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Lexikon Deutsch

Naturalismus (um 1890-1900)

Zeitgeschichtliche Rahmenbedingungen

Europa erlebte gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen Epochenumbruch, der viele menschliche Lebensbereiche berührte. In rasendem Tempo vollzogen sich technologische und naturwissenschaftliche Veränderungen. Sigmund Freuds Theorien eröffneten eine neue Sicht des menschlichen Seelenlebens. Großstädte wurden zu Metropolen mit neuen Medien (Film, Rundfunk, Fernsehen), neuer Massenkultur (Boulevardpresse) und neuen Informationsmitteln (Telefon, Telegraf, Schreibmaschine). Der Glaube an ein einheitliches Weltbild galt in der aufkommenden industriellen Massengesellschaft als längst zerbrochen.

Der Naturalismus ging geistesgeschichtlich aus dem Realismus hervor. Er wurde auch als konsequenter Realismus bezeichnet. In der Literatur standen folgende Zielsetzungen im Vordergrund:

  • Es wurden realistische Gestalten geschaffen und dabei die den Menschen in seinem Verhalten determinierenden Faktoren (Milieu, Psyche, Vererbung, Triebe, Arbeitswelt, Sozialstruktur) analysiert und dargestellt.
  • Soziale Themen (Proletarisierung, Emanzipation der Frau) traten ins Zentrum, auch Alltägliches, Hässliches und Triebhaftes war Gegenstand der Poesie; selbst tabuisierte Themen (wie Geisteskrankheit, Alkoholismus) fanden Eingang in die Literatur. Oft rückten von der Gesellschaft ausgestoßene Personen der unteren Klassen ins Zentrum der Texte.
  • Im Drama wurde insbesondere die Determiniertheit des menschlichen Handelns herausgestellt (vgl. oben). Damit im Zusammenhang stand auch die Wiederentdeckung von Georg Büchner (Dramenfragment Woyzeck) durch die Naturalisten. Neue Darstellungsmittel wie Dialekt und Umgangssprache fanden Eingang in die Dichtung.

 

BEISPIEL

Gerhart Hauptmann, Die Weber. Den historischen Hintergrund dieses Stückes bildet der Aufstand der Not leidenden schlesischen Weber (1844) gegen ihre Arbeitgeber, die Unternehmer; Milieu und Atmosphäre werden u. a. durch die Sprechweise der Figuren geschildert.

 

  • Die Formel Kunst = Natur - x geht auf den bedeutendsten Theoretiker des „konsequenten Naturalismus“ Arno Holz („Die Kunst hat die Tendenz, wieder Natur zu sein“) zurück. Er meinte mit dieser Formel, ein Kunstwerk sei umso vollkommener, je mehr es mit der Natur/Realität übereinstimmt.
  • Künstlerisches Hauptmerkmal des Naturalismus war der Sekundenstil; akribisch genau wurden der Zeitablauf einer Handlung, spezielle Vorgänge (Tropfen eines Wasserhahns, Knirschen einer Holzbohle) oder das Verhalten der Personen (Dialekt, Stottern, Gähnen) dargestellt. Eine Dramenszene oder ein Prosaabschnitt sollten genauso lang sein wie in der Wirklichkeit (Übereinstimmung von Erzählzeit und erzählter Zeit). Äußere und innere Wirklichkeit wurden dabei als gleichgewichtig angesehen, vergleichbar mit der filmischen Darstellung ohne irgendeine Raffung oder Dehnung.
  • In der naturalistischen Lyrik wurde mit traditionellen Formen gebrochen. Arno Holz z. B. ordnete die Verszeilen an einer Mittelachse an, verzichtete auf Reim und Strophen und stellte auf diese Weise den Sprachrhythmus ins Zentrum.
  • Angeregt und beeinflusst wurden die deutschen Naturalisten durch den Franzosen Émile Zola, die skandinavischen Dramatiker Henrik Ibsen und August Strindberg und die russischen Schriftsteller Feodor M. Dostojewski und Leo Tolstoi.


Zitat

Eine schluchzende Sehnsucht mein Frühling,

ein heisses Ringen mein Sommer -
wie wird mein Herbst sein?
Ein spätes Garbengold?
Ein Nebelsee?
(Arno Holz, Phantastus; 1898)

Auswahl wichtiger Autoren und Werke

Gerhart Hauptmann (1862-1946): Bahnwärter Thiel; Die Weber; Der Biberpelz; Die Ratten

Arno Holz (1863-1929): Phantasus (Gedichtzyklus)

Arno Holz/Johannes Schlaf (1862-1941): Papa Hamlet; Gedichte

Frank Wedekind (1864-1918): Frühlings Erwachen; Lulu

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