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Textgebundene Erörterung: D. Grinsted: „Die Lotsen bleiben an Bord“


Lösung

Daniel Grinsted übt in seinem am 1.1.2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Kommentar „Die Lotsen bleiben an Bord“ Kritik an der Vertrauenswürdigkeit von Internetquellen und geht besonders auf die 2001 gegründete Onlineenzyklopädie Wikipedia ein. Neben der Darstellung von Hintergrundinformationen zum weltweit größten Nachschlagewerk beleuchtet er v. a. die negativen Seiten der Wikipedia.

Im Folgenden wird zunächst der vorliegende Sachtext hinsichtlich der Textsorte, des Inhalts sowie der sprachlichen Besonderheiten analysiert. Daran schließt sich im zweiten Teil der Arbeit eine Erörterung der Darstellung der Vertrauenswürdigkeit von Internetquellen im Text an.

Bei Daniel Grinsteds Text „Die Lotsen bleiben an Bord“ handelt es sich zweifelsfrei um einen Kommentar, selbst wenn er nicht, wie sonst üblich, als Reaktion auf ein aktuelles Ereignis erstellt wurde. Der Autor liefert dem Leser zunächst einige Hintergrundinformationen zu Wikipedia, wie beispielsweise Angaben zu den Gründern und der ursprünglichen Idee eines kollektiv erstellten Nachschlagewerks. Daran schließt sich in einer Argumentation die eigene Meinung des Autors zur Zuverlässigkeit von Internetquellen an, mit der Daniel Grinsted sich eindeutig kritisch zu Wikipedia-Artikeln äußert. Die angesprochenen Merkmale sprechen eindeutig für die Textsorte des Kommentars, dem somit sowohl eine informierende wie auch argumentierende Funktion zugeschrieben wird. Ziel des Kommentars ist es, die zumeist gebildeten Leser der Frankfurter Allgemeinen vor der Nutzung von Wikipedia-Artikeln zu warnen.

Im ersten Sinnabschnitt (Z. 1–7) wirft Daniel Grinsted einen Blick zurück in vergangene Zeiten, in denen eine seit 1403 in China angefertigte Enzyklopädie bis ins 21. Jahrhundert mit ca. 23.000 Schriftrollen als weltweit größte ihrer Art gegolten hatte, bis im Jahr 1993 die Idee eines Internetlexikons aufkam. Zu dieser Zeit ist die Anzahl der Internetnutzer noch überschaubar, einer Zeit ohne Onlinesuchmaschinen, Onlinversandhaus und ohne soziale Netzwerke (vgl. Z. 8–15). Nach der Darstellung einiger Hintergrundinformationen in den ersten beiden Absätzen geht der Autor im Folgenden nun näher auf Wikipedia ein. Hierbei stellt er den immer noch geltenden gemeinnützigen Charakter der Onlineenzyklopädie heraus. Grinsted weist zudem darauf hin, dass Wikipedia, die auf Platz 8 der meistbesuchten Websites steht und in Deutschland rund 33 Millionen Mal täglich aufgerufen wird, trotz ihrer Popularität rote Zahlen schreibt. Das ist auch der Grund für seinen ersten Kritikpunkt, dass der Mitgründer der Wikipedia auf der Website die Nutzer zum Spenden aufruft (vgl. Z. 16–23). Als weiteren Kritikpunkt an Wikipedia sieht Grinsted im vierten Absatz (Z. 24–32), dass Wikipedia keine finanzielle, sondern eine kulturelle Macht darstellt. Die Enzyklopädie wachse ständig, da täglich neue Artikel eingestellt werden. Der eigentliche Vorwurf an Wikipedia lautet, ein eigenes Meinungsbild vorzugeben, indem all das, was nicht Einzug bei Wikipedia erhält, als unwichtig bezeichnet wird. Des Weiteren prangert der Autor an, dass sich selbst unter den Wikipedia-Befürwortern zwei Gruppen herausgebildet haben. Die Inklusionisten, die für die Aufnahme möglichst vieler Informationen plädieren, da uneingeschränkter Platz zur Verfügung steht, und die Exklusionisten, die nach der Frage der Relevanz nur das aufnehmen möchten, was wirklich von Bedeutung ist. Die Auswahl erfolgt jedoch willkürlich (vgl. Z. 34–49). Im nächsten Abschnitt (Z. 50–70) erwähnt der Autor die Aussage einer Journalistin, die einen Eintrag bei Wikipedia als ein Statussymbol postuliert. Weiter gibt Grinsted zu bedenken, dass hinsichtlich des Eintragens von Artikeln Meinungsfreiheit herrsche, somit jeder einen Eintrag gestalten könne, das Löschen sei nur bedingt möglich. Daran schließt sich automatisch die Frage nach der Zuverlässigkeit der Artikel an. Jedoch wird auf diese Weise Aktualität und eine Bandbreite gewährt, die es nicht gäbe, würden nur wenige Autoren an der Enzyklopädie arbeiten. Das wiederum impliziert ein Vertrauen der Nutzer in die Angaben. Weiter richtet Grinsted den Fokus auf Wikipedia in Deutschland (vgl. Z. 71–85), indem er angibt, dass für die deutschsprachige Version ca. 281 Autoren arbeiten und bestimmen, welche Artikel Einzug erhalten. Ihre Motivation bestehe in der Verbesserung der Qualität von Wikipedia. Zuletzt beschreibt der Autor noch das Bild des deutschen Administrators, der ca. 40 Jahre alt und linksliberal eingestellt ist sowie mindestens über das Abitur verfügt. Im letzten Sinnabschnitt (Z. 86–90) bezeichnet er die Wikipedia-Administratoren als „mächtige Unbekannte“, da sie das Meinungs- und Weltbild von Millionen von Menschen gestalten und beeinflussen. Durch ihre Subjektivität kann eine geforderte Objektivität bei Enzyklopädien nicht gewährleistet werden.

Im Anschluss an die überblicksartige Darstellung des Inhalts des Kommentares erfolgt die sprachlich-stilistische Untersuchung des Textes.

Aufgrund der Verwendung zahlreicher Fremdwörter wie beispielsweise „kollektiv“ (Z. 10), „Inklusionisten“ (Z. 36), „Exklusionisten“ (Z. 42) und „Utopie“ (Z. 89) kann die Sprachebene als gehoben bezeichnet werden. Der Autor richtet sich auch nach seinem Publikum, den Lesern der Frankfurter Allgemeinen, die generell wegen der anspruchsvollen Inhalte als gebildet angesehen werden.

Weiter gebraucht Grinsted in seiner Argumentation zahlreiche Wörter aus dem Bereich Internet (vgl. „Websites“ Z. 19, „Google“ Z. 31, „Wikipedia“ Z. 7 und „Administrator“ Z. 82), um seine Kompetenz in diesem Gebiet auszudrücken. Auch verdeutlicht er die Ausmaße und die Bedeutung von Enzyklopädien im Allgemeinen und der Wikipedia im Besonderen anhand der Verwendung von Zahlenmaterial wie „23 000 Schriftrollen“ (Z. 5), „33 Millionen Mal“ (Z. 20), „257 Sprachen“ (Z. 34) und „281 Administratoren“ (Z. 79). Zusätzlich liefert er durch das Einfließenlassen von Jahreszahlen (siehe „1403“ in Z. 2, „21. Jahrhundert“ in Z. 6 und „1993“ in Z. 11) dem Leser einige Hintergrundinformationen und möchte somit seine Argumente überzeugender darlegen. Um seine Kompetenz noch einmal darzustellen und um seine Argumente und Informationen weiter zu veranschaulichen, bedient sich der Autor zahlreicher anschaulicher Adjektive wie z. B. „umfassendste“ (Z. 7), „überschaubar“ (Z. 13), „idealistisch“ (Z. 14) und „gemeinnützig“ (Z. 16).

Auch lassen sich in Daniel Grinsteds Kommentar einige Stilmittel wiederfinden. Beispielsweise dient die Akkumulation in Z. 14, „kein Google, kein Amazon, Mark Zuckerberg […]“, der verdichteten Wiedergabe von Informationen sowie der Verdeutlichung des Gesagten. Grinsted spricht mit der rhetorischen Frage in Z. 80, „Was ist über sie [gemeint sind die deutschsprachigen Administratoren von Wikipedia] bekannt?“, den Leser direkt an, der sich selbst diese Frage stellen soll.

Hinsichtlich der Syntax lassen sich im Kommentar einige Besonderheiten erkennen. Werden v. a. in der Hinführung (Z. 1–15) hauptsächlich Parataxen wie beispielsweise „Wissen ist Macht. Das wusste schon der chinesische Kaiser Yongle.“ (Z. 1) verwendet, um verdichtet Informationen wiederzugeben, so gebraucht Grinsted in seiner Argumentation v. a. Hypotaxen (vgl. Z. 26 ff.), um seine Argumente zu veranschaulichen und zahlreiche Beispiele zu geben. Mit der Parenthese „zuweilen entnervt“ in Z. 22 f. bekundet der Autor erstmals seine Meinung zu Wikipedia und die Kritik, dass die Nutzer von Wikipedia zuweilen vom ständigen Spendenaufruf von Jimmy Wales genervt sind. Durch das indirekte Zitat in Form einer weiteren Parenthese in Z. 75 f., „laut Wolfgang Stock“, legt er wiederum seine Informiertheit zu diesem Thema an den Tag und greift eine andere Meinung auf, die seiner gleicht. Die Ellipse „Und dort auch endet.“ in Z. 32 unterstreicht noch einmal die Gefahr der Meinungsbildung von Wikipedia.

Im nächsten Schritt wird die Argumentationsstruktur hinsichtlich der kritischen Haltung des Autors gegenüber Internetquellen veranschaulicht.

Daniel Grinsted leitet seinen Kommentar anhand der Darstellung der ersten Enzyklopädie aus dem 15. Jahrhundert ein. Hier enthält sich der Autor noch jeglicher Kritik. Anschließend nennt er einige Hintergrundinformationen zur Idee eines Internetlexikons im Jahr 1993, also zu dem Ziel, ein kollektiv erstelltes Nachschlagewerk für den Onlinegebrauch für die noch sehr überschaubare Anzahl an Internetnutzern zu erschaffen. Nun beginnt Grinsted mit der Darlegung einiger Kritikpunkte. Zunächst übt der Autor Kritik, indem er beiläufig erwähnt, dass einer der Wikipedia-Gründer, Jimmy Wales, auf der Site die Nutzer zu Spenden aufruft, da sich das Unternehmen finanziell nicht rentiere, obwohl die Site in Deutschland rund 33 Millionen Mal täglich aufgerufen werde. Das scheint dem Autor unverständlich. Ein weiterer, für den Autor wesentlicher Kritikpunkt an Wikipedia ist die Meinungsbildung und -vorgabe durch Wikipedia-Artikel, womit er Wikipedia eine kulturelle Macht zuschreibt. Auch wirft er den Administratoren der Onlineenzyklopädie vor, sämtliche Artikel und Informationen aufgrund des unendlichen Platzangebotes aufzunehmen, ohne sie vorher auf ihre Relevanz und Richtigkeit hin zu überprüfen. Weiter übt Grinsted Kritik an der Willkür, die bei der Wahl der Artikel gilt. Auch sieht er einen Wikipedia-Artikel als Statussymbol der heutigen Zeit. D. h., wer oder was keinen Eintrag bei Wikipedia erhält, ist nicht von Bedeutung. Auch prangert er in seinem Kommentar die geltende Meinungsfreiheit (durch das US-amerikanische Recht legalisiert, dem die Wikipedia untersteht) an. Es ist jedem Nutzer möglich, einen Artikel bei Wikipedia einzustellen, fernab jeglicher Qualifikation. Auch seien die Artikel schwer zu löschen. Das geht eng mit dem nächsten Kritikpunkt einher, der mangelnden Zuverlässigkeit. Grinsted gibt zu bedenken, dass über die deutschsprachigen Administratoren nur sehr wenig bekannt ist. Diese beschreibt er als Personen um die 40, politisch linksliberal eingestellt und mit Abitur. Den Administratoren unterstellt er eine Subjektivität, die sich in der Auswahl der Artikel niederschlägt, womit eine Objektivität nicht gewährleistet wird. Abschließend hebt Grinsted noch einmal seine zentrale Aussage und Botschaft hervor, dass Wikipedia unser Meinungs- und Weltbild erheblich prägt. Das möchte er wohl auch mit dem Titel „Die Lotsen bleiben an Bord“ verdeutlichen, dass die Administratoren uns zu ihrer Sicht der Dinge lenken wollen.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass der Autor des Kommentars, Daniel Grinsted, der Nutzung von Wikipedia-Artikeln sehr kritisch gegenübersteht und v. a. ihre Vertrauenswürdigkeit zu bedenken gibt. Deshalb sollte jeder Nutzer dieser Onlineenzyklopädie die darin gemachten Angaben genauestens überprüfen und ggf. weitere Informationsquellen zur Meinungsfindung heranziehen. Nichtsdestoweniger liefert Wikipedia, im Gegensatz zu gedruckten Enzyklopädien, den Vorteil der ständigen Aktualisierung der Artikel sowie einer Bandbreite, die beispielsweise mit der eines Brockhaus nicht verglichen werden kann. Wer sich schnell und unkompliziert über eine Person oder Sache informieren will, kann bei Wikipedia einen ersten Überblick bekommen, wer aber tiefer gehende Informationen erhalten will, sollte sich unbedingt weiterer, überprüfter Quellen bedienen.

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