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Verfassen eines Essays: Sehnsucht – über die Bedeutung eines Gefühls


Lösung

„Immer das Gleiche, können wir nicht einmal etwas anderes machen“, will heißen: „Ich sehne mich auch einmal nach Abwechslung“, hört man es in manchem Klassenzimmer, wenn zum dritten Mal in dieser Woche für das anstehende Diktat geübt wird. „Ich sehne mich nach Ruhe“, hört man es in manchen Büros, wenn es dem Wochenende zugeht und man wieder einmal in der E-Mail-Flut zu ertrinken droht. „Ich habe Heimweh und sehne mich nach Hause“, hat die kleine Schwester gestern Abend aus dem Schullandheim gesimst – und ich? Ich sehne mich danach, nach dem Abitur in die Ferne zu schweifen, am besten nach Australien, am besten ins Outback.

Jeder von uns kennt es also, nicht nur das Wort „Sehnsucht“, sondern auch das Gefühl der Sehnsucht. Aber jeder kann damit etwas anderes meinen. Heimweh empfindet der, der von zu Hause weg ist. Jeder, der Heimweh empfindet, ist also von den Liebsten getrennt. Dieses Gefühl ist inhaltlich genau zu bestimmen. Aber Sehnsucht? Es scheint ein leerer Begriff zu sein, es scheint nur gefüllt zu werden durch die jeweilige Situation, durch die bloß formale Auszeichnung einer Spannung zwischen Anwesenheit eines gewünschten Gutes und tatsächlicher Abwesenheit dieses Gutes oder Leere: Nur wer Leere, wer einen Mangel empfindet, kann sich sehnen, nach Fülle, nach Erfüllung.

Sehnsucht verweist auf einen Mangel, ein Defizit. Wäre die Welt nicht besser dran ohne Sehnsucht? Besser deshalb, weil das, wonach ich mich sehne, verwirklicht ist?

Empfindungen wie Sehnsucht gibt es vermutlich in allen Erdteilen und gab es vermutlich zu allen Zeiten. Die Römer bezeichneten dieses Gefühl mit dem Wort Desiderium. Der lateinische Begriff hängt mit dem Wort sidus, der Bezeichnung für ein Gestirn, zusammen, meinte für die Römer einen brennenden Wunsch. Römischen Gelehrten sprechen von einem fast qualvoll erlebten Begehren, das als schmerzhaft empfunden wird, ein Sichsehnen nach etwas, was genauso weit entfernt und unerreichbar zu sein scheint wie die Sterne. Man sieht sie, die Sterne, am nächtlichen Himmel, aber man kann sie nicht erreichen, nicht ergreifen.

Wäre die Welt nicht besser dran ohne Sehnsucht? Und zwar besser nicht nur deshalb, weil mögliche Defizite behoben worden sind, sondern weil ich um das, wonach ich mich sehne und das – wie der Stern – nicht erreichbar ist, gar nicht weiß? Weil ich in der Welt, mit der ich mich abgefunden habe, zufrieden bin? Ein Romantiker mag mich deshalb als Zyniker beschimpfen, aber lieber ein Zyniker als ein Romantiker, der vielleicht noch krank wird, zumindest unheilbar daran leidet, sich nach etwas zu sehnen, was nicht erreichbar ist, sich – noch schlimmer – nach etwas zu sehnen, von dem er weiß, dass es nicht erreichbar ist.

Sehnsucht ist der höchste Grad eines Wunsches. Inhaltlich bleibt der Begriff leer. Kann man den Wunsch doch inhaltlich näher bestimmen, vielleicht als Wunsch nach Nähe? Hilft uns dieser Begriff – Nähe – vielleicht aus dem Dilemma, ein Gefühl, das jeder kennt, als unbestimmt stehen zu lassen? Nur auf den ersten Blick. Denn auch mit Nähe kann jeder etwas ganz anderes verbinden. Der eine hat Fernweh, wünscht die Nähe der Ferne, der andere die Nähe eines anderen Menschen zu Hause. Auch diese Bestimmung bleibt inhaltlich unbestimmt, sie kann auch mit Sehnsucht nach Geborgenheit gleichgesetzt werden, mit der Sehnsucht, angekommen zu sein. Wo ich ankommen will, was mich umschließt, sodass ich geborgen bin, kann ganz unterschiedlich sein. Man kann Sehnsucht also nur bestimmen mit dem Verweis auf etwas, was mir fehlt, was fern ist. Sehnsucht ist immer der Wunsch nach einer besseren Welt, das Streben nach einer Möglichkeit, die wir in der Realität nicht sehen, um die wir aber im Innersten wissen.

Der Grad der Sehnsucht ebenso wie die Zielrichtung kann ganz unterschiedlich sein, unterschiedlich zwischen verschiedenen Zeitgenossen heute, unterschiedlich auch mit Blick auf verschiedene Epochen, unterschiedlich aber auch möglicherweise in verschiedenen Lebensabschnitten ein und desselben Menschen.

Werfen wir einmal einen Blick auf die Geschichte möglicher Sehnsüchte: Die Vorstellung eines Schlaraffenlands, die uns in früheren Jahrhunderten in zahlreichen Abbildungen und Geschichten begegnet, ist z. B. ein Bild, in dem Sehnsüchte sich konkretisieren. Das Schlaraffenland als Welt, in der Essen und Getränke in Fülle und Überfülle vorhanden sind, in der dem Menschen – ohne dass er sich anstrengen muss – gebratene Tauben in den Mund fliegen und Wein und Saft in den Mund fließen, in der es Milch, Honig oder Wein statt Wasser gibt. Das Bild vom Schlaraffenland ist heute nicht mehr verbreitet. Kaum jemand äußert die Sehnsucht, im Schlaraffenland zu leben. Warum dieser Wandel? Ganz einfach: Wir leben heute in einem Schlaraffenland – jeder Wunsch kann sofort und unmittelbar gestillt werden, wir leben in einer Überflussgesellschaft. Das Bild vom Schlaraffenland entstammt einer Zeit, in der das noch nicht so war. Über viele Jahrtausende, über viele Jahrhunderte auch in Europa, von der Spätantike bis in die Neuzeit, war der Mensch mit dem täglichen Kampf um Nahrungsbeschaffung beschäftigt. Oftmals vergeblich. Kleine Eiszeiten und Seuchen, die es in den letzten tausend Jahren gab, führten auch in friedlichen Zeiten zu schweren Hungerkatastrophen, entweder weil die Natur die Nahrungsmittel nicht zur Verfügung stellte oder die Bevölkerung durch Seuchen dahingerafft wurde und keine Nahrungsmittel anbauen konnte. Der Mangel an Lebensmitteln, der bedrohlich und als immer gegenwärtig empfunden wurde, steht für die Leere – das Schlaraffenland für die Fülle. Die Verbreitung der Vorstellung des Schlaraffenlandes kann also ein Indikator dafür sein, wie gut bzw. wie schlecht die Versorgung mit Blick auf Grundbedürfnisse des Menschen war. Heute empfinden wir, zumindest in unseren Regionen, diesen Mangel nicht mehr.

Das Schlaraffenland ist die säkulare Form des Paradieses: Aus dem Paradies wurde der Mensch dereinst vertrieben, um im Schweiße seines Angesichts sein Getreide anzubauen, ohne dass dies garantierte, dass die Ernte ausreichte und zur vollen Reife gelangte. Das Schlaraffenland ist die primitive, rudimentäre Wiederkunft des Paradieses, beschränkt auf die elementaren Bedürfnisse.

Und wir? Haben wir, die wir in der Nach-Schlaraffenland-Sehnsucht-Epoche leben, haben wir auch noch Sehnsüchte? Wenn ich um mich blicke, mache ich eine erstaunliche Beobachtung: Viele von uns, die wir alles haben und – mit Blick auf materielle Bedürfnisse und wohl auch mit Blick auf die Freiheit – in der vielleicht besten aller bisherigen Welten leben, sehnen uns zurück. Vintage und Retrolook sind nicht nur in der Mode und im Design „in“. Eine Nostalgiebewegung hat viele Zeitgenossen erfasst, nicht nur in Deutschland. In den östlichen Teilen der Bundesrepublik grassiert die Sonderform der Ostalgie, das Sichzurücksehnen in die Zeit vor der Wende. Ein aufgeklärter Zeitgenosse ist verblüfft und fragt: Ja, wie nun? Die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zurückweisen? Wieder im Plattenbau der DDR leben? Wieder im VW-Käfer, wie in den 50er-Jahren, an die Adria fahren und dort drei Wochen Urlaub verbringen? Feines, handgeschöpftes Briefpapier als Präsent im Zeitalter von E-Mail, SMS und WhatsApp? Vielleicht sogar noch das Dorffest und den heimischen Bauernmarkt als einen Höhepunkt im Jahreskalender vermerken? Und dann noch eine Fahrt in der historischen Dampflok, Klimawandel hin oder her?

Sehnsucht überschreitet die Schwelle von der Realität zur Potenzialität, vom Wirklichen zum Möglichen. Und die Sehnsucht gibt uns, wie ein Fieberthermometer, einen Hinweis darauf, woran unsere Gesellschaft, unsere Gegenwart leidet. Die hohe Taktung unseres Lebensalltags, die Fülle von Möglichkeiten, die auch mit einem hohen Entscheidungsdruck verbunden sind, die stetige Erreichbarkeit, die zu Stress führt, all dies wollen manche Zeitgenossen nicht mehr. Sie sind überfordert, sie leiden an der Komplexität einer beschleunigten und hochflexiblen Welt. Ruhe, Überschaubarkeit der Entscheidungsoptionen, Geborgenheit in kleinräumigen Zusammenhängen, also das, was fortschrittsorientierte, moderne Menschen vor einigen Jahrzehnten noch überwinden wollten, steht nun wieder hoch im Kurs. Warum haben wir, warum haben unsere Vorfahren, dann diese vermeintlich heile, längst versunkene Welt des Drei-Parteien-Staates mit Schwarz-Weiß-Fernsehen und Bausparvertrag überhaupt verlassen? Wurde diese Welt von meinen Eltern, von meinen Großeltern als mangelhaft empfunden, sodass sie sich ein Leben lang bemüht haben, die heutige Welt zu erschaffen, die von ihnen, von mir jetzt als mangelhaft empfunden wird?

Noch einmal: Wäre ohne Sehnsucht der Mensch nicht besser dran? Ist der Mensch nicht eine Fehlkonstruktion der Natur, weil er nämlich immer das, was er nicht hat, erstrebt, um dann das, was er mit Mühen erreicht hat, schon bald auch als Mangel zu empfinden? Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Man könnte dies als Dummheit oder Undankbarkeit bezeichnen. Noch schlimmer und ein weit größerer Konstruktionsfehler ist, dass der Mensch etwas erstrebt und oft gleichzeitig weiß, dass er es gar nicht erreichen kann, dass es gar nicht erreichbar ist. Er verbringt seine Zeit damit, sich nach etwas zu sehnen, was vielleicht nur möglich zu sein scheint, aber nie verwirklichbar ist.

Im Wort „Sehnsucht“ steckt auch das Wort „Sucht“. Man erschrickt, wenn man sich dies klarmacht. Ist der, der z. B. in der Freizeit Seen sucht, also Sehnsucht nach Natur und Distanz zur Zivilisation hat, mit einem Süchtigen, mit einem Junkie zu vergleichen? Die Süchte mögen vielfältig sein: Spiel, Alkohol, Drogen, Nikotin – in Deutschland gibt es immerhin 17 Millionen Raucherinnen und Raucher, über 4 Millionen gelten als tabakabhängig. Wie ist das zu erklären? Ist das Aufkommen dieser Sucht, das Greifen nach den Suchtmitteln, die Kompensation für die ungestillten Sehnsüchte des Menschen, ja, für das Wissen des Menschen, dass er sich nach etwas sehnt, was er gar nicht erreichen kann? Könnte man den Menschen von diesen Süchten befreien, wenn man ihn von der Sehnsucht befreit? Wird es hiergegen vielleicht einmal eine Pille geben oder einen kleinen operativen Eingriff ins Gehirn oder eine kleine Manipulation der genetischen Ausstattung?

„Der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und dem Erwerben des Begehrten vernichten zu können, ist Sehnsucht.“ So formuliert es der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant. Er prägte die Philosophie und Epoche der Aufklärung wie kaum ein anderer Philosoph. Wie kann dieser Ausspruch verstanden werden? Kant nimmt Bezug auf den schon erwähnten Gegensatz zwischen einer Situation, die als Mangel und Leere verstanden wird, und der Fülle und Anwesenheit, die erstrebt wird. Er versteht aber Sehnsucht nicht nur als Aufzeigen dieses Gegensatzes, sondern auch als Reaktion auf diesen Gegensatz. Diese Reaktion bezeichnet er als leeren Wunsch, die Zeitspanne zwischen Feststellen eines Mangels und Abschaffen eines Mangels zu vernichten. Damit ist gemeint, dass der Mensch – wenn er den Kontrast ausgemacht hat – sich zumeist gar nicht bemüht, über Wege und Maßnahmen nachzudenken, den Mangel zu beheben. Von jetzt auf nachher soll die Änderung erfolgen, ohne dass ich nachdenken, ohne dass ich mich bemühen, ohne dass ich mich anstrengen muss: eigentlich eine doppelte Sehnsucht, eine erste Sehnsucht, den Mangel zu beheben, eine zweite Sehnsucht danach, diese Behebung ohne Anstrengung bewerkstelligen zu können. Vertreter der Weimarer Klassik haben die Vertreter der Romantik – allesamt waren sie Romantiker voller Sehnsucht – einmal als krank beschrieben. Man könnte hier von einem faulen Romantiker sprechen.

Kants Zitat passt auch zu seinem Verständnis von Aufklärung: Aufklärung ist für Kant der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Kant definiert diese Unmündigkeit als Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Als selbst verschuldet bezeichnet er diese Unfähigkeit, weil sie nicht mit einer angeborenen Geistesschwäche zusammenhängt, sondern mit Trägheit und Faulheit, sich seines Verstandes zu bedienen, mit der Hoffnung, dass ein anderer einem dieses oft mühsame Geschäft abnehmen wird.

Aufklärung tut also not, und zwar in einem doppelten Sinne: Wenn ich einen Mangel, einen Kontrast zwischen Wunsch und Realität verspüre, dann muss ich mich um Wege und Möglichkeiten bemühen, diesem Mangel abzuhelfen. Und, die zweite Anforderung an den aufgeklärten Menschen, ich muss prüfen, ob das Gewünschte überhaupt erreichbar ist oder nur ein Hirngespinst darstellt.

Für Kant ist Aufklärung ein mühsames und langwieriges Geschäft. Sehnsucht ist oft ein Privileg des jungen Menschen. Der ältere, der reifere Mensch hat sie dann vielleicht überwunden, ist aufgeklärt. Mitnichten, hört man den Romantiker rufen: „Du hast nur resigniert, du hast aufgehört an Ideale zu glauben, z. B. nach einer gerechteren Welt zu streben.“ Wenn ich die beiden Anforderungen an den aufgeklärten Menschen, die ich im letzten Abschnitt erläutert habe, erfüllt habe, dann wird mich dieser Einwurf des Romantikers nicht stören.

Nur über einen Punkt denke ich noch nach. An ihm habe ich wirklich zu kauen. Wie ist das mit der Sehnsucht nach dem Paradies? Mit dem Wunsch nach einer Sinnhaftigkeit meines Lebens, nicht des heutigen Tages, nicht eines bestimmten Projekts, sondern Sinnhaftigkeit mit Blick auf das ganze Leben? Diese Sehnsucht empfinde ich und weiß nicht, wie ich sie stillen kann, ob sie gestillt werden kann. Diese Sehnsucht wird mich hoffentlich auch nicht in eine Sucht führen? Hier, bei dieser Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens, hilft leider auch Immanuel Kant nicht mehr weiter.

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