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Textbezogenes Argumentieren: Jan Wiele: „Die Dialektik der Bauchnabelfluse“


Lösung

Am 25.02.2013 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Artikel von Jan Wiele mit dem Titel „Die Dialektik der Bauchnabelfluse“. Darin beschäftigt sich der Journalist mit Chancen und Risiken des Videoportals Youtube und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dieser Text wird im Folgenden hinsichtlich der argumentativen Darstellung sowie ausgewählter sprachlicher Mittel untersucht. Im Anschluss folgt eine Erörterung der Haltung des Autors zu Youtube.

Jan Wiele setzt sich in seinem Artikel kritisch mit dem Videoportal auseinander. Dabei geht er auf Vorteile, aber auch auf die negativen und mitunter schädlichen Folgen der Nutzung ein. Letztlich spricht er sich für eine redaktionelle Betreuung des bislang offenen Videoportals aus, um in gewissem Maß die Inhalte kontrollieren zu können.
Mit einem Rückblick (Z. 1–5) auf das erste im Portal veröffentlichte Video führt der Autor in das Thema des Artikels ein. Anhand dieses Beispiels illustriert er die Inhaltsleere vieler Videos. In den Zeilen 6–16 stellt er die rasante Entwicklung von Youtube dar. Anhand zahlreicher Beispiele macht er deutlich, worum es ihm geht: Neben interessanten und informativen Inhalten finden sich in dem Videoportal ebenso sinnlose und gewaltverherrlichende Beiträge. Aufgrund dieser großen Bandbreite sei Youtube ein umfassendes Archiv der Gegenwart. Anschließend (Z. 17–20) lenkt der Autor den Blick auf das zentrale Problem, das er in seinem Text behandelt: Aufgrund seiner „Programmlosigkeit“ (Z. 17) und der fehlenden redaktionellen Betreuung berge das Videoportal eine potenzielle Gefahr in sich.
Dennoch nennt Wiele im anschließenden Abschnitt (Z. 21–41) positive Aspekte von Youtube. Ganz besonders hebt er die Möglichkeit zur persönlichen Weiterbildung auf den verschiedensten Gebieten hervor, weshalb das Videoportal als ein aufklärerisches Medium (vgl. Z. 40) angesehen werden könne. Dies veranschaulicht er durch zahlreiche Beispiele. Indem er negative Folgen der grundsätzlichen Offenheit der Internetplattform anführt (Z. 41–46), leitet er zum Kern seiner Argumentation über. Dabei kritisiert er vorrangig die Willkür der Kontrollmechanismen (Z. 47–66). So fänden sich Videos mit „erotische[n] und pornographische[n] Inhalte[n]“ (Z. 53) eher selten, was für das Funktionieren der Kontrolle spreche. Doch würden sie bei Gewaltdarstellungen offensichtlich nicht greifen, was der Autor mit einigen drastischen Beispielen belegt. Im nächsten Sinnabschnitt (Z. 67–78) formuliert er die Forderung nach einer redaktionellen Kontrolle. Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, führt er den Film „Innocence of Muslims“ (Z. 68) an, der zu gewalttätigen Ausschreitungen mit zahlreichen Toten geführt habe. Im nächsten Abschnitt (Z. 79–91) fordert Wiele eine Debatte über die Kontrolle der Inhalte auf Youtube. Nicht nur solch drastische, universelle Konsequenzen, wie sie der genannte Film bewirkt habe, sondern auch der unreflektierte Youtube-Gebrauch von Teenagern, die ihre persönlichsten Befindlichkeiten im Netz kundtäten, seien bedenklich. Da das Löschen von Beiträgen bzw. der dazu abgegebenen Kommentare mitunter erst zu einem Zeitpunkt stattfinde, wenn die Videos bereits eine große Verbreitung gefunden hätten, verlören die Urheber die Kontrolle darüber. Dieses unkontrollierbare Aufeinandertreffen von Privatem und denkbar größter Öffentlichkeit bezeichnet der Autor als „Dialektik von Youtube“ (Z. 92). Zum Schluss führt er ein weiteres Beispiel hierfür an: ein Youtube-Video, das die Geburt eines Menschen zeigt und somit diesen intimen Moment mit Millionen von Nutzern teilt.

Jan Wiele untermauert seine Position durch den gezielten Einsatz sprachlicher Mittel. Auf der Satzebene fallen die durchweg kurzen, prägnanten Aussagesätze auf, die häufig zu Satzreihen zusammengefügt sind, z. B.: „Bei Youtube taucht das entlegenste Hobby auf, es reicht von der Selbsthilfegruppe bis zur professionellen Ausbildung, jede denkbare Spezialisierung ist möglich.“ (Z. 30–32) Auf diese Weise wird deutlich, dass der Autor Tatsachen wiedergibt, deren Wahrheitsgehalt er durch Beispiele belegen kann. Die Satzreihen haben zugleich einen appellativen und eindringlichen Charakter. 
Diese Wirkung wird durch das Stilmittel der Wiederholung verstärkt, zum Teil in Verbindung mit Parallelismen: „Du lernst Klavierspielen, du bist in einer Universitätsvorlesung, du tauchst mit verrückten Fischen am Great Barrier Reef. Aber auch: Du siehst einer Steinigung in Iran zu.“ (Z. 10–12) Durch diese sich wiederholenden Strukturen wird die Bedeutung der einzelnen Sätze vertieft. Zudem arbeitet der Autor in diesem Beispiel mit einem Überraschungseffekt, den er durch das Anfügen des letzten Satzes erzielt. Die angesprochene Steinigung kontrastiert auf denkbar starke Weise mit den zuvor angeführten positiven bzw. neutralen Beispielen. Durch diese – auch wieder in einem parallelen Satzbau formulierte –Antithetik wird deutlich, dass Gewalt auf Youtube ebenso banal erscheint wie ein Video, das Erklärungen zu einer banalen Freizeitaktivität liefert. Die Antithetik ist ein geeignetes Stilmittel, um „die große Dialektik von Youtube“ (Z. 92) darzustellen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die Gegenüberstellung von „Hochkultur“ und „Trash“ (Z. 15 f.). Auch die Verwendung unterschiedlicher Sprachvarietäten ist eine sprachliche Entsprechung zur inhaltlichen Darstellung der Widersprüchlichkeit von Youtube. So benutzt der Autor an mehreren Stellen englische Ausdrücke (z. B. „oral history“, Z. 39, Z. 85; „Teaser“, Z. 44; „the damage is done“, Z. 91). Dadurch erweist er sich als sachkundig, was dem Text Glaubwürdigkeit verleiht. Auf der anderen Seite finden sich auch Passagen mit umgangssprachlichen Formulierungen („manchmal unrettbar blöd und manchmal unglaublich komisch“, Z. 34) und Neologismen wie „Nullinformation“ (Z. 4) oder auch „Do-it-yourself-Geist“ (Z. 23). Gerade wenn sich der Autor über die teilweise niveaulosen Videoinhalte auslässt, passt dieser umgangssprachliche Ton sehr gut. 

Variante 1 — Eröterung:

Der Artikel „Die Dialektik der Bauchnabelfluse“ von Jan Wiele bringt anschaulich das wesentliche Problem des Videoportals Youtube auf den Punkt: Es gibt keine Redaktion, die über die zu veröffentlichenden Inhalte entscheidet. Bei pornografischen Inhalten scheinen die eigenen Richtlinien des Portals zwar zu greifen, bei Gewaltdarstellungen liegt jedoch offenbar ein Versagen vor. Daher spricht sich Wiele für die Einsetzung einer Redaktion aus, die Inhalte prüft und auf journalistische Qualitätsstandards achtet, jedoch nicht zensiert.
Das Videoportal besitzt einige wesentliche positive Aspekte, die eine Redaktion überflüssig erscheinen lassen. Grundsätzlich bietet Youtube ausgezeichnete Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung. Auf Youtube finden sich unzählige Videobeiträge, in denen Fachleute oder Wissenschaftler bestimmte Inhalte auf verständliche Weise erläutern. Wer nicht gern liest oder dazu nicht in der Lage ist, sich jedoch der Technik gegenüber aufgeschlossen zeigt, kann sich hier informieren und sein Wissen vertiefen. Dabei bestimmt er Zeitpunkt und Intensität des Lernens selbst, da die Inhalte ja immer und an nahezu allen Orten der Welt zugänglich sind. So sind z. B. bei Schülern Lernvideos zu allen Schulfächern sehr beliebt. Egal ob es sich um die Erklärung von Funktionen in der Mathematik handelt, die im Youtube-Video manchmal besser und anschaulicher als in der Schule erläutert werden, oder um Videos, mit deren Hilfe sich Fremdsprachen erlernen lassen – der gesamte Lehrplan steht in Videoform zur Verfügung. Der große Vorteil ist: Man kann sich die Videos so lange ansehen, bis man den Stoff verstanden hat. Das ist ein entscheidender Pluspunkt gegenüber dem herkömmlichen Unterricht, in dem der Lehrer einmal etwas erklärt – wer dabei etwas nicht verstanden hat, kann nur hoffen, dass es in der kommenden Stunde wiederholt wird. Aus diesem Grund wird an manchen Schulen im Rahmen von Projektseminaren die Produktion von Lernvideos zu verschiedenen Unterrichtsinhalten angeboten. Diese Videos werden von vielen Schülern mit großer Begeisterung genutzt, da sie außerhalb der Schule und bei Bedarf angesehen werden können. Ohne Youtube wäre eine solche Entwicklung nicht denkbar und so ist Jan Wiele vollkommen zuzustimmen, wenn er von einer „aufklärerischen Funktion des Mediums“ (Z. 40) spricht.

Die Einführung einer Redaktion bei Youtube wäre aus mehreren Gründen problematisch. Wie Wiele schreibt, bildet das Internet das komplette Leben der Gegenwart ab (vgl. Z. 37). Es vereint alle Facetten, die das Leben ausmachen. Dazu gehören politische Entwicklungen genauso wie die individuelle Freizeitgestaltung. Welche Redaktion könnte darüber entscheiden, ob ein bestimmtes Video wichtiger ist als ein anderes? In diesem Zusammenhang ist auch das Recht auf freie Meinungsäußerung zu nennen, das als Grundrecht verankert ist und auf Youtube ausgeübt werden kann. Das Videoportal besitzt somit auch einen politischen Charakter, der nicht unterschätzt werden darf. Ohne diese Plattform wären Umwälzungen wie der Arabische Frühling nicht denkbar gewesen. Die Videos von Demonstrationen in Tunesien fanden weltweit Verbreitung und die Proteste wurden zum Vorbild für andere Länder. Youtube ermöglicht die Aufdeckung gesellschaftlicher und politischer Missstände sowie das Aufbegehren dagegen. Ein redaktioneller Eingriff im Sinne eines Verbreitungsverbots wäre eine massive Zensurmaßnahme.
Zur Abbildung von Leben gehören auch Videos aus dem Freizeitbereich. Viele Menschen nutzen Youtube, um ihr Hobby vorzustellen oder sich lustige Filme anzusehen, die sie über andere soziale Netzwerke teilen. Mag man sich auch über die Qualität der Inhalte und deren Niveau streiten, so haben doch die meisten Nutzer schon über Katzenvideos gelacht oder sich über Hobbymusiker amüsiert, deren Talent man bezweifeln mag. Youtube ist auch ein Freizeitmedium, das Anlass zum gemeinsamen Lachen und Diskutieren gibt.
Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, dass Youtube z. B. Künstlern und freien Publizisten eine Möglichkeit bietet, sich zu präsentieren sowie Meinungen, Kommentare etc. zu veröffentlichen. So gibt es einige Internetstars, die durch Youtube-Beiträge zu Popularität gekommen sind. Ein Beispiel hierfür ist LeFloid, der sich in seinem Youtube-Kanal mit unterschiedlichen Themen aus Politik und Gesellschaft auseinandersetzt. Seine Beiträge werden gerade von Jugendlichen häufig aufgerufen, die auf diese Weise in Berührung mit politischen Themen und gesellschaftlichen Fragen kommen, für die sie sich bei der Vermittlung über herkömmliche Medien vielleicht weniger interessiert hätten. Aber auch Showgrößen wie z. B. Justin Bieber haben ihre Wurzeln bei Youtube. 
All diese Aspekte zeigen die positiven Seiten des Videoportals – im Zusammenhang mit ihnen war bislang keine Redaktion erforderlich.

Es gibt jedoch auch triftige Gründe, Jan Wieles Forderung nach einer redaktionellen Betreuung des Videoportals zuzustimmen. Zunächst ist die Tatsache zu nennen, dass manche Videos die Privatsphäre sowie die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen verletzen: z. B. wenn Jugendliche Handyvideos von Partys posten, bei denen der Alkohol in Strömen fließt. Hier kümmert sich keiner darum, ob die Beteiligten ihre Einwilligung in die Veröffentlichung gegeben haben. Die Folgen können fatal sein. Schüler können zum Gespött in der Schule werden, wenn alle Welt sehen kann, wie sie sich im Alkoholrausch übergeben oder andere Dinge tun, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Solche Videos können zwar gelöscht werden, doch damit sind sie noch lange nicht verschwunden. Eventuell wurden sie zuvor auf privaten Speichermedien konserviert oder in anderen sozialen Netzwerken gepostet. Das Internet vergisst nichts – darüber ist sich manch einer nicht im Klaren, der mit der Verbreitung eines lustigen Videos einen Scherz machen will. Gerade in solchen Fällen wäre eine Redaktion notwendig, die eine Veröffentlichung verhindern kann.
Bei traditionellen Medien ist eine gut funktionierende Redaktion meist der Garant für Qualität. Hier zweifelt niemand an der Existenzberechtigung, im Gegenteil. Redakteure tragen Verantwortung für das, was in ihren Medien erscheint, und prüfen daher die zu veröffentlichenden Inhalte vorab genau. Das hat nichts mit Zensur zu tun, vielmehr betreiben Redakteure beispielsweise genaue Recherchen, um Falschmeldungen zu verhindern, die im extremen Fall zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen können. Bei Youtube dagegen scheint es sich fast um einen rechtsfreien Raum zu handeln, woran auch die eigenen Richtlinien des Videoportals nichts ändern. Nach diesen darf man keine „Sex- oder Gewaltvideos einstellen“ (Z. 48 f.). Untersagt ist es auch, „,Misshandlungen von Tieren, Drogenmissbrauch oder Anleitungen zum Bau einer Bombe‘“ (Z. 49 f.) zu veröffentlichen. Erstaunlicherweise lassen sich jedoch Videos zum Schusswaffengebrauch oder zu Steinigungen im Nahen Osten finden, also Filme, die mit schonungsloser Offenheit Dinge zeigen, die nicht mit der Menschenwürde vereinbar sind.
Das wohl wichtigste Argument für die Einführung einer Redaktion ist aber, dass Youtube zu demagogischen Zwecken missbraucht werden kann. So gibt es auf der Plattform z. B. Aufnahmen von Pegida-Rednern, die sich öffentlich zur Flüchtlingsproblematik äußern. Hier sind fremdenfeindliche Aussagen zu hören, die stark an Parolen aus der Zeit des Dritten Reichs erinnern. Es sind sogar Videos vorhanden, die ganz direkt dazu aufrufen, Asylbewerber- und Flüchtlingsheime anzuzünden. Nur einen Klick davon entfernt findet sich – trotz der oben zitierten Nutzungsbedingungen – eine Anleitung zum Bau und zur Wirkungsweise eines Molotowcocktails. Erschreckend sind darüber hinaus Videos von Privatleuten, die persönliche Hasskommentare über Youtube verbreiten.
In den Fokus der öffentlichen Diskussion ist das Videoportal auch durch Propagandavideos des IS geraten. Der sogenannte Islamische Staat nutzt die Plattform, um weltweit junge Menschen für die eigenen Ziele zu gewinnen und sie zu Gotteskriegern auszubilden. Das ist umso erschreckender, da jedermann auf der ganzen Welt diese Videos ansehen kann. 
Menschen, die Youtube auf diese Weise einsetzen, machen sich die Möglichkeit zur raschen und weltweiten Verbreitung zunutze. Die Produzenten der Videos können zudem ihre wahre Identität hinter Pseudonymen verstecken, sodass eine strafrechtliche Verfolgung nur schwer möglich ist, wobei die Tendenz festzustellen ist, dass dieser Typus von Nutzer immer häufiger keine Hemmungen hat, die eigene menschenverachtende Meinung unter seinem wahren Namen ins Netz zu stellen. Diese Tatsachen zeigen, dass eine Redaktion für Youtube durchaus notwendig ist.

All diese Aspekte machen das deutlich, was Jan Wiele unter dem Titel „Die Dialektik der Bauchnabelfluse“ zusammenfasst. Die positiven Seiten des Videoportals können nicht von der Hand gewiesen werden. Dabei ist besonders die „aufklärerische Funktion“ (Z. 40) hervorzuheben. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Youtube zum Teil auch von Menschen genutzt wird, die das Gegenteil von aufklärerischem Gedankengut verbreiten. Aus diesem Grund erscheint eine redaktionelle Betreuung von Youtube wünschenswert. Dies ließe sich aus unterschiedlichen Gründen jedoch nur schwer realisieren. Angesichts der Fülle von täglich geposteten Videos könnte eine Redaktion schlichtweg überfordert sein. Auch wäre vermutlich die Grenze zwischen berechtigten redaktionellen Eingriffen und Zensur in manchen Fällen nur schwer zu bestimmen. 
Neben einer Redaktion sind jedoch auch Möglichkeiten vorstellbar, um menschenverachtende oder volksverhetzende Videos von der Internetplattform zu verbannen. Zum Beispiel könnten Veröffentlichungen erst nach einer Prüfung durch andere User zugelassen werden, wie es bereits auf anderen Plattformen gehandhabt wird. Die Auswahl der „Prüf-User“ könnte – sofern die jeweiligen Nutzer zuvor ihr Einverständnis erklärt haben – nach dem Zufallsprinzip erfolgen, um eine größtmögliche Objektivität sicherzustellen. Auf diese Weise ließe sich gewährleisten, dass kein Video ohne vorherige Prüfung auf Youtube veröffentlicht wird.

Variante 2 — Kommentar: 

Das Sichtbare begrenzen!

Es soll ja Menschen geben, die sich an authentischen Aufnahmen von Gewalttaten wie Steinigungen, Enthauptungen oder Bombenattentaten ergötzen. Im Internet werden sie fündig. Eine kurze Stichwortsuche und ein Mausklick genügen – und Youtube liefert die Bilder in Sekundenschnelle.
In der heutigen vernetzten Welt, in der sich Nachrichten in Windeseile über den gesamten Globus verbreiten können, stellt sich die Frage nach den Grenzen der unkontrollierten Veröffentlichung solcher und ähnlicher Gewaltszenen. Was darf zu sehen sein, was nicht? Angesichts dieser Problematik ist eine „Debatte über die Grenzen der Sichtbarkeit wirklicher wie fiktionaler Begebenheiten im Netz“ nötig, wie sie unter anderem Jan Wiele in seinem Artikel „Die Dialektik der Bauchnabelfluse“ (F. A. Z., 25.02.2013) fordert.
Der Aufstieg von Youtube seit der Veröffentlichung des ersten Videos im Jahr 2005 ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Wer kennt nicht den weißen Playbutton auf rotem Grund? Laut Aussage von Youtube nutzen das Videoportal mittlerweile mehr als eine Milliarde User, was gut einem Drittel aller Internetnutzer entspricht. 
Nie war es leichter, Inhalte an den Mann oder die Frau zu bringen, die in analogen Zeiten nur über – häufig illegale – Umwege die Medienkonsumenten erreicht hätten. Und genau darin besteht die Gefahr. Zu nennen sind hier vor allem Videos, die keinerlei Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte nehmen. So finden sich auf Youtube unter anderem ruckelige Amateurvideos von Jugendlichen, die Partys feiern und sich dabei in Alkoholexzessen ergehen. Menschen werden nichts ahnend dabei gefilmt, wie sie über der Toilettenschüssel hängen, während sich andere grölend darüber lustig machen. Wer solche Situationen filmt und ins Netz stellt, will sich am Missgeschick anderer ergötzen. Dass hier Persönlichkeitsrechte ins Spiel kommen und evtl. verletzt werden, wird häufig nicht berücksichtigt.
Darüber hinaus finden sich Beiträge, angesichts derer den Zuschauer Fremdschämen überkommen kann: z. B. Videos von Hobbykünstlern, die den Rest der Welt mit ihrem Gesang zu beglücken versuchen, auch wenn ihnen jegliches Können oder Talent dafür abgehen. Seinen eigenen talentlosen Gesang ins Netz zu stellen oder sich derartige Youtube-Videos anzusehen ist natürlich jedermann freigestellt. Problematisch wird es, wenn der Hang zur Selbstdarstellung im Internet mit der Offenbarung persönlichster Angelegenheiten verbunden ist und unreflektiert ausgelebt wird. In manchen Fällen erscheint es angebracht, dem Einhalt zu gebieten, um die Menschen vor sich selbst zu schützen. Dies betrifft insbesondere Jugendliche, die in einem Selbstgespräch mit der Kamera ihren Liebeskummer thematisieren oder sogar Selbstmordgedanken äußern. Sie müssen darüber informiert werden, was ihr Beitrag nach sich ziehen kann: Auch wenn er zurückgenommen wird, wurde er möglicherweise zuvor schon vielfach angeklickt, kommentiert und weiterverbreitet, ist somit also einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Hier würde unter Umständen der Hinweis einer Redaktion genügen: Überlege dir 24 Stunden, ob du das Video wirklich veröffentlichen willst! Wenn du das dann noch möchtest, bestätige es mit einem Klick auf den „O.-K.-Button“!
Die Einführung einer Redaktion, die eine Auswahl unter den Youtube-Videos trifft, wäre unter den genannten Aspekten sinnvoll, jedoch auch nicht unproblematisch bzw. nicht praktikabel. So stellt allein die schiere Fülle der geposteten Filme eine riesige Herausforderung dar. Im Sinne eines gerechten Vorgehens müsste eine Redaktion sämtliche Videos vor der Veröffentlichung einer kurzen Überprüfung unterziehen – eine Mammutaufgabe! Von den Videos mit bedenklichen Inhalten wären Beiträge zu sondern, die wirklich Sinn machen und belegen, welch großartige Möglichkeiten das Videoportal bietet. Nie zuvor besaßen Künstler eine so leicht verfügbare und weltumfassende Bühne, die ihnen Chancen auf eine globale Karriere eröffnet. Nie zuvor konnte sich die Menschheit auf so anschauliche Weise Wissen aneignen. Dies ermöglichen z. B. unzählige Lehr- und Anleitungsvideos aus den unterschiedlichsten Fachgebieten. Bei Schülern ist Youtube als kostenfreie Nachhilfebörse beliebt. Selbst Schulen bedienen sich des Portals: An manchen Schulen wird im Rahmen von Projektseminaren die Produktion von Lernvideos zu verschiedenen Unterrichtsinhalten angeboten. Über die technischen Voraussetzungen zur Herstellung entsprechender Filme verfügt heutzutage jeder Smartphonebesitzer.
Neben den Vorteilen, die Youtube bietet, muss wiederum ein Aspekt genannt werden, der das Videoportal gerade in jüngerer Vergangenheit in die negativen Schlagzeilen gebracht hat. Kriminelle Gruppen und politische Aktivisten nutzen das leicht zugängliche und unkontrollierte Portal, um ihre Ideen unters Volk zu bringen. Der sogenannte Islamische Staat etwa verbreitet Propagandavideos zur Anwerbung junger Gotteskrieger. Terrorismusexperten haben nachgewiesen, dass der IS ohne das Internet und Plattformen wie Youtube und Twitter bei Weitem nicht so erfolgreich agieren könnte. Genau dieser Punkt spricht für eine Redaktion, die beispielsweise Rekrutierungsvideos des IS über Filterfunktionen ausfindig machen könnte. Auch wenn die Machenschaften dieser Organisation sich dadurch sicherlich nicht verhindern lassen, so könnte ein Verbot, über dessen Einhaltung eine Redaktion wacht, eine Verbreitung im Internet zumindest erschweren. Dies würde auch zeigen, dass das Internet nicht zwangsläufig ein rechtsfreier Raum sein muss. Hier könnte natürlich wieder kritisch hinterfragt werden, ob ein solches Vorgehen Menschen davon abhält, zu Straftaten aufzurufen oder sie zu begehen. 
Eine redaktionelle Kontrolle von Youtube erscheint vor dem Hintergrund solch extremer Beispiele durchaus angebracht. Eine Redaktion muss und soll nicht für eine Begrenzung der Sichtbarkeit im Sinne einer Zensur sorgen, aber sie sollte das Sichtbare auf das Zumutbare begrenzen.

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