Bessere Noten mit Duden Learnattack Jetzt kostenlos testen
 

Textanalyse mit argumentativer Auseinandersetzung: R. Müller: „Liebe im schneeleeren Raum"


Lösung

a)

Die Theaterkritikerin Regine Müller setzt sich in ihrer am 19.04.2009 im unabhängigen Internetportal nachtkritik.de erschienenen Rezension „Liebe im schneeleeren Raum: Kabale und Liebe – Andreas Kriegenburg entpolitisiert Schillers Liebesdrama“ auf sehr kritische Art und Weise mit der Premiere der Düsseldorfer Inszenierung von „Kabale und Liebe“ am 18.04.2009 auseinander. Müller betont, dass durch die Auflösung der Ständethematik und durch die Gestaltung eines abstrakt weißen Raumes der wahre Gehalt des Originalwerks verloren geht. Im Folgenden soll ihre Rezension analysiert werden. Darauf folgt eine kritische Auseinandersetzung mit Regine Müllers Kritik an der Entpolitisierung des Dramas unter Einbeziehung der eigenen Werkkenntnis.

In ihrer Rezension bietet die Autorin Sachinformationen, die sie argumentierend und mit eigenen Wertungen versehen darstellt. Sie wendet sich an ein theaterinteressiertes Publikum sowie an andere Theaterkritiker. Damit hat ihre Rezension eine meinungsbildende und orientierende Funktion. Mit ihrer Kritik zielt Müller darauf ab, die Unstimmigkeiten zu Schillers Original hervorzuheben und den damit verbundenen Gehaltverlust des Stücks darzustellen. Zudem kritisiert sie die schauspielerische Leistung der Darsteller sowie den Einsatz von Bühnenbild, Licht und Ton.

Der Text soll nun inhaltlich und strukturell genauer unter die Lupe genommen werden.

Eine erste Besonderheit des Textes stellt seine Überschrift dar, denn dort wird ein Neologismus verwendet, der sich erst in den ersten beiden Zeilen der Rezension aufschlüsselt. Die Liebesgeschichte zwischen Luise Miller und Ferdinand von Walter wird in einem Raum dargestellt, der weiß und frei von jeglichen Spuren ist, wie frisch gefallener Schnee. Daraus kann man ableiten, dass es ein Raum ohne Einrichtung sein muss, der keinerlei Rückschlüsse auf die Zugehörigkeit zu einem Stand zulässt, wie es auch der zweite Teil der Überschrift aufzeigt, in dem es um die Entpolitisierung des Dramas geht. Müller stellt gleich zu Beginn ihrer Rezension heraus, dass das abstrakte Bühnenbild Schillers Drama seiner politischen Dimension beraubt, denn weder der Glanz und der Prunk des Adels noch die „miefige Enge“ des kleinbürgerlichen Milieus kann zum Ausdruck kommen (vgl. Z. 1–13). In dieser ersten Passage bietet die Verfasserin auf anschauliche Weise Sachinformationen, die sie nur sehr dezent mit eigenen Wertungen versieht. Kritisch hinterfragt sie die Reduktion der Inhalte auf die Liebesgeschichte und die damit verbundene pathetische Sprache im nächsten Abschnitt (vgl. Z. 14–24), wobei sie hier schon deutlich direkter wertet. Die Überführung des Stücks weg von der Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts in die Moderne ist ihrer Ansicht nach missglückt. Die Standesunterschiede, an denen die Liebesgeschichte bei Schiller scheitert, werden durch die Modernisierung des Stücks zu einem „Labyrinth von Hierarchien und Abhängigkeiten“ (Z. 19). Dieses subtile Abhängigkeitsgeflecht ist für den Zuschauer nicht durchschaubar. Das hat nach Meinung der Autorin zur Folge, dass es den Figuren an psychologischer Tiefe und Entwicklungsmöglichkeiten fehlt. Die Autorin spricht von hilflosem Zappeln an unsichtbaren Zwangsfäden. Damit leitet die Autorin zur Bewertung der schauspielerischen Leistung über.

Die unzureichende Darstellung der Nebenfiguren ist zum einen bedingt durch die missglückte Modernisierung des Stücks (vgl. Z. 37: „seine Ereiferungen müssen […] sinnlos verpuffen“) als auch durch Unvermögen (vgl. Z. 46: „Fehlbesetzung“). Sie betont, dass die Darsteller teilweise gar keine andere Chance haben, als marionettenhaft zu agieren, weil die äußeren Umstande, d. h. die Art der Inszenierung, ihnen keine Wahl lassen. Die Darbietung des männlichen Hauptdarstellers bewertet die Autorin durchaus positiv; sie gesteht ihm das Potenzial zum „Sturm-und-Drang-Helden“ zu (Z. 50). Die weibliche Hauptdarstellerin sei vor allem „zerbrechlich und allzu naiv“ (Z. 54 f.). Nach diesem Urteil wendet sich die Verfasserin wieder der Art der Inszenierung zu. Sie stellt noch einmal die „analytische Distanz“ heraus, die der Regisseur zum Stück eingenommen habe, was die „nervtötend sanft[e]“ musikalische Untermalung noch verstärke (Z. 56 ff.). Noch einmal stellt sie fest, dass die Modernisierung des Stücks seine eigentliche Aussage übertüncht (vgl. „Mehltau“, Z. 59).

Kurz vor Ende ihrer Rezension gesteht die Verfasserin der Inszenierung auch durchaus positive Eigenschaften zu. Besonders betont sie die „Präzision und Dichte“ des Stücks, lobt die „brillante[n] Einfälle und einleuchtende[n] Bilder“ (Z. 61). Nichtsdestoweniger bleibt ihr Gesamtfazit erwartungsgemäß negativ. Das Stück sei „seltsam fad“; der Verzicht aufs Politische raube dem Stück einen Großteil seiner Aussagekraft und auch seine Brisanz (vgl. „Schillers Fallhöhe“, Z. 63).

Mit ihrer Rezension verfolgt Müller das Ziel, die Zuschauer zum Nachdenken anzuregen und sich mit ihrer Meinung auseinanderzusetzen.

Die teilweise sehr stark wertende Darstellung der Inhalte hat in ganz besonderem Maße Einfluss auf die sprachlich-stilistische Gestaltung der Rezension, die im Folgenden herausgearbeitet werden soll. Hierbei werden zunächst der Stil der Rezension, dann die Auffälligkeiten in Wortschatz und Satzbau und schließlich die rhetorischen Mittel mit ihrer jeweiligen Wirkung für den Leser genauer betrachtet.

Bei der Analyse der Sprach- bzw. Stilebene fällt auf, dass es sich größtenteils um Standardsprache (vgl. Z. 36 ff.) handelt. Damit wird Müllers Rezension für ein breites Publikum verständlich. Dies wird durch die Verwendung von umgangssprachlichen Begriffen wie „fiese[r] Schmierlappen“ (Z. 25) unterstützt. Teilweise, insbesondere zu Beginn ihrer Darstellungen, verwendet die Autorin Fachsprache, die dem Bereich des Theaters entstammt, wie etwa „Schnürboden“ (Z. 4). Der gezielte Einsatz von Fachbegriffen zeugt von Expertenwissen und führt dazu, dass die Verfasserin authentisch in ihren Ausführungen wirkt. Diese Authentizität wird auch durch die Verwendung von aussagekräftigen Fachbegriffen wie etwa „Pathos“ (Z. 16) und „subtil“ (Z. 18) unterstrichen. Ihr Hauptaugenmerk liegt in der Darstellung der schauspielerischen Leistung, die sie gezielt mit der Verwendung zahlreicher ausschmückender Adjektive versieht. Der Einsatz dieser Wortart korreliert bei genauerer Betrachtung jeweils mit ihrer Meinung zum jeweiligen Aspekt, d. h., zur Beschreibung des Raumes verwendet sie positiv konnotierte Adjektive wie „sommerlich“ (Z. 12) und „leicht und elegant“ (Z. 11), während sie bei der Kritik an der schauspielerischen Leistung vorwiegend auf negativ behaftete Adjektive wie „traurig und beinahe harmlos“ (Z. 28 f.) und „sirenenhaft“ (Z. 42) zurückgreift. Um die ausführlichen Beschreibungen zu untermauern, setzt sie gezielt hypotaktische Aussagesätze ein, um detailreich beschreiben zu können. Besonderheiten ergeben sich auch bei der Betrachtung der rhetorischen Stilfiguren, die hier in besonderer Weise zum Einsatz kommen. Auffällig ist, dass die meisten der gewählten Figuren Satzfiguren sind und der Eindringlichkeit dienen, so zum Beispiel die sich verstärkende Anapher „weiß, sehr weiß“ (Z. 1). Passend zu dieser Anapher werden gleich noch mehrere Vergleiche (vgl. Z. 1 f.) eingesetzt, die der Veranschaulichung des weißen Raumes dienen und ihn in seiner Funktion als leere Projektionsfläche beschreiben. Ein weiterer Vergleich mit der Pflanzenkrankheit Mehltau (vgl. Z. 59 f.) beschreibt die Wirkung der Musik genauer und schließt aufgrund seiner Farbe an die Darstellung des Bühnenbildes zu Beginn der Rezension an. Damit spannt die Autorin einen Bogen und stellt eine Verbindung zwischen dem Anfang des Textes und dem Ende her.

An einigen Stellen setzt Müller gezielt auf die Abweichung von der normalen Stellung der Satzglieder in Form der Inversion, um beispielsweise den „leicht[en] und elegant[en]“ (Z. 11) Raum oder auch das „traurig und beinahe harmlos“ (Z. 28 f.) wirkende Schauspielerduo zu betonen. In beiden Fällen steht das „Wie?“ und nicht das „Wer?“ im Vordergrund. Daneben setzt die Autorin gekonnt Ellipsen (vgl. Z 1, 33 f.) ein, um den Fokus auf ihre Aussageabsicht zu legen und ihrer Meinung Nachdruck zu verleihen.

Eine besondere Bedeutung in dieser Rezension hat auch die Überschrift, in der der Neologismus „schneeleer[en]“ enthalten ist. Ziel des Einsatzes dieses Neologismus oder, genauer noch, dieses Okkasionalismus ist, den Leser zum Nachdenken und Weiterlesen anzuregen. Seine Bedeutung wird nämlich erst deutlich, wenn man den Text liest. Auch die Zwischenüberschriften sind auf den ersten Blick nicht selbsterklärend und müssen im Kontext erschlossen werden.

Unter Zuhilfenahme sprachlich-stilistischer Besonderheiten betont Regine Müller immer wieder ihre Einstellung zur Inszenierung, nämlich dass die Entpolitisierung dem Stück seine Kernaussage und Brisanz nimmt. Im nächsten Abschnitt soll sich deshalb mit dieser Kritik an der Entpolitisierung unter Einbeziehung eigener Textkenntnisse auseinandergesetzt werden.

b)

Regine Müller postuliert, dass durch die Entpolitisierung und Auflösung der Standesgrenzen, insbesondere durch die Gestaltung des sehr abstrakt wirkenden Bühnenbildes das Herzstück des Dramas verloren geht. In diesem Zusammenhang muss sich zunächst vor Augen geführt werden, was hier mit Entpolitisierung gemeint ist. Zum einen bedeutet es, dass die im 18. Jahrhundert vorgegebenen Standesgrenzen zwischen Adel, vertreten durch Ferdinand, Lady Milford oder auch Hofmarschall von Kalb, und Bürgertum, vertreten durch Familie Miller, d. h. Luise und ihre Eltern, nicht mehr zum Ausdruck gebracht werden können. Auch Schillers scharfe Kritik am damaligen Hofadel und an der absolutistischen Monarchie geht verloren. Damit wird das Stück seinem historischen Kontext und Handlungsraum beraubt. Die abstrakte Gestaltung des Raumes ist offen für jegliche Projektion, d. h., der Raum muss neu beschrieben werden. Diese Neubeschreibung ist nach Meinung der Autorin nicht geglückt, da das Herausreißen des Stücks aus seinem historischen Kontext seinen Sinn deutlich reduziert.

Um Müllers Kritik bewerten zu können, muss man sich generell mit der Frage der Modernisierungsmöglichkeit eines historisch verankerten Stoffs auseinandersetzen. Darf man Literatur ihrem eigentlichen Kontext entreißen und in eine moderne Neuinszenierung überführen? Zahlreiche Neuinterpretationen haben das bereits getan. Zu den bekanntesten Beispielen zählen die zahlreichen Romeo-und-Julia-Neuauflagen, nicht zuletzt die radikal modernisierte Verfilmung von Baz Luhrmann. Auch hier wurde das Thema der Unmöglichkeit einer Liebe aus ihrem historischen Kontext herausgenommen und als überdauerndes Motiv in die heutige Zeit überführt. Damit wird die Allgemeingültigkeit und Aktualität literarischer Werke betont. Außerdem werden sie auf diese Art einem breiteren – und vor allem jüngeren – Publikum zugänglich gemacht. Für viele ist die Beschäftigung mit einem literarischen Werk lohnender, wenn ein aktueller Bezug vorliegt, denn viele Schüler fragen sich manchmal, warum sie sich mit einem bestimmten Werk auseinandersetzen sollten, obwohl es für die heutige Zeit nicht mehr relevant erscheint. Hier kann eine gelungene Neuinterpretation einen neuen Zugang verschaffen und sogar eine Bereicherung sein.

Dazu kommt, dass verschiedene Stoffe ihren Kontext überdauern. Das Thema der unerfüllten bzw. unmöglichen Liebe zwischen zwei Personen kann auch heute noch aktuell sein. Es wäre allerdings wichtig, nachvollziehbare und transparente Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Liebe in der heutigen Zeit verhindern könnten. Hier wäre durchaus auch ein politischer Ansatz denkbar. Gerade diese Neuinterpretation scheint bei Kriegenburgs Inszenierung nicht überzeugend gewesen zu sein. Die Autorin deutet eine Überführung des Stoffs ins wirtschaftliche Milieu der heutigen Zeit an (vgl. „Ein Top-Manager und Strippenzieher von heute“, Z. 33 f.). Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine solche Neuansiedelung funktionieren kann, wenn sie gut umgesetzt ist. Viele erfahrene Theatergänger werden das häufig aufgeführte Stück „Kabale und Liebe“ kennen, insofern könnte eine Neuauflage eine echte Bereicherung darstellen. Gelingt dieser Umzug in die Neuzeit jedoch nicht, kann die Aufführung schnell unglaubwürdig, unverständlich oder auch lächerlich wirken. Generell spricht meiner Meinung nach jedoch nichts gegen eine neue, moderne Interpretation eines literarischen Stoffs.

Dem entgegenzusetzen ist natürlich, dass Literatur gerade durch ihren literaturhistorischen Kontext erklärbar und nachvollziehbar für Leser und Zuschauer wird. Die Sozialkritik und die politische Kritik in Schillers bürgerlichem Trauerspiel machen einen großen Teil seines Reizes auch für die heutige Zeit aus. Die Grenzen der Standeszugehörigkeit, die die Liebe zwischen Luise und Ferdinand verhindern und zur Katastrophe führen, sind ein zentrales Element des Dramas. Diese für das bürgerliche Trauerspiel charakteristische Tragik hätte sich nicht entwickeln können und gerade in ihr liegt die Brisanz des Stücks. Die Intrigen des Adels, die Verhaftung in den für die Milieus charakteristischen Denkweisen und Moralvorstellungen sowie die unüberwindbaren gesellschaftlichen Schranken basieren auf dem historischen Kontext. Lässt man ihn außer Acht, besteht wirklich die Gefahr, lediglich eine seichte, „fad“ wirkende Liebesgeschichte darzustellen. Schillers für die damalige Zeit fortschrittliches und rebellisches Denken, der Wille zu Aufbruch und Veränderung, machen das Stück auch für die heutige Zeit lesenswert und sehenswert. Nimmt man dem Stück diese Einbettung, beraubt man es seiner zentralen Bedeutung. Insofern ist Müllers Kritik an dem Herausreißen des Stücks aus seinem literaturhistorischen Kontext nachvollziehbar.

Regine Müller gelingt eine durchaus anspruchsvolle, wenn auch sehr kritische Rezension, die sich allerdings zu sehr auf die negativen Seiten einer Modernisierung des Stücks konzentriert. Im Hinblick auf die Untersuchungsergebnisse sollte berücksichtigt werden, dass die Überführung eines Stücks in die heutige Zeit einen beträchtlichen Mehraufwand und ein besonderes Fingerspitzengefühl erfordert. Das kann bei einer entsprechend guten Umsetzung durchaus einen Mehrwert bedeuten, da es das Stück in seiner Bedeutung erweitern kann. Diesen Faktor lässt Müller außer Acht. Gänzlich entpolitisiert scheint Kriegenburg das Drama im Schillerjahr 2009 auch nicht zu haben, denn z. B. mit dem Seidentuch, das im sonst weißen und abstrakt gestalteten Raum herabhängt, könnten die Standesunterschiede zumindest angedeutet worden sein.

Registriere dich, um den vollen Inhalt zu sehen!

VERSTÄNDLICH

PREISWERT

ZEITSPAREND

Weitere Deutschthemen findest du hier

Wähle deine Klassenstufe

Weitere Musterlösungen findest du hier