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Textinterpretation: F. Hebbels „Maria Magdalena“


Lösung

1)

Gesellschaftliche Konventionen gelten heute vielfach als veraltet und bedeuten eine Einschränkung des Einzelnen. In unserer Zeit, in der das Individuum und die damit verbundene Verwirklichung eines eigenen Lebensentwurfs dominieren, passen sie nicht mehr. Ein Blick in die Vergangenheit dagegen zeigt, dass das Leben vieler Menschen von diesen stillschweigend vereinbarten und nahezu universell geltenden Regeln bestimmt wurde. Wie verheerend sich dies auswirken kann, zeigt Friedrich Hebbel in seinem bürgerlichen Trauerspiel „Maria Magdalena“.

Aus diesem Stück wird die 8. Szene des dritten Aktes interpretiert. Abschließend erfolgt ein Vergleich der Hauptfigur Klara mit Margarete aus Goethes „Faust“ hinsichtlich der äußeren Situation und der inneren Befindlichkeit.

Bei der zu interpretierenden 8. Szene aus dem letzten Akt von Hebbels Drama, in dem es entsprechend der Dramentheorie (nach Freytag) zur Katastrophe kommt, handelt es sich um einen Dialog zwischen Klara und ihrem Bruder Karl. Karl, der zu Unrecht beschuldigt im Gefängnis saß und dann wieder entlassen wurde, verabschiedet sich von seiner Schwester, um zur See zu fahren, da er es in der kleinbürgerlichen Enge des Vaterhauses nicht mehr aushält. Klara erwartet ein uneheliches Kind. Sie fasst im Lauf des Gesprächs mit ihrem Bruder den Entschluss sich umzubringen, um vor allem ihrem Vater die gesellschaftliche Schande zu ersparen, die eine uneheliche Schwangerschaft bedeuten würde.

Im ersten gedanklichen Abschnitt (Zeile 1–18) erfährt Klara vom Plan ihres Bruders, das Elternhaus zu verlassen. Klara ist über den Entschluss verwirrt und auch ihr Hinweis auf das Alter des Vaters beeindruckt Karl nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Er begründet seinen Entschluss mit der Enge des Elternhauses und macht sein Freiheitsstreben mit einem kurzen Auszug aus einem Seemannslied deutlich. Zudem betont er seine negative Beziehung zum Vater, der nie an der Schuld seines Sohnes gezweifelt habe. In diesem Zusammenhang deutet er an, was es für den Vater bedeuten würde, wenn Klara Schande über die Familie bringen würde.

In den Zeilen 19 bis 48 steht Klaras Reaktion auf die Äußerung ihres Bruders im Mittelpunkt. Sie hält die Situation nicht mehr aus und beschließt zu gehen, was von Karl misstrauisch hinterfragt wird. Nachdem sie die Bühne verlassen hat, wundert er sich über ihr Verhalten, beginnt jedoch gleich wieder, sein Seemannslied zu singen. Klara kehrt zurück und spricht von ihrer inneren Zerrissenheit, was von Karl überhaupt nicht registriert wird, da er weiter sein Lied singt. Klara ihrerseits beschäftigt sich immer intensiver mit ihren Selbstmordgedanken, unterbricht sich selbst aber immer wieder mit dem „Vaterunser“ und bittet Karl um Hilfe, der sich erkundigt, was mit ihr sei. Durch diese Nachfrage kann sie wieder klare Gedanken fassen, bringt das Gebet zu Ende und verabschiedet sich von ihrem Bruder.

Ab Zeile 49 beginnt der letzte gedankliche Abschnitt der Szene. Karl bittet seine Schwester, ihm ein Glas Wasser zu holen. Um seinem Wunsch nach frischem Wasser nachzukommen, will sie zum Brunnen gehen. Das nimmt sie zum Anlass, ihren Selbstmord – sie will sich in den Brunnen stürzen – als Unfall zu tarnen. Denn sogar Karl warnt seine Schwester vor der Gefahr am Brunnen. Der Textausschnitt endet mit ihrer Bitte um die Vergebung Gottes und rechtfertigt ihre Tat als Maßnahme, um dem Vater die Schande zu ersparen und seinen Selbstmord zu verhindern (Z. 15 f.).

Die Untersuchung des gedanklichen Aufbaus lässt Rückschlüsse auf Personenkonstellation und Figurenrede zu.

Klara erweist sich in dieser Szene als ein Mädchen, das einen schweren inneren Konflikt zu bewältigen hat. Sie ist die Tochter des verwitweten Tischlermeisters, die ein uneheliches Kind von ihrem Verlobten Leonhard erwartet. Wegen einer besseren Partie weigert er sich aber, sie zu heiraten (siehe Vorbemerkung).

Klara muss vor diesem Hintergrund den verschiedensten Ansprüchen gerecht werden. Sie ist als Tochter dem häuslichen Bereich zugeordnet und zuständig für die Versorgung des Vaters, was in dieser Szene in Zeile 26 deutlich wird: „Das Letzte ist getan, des Vaters Abendtrank steht am Feuer.“ Aber auch der Bruder fordert von ihr ein Glas Wasser. Klara nimmt die Rolle der Mutter ein, die das Opfer der Verleumdung des Bruders geworden ist. Das Beispiel ihrer Mutter zeigt ihr, wie wichtig es in dieser kleinbürgerlichen Welt ist, auf den guten Ruf zu achten. Auch als sie überlegt, sich in den Brunnen zu stürzen, formuliert sie entsprechend: „Nun werden sie doch sagen: sie hat ein Unglück gehabt!“ (Z. 54).

Klara ist hin- und hergerissen zwischen ihrem Schicksal und den Anforderungen der Gesellschaft, was sich deutlich in den Redeanteilen und der Art ihres Sprechens zeigt. Im Dialog mit ihrem Bruder spricht sie deutlich weniger. Erklärbar ist das durch seinen Entschluss, zur See zu fahren, was für sie völlig überraschend kommt. Sie weiß, dass sie in Zukunft mit ihrem Vater allein sein wird, sie weiß aber auch, dass ihn die Nachricht einer unehelichen Schwangerschaft tödlich treffen würde. Ihr bleibt deshalb nichts anderes übrig, als auf eine andere Gesprächsebene auszuweichen. Wenn sie betet (vgl. Z. 43 ff.) oder mit sich selbst spricht (vgl. Z. 26 ff., Z. 34 ff.), hat sie durchaus einen großen Redeanteil.

Karl ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil. Als Mann kann er allein eine Entscheidung treffen, um sich von der häuslichen Sphäre zu lösen. Das ist ihm möglich, weil er seinen Vater von seiner Schwester versorgt weiß, wie sich aus seiner Reaktion auf Klaras Ausruf „Ja, ich muss fort, fort!“ (Z. 19) zeigt: „Was soll das heißen?“ (Z. 20). Es liegt also völlig außerhalb seiner Vorstellung, dass Klara den Vater verlassen könnte, was Ausdruck seiner egoistischen Haltung ist. Zudem behandelt er sie wie eine Dienstmagd, wenn er sich von ihr Wasser bringen lässt (vgl. Z. 49 f.). Deutlich wird in seinen Dialogteilen ein grundsätzlicher Neid auf die Schwester, die er das „Schoßkind“ (Z. 4) des Vaters nennt.

Die unterschiedliche Gemütsverfassung der Geschwister wird auf unterschiedliche Weise dramaturgisch verdeutlicht.

Klara ist diejenige, die im Haus bleibt und die häuslichen Pflichten zu erfüllen hat. „Klara hält sich im Hintergrund“ (Z. 30) ist eine treffende Regieanweisung für ihre Situation. Was sich in ihrem Inneren abspielt, ihre seelische Verfassung wird von ihrem Bruder nicht wahrgenommen. Regieanweisungen wie „[s]ie besinnt sich“ (Z. 43), „[p]lötzlich“ (Z. 44), „schnell“ (Z. 51) oder auch „wie ein Kind, das sich das Vaterunser überhört“ (Z. 48) offenbaren ihren inneren Zwiespalt und zeigen, dass sie eine Getriebene ist.

Das Gegenteil ist Karl. Unmittelbar nach der Darstellung, wie er sein Verhältnis zum Vater sieht, beginnt er zu singen: „Der Anker wird gelichtet, / Das Steuer flugs gerichtet. / Nun fliegt’s hinaus geschwind!“ (Z. 10–12). Ihm geht es um seine persönliche Freiheit, alles andere interessiert ihn nicht. Das verstärkt sich im Verlauf der Szene. Er stellt zwar fest, dass Klaras Verhalten „ganz sonderbar“ (Z. 23) ist, aber anstatt nachzufragen, setzt er seinen Gesang fort. Er ist in Bewegung („singt, er geht immer auf und ab“, Z. 30), während Klara „sich auf einen Stuhl“ (Z. 37) setzt. Auf das Gebet Klaras als Hilferuf reagiert er gar nicht (vgl. Z. 45 ff.).

Obwohl Klara und Karl miteinander reden, gehen sie im Gespräch nicht aufeinander ein. Es entsteht keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Aussagen des anderen. Sie sind ganz in ihren eigenen Empfindungen gefangen, was sich auch in der Sprache der Figuren zeigt.

Dass es sich um ein Gespräch zwischen Geschwistern handelt, erkennt man am vertrauten Tonfall. Sie sprechen sich mit „Du“ an, der gemeinsame Dreh- und Angelpunkt des Gesprächs ist in den ersten Zeilen der Vater. Beide haben einen eher umgangssprachlichen Ton. Er ist gekennzeichnet von elliptischem Sprechen (vgl. Z. 3) oder abgebrochenen Sätzen (vgl. Z. 35), was ihrer emotionalen Situation entspricht. Vorherrschend sind jeweils parataktische Satzkonstruktionen, die gut geeignet sind, das Aneinander-vorbei-Reden der Geschwister zu zeigen.

Klaras Sprache zeichnet sich vor allem durch Stilmittel aus, die ihre emotionale Ausnahmesituation verdeutlichen sollen. Dazu gehören besonders die häufigen Aposiopesen, wie z. B. in den Zeilen 35–39. Hier bringt Klara ihre Sätze nicht zu Ende und wagt nicht, das letzte, entscheidende Wort auszusprechen. Auch ihre Wiederholungen, die sich nicht nur im Gebet finden, zeigen ihren Drang zur Selbstvergewisserung und sind ebenfalls Ausdruck ihres Getriebenseins, wie es in Zeile 19 mit „fort, fort“ klar zu erkennen ist. Dadurch gelingt es Hebbel, dem Leser ihre Verzweiflung sprachlich nahezubringen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang die Klimax in den Zeilen 28 und 29: „So werd ich aus dieser Stube gehen, so aus dem Hause, so aus der Welt!“ Spätestens hier wird klar, dass Klara den Entschluss zum Selbstmord gefasst hat.

Ihr Bruder Karl bedient sich anderer Mittel, um seine Emotionalität vor allem im Vater-Sohn-Konflikt zu zeigen. Er wählt eine metaphorische Sprache, wenn er feststellt: „[E]r (= der Vater, Anm. d. V.) möchte seine Faust zumachen und hineinkriechen, ich möchte meine Haut abstreifen, wie den Kleinkinderrock, wenn’s nur ginge!“ (Z. 7 ff.). Gleichzeitig wird durch die dargestellte Antithetik die unterschiedliche Lebenseinstellung von Vater und Sohn deutlich, was durch den abschließenden Vergleich („wie den Kleinkinderrock“) noch verstärkt wird. Karl will die Brücken zwischen sich und seinem Elternhaus abbrechen und ein neues Leben beginnen. Nicht umsonst singt er das Lied, in dem symbolhaft das Schiff den Anker lichtet (vgl. Z. 10).

2)

Das Motiv der unehelichen Schwangerschaft findet sich ebenfalls in Goethes „Faust“. Gretchen, die zumindest zu Beginn recht naiv auf die Komplimente des verjüngten Faust reagiert, glaubt an die große Liebe. Sie ahnt nicht, dass Mephisto dahintersteckt. Um mit Faust zusammen zu sein, gibt sie ihrer Mutter Schlaftropfen, die diese jedoch umbringen. Da Gretchen wie auch Klara aus einem kleinbürgerlichen Milieu kommt, weiß sie, was ein uneheliches Kind bedeutet. In der Szene „Am Brunnen“ und im Gebet an die „Mater dolorosa“ wird dies klar.

Damit sind bereits Gemeinsamkeiten zwischen den beiden literarischen Figuren zu erkennen. Weder Klara noch Gretchen sind mit dem Vater des ungeborenen Kindes verheiratet, sondern beide werden vom Kindesvater verlassen.

In dieser Notsituation besinnen sie sich auf ihre Religiosität und beten zu Gott um Hilfe. Mit ihrem Problem sind sie allein und können sich niemandem anvertrauen, obwohl beide Frauen Brüder haben. Diese repräsentieren jedoch die jeweiligen gesellschaftlichen Normen, was gerade im Fall Gretchens sehr hart ist, da sie von ihrem sterbenden Bruder als Hure beschimpft wird. Karl dagegen ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er die Not seiner Schwester wahrnehmen könnte. Gerade die Tatsache, dass die Frauenfiguren den Konflikt mit sich selbst, ohne Hilfe von außen, austragen müssen, führt letztlich zu ihren schwerwiegenden Entscheidungen.

Klara wird zur Selbst- und Kindsmörderin, die ihre Tat als Unfall tarnt, um alle Schande von ihrer Familie abzuwenden. Gretchen ist die Kindsmörderin, die von der Justiz verurteilt öffentlich hingerichtet wird.

Ein wesentlicher Unterschied ist das jeweilige Verhältnis zum Kindesvater. Faust liebt Gretchen auch nach ihrer Tat und will sie aus dem Gefängnis befreien, was sie aber ablehnt, womit sie sich einem göttlichen Gericht übergibt. Klara wird von ihrem Verlobten wegen einer besseren Partie verlassen. Jegliche Versuche, durch Heirat der öffentlichen Schande zu entgehen, schlagen fehl.

Deutlich wird in beiden Fällen, wie dominant der Einfluss der Gesellschaft ist. Die Furcht um den guten Ruf treibt Klara und Gretchen in den Tod.

Zwar spielen gesellschaftliche Konventionen in der heutigen Zeit nicht mehr dieselbe Rolle wie in der Vergangenheit. Eine ungewollte Schwangerschaft und die Geburt eines unehelichen Kindes bedeuten bei uns heute weder Schande noch gesellschaftliche Nachteile. Gleichwohl machen wir uns auch heute noch vom guten Ruf abhängig, wenn wir darauf achten, Markenkleidung zu tragen, das richtige Auto zu fahren oder das angesagte Urlaubsziel zu wählen. Um diesen Ansprüchen gerecht werden zu können, führen viele Menschen einen Lebensstil, den sie sich nicht leisten können und der sie manchmal sogar in den Ruin treibt.

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