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Texterörterung: J. Detjen: „Mitreden können: Die Bedeutung der politischen Rede in der Demokratie“ (2012)


Lösung

Gute Redner genießen seit jeher ein hohes Ansehen. Indem sie ihre Positionen gedanklich und sprachlich auf ansprechende Weise vermitteln, wirken sie nachhaltig auf das Denken vieler Menschen. Die Menschen in Berlin konnten in der Nachkriegszeit bedeutende Redner erleben, die sich mit der historischen Situation Berlins auseinandersetzten, wie zum Beispiel Ernst Reuter und John F. Kennedy. Sie haben Sätze geprägt, die heute noch zitiert werden.  

In dem vorliegenden Auszug aus Professor Joachim Detjens Publikation „Mitreden können: Die Bedeutung der politischen Beredsamkeit in der Demokratie“, die 2012 auf der Website der bpb (Bundeszentrale für politische Bildung) veröffentlicht wurde, geht es nicht um Politiker und professionelle Redner, sondern um die Bedeutung rhetorischer Kompetenzen für Bürger, die sich politisch engagieren möchten.

Im Folgenden sollen Joachim Detjens Positionen zunächst vorgestellt werden, um anschließend zu erörtern, inwieweit Schülerinnen und Schülern der Besuch von Rhetorikkursen empfohlen werden soll.

Da der Artikel innerhalb der Website der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht ist, richtet er sich an alle, die an Politik und Demokratie interessiert sind und sich über die politische Rede im Hinblick auf demokratische Prozesse informieren möchten. Außerdem ist diese Publikation sicherlich auch für diejenigen gedacht, die sich in der Schule oder der Universität mit diesen Fragen beschäftigen.

Die Überschrift des Textauszugs, „Politische Reden halten können“, fasst dessen Inhalt in knappster Form zusammen. Der Text selbst ist übersichtlich in vier Absätze gegliedert. Jeder Absatz konzentriert sich auf eine Sinneinheit.

Im ersten Sinnabschnitt (Z. 1–13) stellt Detjen fest, dass sich für die Bürger eher selten Möglichkeiten ergeben, eine Rede zu halten. Eine Ausnahme bilden für ihn zum einen die Aktivbürger und zum anderen die Interventionsbürger. Als Aktivbürger bezeichnet er Parteimitglieder, die ein Mandat in ihrer Gemeinde wahrnehmen und in dieser Funktion auf Versammlungen oder Parteitagen sprechen müssen. Interventionsbürger nennt er diejenigen, die zwar nicht in einer Partei organisiert sind, doch bei politischen Themen, die ihnen wichtig sind, beispielsweise in Bürgerinitiativen und Bürgerversammlungen Initiative ergreifen.

Die zweite Sinneinheit (Z. 14–20) ist den Redeformen gewidmet. Laut Detjen benötigen Bürger im Normalfall die Fähigkeit, kürzere Reden zu halten und Diskussionsbeiträge zu formulieren. Die Kandidatenrede ist seiner Meinung nach nur für diejenigen relevant, die sich bei einer Organisation um ein Amt bewerben oder ein öffentliches Mandat bekleiden möchten. Des Weiteren kann bei den sogenannten „Interventions- und Aktivbürgern“ (Z. 16) eine Rede auf einer Kundgebung in Betracht kommen.

Besonders akzentuiert Detjen im dritten Abschnitt (Z. 2129) die Notwendigkeit, das rhetorische Handwerkszeug zu beherrschen, um bei einer Rede erfolgreich zu sein. Er verweist auf rhetorische Kenntnisse, die größtenteils auf die Antike zurückgehen. Er erwähnt zum einen die Vorgehensweise beim Verfassen einer Rede, ihre Strukturierung, ihren Argumentationsaufbau und die Verwendung rhetorischer Mittel und deren Wirkung. Zum anderen geht er auf die Bedeutung der Zuhörerschaft, der Körpersprache und der Sprechweise ein.

In der vierten Sinneinheit (Z. 30–38) spricht Detjen die unterschiedlichen Redegattungen an. Hier grenzt er die modernen Bedürfnisse von den antiken Konventionen ab: Aufgrund der grundlegenden Veränderung der „gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse“ (Z. 33) differenziert er zwischen „Überzeugungsreden, Informationsreden, Lobreden und Gelegenheitsreden“ (Z. 36 f.). Politisch aktive Bürger nutzen seiner Meinung nach bei politischen Reden vorwiegend die Form der Überzeugungsrede.

Auch wenn sich für die meisten Bürger im Gegensatz zu Politikern nur selten eine Gelegenheit für eine öffentliche politische Rede ergibt, sollten sie laut Detjen die Grundkenntnisse der Rhetorik kennen, damit sie bei kürzeren Redebeiträgen oder längeren Überzeugungsreden erfolgreich sind.

Der Politikwissenschaftler Joachim Detjen entwickelt seinen Gedankengang klar und übersichtlich: Zunächst stellt er die Situationen vor, in denen Bürger eine längere Rede halten oder einen kürzeren Redebeitrag leisten können müssen, um anschließend aufzuzeigen, was man alles gelernt haben sollte, um in derartigen Situationen erfolgreich zu sein.

In seinen Ausführungen verwendet Detjen zahlreiche fachsprachliche Begriffe. Er nennt zum Beispiel „Aktivbürger“ (Z. 3), „Mandate in kommunalen Vertretungskörperschaften“ (Z. 4 f.) und „zivilgesellschaftliche[n] Organisation“ (Z. 10 f.), doch erklärt er in seinem Text nur wenige Begriffe. Dies gilt für das Nomen „Aktivbürger“, das er im gleichen Satz mit „Personen, die in Parteien organisiert sind und Mandate in kommunalen Vertretungskörperschaften wahrnehmen“ (Z. 3–5) definiert. Ein interessierter Leser ohne besondere Vorkenntnisse wird also nicht umhinkommen, die genaue Bedeutung einiger der verwendeten Fachbegriffe herauszufinden. Dies ist jedoch bei einem im Internet zugänglichen und im Normfall auch dort rezipierten Text leicht zu bewerkstelligen, indem unklare Wörter bei der verwendeten Suchmaschine als Suchbegriffe eingegeben werden.

Die im Text verwendeten Satzkonstruktionen sind häufig sehr komplex. Auch die Hauptsätze sind nicht einfach nachzuvollziehen, da sie sehr kompakt formuliert (vgl. Z. 9–11) oder im Nominalstil (vgl. Z. 28 f.) verfasst sind oder Aufzählungen (vgl. Z. 23–28) beziehungsweise Appositionen (Z. 11–13) enthalten. Ein genaues Textverständnis verlangt vom Leser ein hohes Maß an Konzentration.

Darüber hinaus wirkt Detjens Artikel sachlich und distanziert. Nur anhand des Bedingungssatzes „Wenn die Bürger in ihren Reden nicht scheitern wollen“ (Z. 21) stellt er indirekt fest, dass Redner in der Tat auch „scheitern“ können. Mit der Formulierung „sind sie gut beraten“ (Z. 21 f.) leitet er dann seine Vorschläge ein, die ein Redner seiner Meinung nach unbedingt beachten muss, wenn seine Rede gelingen soll und er mit seinem Redebeitrag sein eigentliches Ziel erreichen möchte. Diese Hinweise gibt er in Form einer Aufzählung. Nur Leser, die bereits über „Erkenntnisse der Rhetorik“ (Z. 22) verfügen, wissen an dieser Stelle, welches umfangreiche Lernprogramm sich hinter diesen Bezeichnungen verbirgt.

Sprachlich auffällig sind Abschwächungen wie „nur relativ wenige Gelegenheiten“ (Z. 2) und „Weniger vorteilhaft“ (Z. 30). Sie verdeutlichen, dass sich der Autor nicht im Detail festlegen kann, sondern einen eher allgemeinen Überblick geben möchte.

Seine Positionen umreißt der Politologe Joachim Detjen knapp, indem er sich auf Wesentliches beschränkt. Insgesamt können seine Ausführungen gut nachvollzogen werden. Bei der Erörterung der Frage, inwieweit Schülerinnen und Schülern der Besuch von Rhetorikkursen empfohlen werden soll, bilden seine Positionen den Ausgangspunkt.

Detjen stellt fest, dass Bürger „nur relativ wenige Gelegenheiten“ (Z. 2) erhalten, selbst als politische Redner aufzutreten. Diese Einschätzung trifft sicherlich zu. Das heißt aber auch, dass jeder Bürger prinzipiell in diese Situation geraten oder sie sogar suchen kann. Eine vergleichbare Situation findet man in der Schule vor: Bereits in der Grundschule gibt es ein Schülerparlament und es werden Klassensprecher gewählt. In der Sekundarstufe bilden die Klassensprecher die Gesamtschülervertretung, um eine demokratische Beteiligung der Schülerschaft an schulischen Belangen zu ermöglichen. Wer hier mitarbeiten und seine Vorstellungen durchsetzen möchte, muss hin und wieder eine kurze oder auch längere Rede halten, sei es vor der Klasse, sei es im weiteren schulischen Rahmen. In diesen Fällen müssen die Schüler und Schülerinnen in der Lage sein, Redeanlässe aufzugreifen und zu ihrem jeweiligen Publikum zu sprechen. So ergibt sich auch in der Schule die Gelegenheit, eine Kandidatenrede zu halten. In bestimmten Situationen kann es sogar zu einer Kundgebungsrede kommen.

Auch der von Detjen an zweiter Stelle genannte Aspekt enthält eine wesentliche Grundlage für ein erfolgreiches sprachliches Handeln. Er stellt nämlich fest, dass „kurze Reden in Versammlungen oder Diskussionsbeiträge in Veranstaltungen“ (Z. 15 f.) eine besondere Rolle spielen. In unserer modernen Gesellschaft gibt es sogar zahlreiche Anlässe, bei denen jeder seine Positionen darlegen sollte, und zwar so, dass sie sprachlich unmissverständlich sind. Das gilt für den beruflichen, den politischen und auch den schulischen Bereich, sei es in einseitigen Kommunikationsformen, zu denen die Rede, aber auch der Vortrag und die Präsentation gehören, sei es die wechselseitige Kommunikation, zu der das Gespräch und die Diskussion zählen. Eine aktive Teilhabe an schulischen demokratischen Prozessen – auch in kommunikativer Hinsicht – ist im Übrigen die beste Vorbereitung auf eine Zukunft als Aktiv- oder Interventionsbürger.

Detjens Hinweis, dass die Bürger bei einer Rede auf „die Erkenntnisse der Rhetorik“ (Z. 22) achten sollen, spielt auf die Tatsache an, dass Redner nur erfolgreich sein können, wenn sie in der Lage sind, ihre Inhalte so zu vermitteln, dass ihnen das Publikum aufmerksam zuhört, die Positionen des Redners nachvollzieht und möglichst vom Inhalt überzeugt wird. Somit sind die Ansprüche an einen Redner klar umrissen: Er muss Inhalt, Aufbau und die sprachliche Gestaltung seiner Rede so wählen, dass seine Positionen deutlich werden, und seine Zuhörerschaft überzeugen, die Wirklichkeit in seinem Sinne wahrzunehmen. Zumindest sollte er bei seinem Publikum Verständnis für seine Denkweise erreichen. Das geschieht zum einen über den Inhalt der Rede und die ausgeführte Argumentation, zum anderen über die Art und Weise, wie die Rede aufgebaut, formuliert und dargeboten wird.

Schon in der Antike erkannte man, dass es sich bei der Rede um eine Kunst handelt, diese Kunst aber durchaus erlernbar ist. Die rhetorische Erziehung berücksichtigte intellektuelle, emotionale und ethische Aspekte. Das Ziel war, in öffentlichen Angelegenheiten seine Position glaubwürdig und überzeugend darzulegen. Der Aufbau einer Rede erfolgte nach klaren Vorgaben. Die Kunst bestand unter anderem darin, die einzelnen Teile geschickt miteinander zu verknüpfen und mithilfe von rhetorischen Stilmitteln die Intention der Rede zu verdeutlichen. Noch heute dient die Beredsamkeit nicht der Vermittlung des Inhalts, sondern bildet mit ihm eine Einheit.

In unserer modernen Gesellschaft spielt die kommunikative Kompetenz eine herausragende Rolle. Wer erfolgreich kommuniziert, setzt in der Regel auch seine Positionen durch. Wer also grundlegende rhetorische Kenntnisse besitzt, hat immense Vorteile, um sich und seine Ziele durchzusetzen, und zwar in allen Lebensbereichen: in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Schule und auch in der Gesellschaft. Das gilt sowohl für den privaten Rahmen als auch für die politische Öffentlichkeit. Deshalb ist es wichtig, rhetorische Strategien zu beherrschen und sie zielsicher einzusetzen.

Der Einsatz rhetorischer Strategien kann allerdings Gefahren in sich bergen. So kann es sein, dass sich nicht derjenige durchsetzt, der die besseren Argumente hat, sondern derjenige, der seine Positionen besser darstellen und vermitteln kann. Schon aus diesem Grund ist es für alle Menschen wichtig, etwas über rhetorische Mittel und ihre Verwendung und Wirkung zu wissen, damit sie erkennen, wenn die Rhetorik missbraucht und für eine Sache eingesetzt wird, die beispielsweise der Allgemeinheit schadet.

Eine weitere von Detjen vertretene Position bezieht sich auf die Redegattungen. Er rät davor ab, unreflektiert die antiken Ausprägungen bestimmter Redeformen zu übernehmen, und unterscheidet stattdessen „Überzeugungsreden, Informationsreden, Lobreden und Gelegenheitsreden“ (Z. 36 f.). Der Politikwissenschaftler hat sicher recht, wenn er der Überzeugungsrede im politischen Kontext Priorität einräumt. Andererseits haben die drei weiteren genannten Formen der Rede ebenfalls einen hohen Stellenwert, bedenkt man die unterschiedlichen zwischenmenschlichen Begegnungen im beruflichen, privaten und schulischen Umfeld. Die Kenntnisse bezüglich der Informationsrede kann man beispielsweise bei Referaten oder Präsentationen nutzen, denn hierbei müssen ebenfalls Informationen rhetorisch geschickt aufgebaut und sprachlich übermittelt werden. Eine Lobrede oder eine Gelegenheitsrede halten zu können, das gehört eigentlich zur Allgemeinbildung. Denn jeder sollte bei feierlichen Anlässen im privaten oder beruflichen Bereich mit einer Rede das Ereignis auf angemessene Weise würdigen können.

Die Auseinandersetzung mit Detjens Positionen hat gezeigt, dass Menschen nur Vorteile haben, wenn sie mitreden können, und zwar im politischen wie auch im privaten Bereich. Dass aus Schülern Bürger werden, ist ein einfacher Tatbestand, und dass eine rhetorische Ausbildung eine gute Vorbereitung auf eine politische und öffentliche Partizipation bedeutet, lässt sich zweifellos feststellen. Doch ist es auch so, dass bereits die Schule einige Möglichkeiten bietet, an demokratischen Prozessen teilzunehmen und auf sie Einfluss zu nehmen. Auch werden häufig bereits im Unterricht der Sekundarstufe wesentliche Grundlagen der rhetorischen Kompetenz vermittelt und gelegentlich auch im Unterricht praktisch geübt. Der Besuch zusätzlicher Kurse ist sicherlich vor allem für Schüler empfehlenswert, die (schul-)politisch interessiert sind, damit sie ihre rhetorischen Fähigkeiten entwickeln, ausbauen und pflegen. Aber auch Schülern, die lernen möchten, wie sie ihre Gedanken gut strukturieren und was alles zu bedenken ist, wenn man vor einem Publikum spricht, kann diese Möglichkeit empfohlen werden: Eine Pflege der Redekultur ist eine gute Grundlage für viele künftige Lebenslagen.

Joachim Detjens Ausführungen zum Thema „Politische Reden halten können“ zeigen auf, wie wichtig es ist, Kenntnisse bezüglich der Redeformen und der Rhetorik zu erwerben. Wer darüber Bescheid weiß, wird als Bürger eher politisch aktiv sein und entweder als Aktivbürger oder als Interventionsbürger an politischen Entscheidungsprozessen teilnehmen und auch öffentlich politische Standpunkte angemessen vortragen. 

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