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Textinterpretation lyrischer Text: A. von Droste-Hülshoff: „Am Thurme“


Aufgabe 

  1. Interpretieren Sie das Gedicht „Am Thurme“ von Annette von Droste-Hülshoff.
  2. Prüfen Sie, inwiefern in diesem Gedicht das Leitbild der Aufklärung vom selbstbestimmten Menschen zum Ausdruck gebracht wird. 

Gewichtung der Aufgaben:

  • Aufgabe a.: 70 %
  • Aufgabe b.: 30 %

Material:

annette_von_droste_huelshoff_am_thurme.pdf

Lösung

a)

„Am Thurme“ ist ein Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff aus dem Jahr 1844. Darin blickt ein lyrisches Ich von einer Beobachterposition aus auf lebendige und wilde Naturszenen und reflektiert über sein eigenes Leben. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sollte der Kontrast zwischen persönlichen Sehnsüchten des lyrischen Ichs und der Wirklichkeit thematisiert werden; für die Sehnsüchte und Wünsche wird sozusagen „Werbung“ gemacht, auch wenn ihre Realisierung nicht möglich zu sein scheint. Diese Auffassung soll im Folgenden durch eine Interpretation überprüft werden.

Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit jeweils acht Versen; dadurch entsteht schon äußerlich der Eindruck von Regelmäßigkeit und Ordnung.

Die Verse weisen abwechselnd drei und vier Hebungen auf; die Versfüße wechseln sich ebenfalls ab (Jambus, Anapäst). Durch diese Abwechslungen entsteht ein relativ „unruhiger“ oder „bewegter“ Eindruck beim Lesen, der gut zum Thema der Sehnsucht und der Lebendigkeit passt.

Ebenfalls abwechselnd stehen die Verse in männlicher und weiblicher Kadenz, was die Abwechslung, aber auch die lautliche Regelmäßigkeit nochmals verstärkt.

Das Gedicht steht durchgehend im Kreuzreim, der den Zusammenhang zwischen einzelnen Elementen des Gedichts hervorhebt (z. B. umschlingen – ringen, V. 6 und 8). Neben diesen Endreimen gibt es aber auch Alliterationen – etwa in V. 11 („Geklaff und Gezisch“), V. 17 („Wimpel wehn“), V. 25 („auf freier Flur“) – und Assonanzen – in V. 4 („gleich einer Mänade“) und V. 15 f. („korallenen Wald“, „Wallroß“). Wie man sehen kann, wird durch diese Anfangs- und Binnenreime wie bei den Endreimen einerseits ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen den einzelnen Elementen verstärkt, denn „Geklaff und Gezisch“ sind ja ähnliche Dinge. Andererseits wird durch manche dieser Reime ein sprachlicher beziehungsweise „lautlicher“ Zusammenhang hergestellt, der das Gedicht mehr „wie aus einem Guss“ wirken lässt – z. B. bei „korallenem Wald“ und „Wallroß“. Durch diese sprachliche Gestaltung erhält die Darstellung etwas sehr Kunstfertiges; das Thema (Sehnsucht nach Lebendigkeit und Wildheit) wird also in gewisser Weise durch die Darstellung geadelt. Insgesamt entsteht durch die Gestaltung ein dynamischer und lebendiger Leserhythmus.

Das Gedicht wird außerdem dadurch gegliedert, dass in jeder Strophe im fünften Vers ein Ausruf steht, der mit „O“ beginnt. Die vierte Strophe ist eine Ausnahme, Vers 29 beginnt mit einem „Nun“, das im Vergleich zu der Begeisterung der vorhergehenden Ausrufe resignativ wirkt. Es geht nun nicht mehr um die Wünsche, Sehnsüchte und Träume des lyrischen Ichs, sondern um die Wirklichkeit. Dadurch wird einerseits der Sonderstatus der letzten Strophe hervorgehoben, andererseits wirkt das Gedicht insgesamt strenger und bewusster gestaltet.

Zudem wird das Gedicht dadurch geordnet, dass jede Strophe mit einer räumlichen Einordnung beginnt (V. 1: „auf hohem Balkone am Thurm“, V. 9: „drunten seh’ ich am Strand“, V. 17: „Und drüben …“, V. 25: „Wär ich ein Jäger auf freier Flur“). Diese regelmäßigen Anfänge strukturieren das Gedicht zusätzlich. Der Leser kann sich dadurch gleich am Anfang jeder Strophe orientieren. Die räumlichen Wechsel bringen außerdem eine zusätzliche Dynamik in das Gedicht. Die vierte Strophe fällt jedoch auch aus dem Rahmen, weil sie als einzige Strophe mit einem Konjunktiv beginnt („Wär ich ...“, V. 25). Die anderen Strophen beginnen alle mit einem Indikativ. Das lyrische Ich ist sich nun bewusst, dass seine Wünsche irreale Träumereien sind, d. h., es beginnt ein neuer Sinnabschnitt im Gedicht.

Die Strophen sind in sich dadurch gegliedert, dass sie aus zwei Sätzen bestehen – in der ersten, zweiten und vierten Strophe werden diese Sätze durch ein Semikolon getrennt, in der dritten Strophe durch einen Punkt. Es gibt zwar innerhalb dieser Sätze Enjambements (z. B. V. 15 f. „… durch den korallenen Wald / Das Wallroß, die lustige Beute!“), jedoch nicht über die Strophengrenze hinaus. Die relativ gleich- und regelmäßige Struktur der Strophen und ihrer Sätze verstärkt den Eindruck von Ordnung und Kunstfertigkeit in dem Gedicht.

Gleichzeitig entsteht ein interessanter Kontrast. Denn das Thema des Gedichts ist ja gerade wilde Lebendigkeit. Um bei dem Beispiel aus V. 15 f. („Und jagen durch den korallenen Wald / Das Wallroß, die lustige Beute!“) zu bleiben: Wenn ein Walross durch hohen Wellengang schwimmt, hat diese Szene an sich nichts Regelmäßiges, Strenges und Ordentliches an sich. Die Unruhe und Dynamik des Themas wird also durch das Gedicht kunstvoll gebunden und sie erhält eine schöne Form.

Eine Spur von „Unruhe“ lässt sich noch im Satzbau finden. Manche der Sätze enthalten Inversionen (z. B. V. 14 f.: „O, springen möcht’ ich hinein alsbald / recht in die tobende Meute“), die die übliche Satzstellung außer Kraft setzen. Auch Appositionen (V. 16: „Das Wallroß, die lustige Beute!“) führen zu einer komplexen Satzstruktur. Beides bringt nicht nur „Unruhe“ in das Gedicht, es ermöglicht auch die Endstellung von reimenden Wörtern (Meute – Beute), sodass gleichzeitig wieder die strenge Ordnung des Gedichtes hergestellt wird.

Die strenge Ordnung steht nicht nur im Kontrast zu dem „Wallroß“, sondern es gibt etliche Tier- und Naturmotive in dem Gedicht. Neben dem Walross erwähnt das lyrische Ich „Staare“ (V. 2), „Doggen“ (V. 10) und eine „Seemöve“ (V. 24). Die Natur wird außerdem durch viele Landschaftselemente in das Gedicht hineingeholt: „Strand“ (V. 9), „Wellen“ (V. 10), „korallenen Wald“ (V. 15), „Riff“ (V. 23) und „freie[] Flur“ (V. 25) werden genannt. Da die Landschaft an sich nicht unbedingt etwas Lebendiges oder sogar Wildes hat, sorgt das lyrische Ich außerdem für das richtige Wetter und spricht von „Sturm“ (V. 3) und „Wind[]“ (V. 32). Außerdem sind die Adjektive und Verben in dem Gedicht fast immer „dynamisch“ und „lebendig“, z. B. „kräftig“ (V. 6), „umschlingen“ (V. 6), „spielende“ (V. 10), „schnellen“ (V. 12), „springen“ (V. 13), „tobende Meute“ (V. 14), „jagen“ (V. 15), „lustig[]“ (V. 16) usw. Insgesamt schafft es das lyrische Ich dadurch, seine Sehnsucht nach einem sehr befreiten, fast schon entgrenzten Zustand sehr genau zu beschreiben.

Es gibt verschiedene Sprachbilder, die klarmachen, dass es in dem Gedicht um die subjektiven Ideen und Wünsche der Beobachterin geht. Durch die Metapher vom „korallenen Wald“ (V. 15) wird der Eindruck von Natur, der in der Szene ohnehin bereits vorhanden ist nochmal verstärkt, weil ein zusätzlicher Naturbereich ins Spiel gebracht wird (Wald zusätzlich zu Meer). Außerdem gibt es Personifikationen beziehungsweise „Verlebendigungen“, die Gegenstände und die Natur zu etwas Beseeltem machen. Die Rede ist von einem„kämpfenden Schiff“ (V. 21) und von Wellen, die wie Doggen „spielen“ (V. 10). Hier wird noch einmal deutlich, dass die Beobachterin ihre inneren Sehnsüchte und Wünsche auf die Dinge überträgt.

Vergleiche machen deutlicher, dass die Natur für die Beobachterin Freiheit bedeutet. Das lyrische Ich sieht seine Haare „gleich einer Mänade“ (V. 3) im Wind flattern, möchte „[w]ie eine Seemöve“ über die Wellen fliegen (V. 24) und die Wellen verhalten sich „[w]ie spielende Doggen“ (V. 10). Dass ein Wimpel „wie eine Standarte“ erscheint (V. 18), zeigt, dass es auch um Kampf und kriegerische Handlungen geht. Im Gegensatz zu diesen Assoziationen steht aber die Realität, in der sich die Beobachterin „[g]leich einem artigen Kinde“ verhält (V. 30). Die letzte Strophe enthält außerdem eine Antiklimax, die die Enttäuschung der Beobachterin über ihr Schicksal deutlich macht. D. h., es gibt eine Aufreihung von Dingen, die in ihrer Bedeutung abnehmen. Zunächst ist noch schwärmerisch von einem „Jäger“ die Rede (V. 25), dann von einem „Soldat[en]“ (V. 26), dann immerhin noch von einem „Mann“ (V. 27) und schließlich bloß noch einem „artigen Kinde“ (V. 30) – der Rolle des lyrischen Ichs in der Wirklichkeit. Die Freiheit, die sie in der Natur sieht, hat die Beobachterin also selbst nicht. Auch der Titel „Am Thurme“ zeigt, dass eigentlich der „Abstand“ zwischen den Ideen und Idealen und der Realität das Entscheidende in dem Gedicht ist. Der Turm oder die „luftige Warte“ (V. 20) könnte ein Leuchtturm sein, aber vielleicht ist es auch die Beobachterrolle schlechthin. Dann wäre „luftig“ unter Umständen gleichzeitig „verträumt“, „illusorisch“, „ohne Wirklichkeit“.

Annette von Droste-Hülshoff hat dieses Gedicht vielleicht in einer ausweglosen Situation geschrieben, in der ihr nur die Fantasie blieb, um sich ihre Wünsche zu erfüllen. Zum Teil schreibt sie sicherlich gegen die Frauenrolle an; denn wäre sie „ein Mann doch mindestens nur“ (V. 27), ginge es ihr bereits deutlich besser. Andererseits sehnt sie sich nicht in erster Linie danach, ein Mann zu sein, sondern danach, ein „Jäger“ (V. 25) oder ein „Soldat“ (V. 26) sein zu können. D. h., es ging ihr auch um ein naturnahes, wildes und kämpferisches Leben, das in der Zeit des Biedermeier ohnehin nicht leicht zu haben war. Viele Menschen zogen sich ins Private zurück. Aber obwohl das Ideal des lyrischen Ichs auch für Männer gar nicht leicht zu erreichen war, war es für die Beobachterin als Frau besonders schwer.

Der erste Eindruck hat sich also bestätigt, obwohl noch deutlicher geworden ist, dass auch die historischen Umstände in dem Gedicht eine Rolle spielen. Dass der geschichtliche Hintergrund – z. B. die Rolle der Frau – wichtig für die Gedichtinterpretation ist, bedeutet aber nicht, dass es heute nicht mehr lesenswert ist. Sicherlich können viele Menschen, die aus ganz verschiedenen Gründen weniger frei sind, als sie es gerne wären, etwas von sich in diesem Gedicht wiederentdecken.

b)

Im Folgenden soll untersucht werden, ob das Gedicht „Am Thurme“ das Leitbild der Aufklärung vom selbstbestimmten Menschen zum Ausdruck bringt. Auf den ersten Blick scheint keine eindeutige Antwort hierauf möglich zu sein, da widersprüchliche Aspekte in dem Gedicht vereinigt sind.

Widersprüchlich ist aber auch das Leitbild der Aufklärung selbst. Denn natürlich sollte der Mensch selbstständig sein – Kant erhob das „sapere aude“, d. h. „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, zum Leitspruch der Aufklärung. Damit war der Mensch von der Last befreit, religiösen Dogmen oder irgendwelchen Regeln gehorchen zu müssen, die außerhalb von ihm selbst lagen. Der Mensch war dazu bestimmt, ein Individuum zu sein und seine Subjektivität auszuleben. Folglich löste die Aufklärung den Menschen zunächst einmal aus den überkommenen Ordnungsvorstellungen – z. B. den Regeln der Ständegesellschaft – und erhob ihn, zumindest der Idee nach, zu einem mündigen Staatsbürger.

Aber andererseits sollte dieser Mensch auch nicht regellos und willkürlich leben. Er wurde in der Aufklärung zwar als frei und selbstbestimmt gedacht, jedoch auch als vernünftig und moralisch. Da der Mensch vernunftbegabt ist, sollte er sich selbst auch vernünftige Regeln geben. Ein freier Mensch, der sich unvernünftig verhielte, entspräche nicht dem Leitbild der Aufklärung.

In Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht lassen sich zwar viele Hinweise darauf finden, dass das lyrische Ich sich für ein Individuum hält, das prinzipiell dazu fähig ist, selbstbestimmt zu leben. So sind die ersten drei Strophen voll von subjektiven Assoziationen und individuellen Wünschen des lyrischen Ichs. Das „Leitbild der Aufklärung“ vom Individuum scheint somit zunächst einmal erfüllt worden zu sein.

Allerdings ist dieser Teil des Gedichts nur eine Träumerei von einer „luftigen Warte“ (V. 20) aus; tatsächlich fühlt sich die Beobachterin nämlich immer noch an ihre traditionelle, gesellschaftlich vorgegebene Position gebunden. Dass sie eine Frau ist, bedeutet für sie zu dieser Zeit, dass sie ihre Träume gar nicht – beziehungsweise nur privat und „heimlich“ (V. 31) – realisieren darf. Der Widerspruch zur Idee des selbstbestimmten und aufgeklärten Menschen geht jedoch noch weiter. Und zwar wird in den ersten drei Strophen gerade nicht ein vernünftiges und moralisches Leben herbeigesehnt, sondern ein natürliches und wildes Leben „gleich einer Mänade“ (V. 3). Es ist also der Rausch und die Entgrenzung, nicht aber die vernünftige und pflichtbewusste Lebensweise, nach der diese Frau sich sehnt. Letzterer entspricht sie vielmehr bereits – denn sie lebt „fein“, „artig“ und „klar“ (V. 29 f.), also sittlich und vorbildlich. Jedoch will sie diese Lebensweise nicht, d. h., sie ist nicht selbst-, sondern fremdbestimmt, womit die Leitidee der Aufklärung ad absurdum geführt wird.

Fasst man diese Ergebnisse zusammen, ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Zum Teil entspricht das lyrische Ich nämlich durchaus der Idee der Aufklärung vom selbstbestimmten Menschen, jedoch geschieht das entweder nur heimlich und privat oder aber – wenn Aufklärung als Pflicht zur Vernunft aufgefasst wird – nicht aus freien Stücken. Stattdessen zieht sich die Frau auf eine „luftige Warte“ (V. 20) zurück, was bedeutet, dass ihre Selbstverwirklichung nicht in der Realität, sondern in einer inneren Fantasiewelt stattfindet. Darüber hinaus ist diese Fantasiewelt nicht durch den kategorischen Imperativ geprägt, sondern sie ist schwärmerisch und naturnah, was eher an die Romantik als an die Epoche der Aufklärung erinnert.

Die Entstehungszeit des Gedichtes verweist allerdings eher auf die Zeit des Biedermeier. Auch das Thema des Rückzugs ins Private passt zu dieser Epoche – die heldenhafte Zeit der Aufklärung scheint also um die Mitte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger vorbei gewesen zu sein. Anstatt kämpferisch für die Ideale einzutreten, fügt das lyrische Ich sich fremden Erwartungen.

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