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Textanalyse und Textvergleich: Reden von Wolf Lepenies, Jorge Semprún, Joachim Gauck


Lösung

In einer Rede findet in der Öffentlichkeit eine Auseinandersetzung mit wichtigen gesellschaftlichen Themen statt. Politische Redner müssen sich bemühen Inhalte argumentativ darzustellen, um ihre Zuhörerinnen und Zuhörer von ihrer Position zu überzeugen. Bei einer Festrede dagegen geht es nicht um die Diskussion kontroverser politischer Themen. Stattdessen kommt es darauf an, wie der Redner einen feststehenden Anlass oder eine gefeierte Person darstellt und würdigt und welche Zusammenhänge er herstellt.

Die vorliegenden Anfänge der drei Reden haben jeweils einen festlichen Anlass: Im Rahmen der Preisverleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 1994 hielt Wolf Lepenies die Lobrede auf den Preisträger Jorge Semprún. Sie trägt den Titel: „Was für ein schöner Sonntag!“ Bei Jorge Semprúns Rede „Dank“ handelt es sich um die Dankesrede des Preisträgers bei der Preisverleihung. Joachim Gaucks „Ansprache vor der Bundesversammlung nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland am 18. März 2012“ ist die Danksagung des elften Bundespräsidenten unmittelbar nach seiner Wahl.

In den drei Reden stehen anfangs jeweils besondere Sonntage im Mittelpunkt, die für Jorge Semprún und Joachim Gauck, aber auch für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von Bedeutung sind. Vor allem aber setzt sich jede der drei Reden mit wesentlichen Ereignissen der deutschen Geschichte auseinander und macht dabei deutlich, welche Bedeutung Geschichte für unsere Gegenwart hat.

Im Folgenden werden zunächst alle drei Redeeinstiege genau untersucht, und zwar sowohl in inhaltlicher wie in sprachlicher Hinsicht, und danach miteinander verglichen. Bei der Analyse und dem Vergleich werden die angewandten Redestrategien besonders berücksichtigt, um abschließend eine Bewertung der Redeanfänge vorzunehmen.

Der Soziologe Wolf Lepenies hielt seine Rede in der Paulskirche in Frankfurt am Main, einem Ort, an dem seit 1949 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels jedes Jahr während der Buchmesse verliehen wird und an dem 1848 das erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament tagte. Bei den anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern handelte es sich um geladene Gäste, doch wurden die Reden sowohl im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel in gedruckter Fassung als auch auf dessen Website fast zeitgleich veröffentlicht. Außerdem wird die Preisverleihung im Fernsehen live übertragen, sodass eine große Öffentlichkeit garantiert ist.

Im Mittelpunkt von Lepenies’ Laudatio, die mit dem Ausruf „Was für ein schöner Sonntag!“ beginnt, stehen zwei Sonntage: der Tag der Preisverleihung im Oktober 1994 und ein Wintersonntag im Konzentrationslager Buchenwald im Jahr 1944, den Jorge Semprún in seinem gleichnamigen, zuerst in französischer Sprache erschienenen autobiografischen Roman „Quel beau dimanche!“ genauer beschreibt.

Wolf Lepenies verzichtet bei seiner Rede auf eine Begrüßung, gibt also keinen Hinweis auf sein Zielpublikum. Stattdessen würdigt er den besonderen Tag der Preisverleihung mit dem Ausruf „Was für ein schöner Sonntag“ (Z. 1) und erklärt sogleich die Bedeutung des Autors. Darauf folgend beschreibt er eine sonntägliche Erfahrung des Preisträgers als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald-Weimar. Er rundet seinen Redeeinstieg ab, indem er den französischen Originaltitel eines Romans von Jorge Semprún nennt („Quel beau dimanche!“,  Z. 13) und erläutert, welche Bedeutung dieser Doppelname hat.

Der Anfang der Rede ist in zwei Abschnitte gegliedert: In der ersten Sinneinheit (Z. 1–12) geht es um zwei Sonntage im Leben des Preisträgers Jorge Semprún, die aber auch für die deutsche Geschichte bedeutsam sind. Hier wird die internationale Bedeutung des Schriftstellers hervorgehoben und gleichzeitig seine Zeitzeugenschaft als KZ-Häftling konkret beschrieben. Die zweite Sinneinheit (Z. 13–18) begründet, warum der Ort Weimar zum Konzentrationslager Buchenwald geworden ist. Damit wird die Unmenschlichkeit des Konzentrationslagers mit der Kulturstadt Weimar untrennbar verbunden.

Der Preisredner Wolf Lepenies verwendet bei seiner Rede eine gehobene, bildungssprachliche Stilebene, und zwar sowohl bei der Wortwahl wie auch bei der Formulierung der Sätze. Das verwendete Vokabular ist präzise und anschaulich. Zugleich spricht es bei seinem Publikum die Gefühlsebene an. Deutlich wird dies beispielsweise bei der Formulierung „doch frieren Sie in Ihrem blauen Kapuzenmantel, auf dessen linker Seite, oberhalb des Herzens […]“ (Z. 9 f.). Das Publikum erhält eine konkrete Beschreibung des Zustandes, in dem sich Jorge Semprún als Häftling befand, und zugleich erhält es durch das Verb „frieren“ und das Nomen „Herz“ eine existenzielle Vorstellung von der Kälte in physischer und psychischer Hinsicht. Die Nennung des französischen Originaltitels „Quel beau dimanche!“ ohne deutsche Übersetzung zeigt, dass grundlegende Kenntnisse des Französischen vorausgesetzt werden.

Das Verständnis der teilweise komplexen Satzstrukturen wird dadurch erleichtert, dass wichtige Aussagen in einfachen Sätzen auf den Punkt gebracht werden. Dies zeigt sich zum Beispiel im ersten Abschnitt: Die ersten beiden Sätze sind durch Appositionen und eine elliptische Sprechweise gekennzeichnet und von daher nicht einfach zu verstehen. Doch der dritte und zugleich letzte Satz dieses Abschnitts fasst das zuvor Beschriebene ganz knapp zusammen: „Sie sind Häftling im Konzentrationslager Buchenwald-Weimar“ (Z. 11 f.).

Da es keine ausdrückliche Begrüßung des Preisträgers und des Publikums gibt, bekommt der Redeeinstieg eine große Offenheit. Statt eines formel- oder floskelhaften Beginns wird die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer zunächst auf die besondere Bedeutung des Tages gelenkt. Der emphatische Ausruf „Was für ein schöner Sonntag“ weckt persönliche Emotionen, diese werden dann aber sogleich auf die Preisverleihung gelenkt. Im ersten Satz wird der Name des Preisträgers genannt (vgl. Z. 1) und die Bedeutung des Schriftstellers kurz erklärt. Doch im zweiten Satz wird der Preisträger direkt mit „Sie“ (vgl. Z. 7, 8) und seinem vollen Namen angesprochen. Hier wird allerdings auf den zwanzigjährigen Jorge Semprún Bezug genommen; mit dieser Anrede wird also die Vergangenheit vergegenwärtigt. Auch im zweiten Absatz spricht der Redner den Preisträger direkt mit „Sie“ (Z. 11) an und geht auf dessen Roman „Quel beau dimanche!“ ein. Somit wirkt die Rede sehr persönlich: Sie richtet sich direkt an den Preisträger.

Die dreimalige Wiederholung des Ausrufs „Was für ein schöner Sonntag“ (Z. 1, 5) bzw. „Quel beau dimanche!“ (Z. 13) verleiht dem Beginn der Rede eine Eindringlichkeit, die sowohl inhaltliche wie auch emotionale Konnotationen weckt. Die anaphorische Verwendung strukturiert die ersten Sätze und erlaubt gleichzeitig eine Klimax bei der Nennung des Romantitels, da nach der anschaulichen Beschreibung einer im Roman vorgestellten Situation eine gedankliche Durchdringung der historischen Bedeutung der Aussage „Weimar war Buchenwald geworden“ (Z. 18) folgt. Die Verwendung des historischen Präsens (vgl. Z.  7–12) bewirkt, dass sich das Publikum die vergangene Situation vergegenwärtigt und sie auch emotional auf sich wirken lässt.

Bei seinem Redeeinstieg lenkt der Laudator Wolf Lepenies die Aufmerksamkeit des Publikums auf den Preisträger, den darstellenden und reflektierenden Schriftsteller sowie auf dessen persönliche traumatische Erfahrungen.

Die zweite Rede, verfasst vom Preisträger Jorge Semprún, kann als Antwort auf die Laudatio von Wolf Lepenies verstanden werden. Die Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 1994 wurde ebenfalls in der Frankfurter Paulskirche gehalten.

Im Zentrum des Redeeinstiegs von Jorge Semprún steht ein Sonntag im März 1992, an dem er erstmals in das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald zurückkehrte, was er sich einige Wochen zuvor noch gar nicht hatte vorstellen können.

Auch Jorge Semprún stellt seiner Rede keine Begrüßung voran, sondern beginnt einleitend mit der Beschreibung seiner Natureindrücke an jenem Sonntag im Frühjahr 1992. Gleichzeitig stellt er den Bezug zum Krematorium des nationalsozialistischen Konzentrationslagers her. Anschließend erklärt er, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen ist, in das ehemalige Lager zurückzukehren.

Semprún hat seinen Redebeginn in vier Absätze gegliedert: Im ersten (Z. 1–7) beschreibt er den Himmel und den Wind an einem „schöne[n] Sonntag im März“ (Z. 1) auf dem Ettersberg, zugleich betont er, dass aus dem ehemaligen Konzentrationslager kein Rauch mehr in den Himmel aufstieg. Der zweite und der dritte Abschnitt (Z. 8–15) gehen auf die zurückgekehrten Singvögel, ihren Gesang und ihren Empfang des Schriftstellers ein. Der vierte Abschnitt (Z. 16–22) stellt die Vorgeschichte dieser persönlichen Rückkehr dar.

Am Anfang seiner Rede nutzt der Preisträger Jorge Semprún eine poetische Ausdrucksweise, indem er den Himmel anschaulich beschreibt und das Singen der Singvögel heraufbeschwört. Besonders eindringlich wirkt hier der Satz: „Nachtigallen und Amseln, alle Singvögel waren mit ihrem verworrenen Tirilieren, Trällern und Zwitschern auf die jahrhundertealten Bäume in Goethes Wald zurückgekehrt, aus dem sie Jahrzehnte zuvor von dem ekelerregenden Rauch des Krematoriums vertrieben worden waren.“ (Z. 9–13) Die Darstellung der Vorgeschichte erfolgt jedoch in einer sachlichen Standardsprache. Als Beispiel kann der Satz „Ich lehnte den Vorschlag, fast ohne nachzudenken, sofort ab“ (Z. 19 f.) genannt werden. Spricht Semprún also zunächst die Vorstellungs- und Gefühlsebene an, so wechselt er anschließend zu einer schmucklosen, fast alltagssprachlichen Ausdrucksweise.

Zwar werden komplexe Satzstrukturen, insbesondere mit Relativsätzen und nachgestellten Erläuterungen, verwendet, doch stehen sie im Wechsel mit einfachen Aussagesätzen, sodass die Zuhörerinnen und Zuhörer der Rede ohne Schwierigkeiten folgen können. Zum Beispiel beginnt der zweite Abschnitt mit dem einfachen Satz „Die Vögel waren zurückgekehrt“ (Z. 8), der mit dem Satzgefüge „Das bemerkte ich als erstes, als ich in den leeren und dramatischen Raum schritt, den Appellplatz“ (Z. 8 f.) näher erläutert wird.

Mit seinem Redeeinstieg, der mit den Worten „Es war ein Sonntag, in der Tat, ein schöner Sonntag“ (Z. 1) beginnt, stellt Semprún eine direkte Verbindung zum Anfang der Laudatio von Lepenies her, geht dann aber überraschenderweise auf einen anderen Sonntag ein, nämlich einen Sonntag „im März“ (Z. 1). Da er weder seinen Laudator noch sein Publikum explizit begrüßt, sondern seine persönlichen Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt, gibt er seiner Rede einen allgemeingültigen und zeitlosen Charakter.

Am Anfang der Rede kontrastiert Semprún die Gegenwart mit der Vergangenheit. Dies zeigt sich sowohl in dem Satz „Und der Wind, wie immer, über dem Ettersberg: der Wind der Vergangenheit und der Ewigkeit über Goethes Hügel“ (Z. 3 f.) wie auch in den Worten „nicht mehr“ (Z. 5 f.) oder der Aussage „aus dem sie Jahrzehnte zuvor […] vertrieben worden waren“ (Z. 12 f.). Diese ständige Gegenüberstellung von Gegenwärtigem und Vergangenem bewirkt beim Zuhörer eine Überblendung der zeitlichen Eindrücke, sodass die Vorstellung einer klaren Trennung von Vergangenheit und Gegenwart aufgehoben wird. Die Personifikation „Eine bunte Vogelschar empfing mich“ (Z. 14) verdeutlicht den Stellenwert der Natur für den ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers: Sie repräsentiert das Leben und dessen Vielfalt und steht im Gegensatz zur Vernichtung menschlichen Lebens während der NS-Herrschaft, die mit der Metonymie „Rauch des Krematoriums“ (Z. 5, 13) belegt wird.

In seinem Redeeinstieg geht der Preisträger auf den Ort des Konzentrationslagers Buchenwald ein und stellt die persönlichen Eindrücke, Gedanken und Gefühle dar, die er mit diesem Ort verbindet.

Bei der dritten Rede handelt es sich um Joachim Gaucks „Ansprache vor der Bundesversammlung nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland am 18. März 2012“, die er als Dankrede nach Bekanntgabe seiner Wahl im Deutschen Bundestag, Berlin, hielt. Da diese Ansprache auch im Fernsehen übertragen wurde, war das eigentliche Zielpublikum die deutsche Öffentlichkeit.

Joachim Gauck thematisiert in dieser Rede die Bedeutung von Wahlen und Demokratie, indem er beispielhaft auf zwei Sonntage eingeht, die für sein persönliches Leben eine besondere Bedeutung haben und gleichzeitig für die deutsche Geschichte bedeutsam sind: Ausgehend vom 18. März 2012, dem Sonntag, an dem Joachim Gauck zum Bundespräsidenten gewählt wurde, stellt er einen Bezug zum Sonntag des 18. März 1990 her, an dem die letzte und gleichzeitig einzige freie Wahl zur Volkskammer der DDR stattfand.

Joachim Gauck spricht als neu gewählter Bundespräsident in seiner Begrüßung die im Deutschen Bundestag Anwesenden, aber auch alle Bürger der Bundesrepublik an. Der in drei Sinneinheiten gegliederte Redeeinstieg beginnt mit dem Bezug auf einen „schöne[n] Sonntag“ (Z. 2), an dem die Ostdeutschen erstmals ihr Wahlrecht als „Bürger“ (Z. 5) frei ausüben konnten. Im zweiten Sinnabschnitt (Z. 6–12) erläutert Gauck die Umstände dieser Wahl und den historischen Kontext der Wendezeit, um dann im dritten Abschnitt die persönliche Bedeutung dieses Sonntages zu beschreiben. Dieser gedankliche Aufbau ermöglicht es auch jüngeren Zuhörern, die historische und persönliche Bedeutung des Wahlsonntages am 18. März 1990 zu erfassen und sich in die damalige Lage hineinzuversetzen.

Der neue Bundespräsident verwendet in seiner ersten Ansprache eine Stilebene, die Tatsachen in Standardsprache präzise und sachbezogen nennt („Es war der 18. März, heute vor genau 22 Jahren, und wir hatten gewählt“,  Z. 2 f.), gleichzeitig jedoch persönliche Gefühlsregungen und Gedanken auf emotionale und bildhafte Weise zum Ausdruck bringt (vgl. z. B. „endlich Bürger sein durften“, Z. 5, oder „als wir das Volk waren und dann die Mauern fielen“,  Z. 9 f.).

Bei der Untersuchung des verwendeten Wortschatzes fallen zahlreiche Fachbegriffe und Formulierungen auf, die dem Wortfeld Politik angehören, beispielsweise „Präsident“ (Z. 1), „Herrschaft von Diktatoren“ (Z. 4), „in freier, gleicher und geheimer Wahl“ (Z. 7.), „Revolution“ (Z. 9). Sie sind allgemein verständlich, bis auf den politischen Fachbegriff „Neues Forum“ (vgl. Z. 10), der genannt, aber nicht näher erläutert wird.

Die Satzstrukturen sind abwechslungsreich gestaltet: Meistens werden einfache Aussagen aneinandergereiht, die jedoch immer wieder durch nachgestellte Erläuterungen präzisiert werden (vgl. z. B. „Es war der 18. März, heute vor genau 22 Jahren, und wir hatten gewählt“, Z. 2 f.).

Joachim Gauck begrüßt am Anfang seiner Rede zunächst den Präsidenten der Bundesversammlung, verwendet dann für die Anwesenden die gebräuchliche Anrede „sehr geehrte Damen und Herren“, um schließlich sein eigentliches Zielpublikum zu nennen: „liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Mit seiner Begrüßung spricht er somit zunächst die Mitglieder der Bundesversammlung sowie deren Präsidenten an, ohne jedoch dessen Namen zu nennen, wendet sich dann aber an alle Bürger, die der Bundesrepublik Deutschland angehören. Dadurch würdigt er im förmlichen Teil der Begrüßung die politischen Vertreter, die ihn zum Bundespräsidenten gewählt haben, um dann in alltagssprachlicher Formulierung mit der Bezeichnung „Mitbürgerinnen“ und „Mitbürger“ in Verbindung mit dem Adjektiv „liebe“ eine Nähe zu den Bürgern seines Staates herzustellen. Im weiteren Verlauf der Rede verwendet Gauck zwar das Personalpronomen „wir“ (Z. 3, 9, 11, 12), doch spricht er damit nicht sein aktuelles Publikum an, sondern bezieht sich auf ein historisches Wir der Vergangenheit: Mit der Pluralform „wir“ sind die damaligen DDR-Bürger („Millionen Ostdeutsche“, Z. 3 f.) gemeint, die die erste freie Wahl in der damaligen DDR der Wendezeit erlebten. Sehr häufig verwendet Gauck das Personalpronomen „ich“ (Z. 6, 10, 13, 15,17, 18, 19). Explizit stellt er sich und seine individuellen Erfahrungen vor, doch indem er sich immer wieder als Teil der Pluralform „wir“ begreift, ordnet er sich in die Gemeinschaft der damaligen politischen Mitstreiter ein.

Dem feierlichen Anlass entsprechend verwendet der neue Bundespräsident rhetorische Mittel, um seine Rede wirkungsvoll zu gestalten. Zuerst fällt die Wiederholung von „niemals“ auf, mit der zum einen die Aussage „Nie werde ich diese Wahl vergessen. Niemals“ (Z. 13) hervorgehoben, zum anderen der Vorsatz „Ich werde niemals, niemals eine Wahl versäumen“ (Z. 18) bekräftigt wird. Auch die Wiederholung des Adjektivs „frei“ betont zweierlei: die Ausübung politischer Rechte („in […] freier Wahl“, Z. 7) und die persönliche politische Freiheit („frei von Unterdrückung“,  Z. 11). Die individuelle Freiheit wird auch durch die Wiederholung des Indefinitpronomens „etwas“ in der Redewendung „Freiheit zu etwas und für etwas“ (Z. 12) sprachlich akzentuiert.

Außerdem werden Aussagen klanglich durch Alliterationen miteinander verbunden und gekennzeichnet. Beispielsweise sind bei der Aussage „der friedlichen Revolution, als wir das Volk waren und dann die Mauern fielen“ (Z. 9 f.) wesentliche Schlüsselbegriffe durch den Anlaut „f“ deutlich hörbar.

Nachdruck wird im Redeeinstieg auch durch emphatisches Sprechen erreicht. So beginnt der Redner mit dem Ausruf „was für ein schöner Sonntag“ (Z. 2), mit dem er dreierlei bewirkt: Er lenkt das Interesse zunächst auf den gegenwärtigen Tag und belegt ihn mit positiven Gefühlen, um im zweiten Satz die Erinnerung an einen bestimmten Sonntag im März 1990 hervorzurufen und damit einen historischen Bezugspunkt zu schaffen. Bei Zuhörern, die Jorge Semprúns autobiografischen Roman mit dem gleichnamigen Titel kennen oder sich gar an die beiden Redner Lepenies und Semprún bei der Verleihung des Friedenspreises erinnern, weckt Gauck eine weitere Dimension, nämlich die der Intertextualität und damit der Verbundenheit dieser Rede mit anderen Texten, in denen es um die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte geht.

Besonders auffällig ist auch die metaphorische Ausdrucksweise, die in dieser Rede deutlich wird: Die Genitivmetapher „im Nachhall der friedlichen Revolution“ (Z. 9) evoziert beispielsweise die friedlichen Demonstrationen, zu denen an Montagen im Herbst 1989 Tausende von Menschen strömten. Auf diesen Montagsdemonstrationen erklang der Ruf „Wir sind das Volk“, auf den Gauck mit dem Hinweis „als wir das Volk waren“ (Z. 9) anspielt. Auch die bildhafte Ausdrucksweise „die Mauern fielen“ (Z. 9 f.) drückt in knappster Verdichtung aus, wie Hindernisse überwunden wurden, und zwar sowohl die äußerlich sichtbare Grenze, die die DDR und die Bundesrepublik voneinander trennte, als auch die inneren Schranken, bewirkt durch Angst und Unterdrückung. Der Kontrast, der durch die beiden metaphorischen Wendungen „Glück der Mitwirkung“ (Z. 19) und „Ohnmacht der Untertanen“ (Z. 20) gebildet wird, verdeutlicht am Ende des Auszugs, welch große Bedeutung politische Aktivität oder politische Machtlosigkeit für den Einzelnen auch in emotionaler Hinsicht haben.

Joachim Gauck geht in seiner Dankesrede auf die Bedeutung demokratischer Rechte in politischer und privater Hinsicht ein und betont, wie ein Teil der Bevölkerung der Bundesrepublik, die Ostdeutschen, diese Rechte vor nicht allzu langer Zeit erkämpfen mussten.

Vergleicht man die Redeanfänge von Wolf Lepenies, Jorge Semprún und Joachim Gauck, so lassen sich etliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen. Auch wenn die drei Reden an zwei unterschiedlichen Orten gehalten wurden, so haben sie doch etwas gemeinsam: Es handelt sich um Orte, an denen ein wichtiger Bezug zur Geschichte Deutschlands und zu unserem heutigen Selbstverständnis erkennbar wird. Die Frankfurter Paulskirche steht am Anfang der demokratischen Entwicklung in Deutschland im 19. Jahrhundert, wohingegen der Deutsche Bundestag in Berlin das vereinigte Deutschland und die politische Entwicklung im 21. Jahrhundert vertritt. Beide Orte haben also eine signifikante Bedeutung für die Entwicklung der Demokratie in der deutschen Geschichte.

Zwar handelt es sich bei allen drei Reden um Festreden, doch unterscheiden sie sich nicht nur durch den Anlass, sondern auch durch die Perspektive. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird für Verdienste in der Vergangenheit verliehen, die Wahl des Bundespräsidenten dagegen ist mit der Aufgabe verbunden, die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland mitzugestalten.

Gemeinsamkeiten lassen sich wiederum bei der inhaltlichen Ausgestaltung der Redeanfänge erkennen: In allen drei Reden wird hervorgehoben, welche gravierende Auswirkung die historische Entwicklung Deutschlands auf Einzelne hatte, indem im Rückblick das Heute als ein Ergebnis von geschichtlichen Ereignissen und Tatbeständen verstanden wird. Diese Gemeinsamkeit wird allerdings in den drei Reden etwas unterschiedlich akzentuiert: Bei Lepenies und Semprún steht das Einzelschicksal im Vordergrund, das im Kontext der Geschichte steht. Bei Gauck dagegen geht es um die Wechselwirkung von politischen Rechten (bzw. dem gemeinsamen Kampf um sie) und der individuellen Wahrnehmung dieser Rechte durch die Bürger, wobei der Einzelne als Teil der Allgemeinheit gesehen wird.

Auch in sprachlicher Hinsicht zeigen sich im Vergleich einige charakteristische Merkmale. Alle drei Reden sind vordergründig durch die metaphorische Wendung „ein schöner Sonntag“ miteinander verbunden, mit der an besondere Tage und damit verbundene Ereignisse erinnert wird. In allen drei Reden soll mit dieser bildhaften Ausdrucksweise im Publikum die Bereitschaft geweckt werden, sich in emotionaler Hinsicht auf das Folgende einzulassen, das heißt, sich in die im Anschluss daran beschriebenen Tage hineinzudenken und mitzufühlen. Dabei verfolgen aber alle drei Redner eine weitere Absicht: Indem sich die Zuhörer auch emotional auf diese Sonntage einlassen, soll ihnen bewusst werden, wie groß die Auswirkungen historischer Ereignisse auf jeden Einzelnen, aber auch für das Selbstverständnis aller in Deutschland Lebenden sein können.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die drei Reden nicht nur durch den Redeauftakt miteinander verbunden sind, sondern auch durch eine ähnliche Sicht auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft: Auch wenn es um völlig unterschiedliche Sonntagserlebnisse geht: Die eigene Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte Deutschlands verknüpft. Die Redestrategien der drei Redeeinstiege können als geglückt bezeichnet werden: Es gelingt den Rednern, Tatsachen und Gefühle anschaulich darzustellen und sie in einen konkreten historischen Kontext einzubetten. Darüber hinaus verwenden sie eine gehobene Stilebene, vermeiden jedoch schwieriges Fachvokabular und unübersichtliche Satzkonstruktionen, sodass die Reden auch für weniger Gebildete oder auch jugendliche Zuhörerinnen und Zuhörer weitgehend verständlich sind.

Für den Altphilologen Walter Jens ist nicht die Rhetorik, also die Eloquenz und geschickte Verwendung von Stilmitteln, das ausschlaggebende Kennzeichen der Redekunst. Für ihn ist es wichtiger, dass der Redner eine vorgebrachte Sache verbal angemessen und anschaulich und vor allem adressatenbezogen darstellt. Bei einer guten Rede soll also Inhalt und Form dem Anlass und dem Publikum gerecht werden. Eine besondere Qualität erreicht der Redner laut Walter Jens, wenn er seine Zuhörer nicht mit seinem Wissen und Können beeindruckt, sondern sie dazu inspiriert, selbst über das Thema nachzudenken oder sich damit aktiv auseinanderzusetzen. Auch in diesem Sinne sind die drei Redeeinstiege von Lepenies, Semprún und Gauck gelungen, denn sie versuchen weder, ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken wortgewaltig aufzudrängen, noch rufen sie zu etwas Bestimmtem auf. Die Zuhörer können also eigenständig über das Verhältnis von individuellen und historischen Ereignissen nachdenken und möglicherweise sogar dazu kommen, sich der persönlichen und politischen Bedeutung bestimmter Sonntage in ihrem Leben bewusst zu werden.

Da die Auseinandersetzung mit historischen Erfahrungen und Ereignissen eine wesentliche Grundlage für das Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft bildet, sind auch Zeitzeugen ein wichtiger Bestandteil unserer politischen Kultur. Sowohl das Leid und die traumatischen Erfahrungen der Opfer der Nazizeit, an die Lepenies und Semprún erinnern, wie auch der Kampf um Demokratie, den Gauck in den Mittelpunkt stellt, gehören zur deutschen Geschichte und sollten nicht nur in unserem kollektiven Gedächtnis aufbewahrt werden, sondern auch bei entsprechenden Anlässen thematisiert werden.

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