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Textinterpretation: S. Berg "Hauptsache weit"


Lösung

1)

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ – wer kennt diese Redensart nicht? Mit dem Thema „Reisen“ verbindet jeder etwas anderes, z. B. Entspannung, Abenteuer oder Abwechslung vom Alltag. Häufig passiert es, dass sich diese hochgesteckten Erwartungen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erfüllen und man erst aus der Distanz der Fremde merkt, was man in der Heimat hat.

Mit diesem Thema beschäftigt sich Sibylle Berg in ihrer 2001 erschienenen Kurzgeschichte „Hauptsache weit“, die im Folgenden interpretiert wird. Abschließend wird vergleichend untersucht, wie das Thema Reisen in Joseph von Eichendorffs Gedicht „Sehnsucht“ dargestellt ist.

Die Autorin Sibylle Berg schildert in „Hauptsache weit“ die Situation eines jungen Mannes, der sich nach dem Schulabschluss auf einer Reise durch Asien befindet. Die Situation ist jedoch anders, als der namenlose Protagonist sie sich erhofft hat, da das Gefühl der Einsamkeit in der Fremde dominiert. Einen Stimmungswechsel bringt der Aufenthalt in einem Internetcafé, wo er durch das Schreiben von E-Mails Kontakt zur Heimat herstellt.

In den Zeilen 1 bis 6 gibt der Erzähler einen Rückblick auf die Zeit vor dem Antritt der Reise. Kurz wird auf sein ansprechendes Äußeres, seine Fähigkeiten und Pläne nach dem erfolgreichen Abschluss der Schule eingegangen.

Im folgenden Abschnitt, in den Zeilen 7 bis 31, ändert sich die Situation radikal. Der Protagonist befindet sich in Asien in einem Pensionszimmer, das als sehr trist beschrieben wird und zur niedergeschlagenen Stimmung der Hauptfigur passt. In einem kurzen Rückblick erfährt der Leser vom bisherigen Reiseverlauf sowie dem eigentlichen Anlass und dem Ziel der Reise. In diesem Zusammenhang erinnert er sich an die Bedenken seiner Freunde, die er mit dem Hinweis auf viele neue Bekanntschaften abgetan hat. Dabei sind es unter anderem die Bekanntschaften, die zu seiner Enttäuschung beigetragen haben. Die Gedanken an den nächsten Aufenthaltsort machen ihm seine Einsamkeit erneut bewusst. Er zweifelt schließlich sogar seine eigene Existenz an, da es in der Fremde überhaupt nichts Bekanntes gibt, weder Prominente noch Zeitungen in seiner Sprache.

In den Zeilen 31 bis 42 hat die Hauptfigur das Zimmer verlassen und befindet sich in der nächtlichen, fremden Stadt, um etwas zu essen. Der junge Mann denkt sogar an den Tod, da er um sich herum Gleichgültigkeit für seine Person empfindet. Er beginnt zu weinen, da ihm die Diskrepanz zwischen seinen Vorsätzen, wie er sich auf der Reise verhalten wollte, und der erlebten Realität bewusst wird.

Ab Zeile 42 ändert sich mit der Entdeckung bzw. dem Besuch eines Internetcafés die Stimmung des Protagonisten. Er liest und beantwortet E-Mails seiner Freunde, verschweigt ihnen jedoch seine wirkliche Befindlichkeit. Dieser Kontakt zur Heimat stellt Halt und Sicherheit dar.

Sibylle Berg stellt in ihrer Kurzgeschichte die Situation eines jungen Mannes dar, der sich während seiner Reise in einer emotionalen Ausnahmesituation befindet. Durch die erzählerische Gestaltung gelingt das sehr eindrücklich.

Die Geschichte wird von einem namenlosen personalen Er-Erzähler präsentiert. Dadurch ist der Leser ganz nahe bei der Hauptfigur und kann die Situation unmittelbar nachvollziehen. So sieht er mit den Augen des Protagonisten das „hässliche[…] Pensionszimmer“ (Z. 22) und kann sich vorstellen, wie es dem jungen Mann geht, wenn „von einer fremdsprachigen Serviererin“ (Z. 32 f.) das Essen gebracht wird. Auch positive Gefühle lassen sich für den Leser so gut nachempfinden, beispielsweise wenn er ein Internetcafé entdeckt und daraufhin „sein Herz […] schneller [schlägt]“ (Z. 42 f.). Verstärkt wird dieses Erzählverhalten durch die Gedankenreden, z. B. in Zeile 34: „Das ist wie tot sein, denkt der Junge.“

Gesteigert präsentiert sich das personale Erzählen in Zeile 5. Hier findet sich die einzige Stelle, wo ein Ich-Erzähler zu erkennen ist, wenn sich der Protagonist in einer Retrospektive Gedanken über seine berufliche Zukunft macht. Zu dieser Zeit ist noch nichts von den Selbstzweifeln des Erzählers zu spüren, die in der Gegenwart der Kurzgeschichte offen zutage treten. Entsprechend hat sich auch die Erzählperspektive verändert.

Interessante Ergebnisse liefert die Untersuchung der sprachlichen Gestaltung.

Dem jugendlichen Alter entsprechend – „[d]er Junge ist 18“ (Z. 13) – präsentiert sich die Sprache einfach und eher umgangssprachlich. Erkennbar ist das an häufig parataktischen, elliptischen und extrem verkürzten Sätzen, wie sich an „Magen gegen Tom Yan, Darm gegen Curry“ (Z. 11 f.) oder „[e]in Computer, ein Internet-Café“ (Z. 43) beispielhaft zeigt. Aber auch Sätze, die mit der Konjunktion „und“ beginnen, sind in diesem Zusammenhang zu nennen („Und weg, hatte er gedacht“, Z. 1; „Und ist unterdessen […]“, Z. 31). Auffallend sind außerdem alltagssprachliche Worte wie „dran“ (Z. 22), „drauf“ (Z. 24) oder auch „rumbekommen“ (Z. 37). Deutlich wird dadurch, dass der Er-Erzähler seine Gedanken spontan ausdrückt. Tiefgründige Reflexionen, die sich in geschliffenen, hypotaktischen Satzkonstruktionen ausdrücken würden, wären nicht angemessen.

Den Text dominieren Aussagesätze. Sie dienen dazu, die Situation so zu beschreiben, wie sie der Erzähler wahrnimmt. Daher fallen besonders die wenigen Fragesätze auf. Mit „Und nun?“ (Z. 7) werden die Überleitung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die damit verbundene Unsicherheit des jungen Mannes zum Ausdruck gebracht. Eine weitere Frage findet sich in Zeile 16 f.: „Hast du keine Angst, hatten die blassen Freunde zu Hause gefragt, so ganz alleine?“ In der für ihn einsamen Stimmung fällt ihm genau diese Frage ein, die quasi das vorweggenommen hat, was er gerade erlebt.

Die Wortwahl ist insgesamt einfach, zeigt jedoch auffallende Wiederholungen. Das sind vor allem Schlüsselbegriffe wie „fremd“ (Z. 25, 32, 47), „heiß“ (Z. 31, 21, 37) oder auch „weinen“ (Z. 23, 36). Sie verdeutlichen, wie unangenehm die Situation für den Reisenden ist.

Ebenfalls bemerkenswert ist die Häufung von Konditionalsätzen in den Zeilen 27 bis 30. Damit wird aufgezeigt, wie sehr der Protagonist das Vertraute vermisst. Noch verstärkt wird dies durch die fast schon banalen Inhalte, die ihm in dieser einsamen Situation Halt geben könnten.

Dass der Leser dieses Gefühl noch bewusster und unmittelbarer wahrnimmt, wird durch den Tempuswechsel in Zeile 8 erreicht. War die Vorgeschichte der Reise (Z. 1–6) in der Vergangenheit verfasst, so beginnt die Gegenwart des Erzählten mit der Frage „Warum kommt der Spaß nicht?“ (Z. 8) im Präsens, das sich als Erzähltempus bis zum Ende der Kurzgeschichte durchzieht. Dem Leser präsentiert sich die Situation des Erzählten unmittelbar, er fühlt fast die geschilderte Einsamkeit.

Um die Empfindungen des Erzählers zu veranschaulichen, setzt die Autorin bevorzugt Personifikationen ein, wenn „Schatten […] über den Betonboden“ (Z. 10) huschen oder „selbst die Tiere […] ausländisch“ (Z. 42) reden. Dadurch wird die Situation als bedrohlich bzw. surreal erfahrbar. Dem gleichen Zweck dienen die Vergleiche in den Zeilen 34, 41 und 47.

Die Autorin präsentiert in ihrer Geschichte eine Figur, die sich – wie bereits erwähnt – in einer Ausnahmesituation befindet. Der Leser lernt einen 18-jährigen jungen Mann kennen, der sich nach dem Schulabschluss auf einer mehrmonatigen Reise befindet. Sein Ziel ist: „Mit 1000 Dollar durch Thailand, Indien, Kambodscha […]“ (Z. 13 f.). Den Anlass zur Reise formuliert er mit dem Hinweis auf den Drang, etwas erleben zu wollen, auf die Enge und Langeweile in Deutschland (vgl. Z. 15). Damit grenzt er sich von seinen Freunden ab, die auf sein Vorhaben mit kritisch-ängstlichen Fragen („Hast du keine Angst […]?“, Z. 16) reagieren und von ihm als „blass[…]“ (Z. 16) beschrieben werden. Im Vorfeld der Reise stellt er sich vor, wie er selbstsicher und „entspannt mit Wasserbüffeln spielen wollte, in Straßencafés sitzen und cool sein“ (Z. 39). Er muss jedoch erfahren, dass die Realität der Reise in der derzeitigen Situation nicht dem entspricht, was er sich vorgestellt hat. Er „ist einer mit Sonnenbrand und Heimweh nach den Stars zu Hause“ (Z. 40 f.). Die Zeit, die vor ihm liegt, muss „er noch rumbekommen […], alleine in heißen Ländern mit seinem Rucksack“ (Z. 37 ff.). Diese Erkenntnis trägt letztlich dazu bei, dass er seinen Gefühlen freien Lauf lässt und zu weinen beginnt (vgl. Z. 36).

Der Leser gewinnt das Bild eines jungen Menschen, der sich in seinen Erwartungen an die Zeit, die doch so groß und frei hätte werden sollen, als naiv und voller Selbstmitleid präsentiert, wenn er übertreibend feststellt: „Weit weg von zu Hause, um anderen beim Leben zuzusehen, könnte man umfallen und sterben in der tropischen Nacht und niemand würde weinen darum“ (Z. 34 ff.).

Es hat zudem den Anschein, als hätte er im Vorfeld der Reise keinerlei Gedanken an die Situation verschwendet, in der er sich nun befindet. Er erkennt zwar, dass sein Selbstbild vor der Reise zur erlebten Realität im Ausland im völligen Gegensatz steht, aber er ist im Grunde nicht fähig, das nach außen hin zuzugeben und dadurch eine neue Einstellung der Situation gegenüber einzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall, wenn er schreibt, „dass es ihm gut gehe und alles großartig ist“ (Z. 45). Genau das ist jedoch durchaus nachvollziehbar: Er möchte gerade vor den Freunden eine starke, selbstsichere Haltung bewahren, um nicht zugeben zu müssen, dass deren Befürchtungen (vgl. Z. 16) Wirklichkeit geworden sind. Durch den Kontakt in die Heimat wird seine Situation verbessert, denn „für ein paar Stunden ist er wieder am Leben, in der heißen Nacht weit weg von zu Hause“ (Z. 51 f.).

2)

Joseph von Eichendorff, ein wichtiger Vertreter der deutschen Romantik, schildert in der ersten Strophe seines Gedichts „Sehnsucht“ aus dem Jahr 1834, wie ein lyrisches Ich am Fenster steht und durch den Klang des Posthorns (vgl. V. 4) von Fernweh ergriffen wird. Die Folge ist der Wunsch, dem Ruf zu folgen und sich auf die Reise zu machen.

Vergleicht man beide Texte, so fällt zunächst eine Gemeinsamkeit auf. In beiden Fällen geht es um den Aufbruch der Hauptfigur, die nicht näher mit einem konkreten Namen bezeichnet wird, aus einer einengenden Situation. Bei Eichendorff befindet sich das einsame lyrische Ich in einem Zimmer am Fenster (vgl. V. 2). Für Sibylle Bergs Protagonisten ist „Deutschland […] so eng, so langweilig“ (Z. 15). Der Aufbruch zur Reise ist somit jeweils gleichzusetzen mit der Hoffnung auf eine positive Veränderung der jeweiligen Lebenssituation. Man könnte noch weiter gehen und sagen, dass die Reise somit ein Mittel ist, sich selbst besser kennenzulernen und sich weiterzuentwickeln.

Von größerer Bedeutung sind jedoch die erkennbaren Unterschiede beider Texte. Das lyrische Ich in Eichendorffs Gedicht ist „einsam“ (V. 2) und denkt den Wunsch nach Aufbruch lediglich „heimlich“ (V. 6). Das ist bei Berg völlig anders, denn der junge Mann teilt den Freunden seine Reisepläne mit (vgl. Z. 16 f.). Zudem scheint bei ihm der Plan schon längere Zeit gereift zu sein, während das lyrische Ich diesen Wunsch ganz spontan äußert, nachdem es das „Posthorn“ (V. 4) gehört hat. Auslöser ist also ein konkretes akustisches Signal.

Der männliche Protagonist in der Kurzgeschichte „Hauptsache weit“ ist dem Titel entsprechend tatsächlich weit weg von Deutschland, wohingegen das lyrische Ich des romantischen Gedichts diesen Schritt vermutlich nicht wagen wird. Es handelt sich lediglich um einen sehnsüchtigen Wunsch (vgl. den Titel des Gedichts), nicht um eine Realität. Damit hängt jedoch auch zusammen, dass der junge Mann auf seiner Reise Erfahrungen macht, die mit seinen idealistischen Vorstellungen nichts zu tun haben – diese Diskrepanz von Wunsch und Realität bleibt dem lyrischen Ich erspart.

Das Beispiel von Sibylle Berg zeigt recht gut, dass es bei einer Reise nicht nur um „Hauptsache weit“ geht. Wichtiger als die zurückgelegte Distanz ist häufig, dass man bei einer Reise sich selbst besser kennenlernt. Das kann für den Alltag eine wesentliche Bereicherung sein, weshalb der Spruch „Reisen bildet“ auch in einem umfassenderen Sinn verstanden werden kann.

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