Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Texterörterung: H. Schiebelhuth: „Menschen im Märchen“ (1931)


Lösung

In der Romantik wuchs das Interesse an Märchen und für viele Romantiker waren Märchen eine bevorzugte literarische Gattung. Die Brüder Grimm schrieben die bis dahin nur mündlich überlieferten Volksmärchen auf und überarbeiteten sie stilistisch. Ihre Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ erschien erstmals 1812. Doch verfassten auch zahlreiche Schriftsteller Kunstmärchen, die noch heute gern gelesen werden, beispielsweise „Peter Schlehmils wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso und „Der blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck. Ein produktiver und bekannter Märchenerfinder jener Zeit war E. T. A. Hoffmann, der zahlreiche Märchen geschrieben hat, zum Beispiel „Der goldene Topf“ und „Klein Zaches genannt Zinnober“. 

Der expressionistische Dichter Hans Schiebelhuth hat 1931 in der Zeitschrift „Uhu“ einen Aufsatz mit dem Titel „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“ veröffentlicht, in dem er wesentliche Merkmale von Märchen erläutert. Seine Darstellung wird im Folgenden zunächst vorgestellt, um anschließend zu überprüfen, inwiefern seine Positionen bei Hoffmanns Erzählung „Klein Zaches genannt Zinnober“ (1819) gültig sind. Dabei werden ästhetische Konzepte berücksichtigt, die die literarische Epoche der Romantik kennzeichnen.

Im Mittelpunkt des Aufsatzes von Hans Schiebelhuth steht die Textsorte Märchen mit ihren Kennzeichen. Aufgrund der Veröffentlichung in einer Zeitschrift richtet sich die Darstellung an eine interessierte Leserschaft, die der Autor auf ansprechende Art mit seinem Thema vertraut machen möchte. Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung, da der Anfang fehlt. Schiebelhuth bezieht sich in seinen Ausführungen explizit auf solche Märchen, in denen Menschen Handlungsträger sind.

Der Textauszug lässt sich in fünf Sinneinheiten gliedern. In der ersten Einheit (Z. 1–22) geht es um den Inhalt von Märchen. Die Ausgangsbasis bildet für Schiebelhuth der Konflikt zwischen einem Individuum und der Welt, aus dem der Mensch jeweils siegreich hervorgeht. Dabei gilt für ihn der Grundsatz: „Das Ich ist immer richtig, die Gegenwelt ist immer verkehrt.“ (Z. 2) Ist der Mensch nicht stark genug, diesen Konflikt allein zu meistern, dann erhält er Unterstützung, sei es von magischen Figuren, Tieren oder Menschen. Die gegnerische Welt zeigt sich in verschiedenen Märchen in unterschiedlicher Ausprägung, doch wird sie in der Regel als „schrecksam und gräßlich“ (Z. 15) dargestellt.

Der zweite Sinnabschnitt (Z. 23–40) geht auf die Gestaltung und die zugrunde liegende Wirkungsabsicht von Märchen ein. Schiebelhuth bezeichnet die Art der Darstellung als „einfach“ (Z. 23). Als Grundmuster nennt er Kampf und Sieg des Guten gegen das Schlechte: „Das Ganze und Echte behauptet sich gegen das Abgründige und Zerklüftete, das Trügerische und Böse.“ (Z. 23–25) Das Ziel dieser Darstellungsart sei es, Lebensfreude zum Ausdruck zu bringen und die feindlichen Mächte anzuklagen.

Im dritten Sinnabschnitt (Z. 41–53) beschäftigt sich Schiebelhuth mit dem gedanklichen Gehalt, der die Grundlage der Weltsicht im Märchen bildet. Er nennt zum einen die „Magie des Ich“ (Z. 41), also die Kraft eines Individuums und dessen Selbstbehauptung, zum anderen den „Wert des Lebens, des Lebendigsein [sic]“ (Z. 42), also die Bedeutsamkeit des Lebens gegenüber dem Tod und materiellen Schätzen. Allerdings haben Märchen laut Schiebelhuth keine einheitliche Aussage. So könne in einem Märchen einfältiges Verhalten als wertvoll dargestellt werden, in einem anderen dagegen geschicktes, schlaues Handeln gerühmt werden.

Die vierte Sinneinheit (Z. 54–72) handelt von der Wirkungsabsicht und Sinnhaftigkeit der Märchen. Für Schiebelhuth sollen Märchen nicht belehren, sondern auf unterhaltsame Weise beglücken. Sie seien „reine Poesie“ (Z. 57), also Dichtung, und von daher sei der „Sinn“ (Z.  58) eines Märchens niemals offensichtlich. Deshalb werde die eigentliche Bedeutung vom Rezipienten auch nicht unbedingt erfasst. Darin sieht Schiebelhuth keinen Nachteil, denn für ihn bildet die Freude an einer Geschichte einen höheren Wert als die Erkenntnis um ihre Sinnhaftigkeit.

Im letzten Sinnabschnitt (Z. 73–79) wird die Überzeitlichkeit der Märchen, ihr zeitloses Dasein, gepriesen und eine Übereinstimmung der Lebensfreude vieler Märchengestalten mit den Menschen konstatiert.

Für Schiebelhuth handelt es sich bei der Textart Märchen also um die zeitlose, poetische Gestaltung existenzieller menschlicher Erfahrungen aus dem Geist der Fantasie. In ihnen wird laut Schiebelhuth vor allem die Freude am irdischen Dasein zum Ausdruck gebracht. Ihren Hauptzweck sieht er darin, die Menschen auf genussvolle, Lebenskraft spendende Art zu unterhalten.

Der Artikel ist in übersichtliche Absätze gegliedert, sodass der Leser die Ausführungen gut nachvollziehen kann. Jeder Absatz beginnt mit einem einleitenden Satz, in dem das Thema genannt und knapp umrissen wird (vgl. z. B. „Die Darstellungsweise im Märchen ist einfach“, Z. 23). Der Schlusssatz „Sie und wir lieben das Leben, hängen am Dasein mit der Magie des richtigen Ich“ (Z. 78 f.) rundet die Darstellung ab, indem er die Hauptaussage des Aufsatzes zusammenfasst. Gleichzeitig bildet dieser Satz einen gedanklichen Höhepunkt, indem er eine Übereinstimmung von „Sie“ (Z. 78), also der Märchenfiguren, mit „wir“ (Z. 78), d. h. allen Menschen oder auch nur dem Autor und dem Leser, behauptet.

Seinen Gedankengang entwickelt Schiebelhuth klar und verständlich. Er erläutert seine wesentlichen Aussagen mit anschaulichen Erklärungen und Beispielen. Dabei bezieht er sich auf unterschiedliche Märchen. Allerdings werden Märchen grundsätzlich ohne ihre Herausgeber oder Verfasser genannt (vgl. „Hans-im-Glück“, Z. 10, 48, 69, und „Der Meisterdieb“, Z. 48). Auch unterscheidet er nicht zwischen Volks- und Kunstmärchen, sondern nennt nur einige Titel sowie Namen einzelner Märchenhelden (vgl. z. B. „Schneewittchen“, Z. 75, und „Herr von Hüpfenstich“, Z. 76). Es gibt keine Hinweise auf Quellen, z. B. die Sammlung der Brüder Grimm. Auch bei den Kunstmärchen wird konsequenterweise nicht der Verfasser genannt. Dies hängt mit einer seiner Thesen zusammen, nämlich dass Märchen „freigeborene Kinder der Phantasie“ (Z. 55) seien. Durch diese Personifikation wird ihnen ein eigenständiges Leben zuerkannt, ein Märchenerzähler oder Dichter bringt sie zwar in die Welt, ist aber an sich unwichtig. Übrigens wird auch bei den Zitaten, die zwei Gedichten entnommen sind, der Verfasser nicht genannt (vgl. Z. 55 f., 60 f.).

Der Aufsatz ist sprachlich abwechslungsreich gestaltet. Als Stilebene wurde eine poetische Ausdrucksform gewählt, die zur inhaltlichen Aussage passt. Die anschauliche und zugleich rhetorisch geschickte Ausdrucksweise zeigt sich beispielsweise in dem Satz „Die ursprünglichsten Märchen sind maßlos in der Anprangerung der feindlichen Gewalt“ (Z. 32 f.): Der Superlativ „ursprünglichsten“ hebt einerseits auf Alter und eine bestimmte Art ab, bleibt aber dennoch unverbindlich. Die alliterative Verbindung von „Märchen“ und „maßlos“ verbindet diese Aussage und hebt sie hervor. Das Adjektiv „feindlich“ kennzeichnet die Art der Gewalt, macht sie konkret. Einerseits beinhaltet der Satz also die Feststellung, dass bestimmte Märchen die Gewalt auf extreme, übersteigerte Weise anklagen. Andererseits wirken die verwendeten Wörter „ursprünglich“, „maßlos“, „feindliche Gewalt“ sowie „Anprangerung“ auf den Leser aufgrund ihrer emotionalen Qualität und erzeugen dadurch eine besondere Intensität. Hier zeigt sich sowohl in inhaltlicher als auch sprachlicher Hinsicht, dass Schiebelhuths Ausführungen weniger von wissenschaftlicher Stichhaltigkeit als dichterischer Vorstellungskraft geprägt sind.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Schiebelhuth in seiner gut strukturierten Darstellung wesentliche Eigenschaften von Märchen beschreibt. Dabei akzentuiert er die Aspekte Inhalt, Darstellungsart, Gehalt, Wirkungsabsicht sowie Aktualität. Nur am Rande oder sehr pauschalisierend geht er auf die Erzählweise und die sprachliche Gestaltung ein. Obwohl er sich vorwiegend auf Märchen bezieht, die in der Epoche der Romantik schriftlich durch die Brüder Grimm fixiert oder von Schriftstellern der Romantik verfasst wurden, geht er weder auf diese Epoche noch auf ästhetische Konzepte jener Zeit ein. Eine Unterscheidung von Volks- und Kunstmärchen findet nicht statt und es gibt keinen Hinweis auf ein Märchen des Autors E. T. A. Hoffmann. Ob Schiebelhuths Ausführungen dennoch auf das Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ zutreffen, soll im Folgenden näher untersucht und beurteilt werden.

Für Hans Schiebelhuth sind Märchen durch einen identischen Inhalt gekennzeichnet: „Alle Märchen, die von Menschen handeln, erzählen vom Ich und der Gegenwelt.“ (Z. 1 f.) Es geht also in einem Märchen um die Darstellung einer Hauptfigur, dem „Ich“, und der Welt, in der sie lebt, die als „Gegenwelt“ bezeichnet wird. Bezieht man diese Aussage auf den Inhalt von „Klein Zaches genannt Zinnober“, so ist es gar nicht einfach, das „Ich“ zu bestimmen. In dem Märchen spielt der Titelheld Zaches eine wesentliche Rolle. Er ist eine Missgestalt, der Sohn armer Bauern, der von einer mitleidigen Fee namens Rosabelverde verzaubert wird. Seitdem können die meisten Menschen Zaches’ eigentliches Aussehen und schlechtes Benehmen nicht mehr erkennen, sondern sehen das, was eigentlich andere in seiner Umgebung gerade vollbringen, als seine Leistung an. Dieser Zauber ermöglicht ihm einen kometenhaften Aufstieg: Er wird Minister und nennt sich Zinnober. Da seine Karriere nicht auf eigenen Fähigkeiten beruht, sondern die Qualitäten anderer ungerechtfertigterweise benutzt, kann es sich jedoch bei dieser Figur nicht um „das richtige Ich“ (Z. 3) handeln. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass der Protagonist zum Antihelden wird und im Verlauf des Märchens der sogenannten Gegenwelt angehört, die der zweiten Hauptfigur, dem dichtenden Studenten Balthasar, gegenübergestellt ist. Hier wird bereits deutlich, dass Hoffmanns Märchen einen komplizierteren und komplexeren Inhalt als ein gewöhnliches Märchen hat.

Schiebelhuths Charakterisierung des Ichs als „richtig“ (Z. 2), genauer als das „strahlende, siegreiche, ermutigte, bestätigte, allen Lagen gewachsene magische Ich“ (Z. 39 f.), trifft sicherlich nicht auf Zaches zu. Doch auch die insgesamt positiv gezeichnete Figur Balthasar erfüllt nur annähernd die genannten Qualitäten. Zwar fällt er nicht auf Zinnobers Verzauberung herein und erkennt dessen wahre Missgestalt. Außerdem ist er in der Lage, den Zauber zu lösen. Doch ohne die Hilfe des Zauberers Prosper Alpanus und die tatkräftige Unterstützung seiner Freunde Fabian und Pulcher hätte er seinen Gegner nicht entzaubern können.

Ein wesentlicher Grundzug eines Märchens ist für Schiebelhuth das Happy End: „Aber immer triumphieren die tapferen Schneiderlein, […] über die widre Welt der Fratzen, der Nachtalben, der Unholde.“ (Z. 18–22) Auch hier ist in Hoffmanns Märchen die Lage etwas verzwickter, als es diese Aussage vermuten lässt. Denn Balthasar, der eigentliche Held des Märchens, hat zwar den Zauber Zinnobers besiegt, doch ist er kein triumphaler Held. Vielmehr hat er, ähnlich wie Zinnober mit der Fee, einen magischen Mentor, den Magier Prosper Alpanus, der seine Geschicke auf magische Weise lenkt und ihm schließlich ein auskömmliches, bequemes Leben in seinem Landhaus verschafft, bevor er selbst zu einem neuen Leben im fernen Indien aufbricht. Auch bleibt offen, ob Balthasar mit seiner poetischen Neigung tatsächlich ein guter Dichter ist oder ob er als Gelegenheitsdichter ein gutbürgerliches Leben an der Seite seiner hübschen, aber eher oberflächlichen Frau Candida führen wird.

Das gesellschaftliche Umfeld, die „Gegenwelt“ (Z. 2, 3) wird von Schiebelhuth zuerst auf die Formel „verkehrt“ (Z. 2) gebracht, danach jedoch in ihren unterschiedlichen Ausprägungen präzisiert. Somit kann sich diese „Gegenwelt“ in jedem Märchen zwar anders präsentieren, doch gibt es ein gemeinsames Ziel: Laut Schiebelhuth steht das Individuum im Märchen in Opposition zur ihn umgebenden Welt, die es zu bekämpfen gilt. In Hoffmanns Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ wird die Gesellschaft im Land des Fürsten Barsanuph in der Tat als „verkehrt“ beschrieben. In diesem angeblich aufgeklärten Fürstentum geht es nicht um die Mündigkeit der Bürger, sondern um die Willkür bei der Ernennung von Ministern und die Verleihung fragwürdiger Orden. Auch hinsichtlich des Anspruchs, die Welt rational zu erklären, zeigen sich Widersprüche: Mosch Terpin, Professor für Naturkunde, genießt bei den Studenten einen hervorragenden Ruf, doch seine Experimente und vorgeblich wissenschaftlichen Ausführungen gipfeln nur in der trivialen Erkenntnis, dass die Finsternis von fehlendem Licht herrührt, und sein Studium der Beschaffenheit des Weines beschränkt sich darauf, sich im Weinkeller des Fürsten zu betrinken.

Die Einwohner werden als unaufgeklärt, also unreflektiert und leicht beeinflussbar dargestellt. Deutlich wird dies beispielsweise in ihrer Reaktion auf die Entzauberung Zinnobers: Aufgeschreckt durch Zaches’ Mutter Liese versammeln sie sich vor seinem Haus, lachen ihn aus und bewerfen ihn mit Steinen. Sie stürmen sogar sein Haus, um sich dann aber sogleich von der Fee Rosabelverde bzw. Fräulein von Rosenschön beruhigen zu lassen.

Diese Beispiele zeigen, dass es keine „Gegenwelt“ im eigentlichen Sinne gibt: Die Welt, in der der Held Balthasar lebt, wird zwar durchaus kritisch beschrieben, doch im Grunde als ungefährlich. Balthasar gehört dieser Welt an, zunächst als Student, am Ende als Besitzer eines Landhauses und Ehemann Candidas, der Tochter Mosch Terpins. Er lebt in dieser Welt, er ist – und bleibt – ein Teil von ihr.

Ein weiteres Märchenmerkmal sind laut Schiebelhuth positive magische Gestalten, zum Beispiel „liebliche Feen“ (Z. 7) und böse Geister, beispielsweise „Hexen“ (Z. 17) und „Unholde“ (Z. 22). Die guten Geister kommen dem Märchenhelden in misslichen Lagen zu Hilfe; gegen die negativen Mächte muss er ankämpfen. In Hoffmanns Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ hilft die Fee Rosabelverde der benachteiligten Missgestalt Zaches. Bereits diese Ausgangssituation verdeutlicht, dass die Fee als magische Helferin nicht einfach gut oder böse ist. Eigentlich hatte sie eine gute Absicht, als sie dem jungen Zaches eine Gabe verlieh, die ihn den Menschen angenehm machte. Allerdings hatte sie nicht vorausgesehen, dass er durch diesen Zauber zum egozentrischen, eitlen Aufsteiger werden würde, der auf Kosten der eigentlichen Leistungsträger Karriere macht. Stattdessen hatte sie gehofft, dass ihre Gabe auf seinen Geist und sein Gemüt wirke und er zu einem klugen und guten Menschen werde. Ihre Verzauberung hat Zaches in Wirklichkeit nicht genutzt, sondern geschadet, denn ihm wurde damit die Möglichkeit genommen, seine Fehler zu erkennen, sein Betragen zu verbessern und sich individuell zu entwickeln. Die Zauberkunst hat ihn um sein eigenes Leben betrogen und ihn sogar zum Betrüger werden lassen.

Der Magier Prosper Alpanus unterstützt den unglücklich in Candida verliebten Balthasar, dessen Angebetete auf Zinnober hereinfällt und sich schließlich sogar mit diesem verloben möchte. Der Zauberer erweist sich tatsächlich als eine gute Macht, die das siegreiche Handeln des Protagonisten ermöglicht. Aber auch er nutzt seine Zauberkraft nicht nur im positiven Sinne. So bestraft er Balthasars Freund Fabian mit einem Zauber, weil er seine magischen Kräfte bezweifelt und ihn sogar als Scharlatan bezeichnet. Die Verzauberung seiner Kleidung bewirkt, dass Fabian in große Schwierigkeiten gerät. Die Fee und der Magier setzen ihre Zauberkräfte also recht willkürlich ein und unterstützen nicht immer das richtige „Ich“ in seinem berechtigten Kampf gegen die „feindliche Welt“.

Außerdem sind in „Klein Zaches genannt Zinnober“ die alltägliche und die märchenhafte Welt nicht voneinander getrennt, sondern durchdringen sich. Die Fee und der Zauberer führen in Barsanuphs Fürstentum ein bürgerliches Leben. Sie haben sich den äußeren Gegebenheiten angepasst und sich sogar als Bürger getarnt, sodass sie von den Bewohnern gar nicht als magische Wesen erkannt werden. Die Fee führt ein unauffälliges Leben als Stiftsfräulein, der Magier als Landarzt. Überdies können die meisten Einwohner des Fürstentums nur die Alltagsrealität wahrnehmen. Sehr wenige Menschen erhalten Zugang zu der Wahrnehmungsebene des Wunderbaren wie Balthasar, der ein poetisches, schwärmerisches Gemüt hat. E. T. A. Hoffmann hat seine Erzählung im wirklichen Leben verankert, in der die geheimnisvolle Existenz fantastischer Wesen als Teil dieser Wirklichkeit vorgestellt wird. Indem für Balthasar die magische Welt in die Wirklichkeit integriert ist und ihm die Wirklichkeit geheimnisvoll erscheint, kann er die Duplizität der wunderbaren und der alltäglichen Sphäre erfahren.

Ein weiteres Kennzeichen von Märchen sieht Hans Schiebelhuth in der Gestaltung, die er als „einfach“ beschreibt: Das „Echte“ (Z. 23) werde mit dem „Trügerische[n]“ (Z. 24) kontrastiert, die Darstellung der „Schrecken und Bedrohungen der Erde und des Alls“ (Z. 25) übersteigert. In seinem Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ verzichtet E. T. A. Hoffmann auf einen einfachen Handlungsaufbau und Schwarz-Weiß-Malerei. Stattdessen werden zwei Handlungsstränge, nämlich Aufstieg und Fall des missgestalteten Zaches und die Entwicklung Balthasars vom verliebten Studenten zum Landhausbesitzer und Ehemann, geschickt miteinander verwoben. Außerdem gibt es Rückblenden und Einschübe. Zwar werden die Vorgänge in Barsanuphs Fürstentum durchaus kritisch dargestellt, doch werden statt drastischer Überzeichnung feine Ironie und zum Schmunzeln einladende Satire eingesetzt. Vor allem aber nutzt Hoffmann hier auf subtile Weise ein ästhetisches Konzept der Romantik, die romantische Ironie. Denn er verwendet einen Erzähler, der sich immer wieder kommentierend bemerkbar macht: Er reflektiert in der Geschichte mehrmals die Entstehungsbedingungen und Absichten des fiktiven Werks, sodass sich der Leser nicht dauerhaft der Illusion hingeben kann, in einer wunderbaren, fantastischen Welt zu sein. Gleichzeitig sind aber seine Ausführungen mit Vorsicht zu bewerten, denn auch hier gilt das Prinzip der ironischen Distanz. Der Rezipient wird also zur aktiven Auseinandersetzung mit Inhalt und Form aufgefordert oder gar gezwungen. Sowohl die Komposition des Handlungsaufbaus wie auch der Wechsel von Illusionierung und Desillusionierung erfüllen nicht das von Schiebelhuth genannte Kriterium der Einfachheit.

Für den Dichter Hans Schiebelhuth dienen Märchen hauptsächlich der Unterhaltung und dem Genuss, weniger der Erkenntnis und überhaupt nicht der moralischen Unterweisung. Von E. T. A. Hoffmann weiß man, dass er bei seinen Werken großen Wert auf den Unterhaltungsaspekt legte. Er war bereits zu Lebzeiten ein viel gelesener Autor und bekannt für seine unterhaltsamen und spannenden Geschichten. Allerdings ging es Hoffmann um viel mehr als um Unterhaltung. Das von Schiebelhuth zitierte Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ von Novalis drückt das poetologische Konzept der Romantik aus, dem sich auch Hoffmann verpflichtet fühlte: Nur in der Dichtung kann die ursprüngliche Harmonie der Welt wiederhergestellt werden und nur in der Poesie kann der Leser ihre wahre Beschaffenheit erkennen. An diesem Anspruch lässt sich auch E. T. A. Hoffmanns Märchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ messen. Inhaltlich gesehen wird nämlich das sogenannte triadische Geschichtsmodell der Romantik vorgestellt. In der Vorgeschichte des Fürstentums lebten unter dem Fürsten Demetrius Menschen und wunderbare Feen in paradiesischer Einheit mit der Natur. Dieser Zustand wurde von seinem Nachfolger Paphnutius durch die Einführung von Zweckrationalismus und Aufklärung zerstört, denn bis auf die Fee Rosabelverde und den Magier Prosper Alpanus wurden alle verjagt, die über wunderbare Kräfte verfügten. In dieser Epoche der Entzauberung der Welt und der Entfremdung der Menschen – inzwischen regiert der Fürst Barsanuph – spielt die eigentliche Handlung des Märchens. Der Schluss des Märchens zeigt in ironischer Form die Möglichkeit der wiederhergestellten Harmonie, und zwar in Balthasars Schicksal. Er bekommt Prosper Alpanus’ Landhaus inmitten eines wunderbaren Gartens, führt mit seiner Candida aufgrund eines Zaubers der Fee Rosabelverde eine glückliche Ehe und wird sogar ein guter Dichter.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass oberflächlich gesehen die von Schiebelhuth herausgestellten Merkmale eines Märchens durchaus auf E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Klein Zaches genannt Zinnober“ zutreffen. Balthasar ist ein Märchenheld, der das Richtige tut, er setzt sich mit wundersamer Unterstützung gegen seinen Kontrahenten Zaches durch und erreicht sein Ziel, eine glückliche Ehe mit Candida zu führen und ein Dichter zu sein. Auch wird in diesem Märchen die magische Kraft des Individuums, also Balthasars, gefeiert und die Freude am Leben gepriesen. Dabei ist es keine moralische Lehrdichtung, sondern höchst unterhaltsam. Trotz der zeitlichen Verortung zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat es einen zeitlosen Charme. Doch stimmt diese Beschreibung des Märchens „Klein Zaches genannt Zinnober“ nicht mehr, wenn man es genauer betrachtet. Es ist nämlich viel mehr als das: Die Figuren haben individuelle Charaktere, ihre psychische Verfassung und ihre Entwicklung werden dargelegt. Die Gesellschaft wird in ihrem historischen Verlauf präsentiert. Außerdem zeigt die Darstellung ironische, ja sogar satirische Elemente, die den Rezipienten zum Nachdenken über Politik, Wissenschaft und gesellschaftliches Verhalten anregen. Dazu dient auch die Duplizität, das heißt die Doppelheit von Alltagsrealität und Wunderwelt, denn in diesem Märchen erscheint oft das Alltägliche als fremd und das Fremde als alltäglich. Kurzum: Schiebelhuths Auffassungen von Märchen treffen zwar auch auf E. T. A. Hoffmanns Kunstmärchen „Klein Zaches genannt Zinnober“ zu, werden dessen Vielschichtigkeit aber nur ansatzweise gerecht. 

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier