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Lexikon Latein

Konjunktiv

Andere Bezeichnungen:  Möglichkeitsform, Subjunktiv

 

Über das Wort „Konjunktiv“

Herkunft:  von lat. modus coniūnctīvus Anknüpfungsmodus (von coniungere verbinden, anknüpfen; gemeint ist, dass dieser Modus für Nebensätze charakteristisch ist, die an einen Hauptsatz „angeknüpft“, d.h. diesem untergeordnet sind; treffender ist in diesem Sinne die Bezeichnung „Subjunktiv“, von subiungere (unten) hinzufügen, unterordnen)
Genus:  Maskulin: der Konjunktiv
Plural:  die Konjunktive
Abkürzung:  Kjv., Konj.
(Beachte:  Die Abkürzung „Konj.“ ist missverständlich, da sie auch für „Konjugation“ und „Konjunktion“ verwendet wird.)

 

Definition

Der „Konjunktiv“ ist ein Modus. Unter „Konjunktiv“ versteht man eine Kategorie der Konjugation, die anzeigt, dass der Sprecher den Inhalt seiner Aussage als eine Vorstellung auffasst, die nicht oder nicht mit Sicherheit der Wirklichkeit entspricht.

Beachte:  Die Definition gibt nur die Funktion an, die den Konjunktiv zum Konjunktiv macht! Eine Zusammenstellung aller seiner Funktionen findest du unten.

 

Formen

Das Lateinische verfügt über die in der folgenden Liste genannten Konjunktive. Wir geben hier von jedem Konjunktiv nur die 3.Person Singular Aktiv an; es existieren natürlich zu jeder angegebenen Form alle drei Personen im Singular und Plural, und dies im Aktiv wie im Passiv, sodass jede angegebene Form als Beispiel für 3 x 2 x 2 = 12 Formen steht (nur dem Postpräsens und Postpräteritum fehlt das Passiv).
Sämtliche Formen der Konjunktive findest du in den Konjugationstabellen: Konjugationen des Präsensstamms, Konjugation des Perfektstamms sowie „Konjugation der Posttempora“ unter umschreibende Konjugation.

• Konjunktiv Präsens, z.B.:  audiat;
• Konjunktiv Imperfekt, z.B.:  audīret;
• Konjunktiv Perfekt, z.B.:  audīverit;
• Konjunktiv Plusquamperfekt, z.B.:  audīvisset;
• Konjunktiv Postpräsens, z.B.:  audītūrus sit;
• Konjunktiv Postpräteritum, z.B.:  audītūrus esset.

Wir geben hier absichtlich noch keine Übersetzung der Formen, da jede Form je nach Funktion verschieden übersetzt werden muss. Übersetzungen findest du unter den einzelnen Funktionen in den folgenden Abschnitten.

 

FUNKTIONEN

 

(A)  Wunsch

Im heutigen Deutsch ist die Wunschfunktion des Konjunktivs fast ausgestorben. Man kennt sie hauptsächlich noch aus Koch- und Arztrezepten und traditionellen Formeln. Verwendet wird der sogenannte „Konjunktiv I“. Z.B.: „Man gebe drei Löffel Zucker hinein.“, „Man nehme täglich eine Tablette.“, „Er lebe hoch!“, „Wohl bekomm’s!“, „Sei’s drum!“. Gewöhnlich werden Wünsche mit „soll“, „sollte“ oder „möge“ umschrieben; z.B.: „Das soll so bald wie möglich geschehen.“, „Wir sollten bald umkehren!“, „Mögest du alle Tage glücklich und zufrieden sein!“.

Im Lateinischen wird in Wunschsätzen generell der Konjunktiv gebraucht. Nur wenn der Wunsch als Befehl an eine Person gerichtet wird, steht der Imperativ.
 

(1)  Wünsche ohne Adressat

(a)  In Wünschen, die in der Gegenwart (genauer: in der an die Gegenwart anschließenden Zeit) verwirklicht werden sollen, steht der Konjunktiv Präsens. Z.B.:
÷ 1.Sg.  Vincam hodiē!  Möge ich heute siegen!
   2.Sg.  Vincās hodiē!  Mögest du heute siegen!
   3.Sg.  Vincat hodiē!  Möge er heute siegen!
   1.Pl.   Vincāmus hodiē!  Mögen wir heute siegen!
   2.Pl.   Vincātis hodiē!  Möget ihr heute siegen!
   3.Pl.   Vincant hodiē!  Mögen sie heute siegen!

Der Wunschcharakter des Satzes kann durch hinzugefügte Wunschwörter verdeutlicht werden, vor allem utinam wenn doch oder velim ich wollte (= Kjv.Präs. von velle), nōlim ich wollte nicht, mālim ich wollte lieber. Durch utinam und velim ändert sich die Bedeutung des Satzes nicht, wir können aber im Deutschen ähnliche Formulierungen wählen. Z.B.:
÷ 1.Sg.  Utinam vincam hodiē!  Wenn ich doch heute siegte!
  
2.Sg.  Utinam vincās hodiē!  Wenn du doch heute siegtest!
   usw.
÷ 1.Sg.  Velim vincam hodiē!  Ich wollte, ich siegte heute!
   2.Sg.  Velim vincās hodiē!  Ich wollte, du siegtest heute!
   usw.

(b)  In Wünschen, die in der Vergangenheit verwirklicht werden sollten, steht der Konjunktiv Imperfekt; wenn der Wunsch jedoch in seinen Folgen für die Gegenwart gedacht ist, steht Konjunktiv Perfekt:

• Wunsch für die Vergangenheit, ohne Gegenwartsbezug z.B.:
  ÷ Turpiter fūgit, potius pūgnāret!  (Kjv. Imperfekt)
     Schändlicherweise ist er geflohen, besser hätte er kämpfen sollen!
     (Dies ist im Deutschen ein irrealer Konjunktiv, im Lateinischen nur
     Wunschkonjunktiv; eigentlich: Besser sollte er (damals) kämpfen!,
     denn irreal ist nur das Kämpfen, nicht das Sollen;
     vergleiche „Verschobener Irrealis im Deutschen“ unter Indikativ.)

• Wunsch für die Vergangenheit, mit Gegenwartsbezug (selten!) z.B.:
  ÷ Utinam vērē augurāverim!  (Kjv. Perfekt)
     Möge ich doch richtig vorausgesagt haben!
 

(2)  Aufforderungen

Wünsche können an eine Person gerichtet werden, die sie ausführen soll; der Wunsch hat dann die Funktion einer Aufforderung. Auch in solchen Sätzen steht der Konjunktiv Präsens, allerdings ohne hinzugefügte Wunschwörter (utinam, velim usw.). Z.B.:
÷ 1.Sg.  Pūgnem!  Ich sollte kämpfen! = Ich will kämpfen!
   2.Sg.  Pūgnēs!  Du solltest/sollst kämpfen!
   3.Sg.  Pūgnet!  Er sollte/soll kämpfen!
   1.Pl.   Pūgnēmus!  Wir sollten kämpfen! = Lasst uns kämpfen!
   2.Pl.   Pūgnētis!  Ihr solltet/sollt kämpfen!
   3.Pl.   Pūgnent!  Sie sollten/sollen kämpfen!

Die Grammatiker haben sich eine Reihe von überflüssigen Namen für den Aufforderungskonjunktiv ausgedacht, je nach grammatischer Person(!!) wird er anders bezeichnet. Wir führen diese Namen hier auf, da sie vielleicht auch in deinen Schulbüchern verwendet werden:
• Aufforderung an die 1.Person Sg./Pl.:  Adhortativ = Coniūnctīvus adhortātīvus (ermahnender Konjunktiv);
• Aufforderung an die 2.Person Sg./Pl.:  imperativischer Konjunktiv = Coniūnctīvus imperātīvus (befehlender Konjunktiv; es handelt sich hierbei jedoch nicht um einen Befehl, sondern nur um eine Aufforderung, die oft sehr höflich gemeint ist), auch „Jussiv der 2.Person“;
• Aufforderung an die 3.Person Sg./Pl.:  Jussiv (oft auch falsch „Iussiv“ geschrieben) = Coniūnctīvus iussīvus (auffordernder Konjunktiv).
 

(3)  infrage gestellte Aufforderungen

Wünsche können zugleich Fragen sein. Wenn der Sprecher den Angesprochenen um einen Rat bittet, ob er etwas Bestimmtes tun soll, dann will der Sprecher, dass der Angesprochene ihn zu dieser Tätigkeit auffordert oder ihm davon abrät. Der Sprecher formuliert einen infrage gestellten Aufforderungssatz, der hauptsächlich für die 1.Person benötigt wird. Z.B.:
• Wunsch für die Gegenwart, z.B.:
  ÷ 1.Sg.  Pūgnem?  Soll ich kämpfen?
              
(Erwartete Antwort entweder: Pūgnēs! Du sollst kämpfen!,
               oder: Nē pūgnēs! Du sollst nicht kämpfen!)
     1.Pl.   Pūgnēmus?  Sollen wir kämpfen?
• Wunsch für die Vergangenheit, z.B.:
  ÷ 1.Sg.  Pūgnārem?  Hätte ich kämpfen sollen?
              
(Eigentlich: Sollte ich (damals) kämpfen?;
               vergleiche „Verschobener Irrealis im Deutschen“ unter Indikativ.)
     1.Pl.  Pūgnārēmus?  Hätten wir kämpfen sollen?

Die Grammatiker verwenden für den Konjunktiv in dieser Aufforderungsfrage die nicht ganz passende Bezeichnung Coniūnctīvus dēlīberātīvus (Konjunktiv der Überlegung, deliberativer Konjunktiv). Sie passt eigentlich nur in den Fällen, wo der Sprecher die Frage „Soll ich ...?“ an sich selber richtet, er kann mit dieser Frage aber ebenso gut Rat von einer anderen Person erbitten.

Es sind auch Fälle möglich, wo diese Konjunktivfunktion auf die dritte Person angewendet wird:
÷ 3.Sg.  Pūgnet?  Soll er kämpfen?
   3.Pl.   Pūgnent?  Sollen sie kämpfen?
Eine Anwendung auf die 2.Person (Pūgnēs? Sollst/solltest du kämpfen?Pūgnētis? Sollt/solltet ihr kämpfen?) ist jedoch selten sinnvoll.
 

(4)  konzessive Wünsche

In manchen Sätzen wünscht sich der Sprecher eine Sache nur zum Schein, er macht ein Zugeständnis (= eine Konzession), um klarzumachen, dass auch die Gültigkeit dieser Sache nichts an der Gültigkeit seiner Hauptaussage ändern würde. Meist ist als Konzessiv-Kennzeichen das Wort sānē in der Tat, meinetwegen hinzugefügt.  Z.B.:
÷ Fugiant (sānē) omnēs, egō pūgnābō!
   Es mögen (meinetwegen) alle fliehen, ich aber werde kämpfen!
 

(5)  verneinte Wünsche

Zur Verneinung von Wünschen jeder Art wird die Negation (Bedeutung: nicht) oder das Wunschwort nōlim ich wollte nicht verwendet. Z.B.:
÷ vincat hodiē!  Möge er heute nicht siegen!
÷ pūgnēmus!  Wir sollten nicht kämpfen!
÷ Potius fugeret!  Besser wäre er nicht geflohen!
÷ sit sānē summum malum dolor, malum certē est.
   Der Schmerz mag meinetwegen nicht das größte Übel sein,
   ein Übel ist er aber mit Sicherheit
.

Scheinbare Ausnahme:  Bei infrage gestellten Aufforderungen („deliberativer“ Konjunktiv) erscheint die Negation nōn. Es handelt sich hier aber nicht um die gewöhnliche Verneinung nōn mit der Bedeutung: nicht, sondern um eine Variante der Fragepartikel nōnne? etwa nicht?, die anzeigt, dass eine positive Antwort erwartet wird. Z.B.:
÷ Nōn pūgnem?  Soll ich etwa nicht kämpfen?
  
(Erwartete Antwort nur: Pūgnēs! Du sollst kämpfen!)

Sonderregel für die 2.Person in verneinten Aufforderungssätzen:
Hier wird der Konjunktiv Präsens meist durch den Konjunktiv Perfekt ersetzt (als sogenannter Prohibitiv = Coniūnctīvus prohibitīvus Konjunktiv des Hinderns); dieser hat dann keine Vergangenheitsbedeutung! Dieser Konjunktivgebrauch ist ein uraltes Überbleibsel aus der Sprachgeschichte und innerhalb des Lateinischen eine unbegründbare Unregelmäßigkeit (vergleiche den Konjunktiv Perfekt als Potentialis der Gegenwart, siehe unten). Z.B.:
÷ Nē fūgeris! (= Nē fugiās!Du sollst nicht fliehen!, Fliehe nicht!
Die Verbindung + Konjunktiv Perfekt dient auch als Ersatz für den verneinten Imperativ, da im Lateinischen die Imperative nicht verneint werden dürfen. (Auch diese Regel ist nur ein kurioses Überbleibsel aus der Sprachgeschichte!) Eine andere Ersatz-Möglichkeit ist Imperativ von nōlle + Infinitiv des jeweiligen Verbs, z.B.:
÷ Nōlī fugere!  („Wolle nicht fliehen!“ =) Fliehe nicht!
Siehe auch unter umschreibende Konjugation.
 

(6)  Wunsch-Nebensätze

Wunsch-Nebensätze unterscheiden sich von Wunsch-Hauptsätzen darin, dass der Wünschende nicht der Sprecher des Textes, sondern der Handelnde des übergeordneten Satzes ist (Ausnahme: Finalsatz mit übergeordnetem Wunschsatz, siehe unten). Wunsch-Nebensätze sind entweder Objektsätze (bzw., bei übergeordnetem Passiv-Verb, Subjektsätze) oder Finalsätze (= ein Typ des Adverbialsatzes). Sie werden eingeleitet durch die Subjunktionen ut dass, (oder seltener ut nē) dass nicht. (Beachte: Hier ist nē nicht nur Negation des Wunschsatzes, sondern zugleich Subjunktion!)

In Wunsch-Nebensätzen stehen dieselben Konjunktive wie in Wunsch-Hauptsätzen (siehe oben):
• Wenn sie in der Gegenwart (genauer: in der an die Gegenwart anschließenden Zeit) verwirklicht werden sollen, steht der Konjunktiv Präsens.
• Wenn sie in der Vergangenheit verwirklicht werden sollten, steht der Konjunktiv Imperfekt.

(a)  Wunsch-Objektsatz/Subjektsatz bei Verben des Wünschens und Sagens/Meinens; z.B.:

• Gegenwart:  Imperātor mīlitēs monet, ut fortiter pūgnent. (Kjv.Präs.)
  Der Feldherr mahnt die Soldaten, dass sie tapfer kämpfen sollen = tapfer zu kämpfen.

• Vergangenheit:  Imperātor mīlitēs monuit, ut fortiter pūgnārent. (Kjv.Impf.)
  Der Feldherr mahnte die Soldaten, dass sie tapfer kämpfen sollten = tapfer zu kämpfen.

• Gegenwart, negativer Wunsch:  Imperātor mīlitēs monet, nē fugiant. (Kjv.Präs.)
  Der Feldherr mahnt die Soldaten, dass sie nicht fliehen sollen = nicht zu fliehen.

• Gegenwart, übergeordnetes Passiv-Verb: 
  Optandum est, ut mīlitēs fortiter pūgnent. (Kjv.Präs.)
  (Es muss gewünscht werden =) Es ist zu wünschen, dass die Soldaten tapfer kämpfen.
  (Wer oder was ist zu wünschen? > Wunschsatz als Subjektsatz.)

(b)  Wunsch-Objektsatz/Subjektsatz bei Verben des Fürchtens und Hinderns.
Diese enthalten im Vergleich zur deutschen Übersetzung eine zusätzliche Negation, z.B.:

• Gegenwart, Verb des Fürchtens:
  Incolae timent, exercitus urbem expūgnet.
  Die Einwohner fürchten, dass das Herr die Stadt erobert/ erobern wird.
  (Wörtlich: Die Einwohner fürchten, das Heer möge die Stadt nicht erobern.)
Erklärung: Das Deutsche bildet den Objektsatz als Tatsachensatz im Indikativ, d.h. die Einwohner fürchten die Tatsache, dass... Das Lateinische bildet den Objektsatz dagegen als Wunschsatz im Konjunktiv. Wenn man fürchtet, dass etwas geschieht, wünscht man zugleich, dass es nicht geschieht. Der lateinische Wunschsatz erfordert also eine zusätzliche Negation, die im deutschen Tatsachensatz nicht mitübersetzt werden kann.

• Vergangenheit, Verb des Fürchtens:
  Incolae timēbant, exercitus urbem expūgnāret.
  Die Einwohner fürchteten, dass das Herr die Stadt erobern würde/könnte.

• Vergangenheit, Verb des Fürchtens, doppelte Negation:
  Incolae timēbant, nē nōn exercitum ab urbe arcērent.
  Die Einwohner fürchteten, dass sie das Heer nicht von der Stadt abwehren könnten.
  (Wörtlich: Die Einwohner fürchteten, sie mögen das Heer... nicht nicht abwehren.)

• Die doppelte Negation kann durch ut ersetzt werden; dann steht im Deutschen eine Negation mehr als im Lateinischen!
  Incolae timēbant, ut exercitum ab urbe arcērent.
  Die Einwohner fürchteten, dass sie das Heer nicht von der Stadt abwehren könnten.
  (Wörtlich: Die Einwohner fürchteten (und wünschten sich dabei), sie mögen das Heer
  von der Stadt abwehren
.)

• Vergangenheit, Verb des Hinderns: 
  Incolae exercitum impediēbant, urbem expūgnāret.
  Die Einwohner hinderten das Heer (daran), dass es die Stadt eroberte
  = die Stadt zu erobern.
  (Wörtlich: Die Einwohner hinderten das Heer, es möge nicht die Stadt erobern.)

(c)  Finalsatz (= ein Typ des Adverbialsatzes, ein Supplementsatz)
Finalsätze bezeichnen den Zweck, zu dem die Handlung des übergeordneten Satzes ausgeführt wird. Da der Zweck die erwünschte Folge ist, sind Finalsätze im Lateinischen als Wunschsätze konstruiert. Gewöhnlich handelt es sich um den Wunsch des Handelnden des übergeordneten Satzes. In Finalsätzen muss ut mit damit, um... zu und mit damit nicht, um... nicht zu übersetzt werden. Z.B.:

• Gegenwart:  Incolae mūrōs augent, ut exercitum ab urbe arceant.
  Die Einwohner verstärken die Mauern, damit sie das Heer von der Stadt abwehren
  können = um das Heer von der Stadt abzuwehren
.

• Vergangenheit:  Incolae mūrōs auxērunt, ut exercitum ab urbe arcērent.
  Die Einwohner verstärkten die Mauern, damit sie das Heer von der Stadt abwehren
  konnten = um das Heer von der Stadt abzuwehren
.

• Gegenwart, verneint:  Incolae mūrōs augent, exercitus urbem expūgnet.
  Die Einwohner verstärken die Mauern, damit das Heer die Stadt nicht erobern kann.

• abhängig von Wunschsatz (mit Konjunktiv oder Imperativ):
— Der Wünschende ist der Handelnde des übergeordneten Satzes, z.B.:
     ÷ Fuge, nē occīdāris!
        Flieh, damit du nicht getötet wirst!
        (Der Fliehende wünscht, nicht getötet zu werden.)
— Der Wünschende ist der Sprecher des Textes:
     ÷ Dē viā dēcēde, ut praeteream!
        Geh aus dem Weg, damit ich vorübergehen kann!
        (Der Sprecher wünscht selber, vorüberzugehen.)
 

(7)  unerfüllbare Wünsche

In unerfüllbaren Wünschen ist der lateinische Wunschkonjunktiv nicht anwendbar. Stattdessen stehen sie im irrealen Konjunktiv, also Konjunktiv Imperfekt für die Gegenwart, Konjunktiv Plusquamperfekt für die Vergangenheit. Damit der Wunschcharakter der Sätze trotzdem deutlich wird, muss immer eines der Wunschwörter hinzutreten: utinam wenn doch oder vellem ich wollte (= Kjv.Impf. von velle), nōllem ich wollte nicht, māllem ich wollte lieber. Auch die Negation macht deutlich, dass trotz irrealem Konjunktiv ein Wunschsatz vorliegt (die gewöhnliche Negation in irrealen Sätzen ist nōn). Z.B.:
÷ Utinam manēret!  Wenn er doch bliebe!
÷ Vellem manēret!  Ich wünschte, er bliebe!
÷ Utinam mānsisset!  Wenn er doch geblieben wäre!
÷ Vellem mānsisset!  Ich wünschte, er wäre geblieben!
In verneinten Wünschen:
÷ Utinam nē abīsset!  Wenn er doch nicht weggegangen wäre!
÷ Vellem nē abīsset!  Ich wünschte, er wäre nicht weggegangen!
÷ Nōllem abīsset!  Ich wünschte, er wäre nicht weggegangen!

 

(B)  Nichtwirklichkeit (= Irrealis)

Durch den irrealen Konjunktiv zeigt der Sprecher an, dass die Satzaussage nicht wahr ist, aber unter bestimmten Bedingungen wahr wäre, die nicht erfüllt sind. Der Sprecher stellt also eine Behauptung auf über eine Situation, die nicht eingetreten ist bzw. nicht eintreten wird.

Irreale Aussagen über die Gegenwart stehen im Konjunktiv Imperfekt; er entspricht im Deutschen dem Konjunktiv Präteritum oder, wenn dieser nicht eindeutig ist, ersatzweise auch „würde“ + Infinitiv. Z.B.:
÷ Sī sānus esset, venīret.
   Wenn er gesund wäre, käme er. (Aber er ist nicht gesund.)
÷ Sī exercitus urbem expūgnāret, incolae fugerent.
   Wenn das Heer die Stadt eroberte (= erobern würde), flöhen die Einwohner.

• Irreale Aussagen über die Vergangenheit stehen im Lateinischen wie im Deutschen im Konjunktiv Plusquamperfekt. Z.B.:
÷ Sī sānus fuisset, vēnisset.
   Wenn er gesund gewesen wäre, wäre er gekommen. (Aber er war nicht gesund.)
÷ Sī exercitus urbem expūgnāvisset, incolae fūgissent.
   Wenn das Heer die Stadt erobert hätte, wären die Einwohner geflohen.

Hinweis zur Bezeichnungsweise:  Im Deutschen werden Konjunktiv Präteritum und Konjunktiv Plusquamperfekt unter der Bezeichnung „Konjunktiv II“ zusammengefasst.

 

(C)  Möglichkeit (= Potentialis)

Potentiale Aussagen über die Gegenwart stehen im Konjunktiv Präsens (Kjv.Präs.) oder Konjunktiv Perfekt (Kjv.Pf.) (ohne Vergangenheitsbedeutung!), über die Vergangenheit im Konjunktiv Imperfekt (Kjv.Impf.) oder bei Bezug zur Gegenwart im Konjunktiv Perfekt. Der potentiale Konjunktiv kann drei Bedeutungen haben:

(1)  Vermutung
Im Deutschen wird im Nebensatz Indikativ der Gegenwart (bzw. Vergangenheit) oder „sollen“ + Infinitiv gebraucht, im Hauptsatz „wohl“ + Futur (bzw. Futurperfekt = Futur II). Z.B.:
÷ Sī exercitus urbem expūgnāverit, incolae fugiant.
   Wenn das Heer die Stadt (erobert haben sollte =) erobern sollte, werden die Einwohner wohl fliehen.
÷ Sī līs in iūdiciō sitKJV.PRÄS, propinquum potius et amīcum quam vīcīnum
   dēfenderisKJV.PF.

   Wenn ein Streit vor Gericht (gekommen) ist, wirst du wohl eher
   einen Verwandten und einen Freund verteidigen als einen Nachbarn
.

(2)  behauptete Möglichkeit
Bezeichnet die Behauptung, dass etwas geschehen kann oder konnte. Im Deutschen wird mit irrealem Konjunktiv übersetzt. Z.B.:
÷ Diēs dēficiatKJV.PRÄS, sī velimKJV.PRÄS ēnumerāre, quibus bonīs male
   ēvēneritKJV.PF.

   Der Tag würde nicht ausreichen, wenn ich die Guten aufzählen wollte,
   denen es schlecht ergangen ist
.
   (Wörtlich: ... wenn ich aufzählen wollte, welchen Guten es schlecht ergangen ist.
   Im Relativsatz steht überflüssigerweise der potentiale Konjunktiv ēvēnerit
   als Angleichung an den übergeordneten Satz.)

(3)  höfliche Abmilderung von Wünschen
Im Deutschen übersetzen wir mit Höflichkeitsformeln im irrealen Konjunktiv. Z.B.:
÷ VelimKJV.PRÄS scīre, quid dē eō librō sentiāsKJV.PRÄS.
   (Ich würde wissen wollen =) Ich wüsste gerne, was du über dieses Buch denkst.
   (Aber sentiās ist Konjunktiv der indirekten Rede im Frage-Nebensatz, siehe unten.)

 

(D)  indirekte Rede (= Oblīquus, Ōrātiō oblīqua)

In der lateinischen indirekten Rede stehen alle Aussage-Hauptsätze im ACI, alle übrigen Haupt- und Nebensätze im Konjunktiv. Im Unterschied zum Deutschen gelten im Lateinischen ausnahmslos alle Frage-Nebensätze als indirekte Rede. Genaueres dazu findest du unter indirekte Rede.

 

(E)  angedeutetes Sinnverhältnis

 

(1)  Sinnverhältnis beim Relativsatz

Die möglichen Funktionen eines Relativsatzes stimmen weitgehend mit denen eines PC überein. Wie das PC ist ein Relativsatz immer Attribut zu einem Gegenstand des übergeordneten Satzes. Gleichzeitig kann der Relativsatz, wie das PC, als Adverbial zum übergeordneten Satz dienen. Vor allem kann er einen Grund (= kausal), Gegengrund (= konzessiv), Gegensatz (= adversativ), Zweck (= final) oder Folge (= konsekutiv) angeben. Als Adverbial steht der Relativsatz im Konjunktiv. Im Deutschen übersetzen wir mit einem Subjunktionalsatz (= Nebensatz mit unterordnender Konjunktion) im Indikativ; gelegentlich ist auch ein Relativsatz in Verbindung mit sinnverdeutlichendem Adverb möglich.

(a)  Grund (= kausal); z.B.:
÷ Mīlitēs, quī multās hōrās pūgnāvissent, fessī erant.
   Die Soldaten waren erschöpft, weil sie viele Stunden gekämpft hatten.
   = Die Soldaten, die viele Stunden gekämpft hatten, waren deswegen erschöpft.

(b)  Gegengrund (= konzessiv); z.B.:
÷ Mīlitēs, quī multās hōrās pūgnāvissent, fessī nōn erant.
   Die Soldaten waren nicht erschöpft, obwohl sie viele Stunden gekämpft hatten.
   = Die Soldaten, die doch viele Stunden gekämpft hatten, waren nicht erschöpft.
   = Die Soldaten, die viele Stunden gekämpft hatten, waren trotzdem nicht erschöpft.

(c)  Gegensatz (= adversativ); z.B.:
÷ Mīlitēs, quī superiōre diē ācriter pūgnāvissent, tum pūgnāre recūsābant.
   Während die Soldaten am Vortag leidenschaftlich gekämpft hatten, weigerten sie
   sich jetzt, zu kämpfen.

   = Die Soldaten, die doch am Vortag leidenschaftlich gekämpft hatten, weigerten
   sich jetzt, zu kämpfen.

(d)  Zweck (= final); z.B.:
÷ Imperātor mīsit mīlitēs, quī urbem expūgnārent.
   Der Feldherr schickte Soldaten, die die Stadt erobern sollten
   = damit sie die Stadt eroberten.

(e)  Folge (= konsekutiv):
Bezeichnet die tatsächliche oder mögliche Folge; z.B.:
÷ Urbs tam valida erat, quae exercitum arcēret.
   Die Stadt war so stark, dass sie das Heer abwehren konnte.
 

(2)  Sinnverhältnis bei cum- und ut-Sätzen

Die Subjunktionen cum und ut (verstärkt: utī) sind ursprünglich Relativadverbien, leiten also Relativsätze ein. Ihre ursprünglichen Bedeutungen werden besonders in folgenden Verbindungen deutlich:
tum... cum...  dann... wenn...
ita... ut...  so... wie...
Wenn diese Subjunktionen sich mit Indikativ verbinden, sind sie ihrer ursprünglichen Bedeutung nahe bzw. werden zeitlich verwendet. Bei Verbindung mit Konjunktiv übernehmen sie im Wesentlichen die gleichen Funktionen, die der Konjunktiv im Relativsatz hat (siehe oben). Dabei erhält cum gleichzeitige und vorzeitige Funktionen (Umstände, Grund, Gegengrund, Gegensatz: alles, was schon ist oder vorher war), während ut nachzeitige Funktionen annimmt (Zweck, Folge, konzessiver Wunsch, Wunsch: alles, was sich erst später erfüllen soll oder wird).

cum:  1. mit Indikativ:
  — (zeitlich) als
       ÷ Eō tempore apparuistī, cum necesse erat.
          Du bist zu der Zeit erschienen, als es nötig war.
  — (verallgemeinernd) immer wenn
       ÷ Cum dubitāmus, invalidī sumus.
          Immer wenn wir zweifeln, sind wir schwach.
  — (sachidentisch mit übergeordnetem Satz) indem
       ÷ Cum rapuistī, iniūriam fēcistī.
          Indem du raubtest, hast du Unrecht begangen.
  2. mit Konjunktiv:
  — (Umstände) als
       ÷ Mīlitēs cum flūvium trānsīssent, castra posuērunt.
          Als die Soldaten den Fluss überquert hatten, schlugen sie ein Lager auf.
  — (Grund) weil
       ÷ Incolae cum timērent, fūgērunt.
          Weil die Einwohner sich fürchteten, flohen sie.
  — (Gegengrund) obwohl
       ÷ Incolae cum timērent, nōn fūgērunt.
          Obwohl die Einwohner sich fürchteten, flohen sie nicht.
  — (Gegensatz) während
       ÷ Mīlitēs cum herī pūgnāverint, hodiē fugiunt.
          Während die Soldaten gestern gekämpft haben, fliehen sie heute.

ut (oder utī):  1. mit Indikativ:
  — (Art und Weise, Übereinstimmung) wie
       ÷ Sōl, ut scīmus, māior est terrā.
          Die Sonne ist, wie wir wissen, größer als die Erde.
  — (zeitlich, immer mit Perfekt) sobald
       ÷ Quīntus diēs erat, ut Rōmam vēnit.
          Es war der fünfte Tag, seit er nach Rom gekommen war.
  — (zeitlich) seit
       ÷ Ut Rōmam vēnit, amīcōs vīsit.
          Sobald er nach Rom kam, besuchte er seine Freunde.
  2. mit Konjunktiv:
  — (Zweck im Wunsch-Kjv., siehe oben: Wunsch-Nebensätze) damit
       ÷ Imperātor mīsit mīlitēs, ut urbem expūgnārent.
          Der Feldherr schickte Soldaten, damit sie die Stadt eroberten.
  — (Folge im ursprünglich potentialen Kjv., siehe oben: Potentialis) sodass, dass
       ÷ Urbs tam valida erat, ut exercitum arcēret.
          Die Stadt war so stark, dass sie das Heer abwehren konnte.
  — (Gegengrund im konzessiven Wunsch-Kjv., siehe oben) wenn auch
       ÷ Ut dēsint vīrēs, tamen est laudanda voluntās.
          Wenn auch die Kräfte (zum Erfolg) fehlen, so ist doch der (gute) Wille zu loben.
  — (Objekt-/Subjektsätze im Wunsch-Kjv., siehe oben: Wunsch-Nebensätze) dass
       ÷ Ōrō tē, ut veniās.
          Ich bitte dich, dass du kommst = zu kommen.

 

(F)  charakterisierender Relativsatz

Der lateinische Konjunktiv steht auch in Relativsätzen, die dem Gegenstand, den sie beschreiben, eine charakteristische Tätigkeit oder Eigenschaft zuordnen. Dabei muss die Tätigkeit nicht unbedingt wirklich stattgefunden haben bzw. die Eigenschaft nicht wirklich schon vorhanden sein, es genügt, wenn die Person oder Sache zu der Tätigkeit bzw. Eigenschaft fähig ist (Ähnlichkeit mit behaupteter Möglichkeit, siehe oben unter Potentialis). Wir übersetzen mit Indikativ; in vielen Fällen kann die Möglichkeit oder Fähigkeit durch „können“ ausgedrückt werden. Z.B.:
÷ Mīlitēs sunt, quī perīculō mortis fugiant.
   Es gibt Soldaten, die bei Todesgefahr fliehen.
÷ Hominēs habent mentem ācrem, quae causās rērum videat.
   Die Menschen haben einen scharfen Verstand, der die Ursachen der Dinge sieht (= sehen kann).

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