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Texterörterung: B. Graff "Kommunikation im Internet - Das Echo der Geschwätzigkeit"


Lösung

1)

Auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung erschien am 23. Dezember 2012 der Artikel „Kommunikation im Internet – Das Echo der Geschwätzigkeit“ von Bernd Graff, in dem der Autor sich mit dem Wandel der Kommunikation durch das Internet und seinen Folgen auseinandersetzt.

Ein Auszug aus diesem Beitrag wird im Folgenden hinsichtlich seines Inhalts und gedanklichen Aufbaus sowie seiner sprachlich-funktionalen Gestaltung analysiert. Im Anschluss folgt eine Erörterung der Position des Autors zu den Auswirkungen der Internetkommunikation.

Der Journalist Bernd Graff beschäftigt sich in seinem Artikel mit dem durch das Internet veränderten Kommunikationsverhalten. Er stellt die Vorzüge dar, die mit dieser technischen Neuerung verbunden sind, weist aber auch auf Defizite hin sowie auf bedenkliche Auswirkungen auf die menschliche Kommunikation und vor allem auf die Sprache.

Durch eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten von Abiturienten vor 30 Jahren und heute macht Graff in den Zeilen 1 bis 25 die Veränderungen deutlich.

Er konzentriert sich in einem ersten gedanklichen Abschnitt (Z. 1–9) auf die Darstellung der Vergangenheit. Wichtigstes Kommunikationsmedium für Abiturienten, die sich nach ihrem Abschluss im Ausland aufgehalten haben, sei der Brief gewesen, da Ferngespräche zu teuer waren. Das hätte vor allem für Aufenthalte in Übersee gegolten. Somit bedeutete ein solcher Aufenthalt wirkliches Fernsein.

Die aktuelle Situation wird in den Zeilen 10 bis 25 beschrieben. Befindet sich heute ein Abiturient im Ausland, ist er aufgrund der modernen Kommunikationstechnik immer erreichbar und somit nicht wirklich weg. Um Kontakt in Echtzeit von überall in der Welt in die Heimat herzustellen, ist nur ein Internetzugang notwendig. Entscheidend ist nicht mehr das Gefühl der Fremdheit im Ausland, sondern die drohende Gefahr eines Stromausfalls.

Der Autor verallgemeinert im folgenden gedanklichen Abschnitt (Z. 26–44) das Besondere der neuen Internetkommunikation. Jeder, unabhängig von der Altersgruppe und vom Aufenthaltsort, hat die Möglichkeit, ständig mit anderen in Verbindung zu bleiben. Dies hat zur Folge, dass permanent kommuniziert wird, was das Erleben fremder Welten nur noch digital erfahrbar macht. Dadurch macht der Mensch eine völlig neue Erfahrung, was die Anwesenheit in Raum und Zeit betrifft. Die Folge ist ein Verlust der Aufmerksamkeit für die analoge, reale Welt.

Mit den Auswirkungen der neuen Medien auf Kommunikation und Sprache beschäftigt sich der nächste inhaltliche Abschnitt (Z. 45–65). Häufig ist mit der Nutzung dieser Medien eine scheinbare Aufwertung des einzelnen Users verbunden. Entscheidend ist die Veränderung der Sprache, die mit der Tatsache einhergeht, dass Internetkommunikation in Echtzeit abläuft. Dabei besteht jedoch die Gefahr von Missverständnissen, weil der persönliche Kontakt zum Gegenüber fehlt. Das macht die Notwendigkeit einer erklärenden Ausdrucksweise als Ersatz für nonverbale Kommunikation deutlich, die sich in den sogenannten „Emoticons“ zeigt. Eine andere Folge ist der Verlust sprachlicher Differenzierung durch häufiges Verweisen und Zitieren, was auch ohne eigenständige gedankliche Leistung leicht möglich ist.

Durch zwei Zitate untermauert der Autor seine eigene Position (Z. 66–79). Entscheidend im Netz sei für Geert Loovink „Selbstdarstellung und Selbstreflexion“ (Z. 68). Einen Schritt weiter geht Max Pagel, ein Evolutionsbiologe. Er legt den Schwerpunkt auf „das spracharme Verweisen“ (Z. 73), das zur Folge haben könnte, dass Innovationen weniger anerkannt werden als das Kopieren von Ideen.

Mit einem provokanten Zitat schließt der Text (Z. 80–83): Zachary Gutierrez prophezeit, dass das Internet durch Dummheit zugrunde gehen wird.

Der Autor stellt seine Position auch sprachlich interessant dar.

Die vielen Hypotaxen sind das Resultat der Reflexionen des Autors. Gerade deshalb fallen kurze, prägnante Sätze auf, sie betonen die Unumstößlichkeit der Aussage (z. B.: „Das Wegsein war fühlbar“, Z. 8 f.). Gesteigert wird diese Eindringlichkeit durch elliptische, extrem verkürzte Sätze wie in Zeile 2: „Richtig weg.“

Der Verstärkung der Argumentation dienen auch die vielen Fachbegriffe aus den Bereichen Kommunikation, Sprache und Internet. Der folgende Satz ist ein geeignetes Beispiel: „Jeder, und das ist natürlich längst kein Privileg der Jugend mehr, checkt und updated mittlerweile seinen Online-Status, um dauerhaft in Verbindung zu bleiben, auch wenn man weit auseinander lebt“ (Z. 26–28). Dadurch wird die intensive Beschäftigung des Autors mit der Thematik deutlich. Dass Graff selbst Nutzer des Internets ist, darf vorausgesetzt werden, die Expertenschaft des Autors zeigt sich in der Verwendung von Anglizismen wie „Snail Mail“ (so die fehlerhafte Schreibung in Z. 5), „Facebook-Walls“ (Z. 21) oder auch „liken“ (Z. 22).

Die intensive Beschäftigung mit den Auswirkungen der neuen Kommunikation ist an der Verwendung von Zitaten zu erkennen (v. a. Z. 66–79). Dadurch gelingt es dem Autor, Autoritäten anzuführen, die seine Meinung stützen und dadurch unangreifbar machen.

Interessant ist schließlich die Tatsache, dass der Autor auch Worte verwendet, die im Zusammenhang deutlich negativ besetzt sind. Als Beispiele sind anzuführen „Geschwätzigkeit“ (Überschrift), „Kaffeeklatsch“ (Z. 13) oder auch „Plausch“ (Z. 18). Das sind Worte, die mit einer Zeit verbunden sind, die auf den ersten Blick nichts mit dem Internet und seinen Folgen für die Sprache zu tun hat. Gerade deshalb bekommen sie eine besondere Bedeutung in diesem neuen Zusammenhang, da sie die Oberflächlichkeit der Internetkommunikation zum Ausdruck bringen. Außerdem verstärken Wiederholungen (vgl. Z. 2 und 10 f.) oder auch die Akkumulation in Zeile 47 die kritische Haltung des Autors.

Durch diesen gezielten Einsatz der Sprache unterstreicht Bernd Graff, dass seiner Meinung nach die Internetkommunikation weitreichende negative Auswirkungen haben wird. Diese Position soll im Folgenden erörtert werden.

Es gibt einige Aspekte, die für die kritische Haltung des Autors sprechen. So praktisch und nützlich die Internetnutzung auch ist, so darf man sich nicht darüber täuschen lassen, dass das World Wide Web eine digitale Parallelwelt ist, die vielen Menschen attraktiver erscheint als die analoge Realität.

Tausende von Freunden auf Facebook, exklusive Angebote speziell für die eigenen Bedürfnisse – das sind verlockende Aussichten. Gerade Menschen, die wenig reale soziale Kontakte haben und sich nach Bekanntschaften oder Freunden sehnen, machen die Erfahrung, dass man im Internet schnell Kontakte knüpfen kann. Es spielt keine Rolle, dass man das digitale Gegenüber häufig noch nicht gesehen hat. Man hat eine Beziehung, die man auf einfache Art und Weise pflegen kann, ohne sich aus dem Haus bewegen zu müssen. Soziale Nähe verkommt zur bloßen Illusion. Noch stärker als bei echten Freunden kann man in sozialen Netzwerken Probleme ausbreiten, da man niemandem dabei in die Augen sehen muss. Zudem ist eine Rückmeldung bei einer hohen Anzahl von Freunden garantiert. Die Kehrseite ist aber, dass man freiwillig sehr viel von sich preisgibt: Hobbys, Vorlieben, Fotos. Das sind äußerst intime und persönliche Informationen, die nicht jeden etwas angehen und die unter Umständen auch missbraucht werden können. In der Realität würde das kaum jemand tun, aber das Internet bietet neben der vermeintlichen Nähe auch den Schutz der Anonymität. Nicht umsonst sind viele Menschen unter falschem Namen in den Netzwerken registriert.

Ein weiterer Faktor ist die Tatsache, dass man generell sehr viel Zeit im Internet verbringt. Man wartet auf die Kommentare oder schreibt selbst Posts, die dann wieder kommentiert werden. Um nichts zu verpassen, werden die Aufenthaltszeiten im Netz immer länger. Die Realität wird zur Nebensache, was sich beispielsweise an den Nutzern von öffentlichen Verkehrsmitteln erkennen lässt. Die Rede ist von der „Head-down-Generation“, da nahezu jeder auf den Bildschirm seines Smartphones blickt, aber so gut wie niemand aus dem Fenster des Busses oder der Bahn sieht.

Der User ist also permanent online und somit auch immer erreichbar. Oft nutzen Arbeitgeber diese Tatsache aus, um ihre Mitarbeiter zu den unmöglichsten Zeiten über Dinge zu informieren, die angeblich unaufschiebbar sind. Dadurch entsteht ein Erwartungs- und Erfolgsdruck, der häufig zu Problemen führt. Gerade Familien können darunter leiden, wenn das langfristig geplante Freizeitprogramm einer Nachricht des Chefs geopfert wird. Letztlich leidet auch die Gesundheit unter dieser andauernden Erreichbarkeit. Ein Abschalten, das notwendig ist, um effektiv arbeiten zu können, findet nicht mehr statt.

Ein weiterer negativer Aspekt der Internetkommunikation sind die Auswirkungen auf die Sprache, die auch Graff anspricht. Das schnelle Antworten führt dazu, dass man nur noch in Halbsätzen, ja sogar letztlich nur noch in verstümmelten Wort- und Buchstabenkombinationen (z. B. „lol“ für „laughing out loud“) schreibt. Dominierend im Netz ist die Abbildung des Sprechaktes, nicht der Schriftsprache, die im Internet als ungeeignet bzw. als zu lang erachtet wird. Durch ausführliche Beschreibungen und differenzierten Gebrauch von Sprache würden sich aber Gefühle oder Befindlichkeiten vielschichtiger ausdrücken lassen. In der gesprochenen Sprache wird dies durch Emotionen, Mimik und Gestik möglich. Um dies in der Internetkommunikation umzusetzen, finden sich verstärkt sogenannte Smileys oder Emoticons, die den Gefühlszustand des Verfassers darstellen. Benutzt man über längere Zeit diese eingeschränkten Internetcodes, um sich mitzuteilen, dann erscheint schon das Verfassen eines normalen Briefes oder einer kurzen Stellungnahme als große Herausforderung. Dieser Trend lässt sich bereits in Schüleraufsätzen erkennen, wenn Lachgesichter und Abkürzungen ganz selbstverständlich verwendet werden.

2)

All diese Punkte dürfen jedoch nicht den Blick auf die positiven Seiten verstellen, die die Internetkommunikation trotz allem hat.

Der negative Einfluss auf die Sprache wurde bereits angesprochen. Trotz aller Befürchtungen muss ganz klar erkannt werden, dass gerade Sprache etwas sehr Dynamisches ist, da sie eine sich verändernde Wirklichkeit abbildet. Ein Beispiel ist der Wechsel vom Alt- zum Mittel- und Neuhochdeutschen. Noch bedeutender ist der Einfluss von Luthers Bibelübersetzung. In jüngster Zeit sind es aber auch grammatische Veränderungen, die Eingang in die Umgangssprache gefunden haben und heute selbstverständlich verwendet werden, ohne dass man sich großartig Gedanken darüber macht. Hier ist das Buch von Bastian Sick „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ als plakatives Beispiel anzuführen. Zunehmend finden Anglizismen Eingang in die deutsche Sprache, wie z. B. „Event“, „Kids“ oder „Blog“. Man muss sogar feststellen, dass sich der Sprachgebrauch durch den Einfluss des Internets und seiner Nutzer als durchaus vielfältig und kreativ erweist. Neue Entwicklungen verlangen nach neuen Ausdrucksformen, da mit den vorhandenen Mitteln die veränderte Realität sprachlich oft nicht mehr angemessen abgebildet werden kann. Deutlich wird dies gerade in der Computerbranche, die wie viele andere Bereiche auch einen eigenen Sprachgebrauch kreiert hat, der zunehmend Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch hält. Begriffe wie „Datenklau“, „Cyberkriminalität“ oder „Cloud-Speicher“ werden heute schon nahezu selbstverständlich benutzt.

Ein weiterer positiver Aspekt der Internetkommunikation ist sicherlich in der leichten Erreichbarkeit der Nutzer zu sehen.

Gerade im Vergleich zu früher, wo man, wie Graff sagt, „[r]ichtig weg“ (Z. 2) war, wenn man sich im Ausland, vor allem in Übersee, aufhielt, spielen Entfernungen heute kaum noch eine Rolle, wenn es um den Gesichtspunkt Kommunikation geht. Per Smartphone ist man via Skype von jedem Ort der Welt – ein Internetzugang vorausgesetzt – in Echtzeit mit der Heimat verbunden. Das Gefühl des Heimwehs, das gerade junge Reisende oft sehr negativ erleben, kann durch solch ein Videotelefonat schnell verringert werden. Auch lassen sich bestimmte organisatorische Aufgaben erledigen, ohne Boten oder „Mittelsmänner“ einsetzen zu müssen. Die Einschreibung an der Uni oder die Abgabe einer Hausarbeit zu einem bestimmten Termin ist nicht mehr mit der persönlichen Anwesenheit vor Ort verbunden. Per Internet lassen sich Formulare versenden, die in Echtzeit den Empfänger erreichen. Diese Beispiele machen deutlich, dass Internetkommunikation entscheidende Vorteile bietet.

Von größter Bedeutung ist jedoch die Tatsache, dass wir in der Epoche der Globalisierung leben. Wie vorher schon angesprochen, spielen Aufenthaltsorte oder Entfernungen keine Rolle mehr. So muss man auch erkennen, dass die Menschen durch digitale Kommunikation weltweiten Zugriff auf fast das komplette Wissen der Menschheit haben, das auf Servern gespeichert ist. Vor allem im Bereich von Bildung, Forschung und Lehre ist Internetkommunikation nicht mehr wegzudenken.

In Schulen werden Lerninhalte online abgerufen, Teamarbeit findet auf speziellen Plattformen statt und Fortbildungen oder Konferenzen sind per Videokamera online durchführbar. Bibliotheken stellen ihren Bestand online, sodass mittlerweile Bücher per Mausklick auf dem Bildschirm zu lesen sind – langfristige Fernleihen werden bald völlig der Vergangenheit angehören.

Durch Internetkommunikation haben Menschen, die in analogen Zeiten aufgrund ihres Wohnorts zu den Benachteiligten zählten, Zugang zu Bildung. Es gibt Alphabetisierungskurse und Angebote für Lernende jeden Alters. Bildung wird durch das Internet demokratisiert, das somit als ein Schlüssel zu einem besseren Leben angesehen werden kann.

Trotz der klar erkennbaren negativen Seiten, die mit der Internetkommunikation verbunden sind, sollte man nicht die Augen vor ihren positiven Möglichkeiten verschließen. Gerade der Bereich Bildung wird dadurch quasi revolutioniert. Klar muss allerdings sein, dass die Nutzer auch lernen müssen, was qualitativ hochwertig und was nur auf den ersten Blick von Bedeutung ist. Hier eröffnet sich durch die verstärkte Internetkommunikation eine neue Herausforderung, mit der sich alle Nutzer des Internets künftig auseinandersetzen müssen.

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