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Lexikon Deutsch

Poetischer (oder bürgerlicher) Realismus (um 1848-1890)

Historische Zusammenhänge

Das Scheitern der bürgerlich-demokratischen Revolution 1848/49 veränderte die gesellschaftlich-politische Situation; 1871 siegte mit der Gründung des neuen deutschen Reiches durch Bismarck das Prinzip der nationalen Einheit über liberal-demokratische Prinzipien. Zur Veränderung der Gesellschaft trugen auch folgende Faktoren bei:

  • neue Erkenntnisse in den Naturwissenschaften, Erfindungen im Bereich der Technik und Medizin, damit verbunden ein teilweise naiver Fortschrittsglaube und die allmähliche Infragestellung bzw. Auflösung religiöser und ethischer Bindungen,
  • Zunahme der Bevölkerung, Landflucht und Verstädterung,
  • industrieller Fortschritt und die sich daraus ergebenden sozialen Probleme (Verelendung von Teilen der Bevölkerung, Gegensatz zwischen vermögendem Bürgertum und dem Proletariat, Entstehen der sozialen Frage),
  • Familienzeitschriften (als Vorläufer unserer Illustrierten) als beherrschende Formen des literarischen Marktes des 19. Jahrhunderts; hervorzuheben ist die Gartenlaube (gegr. 1853), deren Starautorin Eugenie Marlitt insbesondere durch ihre Romane bekannt wird; Merkmale der Familienzeitschriften sind u. a.: Unterhaltungscharakter, ansprechende Gestaltung und idealisierende Bebilderung, allgemeine Verbreitung, Vermeiden von Tabuthemen.

Kennzeichen der Epoche

Das Lebensgefühl der Zeit war durch die Spannung zwischen Altem und Neuem geprägt: Das Bewusstsein irdischer Vergänglichkeit, Zweifel, Ironie und Resignation ging mit der Erkenntnis einher, dass man sich dem Neuen nicht verschließen konnte. Zentrales Thema der Literatur war der Mensch und seine Beziehung zu Umwelt und Wirklichkeit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verband sich mit dem Begriff Realismus die Orientierung an der Wirklichkeit und die Abwendung von der idealistischen Weltsicht der Klassik und Romantik. Die Schriftsteller nutzten eine  realistische Schreibweise, um sich inhaltlich der erfahrbaren Wirklichkeit und den Realitäten des Lebens zuzuwenden. Dargestellt werden sollte die zeitgenössische Wirklichkeit, gleichzeitig wurde aber auch das Typische, Wesentliche und Immergültige hervorgehoben. Negative Seiten des Lebens wie Armut und Elend, Krankheit und Tod werden in der realistischen Literatur zwar oft dargestellt, doch häufig auch in einem humorvollen und versöhnlichen Ton. Der Humor erlaubt es, dass gleichzeitig die negativen Aspekte und die Freiheit und Souveränität des "realistischen" Beobachters vermittelt werden können. Im Unterschied zum Jungen Deutschland wird die Eigenständigkeit des Kunstwerks betont.

ZITAT

Theodor Fontane erklärte den Realismus so:

„Vor allen Dingen verstehen wir nicht darunter das nackte Wiedergeben alltäglichen Lebens, am wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten […]. Er [der Realismus] ist die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst […]. Er umfängt das ganze reiche Leben, das Größte wie das Kleinste […]. Denn alles das ist wirklich. Der Realismus will nicht die bloße Sinnenwelt und nichts als diese; er will am Allerwenigsten das bloß Handgreifliche, aber er will das Wahre. Er schließt nichts aus als die Lüge, das Forcierte, das Nebelhafte, das Abgestorbene - vier Dinge, von denen wir glauben, eine ganze Literaturepoche bezeichnet zu haben.“ (1835)

Das Denken der Dichter wurde entscheidend angeregt durch die deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) und Friedrich Nietzsche (1844-1900), die eine eher pessimistische Weltorientierung vermitteln. International wegweisend waren vor allem der englische Dichter Charles Dickens (z. B. Oliver Twist), französische Dichter (Balzac, Flaubert, Zola) sowie russische Literaten (Turgenjew, Tolstoi, Dostojewski).

Bevorzugte Gattungen

Epische Formen

Novelle (als geschlossenste Form einer Erzählung); Roman. Die große Beliebtheit der epischen Formen hing mit der weiten Verbreitung zusammen, die diese Texte in Familienzeitschriften und Leihbibliotheken fanden.

Lyrik

Viele Gedichte entsprechen inhaltlich und formal eher dem, was auch schon für die Werke der Vergangenheit kennzeichnend war. Es dominieren daher auch eher zeitlose Themen wie Liebe, Heimat, Naturerleben. Die Lyrik hat eine geringere Bedeutung als die erzählende Literatur.

Auswahl wichtiger Autoren und Werke

Friedrich Hebbel (1813-1863): Maria Magdalena

Theodor Storm (1817-1888): Hans und Heinz Kirch; Der Schimmelreiter; Gedichte

Theodor Fontane (1819-1898): Effi Briest; Der Stechlin; Gedichte/Balladen

Gottfried Keller (1819-1890): Der grüne Heinrich; Romeo und Julia auf dem Dorfe

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898): Das Amulett; Gustav Adolfs Page

Wilhelm Raabe (1831-1910): Die Chronik der Sperlingsgasse; Der Hungerpastor

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