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Textinterpretation: I. Keun "Gilgi, eine von uns"


Lösung

1)

Für ein erfülltes Leben ist eine Arbeit wichtig, die mehr ist als nur reiner Broterwerb. Ideal ist es, wenn man seine Fähigkeiten in vollem Umfang einbringen und sich mit seiner Beschäftigung selbst weiterentwickeln kann. Aber gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bleibt das für viele Menschen reines Wunschdenken. Entscheidend ist, dass man überhaupt eine Arbeit hat, mit der man sich und unter Umständen seine Angehörigen über Wasser halten kann. Irmgard Keun stellt in ihrem Roman „Gilgi, eine von uns“ (1931) die 20-jährige Gisela in den Mittelpunkt, die in einem Büro als Schreibkraft arbeitet.

Ein Auszug aus diesem Roman soll im Folgenden interpretiert werden. Anschließend wird überprüft, inwiefern Gilgis Wirklichkeitserfahrung und ihr Lebensgefühl auf junge Menschen der heutigen Zeit übertragbar sind.

Irmgard Keun präsentiert in dem Romanausschnitt die weibliche Protagonistin Gisela Kron, Gilgi, die sich von zu Hause mit der Straßenbahn auf den Weg zur Arbeit macht. Dabei erfährt der Leser ihre grundsätzlichen Einstellungen zu Arbeit, Zeit und Geld. Deutlich wird, dass sie sich von der Vielzahl ihrer Arbeitskollegen bzw. Altersgenossen durch eine positive Haltung gegenüber ihrer Situation unterscheidet.

Der Textausschnitt beginnt in den Zeilen 1 bis 15 mit Gilgis eiligem Frühstück und der knappen Verabschiedung von ihren Eltern. Gilgi lehnt die Einladung der Mutter zum Kaffeeklatsch mit dem Hinweis auf die fehlende Zeit ab.

Der folgende gedankliche Abschnitt thematisiert den Weg der Protagonistin zur Straßenbahn (Z. 16–24). Es zeigt sich, dass ihr Leben durch viel Arbeit und großen Zeitdruck gekennzeichnet ist, aber das belastet sie nicht. Bewusst erlebtes Vergnügen empfindet sie als Ausgleich zu ihrer Arbeit, dagegen lehnt sie den gemeinsamen Kaffeeklatsch mit der Mutter und deren Bekannten als Zeitvertreib ab.

Den inhaltlich umfangreichsten Teil des Ausschnitts stellt der Abschnitt von Zeile 25 bis zum Ende in Zeile 77 dar. Gilgi befindet sich in der Straßenbahn und reflektiert über die Mitfahrer. Wesentlich ist für alle das Gefühl des Gehetztseins, das sich auf die Stimmung auswirkt und vor allem von der Monotonie des Arbeitsalltags bestimmt wird. Sehr viel lieber würden die Mitfahrenden wohl ihren selbst gewählten Freizeitaktivitäten statt der Pflicht zur Arbeit nachkommen. Dominierend ist die Wiederholung des Alltags, die teilweise nur durch die erhofften Veränderungen im Leben zu ertragen ist. Das erklärt die imaginäre Ansprache Gilgis an vier Mitfahrer. Die Wunschvorstellungen werden mit den wenig positiven Aussichten im realen Leben kontrastiert. Die Menschen sind müde, haben wenig Geld und kaum Aussicht auf positive Veränderung. Gilgi sucht in der Straßenbahn nach Gleichgesinnten, die sich wie sie von dieser Grundhaltung abgrenzen. Nur bei einigen wenigen scheint sie fündig zu werden. Der Textausschnitt endet mit einem positiven Ausblick der Protagonistin auf die Zukunft.

Die Hauptfigur Gisela Kron hat eine klare Einstellung zu ihrer Arbeit und der Zeit, in der sie lebt. Zeitverschwendung für belanglose Aktivitäten wie einen Kaffeeklatsch kommt für sie nicht in Frage: „Es gibt nichts, was Gilgi mehr gegen Natur und Gewissen geht“ (Z. 23 f.). Das ist für eine 20-Jährige, die bei ihren Eltern wohnt, eine bemerkenswerte Aussage. Sie scheint einen klaren Lebensplan für sich zu haben, der auch einschließt, auf ihre Figur zu achten (vgl. Z. 2). Dementsprechend präsentiert sie sich diszipliniert und mit einem ausgeprägten Bewusstsein für die Arbeit: „Nein, sie hat keine Zeit zu verlieren, keine Minute. Sie will weiter, sie muß arbeiten“ (Z. 16 f.). An dieser Aussage lässt sich auch erkennen, dass sie mehr aus ihrem Leben machen und beruflich sowie höchstwahrscheinlich auch gesellschaftlich erfolgreich sein möchte. Dabei zeichnet sie ihr realistischer Blick aus. Sie gibt sich keinen falschen Hoffnungen auf plötzliche Wunder (vgl. Z. 49 ff., Z. 58 ff.) hin, sondern hat eine sehr pragmatische Einstellung, mit der sie sich auch von den anderen abgrenzt, wenn sie feststellt: „Die Trostlosen da im Wagen – nein, sie hat nichts mit ihnen gemein, sie gehört nicht zu ihnen, will nicht zu ihnen gehören“ (Z. 56 f.). Optimismus und Frohmut unterscheiden sie von der Mehrheit der Personen in der Straßenbahn (vgl. Z. 60 f.).

In diesem Zusammenhang ist der Titel des Romans zu beachten: „Gilgi, eine von uns“ sagt im Grunde genau das Gegenteil, da sie sich, wie oben erwähnt, eben nicht zur Masse der Hoffnungslosen zählen will. Sie ist ein junges Mädchen, das auch in schwierigen Zeiten keine Angst vor der Zukunft hat und weiß, dass es falsch wäre, aufzugeben. Daher wird der Romantitel durch die letzten Zeilen bestätigt, wenn es heißt: „Nicht ich – sondern wir. Wir! Sie hebt den Kopf und hat frohe Augen. Du – du – du und ich: wir werden es schaffen“ (Z. 75–77).

Ihre Eltern spielen in diesem Ausschnitt nur eine geringe Rolle, doch reicht es aus, um Gilgi von Vater und Mutter abzugrenzen. Der Vater ist nicht in der Lage, ein kurzes Abschiedsgespräch mit seiner Tochter zu führen, und scheint in einer resignativen Gebärde zu versinken (vgl. Z. 6–8). Aktiver präsentiert sich die Mutter, doch stellt auch sie einen Gegenpol dar, da sie von „Anpassungssucht“ (Z. 12 f.) geprägt ist und sich einer sinnlosen Freizeitbeschäftigung hingibt: „Mit der Mutter zum Kaffeeklatsch gehen, wäre weder Vergnügen noch Arbeit, sondern sinnlos verschwendete Zeit“ (Z. 22 f.).

Interessant präsentiert sich die erzählerische Gestaltung des Textausschnitts. Im Mittelpunkt steht Gisela, genannt Gilgi. Im Text ist das Erzählen in der dritten Person Singular vorherrschend, wobei jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Damit verbunden ist immer eine entsprechende Nähe oder Distanz zur Handlung.

Eindeutig auktorial einzustufen sind wertende Textpassagen. Ein geeigneter Beleg ist die Darstellung der Mutter: „Frau Kron ist gebürtige Hamburgerin, ahmt aber aus ehelicher Anpassungssucht mit gutem Willen und schlechtem Erfolg den rheinischen Dialekt ihres Mannes nach“ (Z. 12 ff.). Der Erzähler kennt ihre Herkunft und kritisiert ihren Sprachgebrauch.

Geht es um Gilgi, dann handelt es sich um einen personalen Erzähler, der aus ihrer Sicht heraus erzählt. Erkennbar wird das während der Straßenbahnfahrt, die im Grunde nur aus ihrem Blickwinkel reflektiert wird. Der Leser hört sogar, was Gilgi hört: „Jemand zugestiegen – sonst noch jemand ohne Fahrschein?“ (Z. 28 f.). Durch diese Verengung gelingt die damit verbundene Abgrenzung von der Mehrheit der Mitfahrenden umso besser. „Ihr Jungen, ihr unter dreißig, habt auch ihr nur dieses hoffnungsarme Frühmorgengesicht?“ (Z. 40) – ganz bewusst nimmt sich Gilgi durch die Verwendung des Pronomens „ihr“ aus der Gruppe der Mitfahrer heraus und tritt mit ihnen in einen imaginären Dialog. Gesteigert wird dies in der Textpassage in den Zeilen 62 bis 69. Hat Gilgi vorher nur Fragen gestellt, erhält sie jetzt von der anonymen Masse sogar Antworten. Fast hat man den Eindruck, als würde es sich um einen Bewusstseinsstrom handeln. Die Folge ist ein unmittelbares Erzählen, sodass der Leser die Gedanken Gilgis direkt mitverfolgen kann.

Das wird zudem durch den Gebrauch des Präsens unterstützt, das für einen Roman recht ungewöhnlich ist. Dies bewirkt eine Zeitnähe und verringert die Distanz zum Leser zusätzlich. Die Zeitgestaltung nähert sich demzufolge auch dem zeitdeckenden Erzählen an, was wiederum von der Figurenrede gestützt wird.

Einen reinen Erzählerbericht mit wörtlicher Rede findet man lediglich in den ersten Zeilen, wenn Gilgi im Beisein ihrer Eltern frühstückt und sich anschließend von ihnen verabschiedet. Sobald sie in Zeile 15 die Tür hinter sich geschlossen hat, dominiert die Innensicht, in die z. B. die Rufe des Schaffners (vgl. Z. 28 f., Z. 35) montiert werden. Das Resultat ist eine Darstellung, die an erlebte Rede bzw. inneren Monolog erinnert (vgl. Z. 29 ff). Die Übergänge sind fließend, sodass eine genaue Unterscheidung nicht leichtfällt, da sich z. B. in den Zeilen 62 bis 69 ein zusätzlicher imaginärer Dialog erkennen lässt.

Generell muss festgehalten werden, dass die erzählerische Darstellung wesentlich dazu beiträgt, dass der Leser ganz nah an der Protagonistin ist und mit ihren Augen sieht. Durch die positive Einstellung, die in ihren Passagen deutlich wird, erscheint sie als sehr sympathisch, dabei aber ihrem Alter weit voraus.

Das wird durch die sprachliche Gestaltung des Textausschnitts ebenfalls unterstützt.

Das kurze Gespräch mit den Eltern ist umgangssprachlich geprägt und zeigt die Herkunft Gilgis. Zum Abschied sagt der Vater ganz schlicht: „Tschö, Jilgi“ (Z. 6). Die Mutter fragt: „‚Jilgi‘ […] ‚kommste heutʼ nachmittag nich mit zum Kaffee zu Jeißlers?‘“ (Z. 11 f.). Hier wird ganz normale Alltagssprache wiedergegeben, das zeigt sich auch am Satzbau. Parataktischer Satzbau dominiert. Es wird knapp erzählt, auf das Wesentliche konzentriert. Auffallend sind auch die häufig elliptischen Satzkonstruktionen, wie z. B.: „Also doch! Nicht ich – sondern wir“ (Z. 75). Sie sind Ausdruck der Lebenseinstellung von Gilgi, die Zeitverschwendung ablehnt und einen klaren Lebensplan hat. In diesem Zusammenhang fallen Schlüsselbegriffe auf, um die sich der gesamte Ausschnitt dreht. Zu nennen sind hier vor allem „Arbeit“ oder auch „Zeit“, die sich im gesamten Textausschnitt finden lassen. Sie geben das Thema vor und nennen die für Gilgis Leben bestimmenden Pole.

Dass dieses Leben insgesamt von Monotonie gekennzeichnet ist, wird durch häufige Wiederholungen und Aufzählungen deutlich: „Man fährt. Fährt und fährt. Achtstundentag, Schreibmaschine, Stenogrammblock, Gehaltskürzung, Ultimo – immer dasselbe, immer dasselbe“ (Z. 37 ff.). Die elliptische und stakkatohafte Gestaltung lässt den Leser kaum zu Atem kommen, er spürt bedrückend, wie dieses Leben den Menschen im Griff hat und ihm keine Möglichkeit zum Ausbrechen gibt. Ähnlich sind auch die – häufig rhetorischen – Fragen zu verstehen, die sich vor allem während der Fahrt mit der Straßenbahn (Z. 40–55) finden und die Wünsche der Mitfahrer als unerreichbare Illusion entlarven.

Um Gilgi von den anderen abzugrenzen, findet sich in Zeile 56 f. eine Klimax: „nein, sie hat nichts mit ihnen gemein, sie gehört nicht zu ihnen, will nicht zu ihnen gehören“. Interessant ist, dass hier der Schwerpunkt auf das Wollen gelegt ist, durch das sich Gilgi von dem Fatalismus der anderen unterscheidet. Daher wird in den Folgesätzen das Personalpronomen der dritten Person Singular jeweils zu Satzanfang wiederholt: „Sie glaubt nur an das, was sie schafft und erwirbt. Sie ist nicht zufrieden, aber sie ist froh. Sie verdient Geld“ (Z. 59–61).

2)

Gilgi hat eine sehr pragmatische Einstellung zu ihrem Leben. Sie weiß: „Arbeit hat Sinn, und Vergnügen hat Sinn“ (Z. 21 f.). Daneben kennzeichnen sie ihr Optimismus und ihre positive Lebenshaltung.

Genau diese Aspekte sind es, die für Jugendliche heute auch bestimmend sind. Sie wissen genau, dass in unserer Leistungsgesellschaft Erfolg wichtig ist, um persönliche Befriedigung und soziale Akzeptanz zu erfahren. Das obige Zitat könnte somit ohne Probleme von einem Berufsanfänger aus dem Jahr 2015 stammen.

Daneben gilt es zu berücksichtigen, dass der Hang zur Realisierung eigener Ideen und Lebensentwürfe heute sehr ausgeprägt ist. Die Jugendlichen wollen sich nicht in Rollen pressen lassen, die ihnen aufgezwungen werden, wollen sich nicht mit Gegebenheiten abfinden. Gerade in einer Zeit, in der durch neue Medien und soziale Netzwerke der Kontakt zu anderen, die ähnliche Vorstellungen haben, in Echtzeit erfolgt, trauen sich viele, neue Wege zu gehen, Hemmschwellen lassen sich leichter überwinden. Dadurch können sie sich durch verschiedenste berufliche, kreative oder auch soziale Projekte von der anonymen Masse der Gleichaltrigen abheben. Dass damit der Wunsch nach Berühmtheit und öffentlicher Anerkennung einhergeht, liegt auf der Hand und unterscheidet die heutige Generation nicht von derjenigen Gilgis.

Ein weiterer gemeinsamer Aspekt muss erwähnt werden, der sich im Textausschnitt lediglich als Einschub – „man will doch nicht dick werden“ (Z. 2) – findet. Das Aussehen spielt eine immer größere Rolle. Nicht umsonst boomen Fitnessstudios oder bringen Kosmetikfirmen andauernd neue Produkte speziell für Jugendliche auf den Markt. Neuere Studien zeigen, dass gutes Aussehen die Einstellungschancen erhöht und bei Bewerbungsgesprächen eine entscheidende Rolle spielt. Wie in einem ungeschriebenen Gesetz ist gutes Aussehen eine notwendige Voraussetzung für Erfolg.

Alle diese Punkte dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gilgi eine extreme Position vertritt, die nur die wenigsten 20-Jährigen heute zeigen. Die Fixierung auf Arbeit als alleinigen Lebenszweck erscheint völlig überzogen. Arbeit ist für viele ein notwendiges Übel, ohne das es in der heutigen Zeit nun einmal nicht geht, doch Freizeit steht für viele an erster Stelle.

Es herrscht heute ein deutlich erkennbarer Konkurrenzdruck, den man vor allem bei höher und hoch qualifizierten Berufen immer stärker wahrnimmt. Von dem „wir“, das Gilgi am Ende des Textausschnittes anspricht, ist in vielen Fällen nichts mehr übrig. Die Gesellschaft bzw. die Berufswelt ist von „Ellenbogendenken“ gekennzeichnet. Ganz besonders Frauen, die heute immer noch besser als ihre männlichen Kollegen sein müssen, um in entsprechende Positionen zu gelangen, spüren diesen Wettbewerbszwang. Auch die berühmte Frauenquote hat bislang keine Abhilfe geschaffen.

Beispiele zeigen, dass viele Berufseinsteiger zwar mit großem Elan und voller Optimismus, so wie Gilgi, ihre Arbeit angehen, aber letztlich überwiegt häufig der Frust angesichts eingefahrener hierarchischer Strukturen. Dazu kommen Erwartungen vielfältiger Art von außen, die die Situation erschweren: Die berufliche Karriere und Mobilität sollen mit der Familienplanung vereinbar sein, der Kinderwunsch kann vielfach nur dann realisiert werden, wenn einer der Partner seine Karrierepläne zurücksteckt – das ist dann meistens die Frau –, die Bereitschaft zu Überstunden wird stillschweigend vorausgesetzt. Von Gilgis Optimismus bleibt in solchen Fällen kaum noch etwas übrig.

Dazu kann auch immer noch die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes kommen. Es gibt heute viele gut qualifizierte Arbeitnehmer, die daher auch leicht austauschbar sind. Gerade die Situation der jungen Leute in Staaten, die von der Eurokrise besonders betroffen sind, zeigt das mit erschreckender Deutlichkeit. Gute Ausbildung ist längst keine Jobgarantie mehr.

Die Arbeitswelt wird sich weiter verändern und die Menschen müssen darauf reagieren. Betroffen ist ganz besonders die junge Generation, die neue Wege einschlagen muss, um ihre Zukunft effektiv gestalten zu können. Eine Portion Optimismus, wie Gilgi sie zeigt, gepaart mit einem festen Willen und dem Glauben an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten können helfen, diese Herausforderung erfolgreich zu bewältigen.

 

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