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Texterörterung: „Schwer in Aufruhr“: Interview mit Sherry Turkle


Lösung

a)

Am 2. Juli 2012 führte die Soziologin und Technologieexpertin Sherry Turkle ein mit „Schwer in Aufruhr“ übertiteltes Interview mit einem Mitarbeiter des Spiegel-Magazins. Das Thema der Unterhaltung waren Smartphones und ihr Einfluss auf das heutige Leben. Der Inhalt dieser Unterhaltung wird im Folgenden wiedergegeben.

Zunächst greift Frau Turkle eine „Vorlage“ des Spiegel-Journalisten auf. Er behauptet, das Leben habe sich durch die Smartphonetechnologie sehr verändert. Frau Turkle bejaht das und verstärkt die Aussage sogar noch: Der Mensch sei mittlerweile zu einem „Maschinenmenschen“ (Z. 6) geworden, der in allen Lebensbereichen eine enge Verbindung mit dem Smartphone eingegangen sei.

Eine zweite gravierende Veränderung bestehe darin, dass die gesprochene Sprache zugunsten der Schriftsprache abnehme. Die Möglichkeit, „nur“ (Z. 15) eine Textnachricht zu schicken, anstatt jemanden anzurufen, führe aber dazu, dass sich Einzelne mehr und mehr aus sozialen Situationen zurückziehen und sogar ganz schamlos („ungeniert“, Z. 18) verstecken. Die Technik führe bei den Einzelnen zu der Idee, dass sie das Leben auch als Einzelkämpfer bestreiten könnten. Allerdings sei dies ein selbstgerechtes Verhalten, das früher noch durch den Sinn für die Gemeinschaft unterbunden wurde: Indem die Einzelnen früher auch in subjektiv uninteressanten Situationen aufmerksam waren, demonstrierten sie ihre Zugehörigkeit zu der Gruppe.

Darüber hinaus stellt Turkle fest, dass sich sogar die Form des eigenen Bewusstseins durch die Smartphonetechnologie geändert habe. Die Tendenz gehe dahin, dass nur solche Gedanken als wertvoll betrachtet würden, die zugleich auch mitteilbar seien. Gleichzeitig sei die Selbstmitteilung der äußere Ausdruck einer inneren Krankheit: Denn die ständige Kommunikation eigener Gedanken hat nach Turkle den Charakter einer narzisstischen Zwangshandlung, ist also der Ausdruck einer krankhaften Eitelkeit.

Weiterhin werde der Mensch zunehmend einsam; denn durch die unablässige Vernetzung und Kommunikation verliere er die wertvolle Fähigkeit, Zeit nur mit sich selbst zu verbringen. Selbst bei kurzen Wartezeiten wie an Supermarktkassen seien Menschen mit ihren Smartphones beschäftigt.

Schließlich kommt Frau Turkle auf einen letzten wichtigen Punkt zu sprechen. Die Entwicklungen, die zur Entstehung einer neuen, digital geprägten Welt geführt haben, seien – entgegen anderslautenden Behauptungen – korrigierbar. So sei es zum Beispiel möglich, Gesetze gegen die Datenarchivierung, wie sie bei Facebook und Google stattfindet, zu erlassen. Damit die Menschen wieder die souveränen Gestalter ihrer Wirklichkeit werden, müssten sie jedoch zunächst einmal ihr Medienverhalten ändern. An einem letzten Beispiel, ihren Studenten, führt Frau Turkle noch einmal aus, dass das bisherige Medienverhalten der meisten Menschen diese von wichtigen Problemen ablenke. Anstatt die Aufmerksamkeit durch technische Angebote lenken zu lassen, sollten die Menschen daran arbeiten, die Technik und ihre Angebote selbst zu steuern. Die Faszination der neuen Technologie hindere die Menschen jedoch bislang noch daran, konsequent zu handeln.

Frau Turkle zeigt in dem Interview also zahlreiche Veränderungen durch den Smartphonegebrauch auf, die alle negativ sind und von Turkle scharf kritisiert werden. Zu diesen Veränderungen gehört eine zunehmende Verarmung der sozialen Kontakte bis hin zu „Asozialität“ und damit einhergehend eine wachsende Selbstbezogenheit der Menschen bis hin zu einem krankhaften Narzissmus und der Unfähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, ohne Gedanken mit anderen zu „teilen“. Die Technik steuere bis dato den Menschen, es sei jedoch möglich, dieses negative Verhältnis genau umgekehrt zu gestalten.

b)

Die Medienrevolution des späten 20. Jahrhunderts hat viele kontrovers diskutierte Entwicklungen eingeleitet. Eine der jüngsten Entwicklungen, über die intensiv debattiert wird, ist die Smartphonetechnologie. Ob sie eine begrüßenswerte Bereicherung unseres Lebens darstellt oder mittelfristig doch eher zur kulturellen Degeneration führt, ist eine Frage, die bis dato keineswegs eine abschließende Klärung gefunden hat. Frau Turkle, Technologieexpertin und Soziologin, vertritt eine sehr entschiedene Position in dieser Frage. Im Folgenden soll erörtert werden, ob Frau Turkles Argumente gegen den Smartphonegebrauch zustimmungsfähig sind oder ob in der Technikdebatte noch weiter differenziert werden muss.

Frau Turkle erläutert zunächst, dass sich Smartphonenutzer seltener tatsächlich und in persona mit anderen treffen und unterhalten. Stattdessen würden sie „ungeniert“ (Z. 18) soziale Situationen vermeiden und auf den Schriftverkehr ausweichen – z. B. durch die E-Mail- oder SMS-Funktionen ihrer Smartphones. Folglich nähmen „echte Unterhaltungen“ ab (Z. 13). Die Metapher vom „Maschinenmenschen“ (Z. 6) unterstreicht, wie unnatürlich Turkle dieses Verhalten findet. So plausibel ihr Einwand gegen die neue Technologie zuerst erscheint, so fragwürdig ist er bei genauerem Hinsehen. Mit welchem Recht wird zwischen „echten“ und „unechten“ Unterhaltungen unterschieden? Wieso sind Textnachrichten schlechter als mündliche? Eine Begründung für diese wichtige Prämisse ihres Arguments bleibt Sherry Turkle schuldig. Weiterhin behauptet sie, dass das neuartige Verhalten der Ausdruck einer schamlosen („ungenierten“) Vermeidungshaltung sei. Doch selbst wenn Frau Turkle einzelne Fälle kennt, in denen dies zutrifft, dürfen ihre Beobachtungen nicht verallgemeinert werden. Denn solange es für diese Behauptung keinen belastbaren Beleg gibt, bleibt sie eine Anekdote, an der wir nicht unser gesamtes Wirklichkeitsverständnis orientieren sollten.

Das nächste Argument Turkles zielt darauf ab, dass durch den Gebrauch der neuartigen Technik eine Idee der Welt gefördert wird, in der im Grunde genommen jeder Mensch ein asozialer Einzelkämpfer ist. Denn es werde zunehmend einfacher, selbst zu entscheiden, mit wem oder was man sich beschäftigt; früher dagegen habe ein Gemeinschaftssinn existiert, der ein derart asoziales Verhalten ausgeschlossen habe. Sehen wir davon ab, dass dieses Argument einen inneren Widerspruch aufweist: Die Entscheidung, mit wem oder was man sich befasst, mag selbstgerecht sein, sie ist jedoch nicht einzelkämpferisch – schließlich entscheidet man sich immer noch zur Kommunikation. Sehen wir auch von dem schwammigen Sprachgebrauch Turkles ab, die bloß behaupten kann, die neue Technologie fördere „zumindest die Vision“ einer Einzelkämpfergesellschaft. Problematischer als diese Aspekte ist nämlich Turkles Bild der alten, früheren Welt, in der alles besser war. Ob die Welt vor der digitalen Wende einen größeren Gemeinschaftssinn aufwies als heute, kann ebensogut behauptet wie geleugnet werden, weil diese Positionen schlechthin nicht beweis- oder widerlegbar sind. Unter einem schwammigen Begriff wie „Gemeinschaftssinn“ versteht vermutlich jeder Mensch etwas anderes.

Außerdem will Sherry Turkle beobachtet haben, dass die häufige Selbstmitteilung von Smartphone-Usern durch digitale Medien den Charakter einer narzisstischen Zwangsstörung aufweist. Denn wer 35.000 Textnachrichten im Monat verschickt, könne schlechthin nicht normal sein. Jedoch arbeitet Turkle erneut mit einem unzulässigen Schluss, der wieder durch die schwammige und ausweichende sprachliche Formulierung entlarvt wird. Das Verschicken so vieler Nachrichten „lässt sich eigentlich mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung in Verbindung bringen“ (Z. 57), behauptet Turkle. Der Partikel „eigentlich“ relativiert die Aussage: Könnte Frau Turkle klar sagen, dass es sich tatsächlich um eine narzisstische Störung handelt, bräuchte sie ihn nicht. Sie müsste auch nicht davon sprechen, dass sich ein Sachverhalt mit einem anderen „in Verbindung bringen“ lässt – denn Menschen mit ausreichender Fantasie können alles mit allem in Verbindung bringen. Die – salopp gesagt – eiertänzerische Ausdrucksweise Frau Turkles zeigt bloß, dass sie ihren eigenen Thesen nicht traut. Der einzige Beleg für ihr Argument ist ein Fall, in dem 35.000 Textnachrichten pro Monat versandt wurden. Dies ist jedoch eine extreme Einzelbeobachtung, die zum Anlass genommen wird, eine sehr allgemeine Behauptung aufzustellen; ebenso gut könnte aus der Beobachtung eines Magersüchtigen geschlossen werden, dass fortan alle ihre Diät um 2000 Kalorien erhöhen müssen. Die Argumentationsweise ist umso verwunderlicher, als Turkle das Descartes-Zitat „Ich denke, also bin ich“ zu „Ich teile, also bin ich“ (Z. 36) abwandelt. Schließlich zeigt das, dass Frau Turkle mit ihren Thesen vor allem bei gebildeten Menschen um Zustimmung wirbt, die selbstständiges Denken wertschätzen.

Das Verfahren, sehr weitreichende Schlüsse aus nicht repräsentativen Einzelbeobachtungen abzuleiten, hat bei Frau Turkle jedoch Methode. Denn auch ihre These von der neuen Einsamkeit der Menschen durch deren technologisch bedingte Unfähigkeit, noch Zeit mit sich selbst zu verbringen, wird durch einen Extremfall belegt. Es ist keineswegs die Regel, dass Menschen an Supermarktkassen aussehen, als bekämen sie „gleich eine Panikattacke“ (Z. 63). Dass sie gelangweilt oder gestresst aussehen, wird ihnen jedoch keiner übel nehmen – auch in der heilen alten Welt nicht, die Frau Turkle gerne beschwört.

Alle psychologischen Missstände, die Sherry Turkle ausgemacht hat, werden von ihr in einem letzten Argument verwendet: Denn laut Turkle drohen die Auswüchse der neuen Technologien überhandzunehmen, gerade weil die Menschen sich durch die neue Technik beherrschen lassen und ihren Sinn für das Soziale verlieren. Als Beispiel führt sie die Datenarchivierungen durch Facebook und Google an, die auf wenig Widerstand stoßen: An Kommerz orientierte Konzerne nutzen also unsere Informationen, um uns umso besser berechnen zu können. An wen die Daten weitergegeben werden, ist auch nicht sicher. Turkles Schluss, dass technologische Entwicklungen wie die Tendenz zur Überwachung der Benutzer korrigiert werden müssen und können, ist deswegen plausibel und begründet. Dass ausgerechnet Onlineshopping und Facebook die Menschen bislang davon abgehalten haben, sich diesem wichtigen Problem zu widmen, ist zwar erneut eine unzulässige Verallgemeinerung, die durch keine verlässlichen Daten gestützt werden kann. Doch Frau Turkle macht am Schluss klar, dass sie weniger an den Sachverstand als an das moralische Gewissen und das Gefühl der Leser appelliert: Zahlreiche Interjektionen und Ausrufe („Meine Güte“, Z. 65, „Nein, nein, nein!“, Z. 70, „Das ist doch alles absurd“, Z. 76) und rhetorische Fragen („Wie lange gibt es das Internet? Wie lange Smartphones?“, Z. 73) unterstreichen das. Die Personifikation der Technologie („Weil wir der Technologie erlauben“, Z. 73) zeigt, dass es Frau Turkle besonders um eine moralische Idee des gelingenden gesellschaftlichen Lebens geht.

Ironischerweise sind die Schlüsse, die sie aus ihren Beobachtungen ableitet, völlig plausibel, obwohl die Begründungen dafür teilweise an den Haaren herbeigezogen wirken. Jedenfalls müssen einzelne Aspekte von Turkles Position stark relativiert werden.

Zunächst einmal ist ganz grundsätzlich zu sagen, dass in der Geschichte der Medienentwicklung die jeweils „jüngsten Medien“ immer ganz ausgesprochen kritisch beobachtet wurden und entweder zu Heils- oder Unheilsbringern stilisiert wurden. Als um 1800 viele Menschen damit begannen, Romane zu lesen, wurde häufig davor gewarnt, diese würden den Charakter verderben und ein falsches Weltbild befördern – heute wären viele Menschen froh, wenn mehr Romane gelesen würden und weniger ins Smartphone geschaut würde. Diesem wird aber genau das angedichtet, was früher den Romanen zugeschrieben wurde. Die Kritik am Neuen – sowohl die euphorische als auch die negative – arbeitet manchmal weniger mit Fakten und mehr mit Gefühlen, Ängsten oder Werturteilen. Zu dieser Strömung gehört auch Turkles Position. Im Folgenden sollen daher einige alternative Sichtweisen auf Smartphones entwickelt werden.

Um ein naheliegendes Beispiel zu nennen: Man hat sich gerade in einer unbekannten Stadt verlaufen. Nicht immer ist es möglich, eine reale Person nach dem Weg zu fragen, und zudem wissen auch nicht alle realen Personen immer den richtigen Weg. Was jedoch via Smartphone immer funktioniert, ist, sich die Information einfach aus dem Internet zu holen. Auch in anderen Bereichen gibt es diese nützliche Vereinfachung unseres Lebens: etwa bei Fahrplänen und Öffnungszeiten.

Die Zunahme schriftlicher Kommunikation kann nicht nur als Nachteil beklagt, sondern auch als Vorteil begrüßt werden. Durch SMS und E-Mails wird unsere Schriftkultur reicher und außerdem wird mehr kommuniziert. Dabei handelt es sich gerade nicht um eine Entwicklung zum Einzelgängertum, sondern um eine soziale Entwicklung, da die Kommunikation zwischen den Gesellschaftsmitgliedern zunimmt.

Unbestritten ist zudem, dass die neuartige Vernetzung nicht bloß für narzisstische Selbstbespiegelungen missbraucht werden kann, sondern auch für sinnvollen Austausch. In Internetforen oder auf sozialen Plattformen wie Facebook können Menschen, die sich sonst niemals getroffen hätten, Interessen miteinander teilen.

Facebook und das World Wide Web erweitern außerdem die Öffentlichkeit, die durch die bereits etablierten Informationsmedien (Zeitungen, Fernsehen, Rundfunk) hergestellt wird. Onlinejournalismus und private Informationen durch Blogs und auf Facebook sind mittlerweile zu einer Ergänzung des bereits bestehenden Informationsangebots geworden. Ein Vorteil gegenüber den Printmedien oder auch den Rundfunkmedien besteht in der Interaktivität: Lob und Tadel können von den Lesern umgehend geäußert werden und die Diskussionen von Onlinelesern, die sich an Artikel anschließen, sind häufig interessanter und aufschlussreicher als die Artikel selbst. Entgegen der Einschätzung von Turkle kann der „Onlinekonsum“ also nicht bloß einschläfern und unmündig machen, sondern auch zur gesellschaftlichen Aufklärung beitragen.

Schließlich: Sowohl die Medien als auch die Politik sind durch die digitale Technik einer wesentlich dichteren und genaueren Beobachtung und Kritik ausgesetzt als früher. Onlinejournalismus und Co. haben außerdem zu einer schnelleren Informierung über politische Ereignisse geführt. Selbstverständlich kann niemand garantieren, dass die neue Macht der Internetnutzer nur dafür verwendet wird, sinnvolle Forderungen zu stellen. Aber ebenso wenig kann geleugnet werden, dass darin nicht nur Potenzial für eine Überwachung durch durch die „Technik“ steckt, sondern auch das Potenzial zu einer sinnvollen Überwachung durch den „Nutzer“. Frau Turkle weist jedoch zu Recht darauf hin, dass in dieser Hinsicht noch wesentlich mehr geschehen könnte.

Alles in allem wird deutlich, dass Smartphones und ihre Internetanbindung auch für positive Veränderungen genutzt werden können. Ich schreibe bewusst „auch“, weil man Sherry Turkle den Punkt lassen muss, dass in einigen Fällen kein kompetenter Mediengebrauch, sondern ein schädlicher „Medienmissbrauch“ von den Nutzern betrieben wird. Wichtiger noch ist der Hinweis auf eine neuartige Überwachung und Ausspähung durch die neuen Medien. Ihr Hinweis darauf, dass durch die sinnvolle Eigeninitiative der „Internetbürger“ die neue Welt der elektronischen Medien besser gestaltet werden kann, sollte unterstrichen werden. Doch in wichtigen Punkten ist die einseitige Position Turkles nicht haltbar beziehungsweise nicht seriös begründbar.

Vielleicht liegt es auch an dieser Einseitigkeit, dass Frau Turkles Studenten lieber auf Facebook sind, als ihrer Vorlesung zuzuhören. Für die Zukunft wäre es jedenfalls wichtig, in der Debatte um neue Technologien deren Chancen ebenso hervorzuheben wie ihre Gefahren.

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