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Lexikon Latein

kurzvokalische ĭ-Konjugation

Andere Bezeichnungen: gemischte Konjugation, Verben auf der 3.Konjugation

 

Definition

Die kurzvokalische i-Konjugation oder auch „gemischte“ Konjugation ist eine der Konjugationen des Präsensstamms. Unter „ĭ-Konjugation“ versteht man den Konjugationstyp, der sich mit den auf ĭ auslautenden Präsensstämmen verbindet.

Beachte:  Die ĭ-Konjugation (mit kurzem ĭ) ist nicht dasselbe wie die ī-Konjugation (mit langem ī)! Die beiden Konjugationen sind sich aber ähnlich.

Zum Problem der Benennung dieser Konjugation findest du eine genauere Erklärung unter Konjugationen des Präsensstamms im Abschnitt „Hintergrundinformation: Über die Namen der Konjugationen“.

 

Wortbestand

Die ĭ-Konjugation des Präsensstamms findet sich nur bei wenigen Verben:

capere  fangen  (1.Sg. capiō, Pf. cēpī, Supin captum); mit Ableitungen, z.B.:
     ac-cipere  annehmen  (1.Sg. ac-cipiō, Pf. ac-cēpī, Supin ac-ceptum);
     in-cipere  anfangen  (1.Sg. in-cipiō, Pf. unregelm. coepī, Supin in-ceptum / unregelm. coeptum).

cupere  wünschen  (1.Sg. cupiō, Pf. cupīvī, Supin cupītum).

facere  machen  (1.Sg. faciō, Pf. fēcī, Supin factum); mit Ableitungen, z.B.:
     satis-facere  befriedigen  (1.Sg. satis-faciō, Pf. satis-fēcī, Supin satis-factum);
     af-ficere  zufügen  (1.Sg. af-ficiō, Pf. af-fēcī, Supin af-fectum).

fodere  graben  (1.Sg. fodiō, Pf. fōdī, Supin fossum); mit Ableitungen, z.B.:
     ef-fodere  ausgraben  (1.Sg. ef-fodiō, Pf. ef-fōdī, Supin ef-fossum).

fugere  fliehen  (1.Sg. fugiō, Pf. fūgī, Supin fugitum); mit Ableitungen, z.B.:
     ef-fugere  entfliehen  (1.Sg. ef-fugiō, Pf. ef-fūgī, Supin ef-fugitum).

iacere  werfen  (1.Sg. iaciō, Pf. iēcī, Supin iactum); mit Ableitungen, z.B.:
     ad-icere (sprich: „ad-jickere“)  hinzufügen  (1.Sg. adiciō („ad-jickio“), ad-iēcī, Supin adiectum).

• [*lacere  locken]  (das einfache Verb war ausgestorben); nur in Ableitungen, z.B.:
     al-licere  anlocken  (1.Sg. al-liciō, Pf. al-lexī, Supin al-lectum);
     ē-licere  herauslocken  (1.Sg. ē-liciō, Pf. ē-licuī, Supin ē-licitum).

parere  gebären  (1.Sg. pariō, Pf. peperī, Supin partum); mit Ableitungen, z.B.:
     re-perīre  finden  (nach ī-Kjg.! 1.Sg. re-periō, Pf. unregelm. re-pperī, Supin re-pertum);
     com-perīre  erfahren  (nach ī-Kjg.! 1.Sg. com-periō, Pf. ohne Reduplikation com-perī, Supin com-pertum).

quatere  schütteln  (1.Sg. quatiō, Pf. fehlt, Supin quassum); mit Ableitungen, z.B.:
     con-cutere  erschüttern  (1.Sg. con-cutiō, Pf. con-cussī, Supin con-cussus).

rapere  rauben  (1.Sg. rapiō, Pf. rapuī, Supin raptum); mit Ableitungen, z.B.:
     ar-ripere  an sich reißen  (1.Sg. ar-ripiō, Pf. ar-ripuī, Supin ar-reptum).

sapere  schmecken, weise sein  (1.Sg. sapiō, Pf. und Supin fehlen); mit Ableitungen, z.B.:
     re-sipere  nach etwas schmecken  (1.Sg. re-sipiō, Pf. und Supin fehlen).

specere  sehen  (1.Sg. speciō, Pf. spexī, Supin spectum); mit Ableitungen, z.B.:
     a-spĭcere  ansehen  (1.Sg. a-spiciō, Pf. a-spexī, Supin a-spectum).

Außerdem folgende Deponentien:

gradī  schreiten  (1.Sg. gradior, Supin unregelm. gressum (statt *grassum)); mit Ableitungen, z.B.:
     ag-gredī  angreifen  (1.Sg. ag-gredior, Supin ag-gressum).

morī  sterben  (1.Sg. morior, Passiv-Partizip unregelm. mortuus); mit Ableitungen, z.B.:
     ē-morī  dahinsterben  (1.Sg. ē-morior, Passiv-Partizip ē-mortuus).

orīrī  entstehen  (Inf. nach ī-Kjg., Rest nach ĭ-Kjg.! 1.Sg. orior, Supin ortum); mit Ableitungen, z.B.:
     ad-orīrī  angreifen  (ganz nach ī-Kjg.! 1.Sg. ad-orior, Supin ad-ortum).

patī  leiden  (1.Sg. patior, Supin passum); mit Ableitungen, z.B.:
     com-patī  mitleiden  (1.Sg. com-patior, Supin com-passum);
     per-petī  erleiden  (1.Sg. per-petior, Supin per-pessum).

 

Formen

Abkürzungen in der Tabelle:
Gen. = Genitiv
Imp. = Imperativ
Kjv. = Konjunktiv
Nom. = Nominativ
Pl. = Plural  (1.Pl. = 1.Person Plural, usw.)
PPA = „Partizip Präsens Aktiv“
Präs. = Präsens
Sg. = Singular  (1.Sg. = 1.Person Singular, usw.)

Farben in der Tabelle:
BRAUN
= Verbalstamm:
     zeigt die Verbbedeutung an.
LILA = Unterstamm-Kennzeichen:
     zeigt den vom Verbalstamm abgeleiteten Unterstamm (hier: den Präsensstamm) an.
     Wo das Unterstamm-Kennzeichen nicht durch Lautregeln verändert ist,
     lässt sich an ihm auch der Konjugationstyp (= „die Konjugation“) ablesen.
DUNKELBLAU = Formtyp-Modus-Tempus-Kennzeichen:
     zeigt Formtyp, Modus und Tempus (manchmal auch Diathese) an.
HELLBLAU = Personalendung:
     zeigt grammatische Person, Numerus und Diathese (manchmal auch den Modus) an.
ROT = Deklinationsendung:
     zeigt Kasus, Numerus und Genus an.

Betrachte auch die Beispielanalysen von Verbformen unter Konjugation!
 

kurzvokalische ĭ-Konjugation - Abbildung 1

 

Erläuterung zur Tabelle

(1) Wechsel von Langvokalen und Kurzvokalen:
Der Stammauslaut-Vokal (ĭ mit der Variante ĕ) ist in der ĭ-Konjugation immer kurz.
Die übrigen Vokale vor den Personalendungen und das e vor dem Partizipkennzeichen nt schwanken zwischen kurz und lang; z.B.:
÷ nt-Partizip (= PPA):  capĭēns, capĭĕntis;
÷ Indikativ Imperfekt: capĭēbăm, capĭēbās, capĭēbăt, capĭēbāmus, capĭēbātis, capĭēbănt;
÷ Konjunktiv Präsens:  capĭăm, capĭās,capĭăt, capĭāmus, capĭātis, capĭănt; usw.
Eigentlich liegen beim Partizip ein kurzes ĕ (ĕnt), in den übrigen Fällen aber Langvokale vor; auf die Langvokale wirken die lateinischen Vokalkürzungsregeln, bei der Form capĭēns wirkt eine Vokaldehnungsregel.

(2) In der ĭ-Konjugation ist der Stammauslaut ĭ vor r und am Wortende in ĕ verwandelt; z.B.:
÷ 2.Sg. Indikativ Präsens Passiv:  *capĭris > capĕris;
÷ 1.Sg. Konjunktiv Imperfekt Aktiv:  *capĭrēm > capĕrĕm.
÷ Imperativ:  *capĭ > capĕ.
Ursache ist die ĭ-zu-ĕ-Regel.

(3) In der ĭ-Konjugation kann die Infinitiv-Passiv-Endung als mit dem Stammauslaut verschmolzen angesehen werden:  *capĭ-ī > capī.

(4) In der ĭ-Konjugation dient die 1.Sg. Konjunktiv Präsens zugleich als 1.Sg. Futur:
÷ capĭam; ebenso im Passiv: capĭar.
Der Grund liegt darin, dass in diesen Fällen die 1.Sg. Futur ursprünglich mit dem Indikativ Präsens gleich lautete (capiō). Als Ersatz dafür deutete man Wunschkonjunktive zum Futur um, z.B.: capĭam ich möge fangen > ich will fangen > ich werde fangen. (Vergleiche das englische Futur „I shall go / I will go“, was ursprünglich ich soll gehen / ich will gehen bedeutete.) Übrigens waren auch die anderen Futurformen dieser Konjugation ursprünglich Konjunktiv-Präsens-Formen, wie man in der ā-Konjugation noch sehen kann:  vocēs, vocet, vocēmus, vocētis, vocent (zu denen die 1.Sg. vocem neu gebildet wurde).

 

Lerntipp

Die ĭ-Konjugation kannst du ganz einfach aus der ī-Konjugation ableiten, indem du in der ī-Konjugation die Stammauslaut-i überall kurz machst und ĭ vor r und am Wortende in ĕ verwandelst (ĭ-zu-ĕ-Regel); z.B.:
÷ (aud)īmus > (cap)ĭmus (die Betonung ist bei audīmus auf dem ī, bei capĭmus auf dem a!);
÷ (aud)īre > *(cap)ĭre > (cap)ĕre (die Betonung ist bei audīre auf dem ī, bei capĕre auf dem a!);
÷ (aud)īrem > *(cap)ĭrem > (cap)ĕrem (die Betonung ist bei audīrem auf dem ī, bei capĕrem auf dem a!);
÷ Imperativ (aud)ī > *(cap)ĭ > (cap)ĕ.

Vergleiche die Formen beider Konjugationen in der Übersichtstabelle unter Konjugationen des Präsensstamms!

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