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Sehnsucht: Textinterpretation Lyrik: L. Tieck: „Sehnsucht“, P. Fox: „Haus am See“


Aufgaben

  1. Interpretieren Sie das romantische Gedicht „Sehnsucht“ von Ludwig Tieck (Material 1) unter Berücksichtigung inhaltlicher, sprachlich-formaler und epochenspezifischer Aspekte. (35 BE)
  2. Vergleichen Sie das Sehnsuchtsmotiv im Liedtext „Haus am See“ (Material 2) von Peter Fox mit demselben Motiv in Tiecks Gedicht (Material 1). (35 BE)
  3. Der Theaterregisseur Frank Castorf äußerte sich 2010 in einem Interview auf die Frage, was ihn am Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz fasziniere: „Dieser völlige Schmerz, gepaart mit einer Glückssehnsucht.“
    Beurteilen Sie, in welcher Form Sehnsucht für die Figur Lenz in Büchners gleichnamiger Erzählung eine Rolle spielt. Berücksichtigen Sie dabei auch Castorfs Zitat und die beiden Texte aus Aufgabe 1 und 2. (30 BE)

Material:

tieck_fox.pdf

Quellen:
Walter Urbanek (Hg.): Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten, Berlin 1966, S. 105
http://www.songtexte.com/songtext/peter-fox/haus-am-see-1bcc913c.html (abgerufen am 13.02.2011)

Die Rechtschreibung beider Texte entspricht den Textvorlagen.

Erlaubte Hilfsmittel:

  • ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
  • eine Liste der fachspezifischen Operatoren
  • Büchner: Lenz

Lösung

Aufgabe 1:

In Ludwig Tiecks Gedicht „Sehnsucht“ von 1797 spricht ein lyrisches Ich über seine Sehnsucht nach einem anderen Leben und darüber, was mit seinen Wünschen geschieht. Auf eine typisch romantische Weise wird ein anderes Leben herbeigewünscht, die schwärmerischen Wünsche bleiben jedoch anscheinend unerfüllt, da gewaltsame Verhältnisse ihnen entgegenstehen.

Zunächst fällt schon rein äußerlich auf, dass es drei knappe Strophen und eine umfangreiche, große Strophe gibt. Die knappe erste und die vierte Strophe sind bis auf eine lange Sprechpause am Ende des Gedichtes identisch, sodass sie als Refrain betrachtet werden können. Die dritte Strophe ist umfangreicher als die anderen und wird von ihnen sozusagen „gerahmt“. In ihr äußert ein lyrisches Ich seine eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte, die jedoch nicht erreicht werden, da „die Gewalt“ (V. 28) es daran hindert. Das Thema des Gedichtes wird hier durchgeführt, während im Rahmen eine allgemeinere Stimmung der Sehnsucht artikuliert wird – fast wie durch einen Chor, der die rhetorische Frage stellt: „Warum Schmachten? / Warum sehnen?“ (V. 1 f., 29 f.) Dass zwischen dem Kern und dem Rahmen des Gedichts ein Themenwechsel stattfindet, wird auch durch die metrische Ordnung deutlich: Die „Rahmenstrophen“ sind fast immer trochäisch und zweihebig – die einzigen Ausnahmen sind V. 12 sowie V. 21, 24, 28, 35, die mit zusätzlichen Pausen enden. Die Verse der dritten Strophe dagegen sind ebenfalls beinahe immer trochäisch, jedoch vierhebig. Nur die ersten beiden Verse der dritten Strophe sind fünfhebig, da sie mit einer zusätzlichen, allein stehenden Hebung am Anfang beginnen. Der durchgehaltene Trochäus stellt jedoch konstant eine nachdenkliche und ruhige Stimmung in dem Gedicht her. Wenn diese metrische Ordnung unterbrochen wird, führt das sofort zu einer Betonung der entsprechenden Wörter (z. B. V. 12: „Gesang“, 15: „Ach! Ach!“ und 16: „O fremdes Land …“), auf die dadurch mehr Aufmerksamkeit gelenkt wird.

Die gleichmäßig nachdenkliche und sehnsuchtsvolle Stimmung wird auch durch die Reime hergestellt. Das Gedicht ist durchgehend gereimt: a-b-b-a-c-b-c in den Kurzstrophen, a-a-b-c-b-c-d-d-e-e-f-g-f-g in der Langstrophe. Fast immer handelt es sich um „reine“ Endreime. Nur V. 15/16 (für/dir) und 23/24 (dämmern/schimmern) sind unreine Reime. Das Reimschema strukturiert die Langstrophe zusätzlich und führt zu einer interessanten Aussage: Der Paarreim (d-d) trennt zwei gleichwertige Blöcke; während im ersten Block noch die hoffnungsvolle Sehnsucht geäußert wird, wird im Mittelteil das erste Mal auf „ernste Bande“ aufmerksam gemacht, die den Wünschen entgegenstehen (V. 22). Im zweiten Block wird dann tatsächlich ausgeführt, dass kurz vor der Erfüllung der Sehnsucht „die Gewalt“ das lyrische Ich wieder dahin zurückdrängt, woher es kam (V. 28). Den Kontrast zwischen der Wirklichkeit und der Sehnsucht verstärken auch die Kadenzen: Die Rahmenstrophen enden mit sanften, weiblichen Kadenzen, die „durchwachsene“ Hauptstrophe endet zum Teil männlich (z. B.: „Gewalt“, V. 28), hier ist jedoch zu sehen, dass sich noch eine Sprechpause anschließt. Sehr auffällig ist auch, dass die zweite Strophe nicht wiederholt wird; der Refrain bleibt so gesehen unvollständig. Dies könnte daran liegen, dass die Sehnsucht des lyrischen Ichs gestorben ist, da es durch die „Gewalt“ desillusioniert wurde.

Was genau der Gegenstand der Sehnsucht war, bleibt unklar („Ist es Freud, ist’s Menschgestalt?“, V. 26), ebenso bleibt unklar, wer oder was die personifizierte Gewalt ist, die das lyrische Ich einschränkt. Ludwig Tieck überlässt es der Fantasie des Lesers, hierauf Antworten zu finden. Aber sicherlich kann man sagen, dass es sehr bedrängte, vielleicht sogar lebensfeindliche Verhältnisse sind, die das lyrische Ich einschränken. Für die Romantik war die Sehnsucht ein wichtiges Motiv, ebenso die Natur, die Sinnlichkeit („Lüfte“, „[w]ehen“, „Klüfte“, „Blumendüfte“, „Gesang“, V. 8–12) und die Tendenz zum Fantastischen, Übernatürlichen, die bei Tieck ebenfalls thematisiert werden („Geisterscherzen“, V. 13, „Menschgestalt?“, V. 26). Der Kontrast zwischen den metaphorisch „ernsten Bande[n]“ (V. 22) beziehungsweise der „Gewalt“ (V. 28) und diesen Fantasien könnte als Ausdruck der unsicheren historischen Umstände gelesen werden, da Mitteleuropa durch die Folgen der Französischen Revolution und die napoleonischen Feldzüge damals im Umbruch war; die „Gewalt“ ist dann vielleicht verbrecherische Gewalt, vielleicht die Staatsgewalt oder der Krieg, vielleicht aber auch die Naturgewalt schlechthin.

Die Sehnsucht wäre so gesehen nur ein Reflex auf eine sehr dürftige Realität, die die Sehnsucht geradezu herausfordert. Auch durch rhetorische Mittel wie die Exklamation (V. 4, 15, 16, 22, 32) wird deutlich, dass das lyrische Ich beziehungsweise das „Bewusstsein“ der Sehnsucht sehr leidenschaftlich und bewegt ist. Dies wird auch durch die rhetorischen Fragen „Warum schmachten? / Warum sehnen?“ deutlich (V. 1 und 2), die zudem als Teil des Refrains wiederholt werden und das Gedicht rahmen.

Die rhetorische Frage ist jedoch, wie gezeigt wurde, nicht eindeutig, sondern nur subjektiv und für jedes Individuum anders zu beantworten. Tieck drückt sich bewusst metaphorisch aus und lässt seine Sehnsucht „unbestimmt“, ebenso die Gewalt, die ihr entgegensteht. Die Deutungshypothese hat sich also bestätigt und es hat sich sogar gezeigt, dass das Gedicht absichtlich unbestimmt und uneindeutig bleibt. Vielleicht braucht es keine eindeutige Antwort auf die Frage zu geben, da jede Wirklichkeit und jede Zeit immer wieder aufs Neue die Sehnsucht der Menschen herausfordert. So gesehen ist das Gedicht vollkommen zeitlos und auch heute noch aktuell wie im Jahr 1797, weil die Sehnsucht als Eigenschaft des Menschen selbst interpretiert werden kann.

Aufgabe 2:

Im Jahr 2008 erschien der Popsong „Haus am See“ des deutschen Hip-Hop-Musikers Peter Fox. In dem Lied wird von der Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer Idylle gesungen, die Wohlstand und eine Familie einschließt. Gleichzeitig wird dieser Wunsch jedoch übertrieben dargestellt und dadurch ironisiert. Während die Sehnsucht bei Tieck also noch als menschliche Erfahrung schlechthin beschrieben wird, ist sie bei Peter Fox zu einem Klischee geworden, das nur noch halb ernst genommen wird.

Das Lied besteht aus fünf Strophen, welche zwölf, vier, wieder zwölf und dann wieder zweimal vier Verse umfassen. Im Block der ersten großen Strophe erzählt ein lyrisches, beziehungsweise ein „Sänger-Ich“, dass es seit seiner Geburt in derselben Gegend lebt und Abwechslung sucht. Es erfüllt sich nach den ersten vier Versen in weiblicher Kadenz diesen Wunsch und in männlicher Kadenz wird besungen, wie es in die Fremde aufbricht. Die zweite und die vierte Strophe enthalten den Refrain, der das Ziel der Sehnsucht beschreibt: Ein Haus am See mit außerordentlich großer Familie. Die dritte Strophe beschreibt, wie der Sänger das Glück in der Fremde findet; sie beginnt mit einer Antithese zu den ersten drei Versen: „Ich suche neues Land Mit unbekannten Straßen, / Fremde Gesichter und keiner kennt meinen Namen!“ (V. 17 f.),: „Hier bin ich gebor’n und laufe durch die Straßen! / Kenn die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden! / Ich muss mal weg, kenn jede Taube hier beim Namen.“ (V. 1–3) Das lyrische Ich kehrt in die Heimat zurück und baut sich dann die gewünschte Existenz auf. Im Schlussvers wird schließlich der Liedanfang wieder aufgegriffen: „Hier bin ich gebor’n …“ (V. 1 und V. 33). Das Lied wird dadurch „gerahmt“ und es wird deutlich, dass das Ende erreicht ist. Der Wunsch wird ein weiteres Mal gesteigert, da nun „100 Enkel“ fantasiert werden, die „Cricket auf’m Rasen spielen“ (V. 35), sodass klar wird, dass der Sänger seinen eigenen Wunsch ironisiert.

Wie man sehen kann, werden das Lied und die Darstellung der Sehnsucht also durch den Aufbau des Liedes sowie durch Mittel der Wiederholung, des Kontrastes und die Kadenzen stark strukturiert. Es werden aber noch weitere Mittel eingesetzt, um eine Aussage zu erreichen. So ist das Lied zwar in freien Rhythmen geschrieben und die Verse sind fünfhebig (achter Vers) bis achthebig (vierter Vers). Ebenso wie die metrische Ordnung sind die Reime „locker“; es handelt sich immer um „unreine“ Paarreime, die dem Lied einen ungezwungenen, sozusagen „volkstümlichen“ Fluss geben. Auch der Satzbau weicht oft von der Schriftsprache ab und tendiert zur gesprochenen Sprache: z. B. V. 4: „Daumen raus ich warte auf …“, und die umgangssprachliche Metapher „die alten Vögel“ (V. 25). Aber trotz der lockeren metrischen Struktur wird das Lied durch die Anordnung der Hebungen durchaus geordnet und strukturiert – z. B. setzt die erste Strophe bis zum vierten Vers mit einer betonten Silbe an, auf die eine unbetonte Silbe folgt. Ab der fünften Strophe findet man dann unbetonte Silben am Anfang – der Wechsel von der Wirklichkeit in die Sehnsuchts- beziehungsweise Traumwelt wird durch die metrische Struktur begleitet und unterstützt.

Alltäglich wirken nicht nur die metrische Struktur und die Reime, sondern auch die Wortwahl und der Satzbau des Liedes. Der Zeilenstil gibt dem Lied zusammen mit der meist männlichen Kadenz eine sehr klare, fast schon harte Ordnung, die jedoch durch die Reime und den durchaus angenehmen Inhalt wieder sanft klingen. Auch Wiederholungen und Alliterationen – z. B. Vers 8 („Ich weiß …“) und Vers 9 („Ich hab …“) – verleihen dem Gedicht Fluss und Geschwindigkeit. Der Begriff „Rückenwind“ (V. 9) unterstreicht das auch wörtlich.

Doch trotz des angenehmen Klangs thematisiert das Lied auch die Möglichkeit des Scheiterns: Der Parallelismus zwischen Vers 19 und 20 („Alles gewinnen“ – „Alles verlieren“) steht dafür, aber auch die ironische Grundaussage. Denn durch die Übertreibung wird ja bereits deutlich, dass die Ziele nicht realistisch sind und dass das lyrische Ich mit seiner Sehnsucht scheitert und das Ende der Straße leer bleibt.

Die verwendeten Begriffe entstammen vor allem den Wort- und Bedeutungsfeldern der Familie („Mamas“, V. 27, „Enkel“, V. 35, „Kinder“ und „Frau“, V. 15, „Verwandten“, V. 25), der Natur beziehungsweise der Idylle („Haus am See“, V. 13, „ins tiefe Blau“, V. 11, „Orangenbaumblätter“, V. 14 und 30, „Garten“, V. 34, „Rasen“, V. 35) und des Wohlstands („Taschen voll Gold“, V. 24, „Cricket“, V. 35). Das Sehnsuchtsmotiv erhält dadurch einen ganz genauen Inhalt, der fast schon wie das Klischee einer Familienidylle aus der oberen Mittelschicht aussieht und nahe an der Karikatur liegt. Bei Tieck dagegen wird der Inhalt der Sehnsucht nur angedeutet; die Andeutungen entstammen auch den Bereichen der Natur und des Himmels („Lüfte“, V. 8, „Klüfte“, V. 10, „Winde“, V. 12, „Sterne“, V. 7 u. 35), aber auch der Sinneswahrnehmungen („Blumendüfte“, V. 11, Luftbewegungen usw., V. 8 ff.). Die Wünsche des lyrischen Ichs werden also bloß fein angedeutet und bleiben geheimnisvoll und „unentdeckt[]“ (V. 21).

Im Unterschied zu „Haus am See“ ist in Tiecks „Sehnsucht“ auch sofort die Rede davon, dass die wirklichen Verhältnisse der Sehnsucht entgegenstehen. Bei Peter Fox dagegen wird sie bis zum Klischee verwirklicht, sodass er eigentlich nur noch ironisch über sie redet. Dies könnte daran liegen, dass die Sehnsucht seit der Romantik ein zu abgenutztes Motiv ist, das nicht mehr unironisch aufgegriffen werden kann.
Andererseits wird die Sehnsucht zwar nur noch halb ernst genommen – aber nicht ganz aufgegeben. Denn obwohl sich der Sänger zum Teil über sein Ideal lustig macht, gibt er es nicht auf. Wie bei Tieck handelt es sich vielleicht auch im Jahr 2008 um den Wunsch, bedrängenden Verhältnissen zu entkommen; „die Gewalt“ besteht im Jahr 2008 aber weniger in dem Chaos, das durch europäische Kriege hervorgerufen wird. Vielmehr sehnt sich das lyrische Ich in „Haus am See“ ganz konkret nach einem Leben in Wohlstand und nach einer erfolgreichen Familiengründung, was darauf hindeuten könnte, das beide Dinge durch die gesellschaftlichen Verhältnisse (z. B. die Finanz- und Wirtschaftskrise) nur schwer oder gar nicht möglich sind.

Aufgabe 3:

Der Theaterregisseur Frank Castorf erklärte im Jahr 2010, dass ihn an dem Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz der „völlige Schmerz, gepaart mit einer Glückssehnsucht“ fasziniere. Im Folgenden soll untersucht werden, ob für die Lenz-Figur in Büchners Erzählung Sehnsucht eine Rolle spielt; dabei soll gezeigt werden, dass Schmerz und Sehnsucht tatsächlich zwei Seiten derselben Medaille sein können, weil die Sehnsucht gelegentlich nicht zu erfüllen ist.

In Büchners Erzählung „Lenz“ tritt der gleichnamige Dichter des Sturm und Drang als religiös bewegte und gequälte Figur auf. Es wird aber nie völlig klar, was ihn konkret quält. Sicher ist, dass er über das Dasein in der alltäglichen Welt hinausmöchte, „über dieses von materiellen Bedürfnissen gequälte Sein, diese dumpfen Leiden“, und stattdessen „gen Himmel“ leben will (S. 106). Die Figur sehnt sich also nach vollkommenem Glück, nach jenseitigem Glück, das im Diesseits schlechthin nicht zu finden ist.

Dementsprechend lehnt der Schriftsteller Lenz auch „modische“ Sinnangebote wie den damaligen Idealismus ab. Dieser sei nämlich bloß eine falsche Idee, die die Wirklichkeit verfehle und deswegen nicht geeignet sei, die Realität zu verbessern – etwa durch Kunst, Philosophie oder politische Programme und Ideen. Der große Fehler der damaligen idealistischen Mode sei es, dass sie die hässlichen und unschönen Seiten der Wirklichkeit zugunsten ihrer falschen Idee der Wirklichkeit ausblende beziehungsweise ignoriere. Es dürfe aber kein einziger Mensch zugunsten einer falschen Vorstellung ignoriert werden, „keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen.“ (S. 110) Die nackte Wirklichkeit aber, vor allem die ärmsten und niedrigsten Menschen in dieser Wirklichkeit, sieht Lenz von einer Denkmode verraten, die sich bloß für eine abstrakte Idee interessiert und nicht für die Wirklichkeit selbst.

Lenz wird in Büchners Erzählung, in der biografische Wahrheit steckt, von Angst- und Wahnvorstellungen verfolgt; vielleicht sind diese Wahnvorstellungen ja die Folge der Einsamkeit der Figur Lenz, die von niemandem verstanden wird und in ihrer Zeit auf verlorenem Posten steht. Lenz’ Glückssehnsucht kann deswegen nicht erfüllt werden, weil er keine Gleichgesinnten finden kann. Die Folge dieser Isolation ist der Schmerz, den Frank Castorf mit seinem Zitat so hervorhebt. Denn in dem Moment, in dem Lenz seinen Wunsch nach Glück aufgibt, scheint er auch zur Ruhe zu kommen: Er wird ein Mensch ganz frei von Sehnsucht, jedoch gibt es „eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last.“ (S. 124) Folglich ist auch das Leben ganz ohne Sehnsucht kein glückliches Leben. Lenz versteht es jedoch nicht, ein gesundes Maß zu finden, das zwischen einem absoluten, quasi „jenseitigen“ Glücksanspruch und völliger Resignation liegt.

Bei Ludwig Tieck bleibt die Sehnsucht ebenfalls unerfüllt; das lyrische Ich wird durch „die Gewalt“ (V. 28) beherrscht und die Träume bleiben Träume. Es muss folglich ebenso Schmerz erdulden wie Büchners Lenz-Figur.

Bei Peter Fox dagegen wird die Sehnsucht von Anfang an ironisiert; das lyrische Ich erfährt vielleicht deswegen auch nicht denselben Schmerz wie Lenz. Die Ironie könnte als eine Schutzvorrichtung verstanden werden, die den Einzelnen vor einer Enttäuschung schützt. Die Enttäuschung und der Schmerz spielen aber auch dann noch eine Rolle: und zwar als vorausgesehene Ereignisse, gegen die mit der Ironie schon vorab Gegenmaßnahmen getroffen werden sollen. Andererseits erscheint dann auch die Sehnsucht selbst nicht so „ambitioniert“ wie bei Büchner oder bei Lenz – denn ein Haus am See mit 20 Kindern, 100 Enkeln und einem Cricketspiel ist natürlich eher ein übertriebener Topos als eine realistische Sehnsucht, so wie der Wahnsinn von Lenz. Dessen Sehnsucht wiederum mangelt es zwar ebenfalls an „Realismus“ – aber bloß dahingehend, dass er nicht mit ihrer Enttäuschung leben kann. Gegenüber den idealistischen Ideen seiner Zeitgenossen beansprucht Lenz ja gerade, der größere „Realist“ zu sein, also die Wirklichkeit zu kennen und nichts an ihr zu beschönigen.

Schmerz und Sehnsucht können also tatsächlich als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet werden. Es wurde auch gezeigt, dass nur dort, wo die Sehnsucht nicht völlig ernst genommen wird, der Schmerz ausbleibt. Ob die authentische Sehnsucht ein Risiko ist, das man dennoch eingehen will, muss jeder für sich selbst entscheiden.

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