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Textanalyse und -vergleich: J. G. Herder: „Journal meiner Reise im Jahr 1769“; C. Kracht: „Faserland“


Lösung

a)

Im Auszug aus Johann Gottfried Herders Autobiografie „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, der aus der historisch-kritischen Ausgabe von 1976 stammt, setzt sich der Autor sehr detailliert mit seinem bisherigen Leben auseinander. Er betont immer wieder, dass ihn seine bisherige Heimat Riga einengte und er seine Fähigkeiten nicht ausleben konnte. Auf anschauliche Weise macht er deutlich, dass die Reise nach Frankreich der einzig mögliche Ausweg aus der Enge ist. Im Folgenden soll der Auszug aus seiner Autobiografie zunächst analysiert werden. Anschließend werden die Aspekte Inhalt und sprachliche Gestaltung sowie das Bild des Sprechers mit dem Roman „Faserland“ von Christian Kracht verglichen.

In seiner Autobiografie blickt Herder während der Reise nach Frankreich auf einen Teil seines Lebens, nämlich den Aufenthalt in Riga zurück. Das Besondere einer Autobiografie ist die Tatsache, dass Autor, Erzähler und Protagonist identisch sind. Mit seinen Ausführungen wendet sich der Autor vorwiegend an diejenigen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, um ihnen damit einen möglichen Weg aus ihrer Lage zu zeigen. Der Auszug hat daher in erster Linie eine appellierende Funktion, da er Personen, die sich in der gleichen Situation befinden, zu einer Verhaltensänderung bewegen möchte. Mithilfe des Ausschnitts möchte Herder den Lesern aufzeigen, dass die eigene Welt meist beschränkt und eng ist und sie keine Möglichkeit bietet, eigene Fähigkeiten auszuleben und zu entfalten. Der einzige Ausweg ist seiner Meinung nach die Flucht bzw. die Reise an einen anderen Ort.

Der Text soll nun inhaltlich und strukturell untersucht werden.

Eine erste Besonderheit stellt der Titel „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ dar, denn ein Journal ist eigentlich ein Tagebuch, in dem gezielt Landschaften, Stimmungen und Besonderheiten festgehalten werden. Demzufolge geht man davon aus, dass sich in den folgenden Zeilen diese für einen Tagebucheintrag typischen Merkmale anschließen. Dem ist aber nicht so, denn es geht eigentlich um die Reise des Protagonisten zu sich selbst. Aus diesem Grund ist der Titel des Werkes bezogen auf diesen Textausschnitt irreführend.

Zu Beginn des Auszugs aus seiner Autobiografie wird sofort deutlich, dass Herder seine Heimat Riga mit dem Schiff verlässt, um nach Frankreich zu reisen (vgl. Vorspann, Z. 1–5). Das weist noch am ehesten auf einen Tagebucheintrag hin, da er an dieser Stelle die Reise beschreibt.

Erst im nächsten Abschnitt wird deutlich, weswegen er die Stadt verlassen muss. Es ist ihm wichtig, alle Gründe herauszustellen, die dazu geführt haben. Seiner Ansicht nach fehlen ihm „Muth und Kräfte“ (Z. 13), um seine Fehler als Gesellschafter, Schullehrer und Bürger (vgl. Z. 5 ff.) aus der Welt zu schaffen. Am meisten beschäftigt ihn jedoch die Tatsache, dass er seine Mitmenschen getäuscht hat, da er behauptete, kein Schriftsteller zu sein (vgl. Z. 11 ff.).

Diese Ursachen führt er weiter und stellt sodann fest, dass er durch seinen bisherigen Lebensstil besondere Fähigkeiten ungenutzt ließ, v. a. in den praktischen Wissenschaften wie „Mathematik, Physik und Naturgeschichte“ (Z. 23, 26). Die französische Sprache hat es ihm besonders angetan und mit ihr will er alle anderen Wissenschaften kombinieren. Diese Erkenntnis führt dazu, dass er behauptet, er habe „gewisse Jahre von [s]einem Menschlichen Leben verlohren“ (Z. 37 f.). Hätte er sich frühzeitig um die praktischen Wissenschaften bemüht, so wäre er kein Autor und auch kein Prediger geworden. Die Quintessenz dieses Abschnitts ist jedoch, dass er ein ganz anderer Mensch geworden wäre, hätte er die Fähigkeiten genutzt.

Auf der Suche nach seinem wahren Ich reist Herder deshalb nach Frankreich, führt im letzten Absatz des Auszugs schließlich den Zweck seiner Reise auf und bezieht sich damit auf den Beginn des Textausschnittes. Letzter Absatz und Beginn bilden also den äußeren Rahmen, in den die Erkenntnisse über ungenutzte Fähigkeiten und die damit verbundenen Folgen eingeschlossen sind.

Weitere inhaltliche Ansatzpunkte

Die appellierende Darstellung der Inhalte hat in ganz besonderem Maße Einfluss auf die sprachlich-stilistische Gestaltung der Autobiografie, die im Folgenden herausgearbeitet werden soll. Hierbei werden zunächst der Stil der Autobiografie, dann die Auffälligkeiten in Wortschatz und Satzbau und schließlich die rhetorischen Mittel mit ihrer jeweiligen Wirkung auf den Leser genauer betrachtet.

Bei der Analyse der Sprach- bzw. Stilebene fällt auf, dass es sich größtenteils um die für das 18. Jahrhundert typische Standardsprache handelt, insbesondere in Bezug auf die Rechtschreibung (vgl. Z. 5). Um ein breiteres Publikum anzusprechen, verwendet Herder häufiger Füllwörter wie „ei!“ (Z. 19) und „Gott!“ (Z. 22).

Ein Hauptaugenmerk dieses Ausschnittes seiner Autobiografie liegt auf der Darstellung der Gründe und Ursachen für seine Abreise aus Riga. Die Gründe unterstützt er gezielt durch den Einsatz zahlreicher ausschmückender Adjektive (vgl. Z. 7, 10, 13). Dem Adjektiv „menschlich“ (vgl. Z. 39) weist er eine ganz besondere Rolle zu, da er die Buchstaben weiter auseinanderschreibt als bei anderen Wörtern, um es hervorzuheben. Hier kann spekuliert werden, ob er an ein weiteres als das menschliche Leben glaubt, evtl. auch ein Leben nach dem Tod, da er Pastor in Riga war.

Mit den oben genannten Füllwörtern geht einher, dass er immer das notiert, was ihm in diesem Augenblick einfällt. Dies führt bei genauerer Betrachtung dazu, dass er unvollständige Sätze verwendet und vom einen zum anderen Gedanken springt. Im Bereich des Satzbaus kann man außerdem feststellen, dass nicht nur die unvollständigen Sätze Raum für den Leser eröffnen, um Lücken mit eigenen Ideen zu ergänzen, sondern dass gezielt auch der Einsatz von Gedankenstrichen (vgl. Z. 22 f., 30, 35) unterstützt wird. Daneben verwendet Herder sehr häufig Doppelpunkte, um das vorher Gesagte zu betonen, zusammenzufassen oder zu erklären. Erklärungen, v. a. zu Beginn der Schilderungen der Ausreisegründe, bietet er in Form von Hypotaxen, da er hiermit viele Details auf einmal vermitteln kann. Des Weiteren fallen bei der Betrachtung des Satzbaus noch die Verwendung eines Zitates und der Einschub eines Fragesatzes in einen Aussagesatz auf. „Ich wäre aber alsdenn das nicht geworden, was ich bin!“ (Z. 68 f.), zitiert er aus seinem eigenen Leben, was von Authentizität zeugt. Der eingeschobene Fragesatz (vgl. Z. 2) zeigt auf sehr anschauliche Weise seine Zerrissenheit und seine Ausweglosigkeit in Riga, da er bis dato noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt.

Eigenheiten ergeben sich auch bei der Betrachtung der rhetorischen Stilfiguren, die hier in besonderer Weise zum Einsatz kommen. Ersichtlich wird dabei, dass die meisten der gewählten Figuren Satzfiguren sind und der Eindringlichkeit dienen, so zum Beispiel die Parallelismen „Ich gefiel mir nicht als“ (Z. 5, 6 f., 8 f.) und „wäre ich alsdenn [...] nicht“ (Z. 44, 48 f.). Auffällig ist zudem, dass er sehr häufig von der normalen Satzstellung in Form von Inversionen und Ellipsen abweicht. Mithilfe der Ellipsen (vgl. Z. 11 ff.) zielt er darauf ab, sich auf das Wesentliche zu beschränken, während die Inversion (vgl. Z. 13 f.) das Zuerstgenannte betont. In diesem Ausschnitt wird ganz klar deutlich, dass er seinen eigenen Werdegang stark hinterfragt, was durch rhetorische Fragen wie zum Beispiel „bot mir nicht das Schicksal selbst die ganze fertige Anlage dazu dar?“ (Z. 38 f.) untermauert werden kann. Neben der Häufung von Satzfiguren lassen sich aber auch Wort-, Gedanken- und Klangfiguren herausarbeiten. Das Bild des verderbenden Baums (vgl. Z. 68) als Metapher dient der Anschaulichkeit und Verständlichkeit und steht für Herders Einengung in Riga, an der er beinahe zerbrochen wäre. Diese Enge in Riga wird durch die antithetische Gegenüberstellung von „zu enge – zu weit“ (Z. 7 f.) verdeutlicht und dient der Eindringlichkeit. Auffällig ist in dem Journal auch die für den Sturm und Drang typische Gefühlsbetontheit, die durch „ei!“ (Z. 19), und „O“ (Z. 65) in Form von Interjektionen zum Ausdruck gebracht wird.  

b)

Im Folgenden wird der zeitgenössische Roman „Faserland“ von Christian Kracht dem vorliegenden Auszug aus Herders Autobiografie vergleichend gegenübergestellt.

Auf den ersten Blick erscheinen die beiden zu vergleichenden Werke komplett verschieden. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass es in beiden um eine Reise des Protagonisten geht, wobei dies die einzige Gemeinsamkeit auf inhaltlicher Ebene darstellt. Die Inhalte von „Faserland“ und dem Auszug aus „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ unterscheiden sich grundlegend, denn der jeweilige Ausgangspunkt der Reise ist ein anderer: Sylt („Faserland“) und Riga in Lettland („Journal meiner Reise im Jahr 1769“). Die Reiseziele in „Faserland“ sind Stationen in Deutschland, bis der namenlose Icherzähler schließlich in der Schweiz ankommt, während Johann Gottfried Herder eine Reise nach Frankreich unternimmt. Diese Strecken legen die Protagonisten mithilfe verschiedener Verkehrsmittel zurück. Sowohl ein Auto als auch ein Flugzeug dienen dem Icherzähler in „Faserland“ dazu, die Kilometer zurückzulegen, wohingegen Herder in diesem Auszug ein Schiff benutzt, um die Hafenstadt Riga hinter sich zu lassen. Auf ihrer Reise trifft die Hauptperson in „Faserland“ auf unterschiedliche Charaktere, mit denen sie eine oberflächliche Freundschaft pflegt, aber keiner der Freunde begleitet sie die gesamte Reise. In „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ erfährt der Leser nichts über eine eventuelle Begleitung, aber man kann davon ausgehen, dass Herder allein unterwegs ist.

Auch im Hinblick auf die sprachliche Gestaltung ergeben sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Sowohl der Roman als auch der Auszug aus der Autobiografie weisen typische Merkmale der gesprochenen Sprache auf. Hierzu zählen die Verwendung von Füllwörtern wie „Gottlob!“ (Z. 44), Inversionen (vgl. Z. 13 f.) und Ellipsen (vgl. Z. 11 f.). Obwohl die Protagonisten in etwa das gleiche Alter haben, fallen gewisse Unterschiede auf, die v. a. von der Veröffentlichung in unterschiedlichen Epochen herrühren: zum einen die Verwendung der Jugendsprache, da es sich bei dem Protagonisten in „Faserland“ um einen jungen Erwachsenen handelt, und zum anderen der gezielte Einsatz von Lautmalerei und Neologismen, ebenfalls durch das Alter des Protagonisten bedingt. In „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ dominiert die Sprache des 18. Jahrhunderts (vgl. Z. 2 f.), die aber zum Teil mit Umgangssprache durchsetzt ist.

Schließlich sollen nun noch Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Hinblick auf das Bild der beiden Sprecher herausgestellt werden. Bei den Hauptfiguren handelt es sich jeweils um Icherzähler, die die Reise aus ihrer Sicht beschreiben. Die jungen Erwachsenen sind Anfang 20 und beide Einzelgänger. Ihr Einzelgängertum kann unter anderem damit erklärt werden, dass sie besondere Kenntnisse in den Bereichen Literatur, Kunst und deutsche Geschichte besitzen. Allerdings dominieren hier, wie in den anderen beiden Bereichen auch, die Unterschiede. Um nicht allein zu sein, pflegt der namenlose Icherzähler in „Faserland“ immer wieder Kontakt zu seinen oberflächlichen Freunden, während Herder in dem vorliegenden Auszug gezielt die Einsamkeit sucht, um zu sich selbst zu finden. Mit dieser Selbstfindung in „Journal meiner Reise im Jahr 1769“ geht einher, dass sich der Protagonist mit sich selbst auseinandersetzen und seine Schwächen erkennen kann, wohingegen der Icherzähler in „Faserland“ mit Kritik an seiner Person nicht umgehen kann und seine Fehler in Alkohol ertränkt. Außerdem zeichnet sich die soeben beschriebene Hauptfigur noch durch Ziel- und Heimatlosigkeit aus, die auch durch mangelnde Reife bedingt ist. Herder hingegen verlässt gezielt seine Heimat, da er erkennt, dass er seine Fähigkeiten an einem anderen Ort, nämlich Frankreich, besser ausleben kann. Mit Kritik an seiner Person geht er konstruktiv um und versucht sie gezielt umzusetzen.

Johann Gottfried Herder zeigt in seiner Autobiografie eindrucksvoll, wie man auf einer Reise zu sich selbst finden und sein Leben kritisch hinterfragen kann. Ihm gelingt es auf anschauliche Weise, den Freiheitsdrang, aber auch die Gefühlsbetontheit des Sturm-und-Drang-Denkens herauszustellen. In ihm spiegeln sich die charakteristischen Merkmale des Genies wider, da er am liebsten alle Wissenschaften, z. B. Französisch und Mathematik, miteinander kombinieren möchte. Dies gelingt ihm aber nicht, da er sich in seiner ehemaligen Heimat eingeengt fühlte, die er der Freiheit wegen letztlich doch verlassen hat.

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