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Lexikon Deutsch

Von der Wende bis zur Gegenwart (ab 1990)

Historische Zusammenhänge

Tausende von DDR-Bürgern flüchteten 1989 über Ungarn, die Tschechoslowakei und Polen in die Bundesrepublik Deutschland. Im Zuge einer gewaltlosen Revolution („Wir sind das Volk“) wurde Honecker zum Rücktritt gezwungen; die Mauer wurde am 9. November 1989 geöffnet; die Geschichte der DDR endete mit dem 3. Oktober 1990, als die fünf wieder gegründeten Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland beitraten.

Der Wendepunkt deutscher Geschichte bedeutete zugleich einen Wendepunkt europäischer und weltpolitischer Geschichte. Mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurde das letzte multinationale Großreich Vergangenheit. Der Warschauer Pakt löste sich auf; es gab keinen sozialistischen Staat mehr in Europa. In Deutschland und Europa tauchten Mentalitäten wieder auf, die längst verschwunden zu sein schienen: Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Auch für den Übergang vom 20. zum 21. Jh. ließ sich ein Epochenumbruch konstatieren: Auf dem Weg zur Wissens-, Informations- und Mediengesellschaft zerfiel die bisherige Wohlstandsgesellschaft zusehends. Die Globalisierung zeigte sich als Prozess einer zunehmenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verflechtung aller Volkswirtschaften und Kulturen der Welt, mit großen Vorzügen, aber auch Nachteilen.

Zur Literaturentwicklung

Die Jahre 1989/1990 markierten einen scharfen Einschnitt, denn die bisherigen Zuordnungskriterien stimmten nicht mehr. Die Literatur der 1990er-Jahre war u. a. bestimmt von folgenden Problemen: Arbeitslosigkeit, Identitätskonflikte, Verhalten gegenüber Ausländern, Ost-West-Irritationen, neue Hauptstadt Berlin, Naturzerstörung, Multimedia. Es ging thematisch auch um die Widersprüche, mit denen die Menschen in dieser Zeit leben mussten, um Umbrüche und Veränderungen im Leben, in der Natur und in der Gesellschaft sowie ihre Wirkung auf den Einzelnen. Es ging auch um Wünsche und Visionen. Nach der Wende entstand eine Fülle von Literatur zum Thema Wiedervereinigung. Diese Thematik wurde z. T. verknüpft mit historischen Erinnerungen und biografischem Schreiben (z. B. Erich Loest, Nicolaikirche, Martin Walser, Ein springender Brunnen, Günter Grass, Ein weites Feld). Ein besonderes Kennzeichen der Gegenwartsliteratur ist die Vielfalt der Schreibstile und literarischen Formen und ihr sprachlicher Facettenreichtum.

Zu Beginn der 1990er-Jahre kündigte sich auch ein Generationenwechsel der Schriftsteller an. Die neue Literatengeneration nahm Abschied vom bislang gültigen Selbstverständnis des Dichters mit der Vergangenheit als unumstößlichen Bezugspunkt und der Überzeugung, dass große Werke im überzeitlichen Sinne weiterwirken. Mit der Kritik an früheren Entwicklungen (einschließlich der Kritik an Symbolfiguren der Vätergeneration, z. B. Martin Walser, Peter Handke, Hans Magnus Enzensberger) verband sich die Vorstellung, Literatur dürfe keine Funktion übernehmen (um nicht funktionalisiert werden zu können). Dies wurde auch als Ausdruck einer neu gewonnenen Freiheit angesehen.

Der Verzicht auf alles Bedeutende verband sich mit einer Sprache, die sich bewusst provisorisch gab (vgl. Ingo Schulze, Simple Storys). Es ist in den letzten zehn Jahren selten geworden, dass ein Schriftsteller, sieht man einmal von den prominenten Autoren wie Günter Grass, Martin Walser, Siegfried Lenz ab, über den rein literarischen Bereich hinaus Aufmerksamkeit oder gar politischen Einfluss erlangt.

In der sogenannten Migrantenliteratur - es leben heute mehr als 7 Mio. Menschen ausländischer Abstammung unter uns - ist die Anzahl der türkischen Autoren mit Abstand am größten. Für die zweisprachigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen bestimmen unterschiedliche Motive und Inhalte den Schreibprozess: Erfahrungen in der Fremde, Orientierungssuche, Sprach- und Identitätsverlust sowie besondere Lebensbedingungen von Frauen (z. B. Renan Demirkan, Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker, 1991).


Beständige Themen der Literatur bis zur aktuellen Gegenwart sind vor allem:

  • Lebensprobleme des modernen Menschen
  • Probleme der Informationsgesellschaft und der Globalisierung
  • historische Biografien
  • Terrorismus
  • Nationalsozialismus; Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit

 

Auswahl wichtiger Autoren und Werke

Günter Grass (1927-2015): Ein weites Feld; Mein Jahrhundert; Im Krebsgang

Martin Walser (geb. 1927): Verteidigung der Kindheit; Finks Krieg

Christa Wolf (1929 -2011): Medea. Stimmen

Rolf Hochhuth (geb. 1931): Effis Nacht

Reiner Kunze (geb. 1933): Deckname Lyrik

Uwe Timm (geb. 1940): Die Entdeckung der Currywurst

Christoph Hein (geb. 1944): Gegen die Laufrichtung

Bernhard Schlink (geb. 1944): Der Vorleser; Selbs Betrug; Liebesfluchten; Die Heimkehr

Botho Strauss (geb. 1944): Wohnen Dämmern Lügen

Daniela Dahn (geb. 1949): Wir bleiben hier oder wem gehört der Osten?

Herta Müller (geb. 1953): Atemschaukel

Renan Demirkan (geb. 1955): Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker

Robert Schneider (geb. 1961): Schlafes Bruder; Die Luftgängerin

Ingo Schulze (geb. 1962): Simple Storys

Marcel Beyer (geb. 1965): Flughunde

Terézia Mora (geb. 1971): Das Ungeheuer

Daniel Kehlmann (geb. 1975): Die Vermessung der Welt; Ruhm; F

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