Ganz) in der Mitte der Stadt lag ein Hain, der durch Schatten beglückte.
   (Vergil: Aeneis 1:441)

(b)  Wenn ein Wort auf Vokal endet und das nächste Wort mit Vokal anfängt, liegt ein Hiat (= Vokalzusammenstoß) vor. Um diesen zu beseitigen, entfällt meist der Endvokal des ersten Wortes – dies nennt man Elision. Nur wenn das zweite Wort est ist oder es bist lautet, bleibt das erste Wort unverändert, während das zweite den Anfangsvokal verliert – dies heißt Aphärese. Z.B.:
÷ Quī́n morer(e), út meritá (e)s, ferrṓqu(e) āvérte dolṓrem!  (Hexameter)
   Silben:  Quī́n mo-re-rút me-ri-tás, fer-rṓ-quā-vér-te do-lṓ-rem!
   Stirb doch, wie du es verdienst, und vertreibe den Schmerz mit dem Schwerte!
   (Vergil: Aeneis 4:547)
Bei morer(e) út und ferrṓqu(e) āvérte findet also Elision statt, bei meritá (e)s Aphärese. 

(c)  Wenn ein Wort auf m endet und das nächste Wort mit Vokal anfängt, entfällt das m und wegen (b) auch der vorausgehende Vokal. Z.B.:
÷ Íll(um) aut(em) Áenēā́s absént(em) in próelia póscit.  (Hexameter)
   Silben:  Íl-lau-táe--ā́-sab-sén-tin próe-li-a pós-cit.
   Längst ist er weg, doch Aeneas fährt fort, ihn zum Kampfe zu fordern.
   (Wörtlich: Jenen aber, obwohl er weg ist, fordert Äneas zum Kampf.)
   (Vergil: Aeneis 10:661)

(d)  Das h hat keinen Einfluss auf die Sprechsilbentrennung. Es wird behandelt, als existierte es nicht. Z.B.:
÷ Árrēctáequ(e) (h)orrṓre com(ae) ét vōx fáucibus (h)áesit.  (Hexameter)
   Silben:  Ár-rēc-táe-quor-rṓ-re co-mét vōx fáu-ci-bu-sáe-sit.
   Schreck ließ die Haare zu Berge ihm stehn, es versagte die Stimme.
   (Wörtlich: Und vor Schreck waren die Haare aufgerichtet und
   das Wort blieb im Halse stecken
.)
   (Vergil: Aeneis 4:280)

 

Regeln der Silbenquantität

Für die Bestimmung des Wortakzents und des Versakzents unterscheidet das Lateinische zwischen langen und kurzen Silben (= Sprechsilben). Dabei gelten folgende Regeln:

(1)  Eine Silbe ist kurz, wenn sie auf einen Kurzvokal endet.
Als Beispiele siehe die oben zitierten Verszeilen; dort tragen lange Vokale einen Strich ( ¯ ); Diphthonge gelten als Langvokale, sind aber nicht gekennzeichnet; kurze Vokale haben keine Markierung; lange Silben sind unterstrichen, kurze Silben nicht unterstrichen. 

(2)  Eine Silbe ist lang, wenn sie auf einen Langvokal (auch Diphthong) oder einen Konsonanten endet. Das bedeutet: Wenn die Silbe auf Konsonant endet, ist es gleichgültig, ob sie einen langen oder kurzen Vokal enthält, sie ist in allen Fällen lang. Silbenlänge ist also nicht das Gleiche wie Vokallänge! In den Versen oben finden sich viele lange Silben (unterstrichen), die kurzen Vokal haben (ohne Längezeichen ¯ auf dem Vokal).

(3)  In einer Verszeile gilt die letzte Silbe immer als lang, da die kleine Pause nach der Zeile zur letzten Silbe hinzugerechnet wird. Das gilt also auch, wenn die letzte Silbe auf Kurzvokal endet, z.B.:
÷ Ímperat áut servít collḗcta pecū́nia cúique.
   Silben:  Ím-pe-ra-táut ser-vít col-lḗc-ta pe-cū́-ni-a cúi-que.
   Herr oder Knecht ist doch stets das gesammelte Geld dem Besitzer.
   (Horaz: Epistulae 1:10:47, freie Übersetzung: Wolfgang Töpler)

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