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Vergleichende Analyse von literarischen Texten: Clemens Brentano: „Geheime Liebe“, Heine: „Ich wollt, meine Schmerzen ergössen“


Lösung

Im Folgenden soll das 1811, also in der Literaturepoche der Romantik (ca. 1797–1840), von Clemens Brentano verfasste Gedicht „Geheime Liebe“ analysiert und interpretiert werden. Im Anschluss daran wird der Text literaturgeschichtlich eingeordnet. Wie der Titel bereits andeutet, handelt „Geheime Liebe“ von der Liebe eines lyrischen Ichs, das seine Gefühle verstecken muss und darüber wehmütig klagt.

Das Gedicht ist in traditioneller Sonettform verfasst: Es besteht aus zwei Quartetten mit umarmendem Reim (abba abba) und zwei Terzetten mit dem Reimschema cdd cee. Das Sonett weist ein regelmäßiges Metrum auf, und zwar einen fünfhebigen Trochäus. Die Quartette bilden jeweils einen Satz, sind also syntaktisch voneinander getrennt, und enden jeweils mit einem emotionalen Ausruf (vgl. V. 4 und V. 8). Die Terzette bilden gemeinsam einen Aussagesatz, wobei die beiden Strophen durch ein Semikolon voneinander abgegrenzt werden.
Mit einer Inversion beginnt das lyrische Ich im ersten Vers über seine unerfüllte Liebe zu sprechen, wobei der Neologismus „unbeglückt“ (V. 1) sogleich in den klagenden Tonfall einstimmt. Der Sprecher kann und darf seine Liebe nicht ausleben und fühlt sich dabei – juristisch-sachlich gesprochen – geradezu rechtlos (vgl. V. 2). Er ist dem Gegenstand seiner Liebe dauerhaft ausgesetzt (vgl. V. 4), weiß jedoch, dass es keine Erfüllung geben wird (vgl. V. 3). Die Klage des lyrischen Ichs gleicht einem inneren Monolog, denn wie in der zweiten Strophe deutlich wird, darf es sich Außenstehenden gegenüber nicht über seine Gefühle äußern: Es dürfe weder von seiner Liebe reden (vgl. V. 5) noch seine Liebe durch einen „[verstohlenen] Blick“ (V. 6) zu erkennen geben, ebenso wenig sei eine Klage als Gefühlsäußerung möglich („Nicht im Seufzer“, V. 8). Die Modalverben „müssen“ und „nicht dürfen“ in den ersten beiden Quartetten („muß“, V. 1, V. 4; „ darf’s“, V. 5, V. 8) betonen in Verbindung mit der dreifachen Anapher „Nicht“ (V. 5, V. 6, V. 8) den Zwang zum Verbergen der Liebe. Dass es sich um eine „geheime Liebe“ handelt, wird somit erkennbar, ehe im ersten Terzett das Adjektiv „geheim“ (V. 11) aufgegriffen und damit ein Bezug zum Titel des Gedichts hergestellt wird.
In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich, wie es sich in Zwiegesprächen mit der Nacht von seinem Liebesschmerz zu erleichtern versucht. Schon der Tag sei für das lyrische Ich „leer“ (V. 10) und „lang“ (ebd.). Die Alliteration betont die Freudlosigkeit, die durch den Chiasmus „der lange leere Tag“ (V. 13) im zweiten Terzett noch einmal unterstrichen wird. Nacht und Tag stehen in Kontrast zueinander. Während das lyrische Ich sich im ersten Terzett nachts im Geheimen und weinend seinen Kummer von der Seele spricht, so versteckt es im zweiten Terzett seine Liebe, sobald ein neuer Tag beginnt („Still ins Herz steigt meine Liebe nieder“, V. 14). Es scheint dabei geradezu auf die Nacht zu warten, um sich in Gedanken seiner Liebe hingeben zu können und dadurch „Tröstung“ (V. 9) zu verschaffen, wobei ihm auch die Nacht „fremd“ (V. 9) bleibt und diese von Trauer erfüllt ist. Der Kontrast zwischen Tag und Nacht überschneidet sich so mit der Entgegengesetztheit von innerer Gefühlswelt und äußerem Verhalten (Sprechen in der Nacht, Schweigen am Tag), unter der das lyrische Ich leidet.

In einer Art innerem Monolog klagt das lyrische Ich über seine Liebessehnsucht und den Zwang zur Geheimhaltung der Liebe. Die persönlichen oder gesellschaftlichen Gründe für diese Situation werden nicht benannt. Im Zentrum des Gedichts stehen jedoch auch nicht die Ursachen, sondern die Selbstreflexion des Sprechers. Der Text gleicht einer Wehklage über die Unmöglichkeit des Auslebens der Liebe. Metapher für die ungelebte Liebe ist der Tag, den das lyrische Ich als öde und sinnentleert erfährt. Dem entgegengesetzt ist die Nacht, in der das lyrische Ich quasi auflebt und seine Sehnsüchte im Geheimen äußert, allerdings auch keine Erfüllung findet. Auch die Nacht ist mit einem Gefühl der Traurigkeit und Entfremdung verbunden. Das lyrische Ich akzeptiert diesen als unausweichlich hingenommenen Zustand, hält jedoch am Gefühl der Sehnsucht und der Hoffnung auf eine erfüllte Liebe weiterhin fest.

Formal wie inhaltlich weist das Gedicht „Geheime Liebe“ typische Merkmale der Romantik auf. So finden sich beispielsweise die Motive „Nacht“ (V. 9, V. 12) und „Liebe“ (V. 3, V. 14) auch in anderen literarischen Texten dieser Epoche sehr häufig. Ebenso spielen tief empfundene Gefühle, wie sie in „Geheime Liebe“ beschrieben werden, in der Epoche der Romantik eine große Rolle. Der Romantiker sucht nach intensiven Emotionen und damit nach einem Gegenstück zur Rationalität der Aufklärung. Texte der Romantik beschreiben häufig eine Flucht aus der Wirklichkeit, wie sie auch Brentano in seinem Gedicht andeutet, wenn das lyrische Ich bei der Nacht Zuflucht vor dem Tag sucht, aber auch hier keine Erfüllung und keinen Frieden findet. Das lyrische Ich bleibt für sich allein in seinem Schmerz, es gibt keine Anzeichen dafür, dass es beispielsweise aufbrechen und seine Situation durch eine aktive Handlung verändern könnte. Stattdessen tritt es den Rückzug vor der Welt und den Menschen an („Tröstung such’ ich bei der fremden Nacht“, V. 9). Dieses Aufgehen in einer unerfüllten Liebe ist ein zentrales Motiv der Romantik. Der Zustand der Unerfülltheit wird geradezu genossen, das lyrische Ich schwelgt in seinen Gefühlen und gibt sich diesen ganz hin.

Ganz anders geht Heinrich Heine einige Jahre später in seinem Gedicht „Ich wollt, meine Schmerzen ergössen“ mit dem Thema der unerfüllten Liebe um. Der Text ist 1823/24 entstanden, also in der Zeit der Spätromantik (ca. 1820–1850). Heines Gedicht handelt ebenso wie Brentanos Sonett von den Liebesqualen eines lyrischen Ichs. Dabei stellt es sich jedoch vor, wie der Liebeskummer auf die Geliebte übertragen wird und somit eine Befreiung vom eigenen Liebesschmerz stattfindet.
Schon im Hinblick auf die äußere Form unterscheidet sich Heines Gedicht deutlich von Brentanos Text. Die drei Strophen mit jeweils vier Versen weisen einen halben Kreuzreim auf (nur der zweite und vierte Vers jeder Strophe reimen sich jeweils: abcb dbeb fghg). Dabei besteht zwischen den ersten beiden Strophen eine etwas stärkere Verbindung durch die Fortsetzung des Reims aus der ersten Strophe. Die dritte Strophe hebt sich von den vorherigen durch einen neuen Reim ab. Wie die Quartette in Brentanos Gedicht bilden die ersten beiden Strophen bei Heine jeweils einen Satz, wodurch die Strophen auch auf syntaktischer Ebene voneinander abgegrenzt werden. Dabei handelt es sich jedoch um tendenziell neutrale Aussagesätze und nicht um emotionale Imperative wie bei Brentano. Das Metrum ist weniger streng als bei Brentano: In seinem der Liedform entsprechenden Gedicht verwendet Heine dreihebige Verse mit wechselnder Senkungszahl. Formal wirkt sein Gedicht dadurch schwungvoller und belebter, es geht das Thema Liebe bzw. Liebesschmerz somit weniger ernst und getragen an als Brentanos Sonett.
Im Folgenden sollen der Inhalt und die sprachlichen Mittel von Heines Gedicht näher betrachtet werden. Der erste Vers der ersten Strophe beginnt mit dem Personalpronomen „Ich“, das ein nicht anwesendes Du anspricht (vgl. V. 7 f.). Das lyrische Ich erleidet „Schmerzen“ (V. 1), die offensichtlich ihren Ursprung in der Liebe zu einer Frau („Geliebte“, V. 5) haben. Diese Schmerzen möchte es in „ein[em] einzige[n] Wort“ (V. 2) bündeln und dieses „den lustigen Winden“ (V. 3) anvertrauen, die das Wort forttragen sollen. In Zusammenhang mit den Winden verwendet Heine eine Personifikation und wiederholt zweimal das Adjektiv „lustig“ (V. 3 f.). Die hierüber vermittelte Leichtigkeit kontrastiert mit den ebenfalls zweimal genannten „Schmerzen“ (V. 1; „schmerzerfüllt“, V. 6). Anders als Brentano baut Heine auf diese Weise nicht eine sich steigernde sehnsuchtsvolle Stimmung auf, sondern geht mit den typisch romantischen Motiven Liebe und Sehnsucht spielerisch um.
In der ersten Strophe äußert das lyrische Ich seinen Wunsch, die Schmerzen mögen in ein den Winden anvertrautes Wort übergehen, im Konjunktiv II (vgl. V. 1, V. 3 f.). Dies weist darauf hin, dass diese Wunschvorstellung im Bereich der Fantasie angesiedelt ist. Die zweite Strophe steht im Indikativ, der Wunsch konkretisiert sich somit. Das „schmerzerfüllte Wort“ (V. 6) soll an die „Geliebte“ (V. 5) übermittelt werden, die es dauerhaft wahrnehmen soll (vgl. V. 7 f.). Durch die hier verwendeten Stilmittel Anapher und Parallelismus (vgl. V. 7 f.) sowie die zugespitzten Formulierungen („zu jeder Stunde“, V. 7, „an jedem Ort“, V. 8) wird die erwünschte Dauerhaftigkeit der Liebesqual, unter der die Geliebte leiden soll, betont. Zugleich bringt die Inversion in Vers 5 die eigene Qual und Anspannung des unter Schmerzen leidenden lyrischen Ichs zum Ausdruck. In der dritten Strophe werden die der Geliebten zugedachten Qualen weiter ausgeführt: Das Du soll sich in der Nacht von dem Wort regelrecht verfolgt fühlen („So wird dich mein Wort verfolgen“, V. 11). Die Personifikation in Vers 11 sowie der Superlativ in Vers 12 („tiefsten Traum“) unterstreichen die Intensität der erwünschten Qual – die letzten beiden Verse können fast als Drohung gegenüber der Geliebten verstanden werden.

Während in Brentanos Gedicht „Geheime Liebe“ der Kontrast zwischen der inneren Gefühlswelt und dem äußeren Zwang zur Geheimhaltung der Liebe im Zentrum steht, wird in Heines Gedicht der Wunsch nach einer Befreiung von den Liebesqualen formuliert. Heines Gedicht kann als ironische Überschreitung der bei Brentano vorhandenen typischen Elemente romantischer Liebeslyrik angesehen werden. Hier will sich das lyrische Ich nicht weiterhin sehnsuchtsvoll seinem Liebeskummer hingeben, sondern diesen überwinden, indem es seine Gefühle in Worte fasst und sich mithilfe der Versprachlichung an der Geliebten für den ihm zugefügten Schmerz rächt.

Beim Vergleich der beiden Gedichte fallen einige Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede auf. Brentano wie Heine greifen Motive der Romantik auf, beispielsweise den Traum (als Gegensatz zur Wirklichkeit), die Nacht und den Liebesschmerz. In beiden Gedichten schildert ein lyrisches Ich sein inneres Erleben in Zusammenhang mit einer unerfüllt bleibenden Liebe, die großes Leiden verursacht. Die den Träumen und Wünschen angemessene Tageszeit ist in beiden Fällen die Nacht.
Unterschiede zwischen beiden Texten lassen sich zum einen auf formaler Ebene ausmachen: Die von Heine gewählte Liedform verleiht dem Gedicht einen leichten, schwungvollen Ton, der sich von der strengen Sonettform bei Brentano abhebt. Auch inhaltlich gibt es Unterschiede: Brentanos lyrisches Ich gibt sich dem Gefühl der unglücklichen Liebe gänzlich hin und sieht sein Leid als unüberwindbar an. Heine dagegen lässt sein lyrisches Ich den Wunsch nach Befreiung vom Liebeskummer formulieren. Der Weg zur Befreiung – nämlich dass der Liebesschmerz vom lyrischen Ich auf die Geliebte übertragen wird – erscheint für romantische Liebesvorstellungen eher ungewöhnlich. Bei seiner Hinterfragung des romantischen Programms wählt Heine jedoch nicht den Weg zurück in den Stil der Aufklärung oder Klassik, er will nicht versachlichen, revolutionieren oder erziehen. Auch stellt er nicht grundlegend das romantische Motiv der Liebe und des Liebesschmerzes infrage. Vielmehr greift er ganz bewusst in Form und Inhalt typisch romantische Elemente auf (hierzu siehe oben), die er jedoch in einen anderen Zusammenhang stellt und auf neue Weise miteinander kombiniert. Heine, der sich selbst als „entlaufenen Romantiker“ bezeichnete, ist einerseits selbst ein Nachzügler der Romantik, überwindet diese aber andererseits, indem er ihre Sentimentalität und Gefühlsbetontheit ironisiert. Heinrich Heine war keineswegs ein rein auf Innerlichkeit ausgerichteter Dichter, sondern nahm in seinem Werk ebenso Stellung zu den gesellschaftlichen und politischen Zuständen seiner Zeit. Dabei verwendete er auch Stilmittel aus dem romantischen Programm zur Formulierung seiner Kritik.

Durch die Übertreibung des Wunsches nach einer Befreiung von den Liebesqualen und deren Übertragung auf die Geliebte wird in Heines Gedicht das sentimentale Liebesgefühl ironisiert und infrage gestellt. Das lyrische Ich präsentiert sich zwar durchaus empfindsam und gibt sein Inneres preis. Ebenso sucht es Zuflucht bei einem (Wunsch-)Traum jenseits der Wirklichkeit und seine irrealen Vorstellungen entfalten sich in der Nacht. Mithilfe der Ironie relativiert Heine jedoch all diese romantischen Elemente. Der ironische Ton entsteht unter anderem durch die Gegenüberstellung von Liebesschmerz und Lustigkeit (vgl. V. 3 f.), von Melancholie und Aggressivität gegenüber der Geliebten sowie von typisch romantischen Motiven und lakonischem Tonfall. Auf diese Weise spiegelt das Gedicht Heines ambivalentes Verhältnis zur Romantik.

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