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Textinterpretation epischer Text: P. Härtling: „Nachgetragene Liebe“; F. Kafka: „Die Verwandlung“


Lösung

a)

In dem Auszug aus Peter Härtlings Roman „Nachgetragene Liebe“ aus dem Jahr 1980 geht es um einen Diebstahl eines Jungen und die darauf folgende Bestrafung durch den Vater sowie die restliche Familie.

Peter Härtling lässt hier vermutlich einen Icherzähler eine eigene, biografische Erfahrung darstellen. Es geht darum zu zeigen, wie überzogen und schädlich die Strafmaßnahme im Verhältnis zum eigentlichen „Vergehen“ des Jungen war. Der Junge leidet seitdem unter Angstgefühlen.

Zu Beginn der Geschichte sind diese Angstgefühle jedoch noch nicht vorhanden. Vielmehr besucht der Erzähler mit seiner Familie einen Zirkus und möchte im Anschluss unbedingt eine Mundharmonika besitzen, wie er sie bei einem Clown gesehen hat. Da er sich nicht sicher ist, ob sein Vater diesen Wunsch unterstützen wird, entwendet er die notwendigen 1,20 Mark aus der Familienkasse. Der Diebstahl fliegt jedoch auf. Der Vater – und mit ihm die gesamte Familie – strafen den Jungen, indem sie ihn fortan ignorieren. Auch der heiß ersehnte Besuch bei einem großen Zirkus findet ohne den Jungen statt. Dieser träumt, er habe sich in eine Maus verwandelt, die vor den Tritten des Vaters um ihr Leben fliehen muss. In einer abschließenden Erklärung wendet sich der Erzähler direkt an den Vater: Er habe sein Leben lang mit Ängsten zu kämpfen, die durch das „Totschweigen“ des Vaters entstanden seien. Der Junge hat also durch die Strafe inneren Schaden genommen, während die Familienordnung durch die Strafe scheinbar wiederhergestellt wurde.

Der Erzähler ist also ein Icherzähler, der direkt an den Ereignissen beteiligt ist. Hierdurch und durch die Erzählperspektive, die meist personal ist, erfahren wir sehr viel von den subjektiven Vorstellungen des Jungen. Manchmal tritt der Erzähler auch zurück und stattdessen scheinen die Figuren ohne vermittelnde Instanz zu sprechen (Z. 69: „Wie versprochen; doch ohne den Jungen!“). Dadurch – und weil sich der Erzähler streckenweise um eine neutrale Perspektive bemüht (Z. 68: „Du wirst dieses Schweigen nicht so ausgelegt haben.“) – wird aber auch deutlich, dass der Erzähler sich um Sachlichkeit und Objektivität bemüht. Die Geschichte ist also einerseits eine sehr subjektive Kindheitsgeschichte, andererseits so etwas wie eine Aufarbeitung und detaillierte Schilderung, die genau erklären soll, was geschehen ist.

Diese „Objektivität“ entsteht auch durch eine knappe, parataktische Erzählweise (vgl. Z. 55: „Er hielt die Strafzeit länger als eine Woche durch. Das Schweigen wurde sichtbar. Es sank auf die Diele …“). Diese wirkt, als wolle der Erzähler schnörkellos und unverfälscht berichten, was geschehen ist. Andererseits kann diese Erzählweise auch als „Kampf um Worte“ überhaupt gedeutet werden; manchmal auch als Stil, der das Tempo verdeutlicht, in dem die Ereignisse geschehen.

Durch diese Einzelheiten wird die Romanform des autobiografischen Romans deutlich. In ihm findet sich eine bezeichnende Mischung verschiedener Merkmale und neben dem Bemühen um Sachlichkeit und „Objektivität“ auch eine sehr kunstvoll geformte Sprache.

Bereits im ersten Abschnitt wird durch die Häufung entsprechender Vokabeln die prekäre finanzielle Situation der Familie verdeutlicht (Z. 1–8: armselig, Geld, Spendierhosen, knausern, Pfennig, anbetteln …).

Neben der bereits erwähnten Parataxe finden sich auch elliptische Sätze (Z. 9: „Ich sehnte mich nach der Mundharmonika, träumte von ihr.“). Dadurch wird die Hast und das Tempo der Entwicklungen betont, die durch die Parataxe schon angedeutet werden. Die Dramatik wird zudem durch einen Schwenk ins Präsens unterstrichen, das von Zeile 30 („Er straft mich.“) bis Zeile 54 durchgehalten wird. Auch das subjektiv gesehen „Außerordentliche“ und „Ungeheuerliche“ der Strafe wird dadurch unterstrichen.

Parallelismen in den Zeilen 35–40 (z. B. „Ich höre sie … Ich sehe sie …“) markieren die geballte Wucht der Ereignisse, die auf den Jungen wirken. Außerdem signalisieren sie – im Verbund mit einer erneuten Parataxe – die Vielzahl erfolgloser Anläufe, das Wohlwollen der Familie zurückzugewinnen.

Ein ganzes Bündel sprachlicher Gestaltungsmittel kommt während der Traumpassage zur Anwendung: Z. 49–51: „Ich luge aus dem Loch, sehe ihn übergroß darauf zustapfen, sehe seine Sohle über mir schweben. Sie tritt das Loch zu, schließt es, nimmt mir das Licht, die Luft.“ Die Parataxe gemeinsam mit mehreren Parallelismen und Ellipsen ergibt eine sehr detaillierte Darstellung davon, wie dramatisch der Junge die Traumsituation erlebt hat. Paradoxe Formulierungen beziehungsweise ein Oxymoron und eine Personifikation (Z. 55 f.: „sichtbares Schweigen“; Z. 57: „gewalttätige Stille“) bringen zum Ausdruck, dass die normalen Regeln des Lebens in diesem Traum außer Kraft gesetzt sind und surreale Gesetze herrschen.

Vergleiche zeigen, dass der Junge sich bemüht, die eigene Situation zu deuten und zu begreifen: Er erfuhr von dem Zirkusausflug „wie durch Boten“ (Z. 58) und es „schien, als“ befände er sich auf der anderen Erdhälfte als der Vater (Z. 60).

Der plötzliche Adressatenwechsel ab Zeile 65 beendet zwar die poetische Erzählung, doch er beendet nicht die kunstvolle Gestaltung der Sprache. Es kommt zu einer Häufung des Anredepronomens „du“ und zu parallel geordneten Sätzen in den Zeilen 68–70, sodass der Vater auch sprachlich direkt und massiv mit der Sicht und den Gefühlen des Jungen konfrontiert wird, die ja vorher „unsichtbar“ für ihn gewesen sind.

Metaphern, die euphemistisch wirken, greifen die falsche Sichtweise des Vaters kunstvoll auf: Die Strafe sei eine „stumme Kur“ gewesen (Z. 65), also eine Heilung (de facto war sie jedoch das Gegenteil). Weiterhin wird vom Schweigen als „Mitgift“ des Vaters gesprochen (Z. 72), d. h. wie von einem Geschenk. Doch tatsächlich bedeutete es eine seelische Verletzung für den Jungen, da er sich seitdem davor fürchtet, bedeutungslos zu sein.

Die Furcht vor der Bedeutungslosigkeit als Lebensthema wird folgerichtig personifiziert, als der Erzähler angibt, er streite mit seinen Ängsten (Z. 72 f.). Sie begleiten ihn wie eine Person sein Leben lang.

Alles in allem wirkt die Erzählung wie die Aufarbeitung eines Traumas oder jedenfalls einer seelischen Verletzung, die nun vielleicht geheilt werden soll, indem der Vater mit den Folgen seiner Strafe konfrontiert wird.

Zum Zeitpunkt des Geschehens war die (direkte) Konfrontation des Vaters mit der subjektiven Sicht des Jungen nämlich nicht möglich. Der Icherzähler hat durch den starken Wunsch nach einer Mundharmonika ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen. Die Summe von bloß einer Mark scheint zwar belanglos zu sein, könnte aber in der damaligen Familiensituation tatsächlich wichtig gewesen sein. So wichtig jedenfalls, dass die Folge des Verstoßes der Abbruch aller Kommunikation war. Da die anderen Familienmitglieder dem Vater folgen, führt dies zur kompletten Isolation des Jungen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Familie sehr hierarchisch organisiert ist: Der Vater ist die mächtigste Figur; der Junge wird sogar zur „Maus“, d. h. fast ganz unbedeutend und winzig klein im Vergleich zum damit „übergroßen“ Vater. Zwar schenkt die Mutter ihm mehr Aufmerksamkeit als die Schwester – die vom Verhalten des Vaters „angesteckt“ wird (vgl. Z. 34 f.) und auch in gewisser Weise davon profitiert (vgl. Z. 62 ff.) –, aber auch sie stellt sich nicht gegen den Vater und muss die Situation hilflos mit ansehen (vgl. Z. 43 f.). Dass der Vater der uneingeschränkte „Gesetzgeber“ der Familie ist, zeigt sich auch daran, dass er sich willkürlich verhält – manchmal ist er großzügig und hat die „Spendierhosen“ an, manchmal knausert er um jeden Pfennig. Auch die Mutter ist vor Strafen nicht gefeit, denn manchmal spricht der Vater auch mit ihr „über Tage, Wochen“ nicht.

Alle wichtigen Figuren außer dem Icherzähler sind statisch und entwickeln sich nicht weiter. Dennoch ist die Bewertung dieser Figuren „offen“. Der Erzähler verurteilt sie nicht, doch seine Erzählung zeigt, dass die Strafe nicht gerecht war: Für den Diebstahl von einer Mark sollte niemand ein Leben lang mit Ängsten geplagt werden. Diese sehr subjektive Wahrnehmungsweise wird durch die Art der Darstellung und den Aufbau der Figurenkonstellation sichtbar. Darin liegt eine wichtige Leistung der Erzählung.

Die erzählte Sequenz findet fast durchgehend im Elternhaus des Icherzählers statt. Wichtige Ausnahmen sind hier der Kauf der Mundharmonika als Auslöser für den Konflikt und der versprochene Ausflug zum Zirkus, den Vater und Tochter ohne den Jungen unternehmen. Er steht „hinter den Gardinen und s[ieht] ihnen nach“ (Z. 62). Die räumliche Trennung symbolisiert damit auch die emotionale Distanz: Dadurch, dass der Erzähler räumlich von den anderen isoliert wird, hat er gar nicht mehr die Möglichkeit, ihnen seine Sichtweise mitzuteilen.

Besondere räumliche Bedingungen herrschen im „Mauseloch“ des Jungen. Im Traum werden die realen Raum- und Größenverhältnisse symbolisch außer Kraft gesetzt. Die Mundharmonika nimmt dem Erzähler „viel Platz“ (Z. 45) und verweist damit auf die „riesigen“ Konsequenzen des Diebstahls. Auch der Vater und seine Stiefel wirken aus dieser Perspektive „übergroß“ (Z. 49) und damit lebensbedrohlich. Bekräftigt wird diese Tatsache durch die „Atemnot“ und das Gefühl zu bersten, das den Icherzähler im Traum überkommt.

Aufgrund der Tatsache, dass es sich um einen autobiografischen Roman handelt, kann davon ausgegangen werden, dass die Erzählung in der Kindheit des Autors anzusiedeln ist. In der Erzählung selbst aber bleibt sie historisch unbestimmt. Es geht lediglich um die individuelle Dimension der Ereignisse, d. h. um die Lebenszeit des Erzählers und die Bedeutung für sein Leben. Da der Erzähler zudem die erzählte Zeit stark zusammenfassen kann, um die langfristigen Folgen für ihn zu erwähnen (Z. 72: „Wenn ich heute …“), handelt es sich um den Rückblick auf eine bestimmte Situation der Kindheit und ihre Bedeutung für das heutige Leben. Dadurch wird erneut deutlich, dass die Geschichte auch eine psychologische „Aufarbeitung“ von Geschehnissen ist. Die chronologische Erzählung der Ereignisse von damals und die subjektive Perspektive des Erzählers damals und heute zeigen die übertriebene Härte der Strafaktion. Der Leser empfindet Empathie; der Icherzähler zieht ihn damit auf seine Seite und überlässt dem Leser die Wertung des Ganzen.

Es wurde gezeigt, dass der Romanauszug sowohl als eine poetische Geschichte als auch als eine autobiografische Aufarbeitung verstanden werden kann. Die sehr subjektive Erzählweise ermöglicht letztendlich das Mitgefühl, das dem Erzähler durch die Strafe verweigert wurde, und kann vielleicht die Ängste nehmen, die ihn begleiten. Insgesamt erscheint der Romanauszug daher als eine sehr persönliche „Abrechnung“ und als ein individuelles Bekenntnis, das sehr lesenswert ist.

b)

Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ von 1912 und Peter Härtlings Roman „Nachgetragene Liebe“ aus dem Jahr 1980 haben ein gemeinsames Thema. Beide handeln davon, wie ein junger Mensch Isolation und Ächtung innerhalb der eigenen Familie erfährt. Außerdem haben sie ein gemeinsames Motiv: die Verwandlung in ein Tier.

Die zwei Erzählungen sind nicht nur thematisch miteinander verwandt, sondern ähneln sich auch in ihrem Stil. Sie unterscheiden sich jedoch auch – und zwar darin, wie weit sie in ihrer poetischen Darstellung gehen und was die Ursachen für die Isolation und Ausgrenzung sind. Zudem entwickeln sich die Protagonisten unterschiedlich. Dies soll im Folgenden durch einen Vergleich gezeigt werden.

Die Familien sind in beiden Erzählungen sehr ähnlich konstruiert. Sowohl Gregor Samsa als auch Härtlings Icherzähler leben beide mit ihren Familien – Vater, Mutter und Schwester – unter einem Dach. Während Härtlings Icherzähler noch ein Kind ist, ist Gregor Samsa bereits erwachsen und berufstätig. Als Handlungsreisender und Alleinverdiener ist er für den Unterhalt der Familie zuständig. Bei beiden Familien spielt die finanzielle Situation eine große Rolle, denn beide Familien müssen mit ihrem Geld haushalten.

Die Protagonisten unterscheiden hinsichtlich der Position, die sie zu Anfang in ihren Familien einnehmen. Der Icherzähler war vor seiner Tat ein integriertes Familienmitglied. Er stand hierarchisch schon immer unter seinem Vater, der im Verlauf der Geschichte seine Machtposition ausspielt. Als Familienversorger stand Gregor Samsa in der Hierarchie zunächst über seinem kranken und alten Vater; dieser erstarkt durch dessen Verwandlung wie durch ein Wunder und gelangt zu neuer Kraft.

Beide Protagonisten werden von ihren Familien ausgegrenzt – und zwar sowohl räumlich als auch emotional. Diese Isolierung spitzt sich im Verlauf der Erzählungen zu, denn sowohl Gregor Samsa als auch der Icherzähler kämpfen verzweifelt darum, wieder als wertvolle Familienmitglieder anerkannt zu werden, und scheitern. Die Gründe für die Ausgrenzung sind unterschiedlich: Bei Härtling ist es die übertrieben harte Strafe für einen eher harmlosen Diebstahl; Gregor Samsa wird ausgegrenzt, weil er durch seine Verwandlung in seiner Funktion als Versorger der Familie versagt.

Auffallende Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede bestehen hinsichtlich des Verwandlungsmotivs. Während die Verwandlung bei Gregor Samsa real stattfindet, verwandelt sich der Icherzähler nur im Traum. Seine geträumte Verwandlung kann auch als das innere Bild und damit als Metapher für seinen seelischen Zustand gedeutet werden. In Kafkas Erzählung passiert die Verwandlung zwar auch im Schlaf, aber sie ist dauerhaft und auch für andere sichtbar. Die „Bedeutungslosigkeit“ und Hilflosigkeit des Protagonisten ist bei Kafka also nicht bloß Ausdruck der „inneren Subjektivität“ der Figur, sondern gleichzeitig etwas, was alle anderen sehen können.

Verschieden ist auch der jeweilige Auslöser der Verwandlungen. Gregor Samsa verwandelt sich plötzlich eines Morgens – scheinbar ohne jeglichen Grund – in ein Ungeziefer. Jedenfalls ist seine Familie nicht direkt für seine Verwandlung verantwortlich. Die Ächtung durch seine Familie ist eine Konsequenz seiner Verwandlung. Härtlings Icherzähler wird erst durch die Behandlung und den sozialen Ausschluss durch seine Familie zu einem Tier.

Beide Protagonisten erfahren eine Verengung ihrer Lebensräume. Gregor Samsa darf sein Zimmer nicht mehr verlassen, denn durch seine Verwandlung in ein „Ungeziefer“ wird er unzumutbar. Dass auch der Lebensraum des Icherzählers schrumpft, wird in Härtlings Roman sowohl durch die Traumsituation im „Mauseloch“ als auch durch die Szene am Fenster deutlich, in der der Junge von drinnen Vater und Schwester beim Weggehen zuschauen muss. Auch bei Kafka drängen die Familienmitglieder ins Freie, allerdings erst nach dem Tod des „Ungeziefers“. Sie scheinen, ihrer Last entledigt, regelrecht befreit und unternehmen eine gemeinsame Fahrt ins Grüne.

Damit wurde auch schon der wichtigste äußere Unterschied der Erzählungen angesprochen: Gregor Samsa stirbt einen Tod, der wörtlich zu verstehen ist. Härtlings Erzähler stirbt jedoch bloß im übertragenen Sinn, da er „totgeschwiegen“ wird.

Innerlich gleichen sich die Protagonisten darin, dass sie unter der Ablehnung der Familie sehr leiden. Sie sind abhängig von deren Wohlwollen und fürchten sich davor, nicht mehr geliebt oder sogar verachtet zu werden. Außerdem verzweifeln beide Protagonisten an ihrer Unfähigkeit zu kommunizieren. Bei Gregor Samsa ist dies durch die Verwandlung in ein Tier bedingt; er kann nicht mehr sprechen. Härtlings Icherzähler kann zwar noch sprechen, wird aber von den anderen Familienmitgliedern konsequent ignoriert. Somit können beide nicht über ihre Befindlichkeiten sprechen, was sie noch mehr in die Isolation treibt. Daher sind beide Protagonisten schutzlos, ängstlich und ihren Familien ausgeliefert. Gregor Samsa will seine Familie nicht im Stich lassen, ist aber aufgrund seiner körperlichen Verfassung vom Wohlwollen der Familienmitglieder abhängig. Sie verfügen darüber, wann und ob Gregor Nahrung bekommt und wann sein Zimmer gereinigt wird. Da sich die Familie vor Gregor ekelt, verwahrlost er zusehends. Das Ausgeliefertsein des Icherzählers ist dadurch bedingt, dass er noch zu jung ist, um seine Familie zu verlassen und eigenständig zu leben. Er hat keine Chance, der Situation zu entfliehen oder die Mauer der Isolation zu durchbrechen.

Damit im Zusammenhang steht die (gefühlte) Bedrohung durch einen „übergroßen“ und also übermächtigen Vater. Gregor Samsa staunt „über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen“ (S. 137) und flieht um sein Leben. Auch auf den zur Maus geschrumpften Icherzähler kommt der Vater zugestapft – dessen Sohlen drohen ihn in seinem Loch zu ersticken.

Somit verlieren beide ihre alte Identität Stück für Stück. Bei Kafka geschieht das auch symbolisch durch die Veränderung der Möbel, bei Härtling symbolisiert der Traum das neue Selbstbild des Protagonisten. Doch während Gregor Samsa schließlich unerlöst bleibt und stirbt, ohne dass sich etwas geändert hat, bleibt die Situation bei Härtling unentschieden: Ob er sich durch seine Erzählung öffnen kann und schließlich die Anerkennung findet, die er braucht, bleibt nämlich offen.

Beide Erzählungen schaffen es – zum Beispiel durch personale Erzähler –, eine innere, geistige oder seelische Situation der Hauptfigur sehr genau darzustellen. Kafka geht jedoch weiter als Härtling. Er schreibt einen vollkommen poetischen Text und eine „echte Verwandlung“, nicht bloß eine Traumsequenz. Dadurch fällt die Situation für Gregor Samsa etwas extremer, man kann auch sagen „grotesker“ aus. Doch davon abgesehen sind die beiden Figuren in gewisser Weise „Seelenverwandte“. Das dürfte schließlich auch der Grund für Härtling gewesen sein, das Verwandlungsmotiv aufzugreifen.

Der Vergleich kann zeigen, dass große Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Protagonisten und deren äußerer und innerer Situation bestehen. Es gibt jedoch auch wichtige Unterschiede – zum Teil liegt das sicherlich daran, dass Härtling einen autobiografischen Text geschrieben hat und deswegen näher an der Wirklichkeit bleiben wollte als Kafka. Für Härtling war der Text sicherlich auch eine Selbsthilfe, zumindest eine Bewältigungsstrategie; bei Kafka legen manche Interpretationsansätze das gleiche Motiv zugrunde, gesichert ist dies aber nicht.

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