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Texterörterung: B. Becker-Cantarino zu „Emilia Galotti“


Lösung

Im Zeitalter der Aufklärung wurde das deutsche Drama in formaler, aber auch inhaltlicher Hinsicht grundlegend erneuert. Das Theater sollte sein Publikum nicht mehr mit derben Späßen belustigen, sondern es belehren und erziehen, um die Bürger zu emanzipieren und die Fürsten aufzuklären. Auch Gotthold Ephraim Lessing, der bedeutendste Dramatiker der Aufklärung, verstand sich als Neuerer. Er entwickelte das bürgerliche Trauerspiel, in dem der Held kein Adliger und keine hochgestellte Person ist. In seinem Trauerspiel „Emilia Galotti“, das 1772 uraufgeführt wurde, steht eine junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens.

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Becker-Cantarino hat sich in ihrem Aufsatz „‚O Komödiantinnen, ich hätte euch doch kennen sollen‘. Weiblichkeitsentwürfe und Frauen in Lessings dramatischem Werk“ aus dem Jahr 1996 auch mit den Frauenfiguren im Drama „Emilia Galotti“ auseinandergesetzt. Der vorliegende Auszug konzentriert sich insbesondere auf die Hauptfigur Emilia, Tochter eines ehemaligen Obristen, sowie auf die adlige Orsina, ehemalige Geliebte des Prinzen von Guastalla.

Im Folgenden sollen Becker-Cantarinos Positionen zunächst vorgestellt werden, um anschließend zu erörtern, inwieweit ihre Deutung der beiden Frauenfiguren überzeugt.

Der von der Literaturwissenschaftlerin Barbara Becker-Cantarino verfasste Aufsatz wurde 1997 in einer Publikation des Lessing-Museums einem interessierten Publikum zugänglich gemacht. Im vorliegenden Textauszug verdeutlicht die Autorin ihre Interpretation von Emilia und Orsina.

Der Textauszug lässt sich in zwei Sinneinheiten gliedern. In der ersten Einheit (Z. 2–7) wird zum einen eine Gemeinsamkeit der beiden Frauen hervorgehoben, und zwar ihre „selbstzerstörerische Existenz“ (Z. 4). Zum anderen geht es um die gegensätzliche Gestaltung von Orsina und Emilia: Während die Mätresse laut Becker-Cantarino die „Untugend“ (Z. 6) verkörpert, repräsentiert Emilia die „Keuschheit“ (Z. 7). Die Autorin betont, dass Emilia nur zwischen Mord und Selbstmord wählen könne.

Die zweite Sinneinheit (Z. 8–27) stellt die „Verneinung weiblicher Existenzmöglichkeit“ in den Mittelpunkt. Am Beispiel von Emilia erläutert die Literaturwissenschaftlerin, welche Ansprüche und Konflikte zu Emilias Tod führen, und erkennt wiederum eine Parallele bei den weiblichen Protagonistinnen: „Orsina […] wird ebenso vernichtet wie Emilia“ (Z. 26), obgleich sie gegensätzlichen Wertsystemen angehören.

Der Textauszug schließt mit dem Adverb „auch“ (Z. 2) direkt an einen Gedankengang an, in dem es wahrscheinlich um Emilias Zerstörung der eigenen Existenz geht. Diese Deutung der Persönlichkeit Emilias bezieht Becker-Cantarino ohne weitere Begründung auf Orsina. Damit stellt sie eine Ähnlichkeit der beiden Frauen fest, doch verdeutlicht sie im nächsten Satz, dass sie gleichzeitig Gegenpole bilden: Indem Orsina eine „verführerische Frau“ (Z. 4), eine „femme fatale“ (Z. 5) sei, verkörpere sie eine „Dominanz der sinnlichen Natur, der übermächtigen weiblichen Sexualität“ (Z. 5 f.) im Kontrast zu Emilias Keuschheit. In dieser Textpassage geht sie somit auf die individuellen Ausprägungen der beiden Figuren ein.

Daran anknüpfend thematisiert die Literaturwissenschaftlerin, wie aus ihrer Sicht das familiäre und gesellschaftliche Umfeld das Schicksal Emilias beeinflusst. Sie beginnt mit dem Einwurf, dass Lessings Verteidigung der weiblichen Tugendhaftigkeit gleichzeitig eine weibliche Existenz unmöglich mache. Sie erklärt dies am Beispiel Emilias, die im Spannungsfeld zwischen ihrem Vater Odoardo und dem Prinzen steht, nachdem ihr Verlobter Appiani ermordet worden ist. Diesen bezeichnet sie als „rechtmäßige[n] Besitzer“ (Z. 12). Die „Ansprüche auf Emilia“ (Z. 13) der beiden anderen Männer nach dessen Tod bezeichnet sie als „tödlich“ (Z. 14). Odoardos Rechtfertigung seines Anspruchs sieht sie in seiner Vaterrolle begründet: Er müsse den Schutz und die Ehre seiner Tochter garantieren, doch führe seine „väterliche Protektion und Ehrenrettung“ (Z. 16) zur Ermordung. Der Anspruch des Prinzen auf den Körper Emilias bedeute wiederum Emilias „moralisch-menschlichen Tod“ (Z. 17 f.), sollte sie eine Liaison mit dem Fürsten eingehen. Diese Deutung begründet sie mit dem in Lessings Trauerspiel vorgestellten bürgerlichen Wertsystem. Daran anknüpfend erklärt sie, dass Emilias Tod das Resultat eines Konflikts sei, bei dem die „Wertsysteme zweier Klassen“ (Z. 21) aufeinanderstoßen, nämlich der „bürgerlichen und der adligen“ (Z. 22). Sie betont aber auch, dass der Konflikt der Geschlechter eine größere Rolle spiele als der Konflikt der beiden Wertsysteme. Das Verhalten der beiden Männer sieht Becker-Cantarino wiederum durch diese beiden gegensätzlichen Wertsysteme bedingt: Da die Männer daraus ihre eigentliche „männliche Identität und Stärke“ (Z. 23 f.) bezögen, müssten sie sie mit allen Mitteln erhalten, selbst wenn dies zu tödlichen Konsequenzen führt. Die Germanistin zieht das Fazit, dass sowohl Emilia als auch Orsina „vernichtet“ (Z. 26) werden; die eine als Vertreterin der Adelsgesellschaft, die andere als Vertreterin der bürgerlichen Tugendvorstellungen.

Bei dem Textauszug handelt es sich um einen sprachlich prägnant gestalteten Sachtext, in dem es explizit um Positionen geht. Doppelungen wie „Als verführerische Frau, als femme fatale“ (Z. 4 f.) und „als Verlobter und rechtmäßiger Besitzer“ (Z. 11 f.) veranschaulichen die vorgestellten Positionen. Die Gegenüberstellung von gegensätzlichen Begriffen, zum Beispiel „Untugend“ (Z. 6) und „Keuschheit“ (Z. 7), die zugleich inhaltliche Gegensätze konstruieren, wecken das Interesse des Lesers.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Barbara Becker-Cantarino die beiden Frauenfiguren vergleichend interpretiert und ihr Schicksal deutet. Da sie in ihren Ausführungen kaum Textbelege nennt, um ihre Einschätzung der Frauen zu begründen, kommt sie zu Ergebnissen, die zur Auseinandersetzung mit ihren Positionen herausfordern. Inwiefern ihre Interpretation den beiden Dramenfiguren Emilia und Orsina gerecht wird, soll im Folgenden näher untersucht und beurteilt werden. 

Becker-Cantarino stellt in ihrer Charakterisierung Orsinas die Gräfin als eine Frau dar, die nicht nur verführerisch, sondern als „femme fatale“ (Z. 5) sogar zerstörerisch wirkt. Von daher verkörpere sie die Vorherrschaft der „übermächtigen, weiblichen Sexualität, die Untugend“ (Z. 6). Diese Deutung der Figur Orsinas wirkt zunächst fast provokativ. Schließlich spielt sie im Trauerspiel nicht ihre sinnlichen Reize aus, sondern ist vom Prinzen verlassen worden, weil ihn ihre Reize nicht mehr interessieren, seitdem er sich in Emilia Galotti verliebt hat. Allerdings war der Prinz bis vor Kurzem in Orsina verliebt und hat sich in ihrer Gesellschaft und ihrer höfischen Lebensart wohlgefühlt. Da sie seine Geliebte war, unterhielt sie auch eine sexuelle Beziehung zum Prinzen. Diese Freizügigkeit galt in der Adelsgesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts keineswegs als unmoralisch. Es ist deshalb nicht sehr überzeugend, sie als Verkörperung von untugendhaftem Verhalten einzuschätzen.

Bei ihrer Charakterisierung Orsinas als „femme fatale“ (Z. 5) bezieht sich Becker-Cantarino vermutlich auf die Tatsache, dass Orsina bei ihrer Ankunft im Lustschloss einen Dolch mit sich führt. Im Gespräch mit Odoardo Galotti deutet die Gräfin an, dass sie ihn eigentlich gebrauchen wolle, doch keine Gelegenheit dazu bekomme. Daraus kann man schließen, dass die Gräfin den Prinzen aus enttäuschter Liebe erdolchen wollte. Da sie allerdings ihren Dolch spontan Odoardo gibt, scheint ihre erste Wut und Verzweiflung über die Trennung des Prinzen schon vorüber zu sein. Sie analysiert die neue Situation mit ihrem scharfen Verstand und erkennt, dass eine neue Strategie mehr Erfolg bietet und möglicherweise Odoardo ihren Plan in die Tat umsetzen könnte. Außerdem hat sie über ihre Kundschafter bereits erfahren, dass der Prinz am Morgen in der Kirche mit Emilia Galotti gesprochen hat. Als sie erfährt, dass diese auf dem Lustschloss ist, nachdem ihr Verlobter erschossen worden ist, kombiniert sie sofort und beschuldigt den Prinzen vor Marinelli als Mörder. Ob sie ihren neuen Plan, dieses Wissen in der Öffentlichkeit zu verkünden, ausführt, lässt das Drama offen.

Auch die Bezeichnung Orsinas als „selbstzerstörerische Existenz“ (Z. 4) wirkt zunächst befremdlich, denn weder im Gespräch des Prinzen mit dem Maler Conti noch bei ihren Auftritten kommen solche Aspekte ihrer Persönlichkeit zur Geltung. Nur ihre Bemerkung im Gespräch mit Odoardo Galotti, sie trage auch Gift bei sich, das sei aber eher etwas für Frauen, könnten darauf hinweisen. Auch hier gilt: Dieses Verhalten zeigt Orsina in der ersten Enttäuschung, nachdem sich der Prinz von ihr getrennt hat. Ihre Reaktion ist menschlich nachvollziehbar, nach einer großen Enttäuschung können bei den Betroffenen Mord- und Selbstmordgedanken auftreten, doch nur in den seltensten Fällen kommt es zur Tat. Auch bei Orsina gibt es im Drama keinen Hinweis, dass sie lebensmüde und depressiv ist und ihrem Leben ein Ende setzen möchte.

Ihre Einschätzung, dass Orsina „vernichtet“ (Z. 26) werde, hat die Literaturwissenschaftlerin ebenfalls nicht näher erläutert. Vermutlich bezieht sich diese Aussage auf die Tatsache, dass Orsina nach der Trennung weder vom Prinzen noch vom Hof Beachtung geschenkt wird. Es ist tatsächlich so, dass die Gräfin ihren bisherigen Platz an der Seite des Prinzen verloren hat. Doch als Gräfin stehen ihr Möglichkeiten offen, um sich in der Adelsgesellschaft neu zu positionieren. Sicherlich, es wird ein Abstieg sein, doch ist Orsina scharfsinnig genug, um sich neuen Aufgaben zu stellen. Zwar muss die adlige Orsina in der Adelsgesellschaft einen Prestigeverlust hinnehmen, aber die Beurteilung dieses Tatbestandes als Vernichtung ihrer Person ist durch den Wortlaut des Trauerspiels nicht gerechtfertigt.

Übrigens kann man Gräfin Orsina, im Gegensatz zu Barbara Becker-Cantarinos Einschätzung, auch als Beispiel für eine emanzipierte Frau interpretieren: Sie ist eine kluge Frau, die gern liest und philosophiert, verkörpert also in idealer Weise eine aufgeklärte Frau. Mit diesem Verhalten findet sie jedoch in der Adelsgesellschaft wenig Resonanz. Gleichzeitig ist sie handlungsfreudig: Sie liest nicht nur und denkt nach, sondern ergreift Initiative, sei es bei Gesprächen, sei es bei den Nachforschungen über die Aktivitäten des Prinzen. Sie beabsichtigt, die Hintergründe des Verbrechens an Graf Appiani öffentlich bekannt zu geben, um möglicherweise den Sturz des Prinzen und eine politische Veränderung zu erwirken. Von daher ist es tatsächlich interessant, sich Orsinas nächste Handlungsschritte vorzustellen.

Emilia wird von Becker-Cantarino in mancherlei Hinsicht als Gegenpol zu Orsina gesehen. So wird sie von ihr mit dem Begriff „Keuschheit“ (Z. 7) charakterisiert. Wenn man Keuschheit als sexuelle Enthaltsamkeit definiert, so lebt Emilia bis zu ihrem Tod in Keuschheit. Doch als Verlobte ist Emilia mit dem Gedanken vertraut, dass sie in der Ehe sexuelle Erfahrungen machen wird. Sie scheint davor auch keineswegs zurückzuschrecken. Sie hat sich sogar schon selbst als sinnenfreudig erlebt: Im Gespräch mit ihrem Vater schildert sie ihm, wie sehr die Begegnung mit dem Prinzen im Hause der Grimaldi sie emotional verstört hat. Darüber hinaus versucht sie ihren Vater von ihrem Todeswunsch dadurch zu überzeugen, dass sie keinesfalls in das Haus der Grimaldi gebracht werden möchte, wie es der Prinz beschlossen hat, und zwar aus Sorge um ihre eigene Verführbarkeit. Dass sie mit dem Prinzen nach der Ermordung ihres Verlobten Graf Appiani keinesfalls eine Beziehung eingehen möchte, ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass sie sehr wohl die Zusammenhänge ahnt und diese Machenschaften ihren Widerstand hervorrufen. Somit bedeutet Emilias Bestehen auf ihrer Keuschheit nicht, dass sie grundsätzlich gegen Sinnlichkeit und Sexualität ist, sondern dass sie sich unter den gegebenen Umständen aus psychologisch nachvollziehbaren Gründen nicht mehr darauf einlassen kann und will, schon gar nicht mit dem Prinzen, den sie verdächtigen muss, an der Ermordung ihres Verlobten in irgendeiner Form beteiligt zu sein.

Dass Emilia selbstzerstörerisch ist, wie die Literaturwissenschaftlerin behauptet, lässt sich leicht mit ihrem Todeswunsch belegen. Allerdings müssen zunächst die Ursachen für diese selbstzerstörerische Haltung untersucht werden. Hier ist zum einen der Schock anzuführen, den der Mord an ihrem Verlobten ausgelöst hat. Statt am Tage ihrer Hochzeit ein Fest zu feiern und einen neuen Lebensabschnitt zu zweit zu beginnen, verliert sie ihren künftigen Mann und wird zur Trauernden. Zum anderen empfindet sie noch immer Scham über die morgendliche Begegnung mit dem Prinzen, insbesondere, da sie ihm auf dem Lustschloss schon wieder begegnet und genau weiß, dass er sie bzw. ihren Körper begehrt. Für sie ist es undenkbar, mit dem Menschen eine Beziehung einzugehen beziehungsweise eingehen zu müssen, der in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Mord an ihrem Verlobten steht.

Darüber hinaus hat sie von ihrem Vater gelernt, dass sie nicht in einer amoralischen Welt leben darf. Ihr stehen also nach dem Überfall und dem gewaltsamen Tod des Grafen Appiani nur der Rückzug in das ländliche Leben ihrer Familie oder die Weltabgeschiedenheit eines Klosters zur Verfügung. Jegliche andere Lebensform – das städtische und das höfische Leben – ist somit völlig ausgeschlossen. Überdies hat sie Angst davor, den ihr anerzogenen Wertvorstellungen Keuschheit und Tugend bei einer Trennung von ihren Eltern nicht mehr gerecht werden zu können. Sie weiß nicht, ob sie stark genug ist, den Verführungskünsten des Prinzen beziehungsweise dem gänzlich anderen Wertsystem der adligen Welt zu widerstehen, wenn sie den Einflüssen dieser Gesellschaft ausgesetzt ist. Deshalb will sie lieber sterben, als ihren Vater zu enttäuschen und von ihm verstoßen zu werden. Insofern ist ihr Todeswunsch weniger in ihr selbst begründet als Ausdruck ihrer Erziehung und Abhängigkeit von der väterlichen Autorität, der sie sich unterwirft.

In diesem Zusammenhang ist Barbara Becker-Cantarinos Einschätzung, dass Emilia „vernichtet“ (Z. 26) wird, nachvollziehbar. Weder dem Prinzen noch Odoardo geht es um das Wohl Emilias, sondern beiden um ihr eigenes: Der Prinz möchte seine Verliebtheit ausleben und Emilia so weit gefügig machen, dass er sein Ziel erreicht und sie als seine Geliebte besitzt. Odoardo hingegen hat Angst vor einem Verlust der Ehre seiner Tochter, was wiederum seinen Ruf und den seiner Familie ruinieren würde. Zu Recht verweist Becker-Cantarino darauf, dass der Konflikt zwischen den konkurrierenden Wertsystemen, dem adligen und dem bürgerlichen, hier eine untergeordnete Rolle spiele, denn die Männer nutzen nur dieses Wertsystem für ihre Zwecke, um die Unfreiheit beziehungsweise Unterdrückung der Frau zu rechtfertigen und die männliche Handlungsfreiheit zu begründen.

Die Behauptung der Germanistin, dass Lessings Verteidigung der weiblichen Tugend die „Verneinung weiblicher Existenzmöglichkeit“ (Z. 9 f.) bedeute, muss einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Lessing verfolgte mit seinem Trauerspiel das Ziel, aus der römischen Virginia eine moderne zu machen. In seiner Vorlage, die auf Ereignisse in Rom im 5. Jahrhundert vor Christus zurückgeht, ersticht der Armeeoffizier Virginius seine Tochter Virginia, nachdem ein ungerechter Urteilsspruch sie dem einflussreichen Marcus Claudius als Sklavin zugesprochen hat und dieser sie somit legal zu seiner Geliebten machen kann. So rettet der Vater Virginias Freiheit, wahrt ihre Ehre und setzt danach mit seinen Anhängern einen Umsturz der Regierung in Gang. Lessing übernimmt zwar die Grundsituation der Legende, doch spart er die Öffentlichkeit und das Staatsinteresse in seinem Trauerspiel aus. Weil Emilias Tod keine gesellschaftlichen Veränderungen hervorruft und dadurch legitimierbar ist, geht es im Drama vor allem um die persönliche Tragik, die darin liegt, dass einem Vater die Tugend und die Ehre seiner Tochter wichtiger sind als ihr Leben. Der Tod Emilias wirft somit die Frage auf, ob moralische Prinzipien einen höheren Stellenwert haben als das Leben einer Frau, ob also Emilias Tod gerechtfertigt werden kann oder nicht.

Das Drama gibt darauf keine Antwort, der Widerspruch wird nicht gelöst. Indem Lessing in seinem Trauerspiel Konflikte offenlegt und problematisiert, wird deutlich, dass es ihm als Aufklärer nicht darum geht, Positionen vorzuschreiben. Er sieht seine Aufgabe darin, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, damit sie selbst Lösungsansätze entwickeln.

Barbara Becker-Cantarinos Interpretation der beiden Frauenfiguren berücksichtigt wesentliche Aspekte des Trauerspiels „Emilia Galotti“ und stellt interessante Thesen vor. Einige der Deutungsansätze konnten mit Bezug auf Lessings Drama bestätigt werden, beispielsweise die Abhängigkeit der beiden Frauen von den Männern beziehungsweise den beiden Wertsystemen, die jeweils patriarchalisch begründet sind. Doch ihre starke Polarisierung der beiden Frauenfiguren bezüglich ihrer Untugend beziehungsweise Tugend sowie persönlicher Grundzüge hält einer genaueren Untersuchung nicht stand. Zu sehr sind die Verhaltensweisen der Frauen in ihrem gesellschaftlichen Kontext begründet und zu gering sind die Anhaltspunkte, dass die Frauen auf diese Begriffe reduziert werden können.

Noch heute bildet die weibliche Ehre, und dazu gehört beispielsweise die Jungfräulichkeit vor der Ehe, in patriarchalisch orientierten Gesellschaftsentwürfen ein wichtiges Grundgerüst. In diesem Zusammenhang begehen immer wieder männliche Familienangehörige „Ehrenmorde“ an jungen Frauen, die ein freies Leben führen. Das in Lessings Trauerspiel vorgestellte Schicksal Emilias ist also nicht nur von historischem Interesse, sondern verweist auf ein Konfliktpotenzial in unserer modernen Welt, das wir kritisch reflektieren müssen, um uns zu positionieren.

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