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Textinterpretation epischer Text: G. Hartlaub: „Die Verwandlung“; F. Kafka: „Die Verwandlung“


Aufgabe

  1. Interpretieren Sie den Auszug aus Geno Hartlaubs Erzählung „Die Verwandlung“.
  2. Vergleichen Sie Hartlaubs Text mit Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ im Hinblick auf die äußere Situation und innere Befindlichkeit der Protagonisten.

Gewichtung der Aufgaben

  • Aufgabe a: 60 %
  • Aufgabe b: 40 %

Material:

geno_hartlaub_die_verwandlung.pdf

Lösung

a)

Im Jahr 1954 erschien Geno Hartlaubs Märchen „Die Verwandlung. Variationen zu einem Thema aus Tausendundeiner Nacht“. Die Autorin artikuliert in dieser Erzählung sehr eindringlich Gefühle von Trauer und Scham, die sich sehr gut auf den historischen Hintergrund der Erzählung beziehen lassen.

Zunächst sieht es jedoch so aus, als würde der „historische“ Hintergrund überhaupt keine Rolle spielen. Denn die Handlung ist zu märchenhaft und fantastisch, als dass darin irgendwelche realen historischen Ereignisse dargestellt werden könnten.

Der Icherzähler ist ein König oder Sultan („königliches Blut“, Z. 57), der jedoch aus irgendeinem Grund in einen Affen („Affenart“, Z. 52) verwandelt wurde und nun auf einem Schiff unter dem Schutz des Kapitäns lebt. Er beginnt seine Erzählung mit einer Rückblende, in der er in seiner Affengestalt auf das Schiffsdeck klettert und dort höhnisch von den Seefahrern empfangen wird. Durch die Rückblende wird gleich deutlich, wie dramatisch die Situation des Erzählers ist: Die anderen Reisenden respektieren ihn nicht und trachten ihm nach dem Leben. Zudem wird sofort Tempo und Spannung aufgebaut. Nur durch das Auftreten des Kapitäns, der ihn unter seinen persönlichen Schutz stellt, wird der Erzähler gerettet.

In der Erzählgegenwart lebt der Affe beziehungsweise der verwandelte Herrscher zwar immer noch unter dem Schutz des Kapitäns, doch er erinnert sich sehr wehmütig an sein früheres prächtiges Leben und ist traurig, dass ihn ausgerechnet die groben und unkultivierten Seemänner so verächtlich behandeln. Die Erzählung endet mit dem Bekenntnis des Erzählers, dass er sich den Tod bzw. den „Frieden des ewigen Schlafs“ herbeiwünscht (Z. 82 f.). Das Ende bleibt offen.

In dem Auszug aus dem kurzen Märchen lassen sich einige bekannte Motive finden: Die Verwandlung ist nicht nur aus dem Märchen- oder Fantasygenre bekannt, sondern auch aus Kafkas „Die Verwandlung“; die Sehnsucht des Erzählers erinnert zudem ein bisschen an die literarische Romantik. Insgesamt ist durch die abenteuerliche Umgebung der Handlung zwar klar, dass es sich um eine Märchenfabel handelt. Aber Geno Hartlaub verarbeitet einige weitere literarische Motive und Themen, sodass eine anspruchsvolle Geschichte entsteht.

Der Erzähler dieser Geschichte erzählt in der Ichform. Dabei verhält er sich sehr personal; er beschreibt das Geschehen sehr persönlich und wertend, z. B. in Zeile 14 ff.: „Mein immer noch sprachempfindliches Ohr unterschied die verdorbenen Dialekte des äußeren Euphrats …“ Insgesamt wirkt seine Erzählhaltung sehr betroffen; der Eindruck von Scham, Empörung und Verzweiflung prägt seine Geschichte durchgehend. Der Leser erhält durch diese Erzählweise einerseits einen sehr detaillierten Einblick in sein Innenleben, andererseits erzeugt dies auch Mitgefühl und Empathie für ihn, sodass klar wird, wie in der Geschichte die Sympathien verteilt sind. Der Eindruck von Subjektivität wird auch dadurch unterstützt, dass der Erzähler sich nicht an den chronologischen Ablauf der Zeit hält, sondern durch eine Rückblende (Z. 1–38) seine Erinnerungen in die Geschichte integriert.

Der Sprachstil des Erzählers ist sehr reich an Beschreibungen – es wimmelt von Adjektiven, Partizipien und Appositionen, durch die die Erzählwelt sehr genau ausgeschmückt wird und zudem das Märchenhafte und Fantastische unterstrichen wird – z. B. Z. 7 ff.: „… winzig, doch scharf umrissen mein Bild: das vom haarigen Fell umrahmte Gesicht, runzlig gegerbt, mit der Schande der vorgewölbten Riesenschnauze.“ Das Wort „Schande“ zeigt bereits, dass der Erzähler keine Hemmungen hat, eine sehr wertende und auch moralisierende Sprache zu verwenden. Es handelt sich dabei fast immer um abwertende Wörter – neben „Schande“ finden sich etwa „verdorben“ (Z. 9), „lasterhaft“ (Z. 18), „grölt“ (Z. 22), „hochmütig“ (Z. 24). Wo diese Vokabeln nicht die Affenform beschreiben sollen, treffen sie die Schiffsbesatzung, die einen durchweg verwerflichen Eindruck auf den Erzähler macht. Zudem wird durch diese Ausdrucksweise klar, dass der Erzähler ein ausgesprochen moralisches Empfinden besitzt und deswegen umso mehr unter seiner neuen Erscheinungsform leiden muss. Eine Ausnahmestellung nimmt der Kapitän ein, der mit einem Vergleich beschrieben wird. Der Erzähler spürt bei seinem Anblick „strahlende Wärme, als breche die Sonne aus dem Gewölk“ (Z. 30 f.), zudem wird seine „tiefe[], wohltönende[] Stimme“ erwähnt (Z. 34 f.)

Mit dem kultivierten Kapitän fühlt sich der Erzähler also noch verbunden. Dass er selbst wenigstens innerlich noch moralisch und kulturell hochstehend ist, kann auch an der kunstvollen Sprache gesehen werden, die er verwendet: Zur Steigerung des Eindrucks von Verlassenheit und der Abscheu vor dem Leben als Tier verwendet er mehrere Metaphern (z. B. Z. 47: „Gefängnis des Tierleibs“; Z. 72: „Blitz der Begierde“); dass er den eigenen Tod schließlich als Erlösung betrachten würde, macht die Metapher vom „Frieden des ewigen Schlafs“ deutlich (Z. 82).

Die Verzweiflung des Erzählers wird auch durch einige Parallelismen aufgebaut (Z. 68: „Hundert Jahre“, Z. 69: „Hundert Jahre“), die deutlich machen, dass ihm sein derzeitiges Leben nur als ständige und endlose Wiederkehr von Übel vorkommt. Außerdem enthält diese Passage Ellipsen, die zu einer Hypotaxe zusammengefügt wurden – dadurch entsteht eine Häufung von Attributen, die zusätzlich die Verlorenheit und das Ausgestoßensein des Erzählers ausdrücken. An mehreren Stellen unterstreicht der Erzähler durch Exklamation (Z. 44, 72, 81) die Verzweiflung. Durch all diese sprachlichen Mittel wird ein sehr anschauliches Bild von der Subjektivität des Erzählers, seiner Trauer und Verzweiflung gezeichnet.

Der Icherzähler wird jedoch nicht nur innerlich charakterisiert, sondern auch äußerlich wird er sehr detailliert beschrieben. Er ist haarig (Z. 8), „muskelstark“ (Z. 9), kann ausgezeichnet klettern (Z. 10 f.), hat „eingesunkene[] Augen“ (Z. 29) und auch ansonsten wird immer wieder seine affenartige Gestalt erwähnt. Diese ist nicht nur wichtig, weil sie die Handlung erklärt, sondern sie verstärkt auch den Kontrast zu den Erinnerungen an das frühere Leben als königlicher Herrscher (z. B. Z. 77 f.) und Korangelehrter (ebd.) mit sehr hohen moralischen Ansprüchen. Der Kontrast zu seinem Affendasein ist deswegen besonders hoch: Nun verhält er sich nämlich „nach gierig gefräßiger Affenart“ (Z. 52), d. h. „Sitte und Anstand mißachtend“ (Z. 50 f).

Die Schiffsleute und Seereisenden dagegen werden als leichtsinnig und übermütig beziehungsweise boshaft und vergnügungssüchtig dargestellt – etwa in Zeile 26, wo sie den Erzähler bedrohen, „als gelte es eine spaßhafte Waffenübung zu bestehen“. Insgesamt erscheinen sie aus der Sicht des Erzählers als geistig, moralisch und kulturell niedrigstehend, was auch daran deutlich wird, dass sie die „verdorbenen Dialekte“ der Sprache sprechen (Z. 15). Der Kapitän dagegen erscheint als edel, „hochherzig“ (Z. 49) und vornehm, was auch die bereits erwähnten Attribute seiner Erscheinung zeigen.

Während der Erzähler die Seefahrer also innerlich verachtet, ist er ihnen äußerlich untergeordnet; nur durch das Wohlwollen des Kapitäns bleibt er am Leben, muss aber trotzdem den Spott der anderen Reisenden ertragen. Der Kapitän und der Erzähler begegnen sich gegenseitig respektvoll, allerdings steht der Erzähler „unter“ dem Kapitän und ist ganz von dessen Autorität abhängig. Er nennt ihn „Herr“ (Z. 49). Es gibt alles in allem einen deutlichen Unterschied zwischen einer „inneren“ und einer „äußeren“ Figurenkonstellation. Der äußeren Ordnung nach stellt der Erzähler die niedrigste Person dar; der inneren Idee nach aber ist er dem Kapitän wenigstens gleichranging und den restlichen Seeleuten deutlich überlegen.

Dem entspricht auch das Figurenkonzept, denn der Erzähler selbst ist die einzige Figur mit dynamischer Tiefe. Während er am Anfang noch auf das Schiff klettert, sieht er am Ende vom Schiff herunter auf den Horizont, d. h., er entwickelt eine starke Sehnsucht nach einem anderen Leben oder sogar dem Tod. Die anderen Figuren dagegen bleiben statisch und entwickeln sich anscheinend nicht.

Nicht nur durch die innere Dynamik werden die Figuren voneinander unterschieden, sondern auch durch die räumliche Anordnung. Als der Kapitän erscheint, bildet sich sofort eine „Gasse“ von Schaulustigen für ihn (Z. 31), sodass sein Sonderstatus hervorgehoben wird. Den Erzähler und die Mannschaft trennt auch ein räumlicher Abstand, denn während diese beim Essen ist, sucht jener den Bug des Schiffes aus, um sehnsüchtig über das Meer zu sehen. Durch den insgesamt kleinen Lebensraum auf dem Schiff wird klar, wie eingeschränkt und dürftig die Verhältnisse für den Erzähler sind. Für ihn besteht sozusagen die ganze Welt nur aus dem Schiff und seiner Besatzung sowie den Reisenden.

Der Eindruck der dürftigen, schlechten Verhältnisse wird auch durch das Zeitkonzept betont; denn während der gesamten Erzählung scheint es Abend beziehungsweise Dämmerung (ab Z. 38) zu sein – die Dämmerung kann als Metapher für ein schlechtes, unvollkommenes Leben gedeutet werden. Der Tod dagegen erscheint als Nacht, d. h. nur als Steigerung dieses schlechten Lebens: „Wäre es nur endlich auf immer dunkel …“ (Z. 79)

An all dem kann man sehen, dass es in der Geschichte darum geht, die Gefühle Scham und Trauer durch einen Existenzverlust darzustellen. Der Erzähler trauert nicht nur einfach darüber, dass er nicht respektiert wird, sondern er trauert außerdem darüber, dass er einmal sehr respektiert worden ist und nun unter sehr schlechten Bedingungen und ohne hohes Ansehen leben muss. Damit konnten sich sicherlich viele der Leser von Hartlaub um 1954 identifizieren. Immerhin hatten viele Deutsche – obwohl das Wirtschaftswunder gerade begann – auch ihre frühere Existenz verloren, waren unter Umständen vertrieben, in der Fremde und fühlten vor allem Scham angesichts ihrer unmoralischen Gesellschaft. Zudem mussten viele erfahren, dass sie verachtet wurden. Deswegen kann die Erzählung auch so interpretiert werden, dass Geno Hartlaub vielen ihrer Zeitgenossen eine Möglichkeit bot, ihre eigene Situation zu deuten. Der „Kapitän“, der wie die Sonne das Gewölk durchbricht, könnte so gesehen Gott sein.

Diese Interpretation ist zwar möglich, aber sicherlich haben nicht alle Leser der „Verwandlung“ die geschichtliche Situation auf diese Erzählung übertragen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Märchen in bestimmten historischen Situationen geschrieben und gelesen werden, weil der Bezug zur „Gegenwart“ zu diesen Zeiten tabu ist. Als sicher kann jedenfalls gelten, dass es in der Erzählung um die Darstellung von Trauer und Scham geht, wie auch bereits in der Deutungshypothese angenommen wurde.

b)

Geno Hartlaubs Text hat mit der Erzählung „Die Verwandlung“ von Franz Kafka aus dem Jahr 1911 mehr gemeinsam als nur den Namen. In einem Vergleich soll nun gezeigt werden, inwiefern sich die beiden Texte ähneln, aber auch, inwiefern sie sich unterscheiden. Auf den ersten Blick scheinen sie sich bei der Wahl der Mittel zu ähneln, jedoch sind die Ziele verschieden, denn sie drücken beide ein sehr unterschiedliches Lebensgefühl aus.

Wenn man die äußere Situation der beiden Hauptfiguren betrachtet, fällt zunächst einmal als große Gemeinsamkeit auf, dass beide Figuren durch irgendein Ereignis in ein Tier verwandelt wurden – Gregor Samsa in einen Käfer, der Erzähler Hartlaubs in einen Affen.

Für beide hat diese Verwandlung extreme Folgen. Denn zum einen werden sie sozial isoliert; um Gregor Samsa bemüht sich zunächst bloß noch seine Schwester, aber auch sie verhält sich eher ihrer Familie gegenüber loyal als ihm gegenüber. Der einzige „Verbündete“ des Erzählers bei Hartlaub ist der Kapitän. Weder die Familie Gregor Samsas noch die Vermieter oder die Haushälterin respektieren ihn, vielmehr verspotten oder verachten sie ihn. Genauso ergeht es dem Protagonisten bei Hartlaub, da er von den übrigen Seefahrenden ebenso verachtet wird. Beide müssen sogar um ihr Leben fürchten. Während die Seefahrer den Affen zum Spaß „totschlagen“ würden (Z. 22), bedroht Gregors Vater ihn mit seinen Stiefeltritten und Apfelwürfen (S. 136).

Die soziale Ausgrenzung zeigt sich auch in der räumlichen Isolierung der Protagonisten. Gregor ist auf sein Zimmer beschränkt und kann höchstens noch aus dem Fenster sehen – und Hartlaubs Protagonist ist auf das Schiff beschränkt und kann nur noch sehnsuchtsvoll an den Horizont blicken. Gregors Familie ist allerdings genauso eingeschränkt wie Gregor und erst nach dessen Tod unternimmt sie wieder einen Ausflug (S. 160), während der Lebensbereich der Seefahrer nicht wegen des Protagonisten auf das Schiff begrenzt ist. D. h., die äußere Situation des Protagonisten bei Hartlaub ist im Grunde genommen mit der Situation der Seeleute identisch, während die äußere Situation Gregors zur äußeren Situation der Familie wird, weil sie sich für ihn schämt.

Trotzdem ist es so, dass sich ausgerechnet Gregor für seine Familie verantwortlich fühlt – das Geld, das er früher verdient hat, ist für seine Familie wichtig gewesen. Auch in seiner neuen Form versucht er, den Wünschen seiner Familie zu entsprechen. Hartlaubs Erzähler hat für sein Umfeld aber nichts als Verachtung übrig. Im Gegensatz zu Gregor Samsa kann er sich auch an eine schöne frühere Zeit erinnern und trauert seinem früheren Leben nach. Bei Gregor ist das nicht so, denn er hat eine sehr anstrengende Tätigkeit als Vertreter hinter sich.

Vielleicht ist die Erschöpfung durch die Arbeit und die permanente Rücksichtnahme auf seine Familie sogar der tiefere Grund für seine Verwandlung. Die Tierform ist also nichts anderes als das Ende der persönlichen Kraft, permanent seinen Willen den finanziellen und familiären Notwendigkeiten unterordnen zu müssen. Er empfindet also in gewissem Sinne eine große innere Leere, die zu seiner äußeren Situation passt, während Hartlaubs Erzähler einen großen inneren Reichtum hat, der allerdings in starkem Kontrast zu seiner äußeren Situation steht.

Beide Erzählungen thematisieren durch ihre personalen Erzähler die subjektiven Standpunkte der Protagonisten. Kafka beschreibt jedoch trotz der Verwandlung insgesamt die kleinen alltäglichen Details des Lebens sehr ausführlich, während bei Hartlaub das Abenteuerliche und Märchenhafte etwas mehr im Vordergrund steht, sodass die Situation des Erzählers davon geprägt ist.

Auch hat Geno Hartlaubs Erzählung das für ein Märchen typische „gute Ende“. Das erfahren wir zwar nicht im vorliegenden Textauszug, aber durch die Vorbemerkung. Der Erzähler wird – auch typisch für ein Märchen – am Ende durch die Liebe einer Königstochter erlöst. Gregor Samsa jedoch stirbt.

Der Vergleich zeigt, dass die Geschichten ein wichtiges gemeinsames Motiv haben. Kafkas Geschichte erzählt jedoch von einem Lebensgefühl, das etwas alltäglicher ist. Es geht um die Härten des ganz normalen Lebens, während Hartlaubs Thema eine Ausnahmesituation ist, durch die der Erzähler einen niedrigeren Status hat als vorher.

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