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Materialgestütztes Verfassen eines informierenden Texts


Lösung

Sehr verehrte Gäste, meine lieben Mitschüler! Herzlich willkommen im Themenraum „Vom Weltenretter bis zum Weltzerstörer. Die Figur des Wissenschaftlers in Literatur und Film“! Ich darf Sie im Namen unseres Deutschkurses zum heutigen „Abend der Wissenschaft“ begrüßen und möchte Ihnen kurz erläutern, was Sie hier erwartet. Die zentralen Fragen, die wir uns gestellt haben, waren: Wie wird die Figur des Wissenschaftlers in Literatur und Film dargestellt? Welche Funktion hat die Literatur bei der Beschäftigung mit Wissenschaft?
Zu den Begriffen „Wissenschaftler“ und „Literatur“ fällt Ihnen sicherlich spontan ein Name ein: Faust, der ewig strebende Forscher. Auch wir haben uns hauptsächlich mit dieser Figur auseinandergesetzt. Eine der zentralen Stellen des Dramas sehen Sie hier in einer Version als Comic – die Studierzimmerszene, in der Faust sein bisheriges wissenschaftliches Schaffen infrage stellt: „Da steh ich nun, ich armer Tor, / Und bin so klug als wie zuvor!“ Angesichts von Fausts Aufzählung seiner Studiengebiete lässt sich seine Beurteilung des eigenen Wissensstands bezweifeln. Bei unseren Recherchen sind wir jedoch darauf gestoßen, dass im 19. Jahrhundert eine „Spezialisierung und Fragmentierung des Wissens“ (M3, Z. 8) an den Universitäten stattfand, die schließlich das Ende der „Idee der Universalgelehrtheit“ (M3, Z. 10) bedeutete. Auch Faust repräsentiert schon einen Wissenschaftler, der nicht mehr in die alte Zeit passt. Er findet sich jedoch nicht damit ab und versucht auf verschiedenen Wegen zur umfassenden Erkenntnis zu gelangen. Dabei lässt sich der ernsthafte Wissenschaftler Faust sogar mit der Magie ein, indem er den Erdgeist beschwört.
Faust ist ein Mensch, der – wie z. B. in der Wagner-Szene und beim Osterspaziergang deutlich wird – am liebsten allein ist. Er findet keinen rechten Zugang zu anderen Menschen, die ihn jedoch verehren und als Doktor schätzen. Diese Wertschätzung kommt bei ihm nicht an, für Lob ist er unzugänglich und seine Frustration wächst. Faust repräsentiert damit den isolierten Wissenschaftler schlechthin, einen, der mit dem echten Leben keinen Kontakt mehr hat, was wiederum dazu führt, dass sich sein Dasein auf das Studieren und die Arbeit beschränkt. Spaß und Lebensfreude sind für ihn Fremdwörter. Er lebt abgeschieden in seinem Elfenbeinturm der Wissenschaft. Genau an diesem Punkt setzt letztlich Mephisto an, mit dem sich Faust auf einen Handel einlässt. Mephisto verspricht Faust, ihm zu Lebensglück zu verhelfen, wenn dieser ihm im Gegenzug seine Seele verschreibe. Faust ist, wie er es selbst im Eingangsmonolog zum Ausdruck bringt, aber auch mit seinem Dasein als Wissenschaftler unzufrieden und sucht nach einem Ausweg, den Mephisto ihm bietet. So ist der Pakt mit Mephisto nicht Ausdruck der Suche nach Abenteuer, sondern eher die Folge einer ernüchternden Sicht auf sein bisheriges Leben als Wissenschaftler.

In Literatur und Film finden sich zahlreiche weitere Gestaltungen des Typus Wissenschaftler. Ein bekanntes Beispiel ist Dr. Frankenstein, der – quasi gottgleich – versucht, einen neuen Menschen zu schaffen, und dabei zum Schöpfer eines Monsters wird. Bitte beachten Sie dazu unsere Videostation an der gegenüberliegenden Wand, wo wir Ausschnitte aus einer bekannten Verfilmung zeigen. Dr. Frankenstein zeigt sich als Bruder im Geiste von Dr. Faust, denn wie dieser wendet er sich der Alchemie und Magie zu. Das auch schon in „Faust II“ enthaltene Thema der Schöpfung eines künstlichen Menschen steht in Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ im Mittelpunkt der Handlung. Dr. Frankenstein haucht einem Wesen Leben ein, das sich daraufhin zu einem menschenmordenden Monster entwickelt. Damit verkörpert Frankenstein einen negativen Typus des Wissenschaftlers, wie er häufig im Science-Fiction-Genre anzutreffen ist. Seine Forschungen werden zur Hybris, weil sie „,letzte‘ Grenzen“ (M5, Z. 17) überschreiten, indem sie Leben erzeugen sollen. Dies entspricht einem Negativbild des Wissenschaftlers, das laut Brigitte Frizzoni häufig in Science-Fiction-Filmen zu finden ist: „Wenn der Forscher […] eigenhändig Leben schaffen, manipulieren oder zerstören will, dann droht Gefahr.“ (M5, Z. 17–19) Frankenstein verliert die Kontrolle über seine eigene Schöpfung, von der eine Bedrohung für die Menschen ausgeht. Damit thematisieren die Frankenstein-Filme und Shelleys Roman auch die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Ergebnisse seiner Arbeit.

Ein Beispiel für einen verantwortungs- und skrupellosen Wissenschaftler ist der Doktor in Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“. Um seine Braut und das gemeinsame Kind zu ernähren, verkauft sich Woyzeck an die Wissenschaft. Ein Arzt führt mit ihm als seinem Versuchsobjekt wissenschaftliche Experimente durch. Er beutet ihn aus, belohnt und bestraft Woyzeck. Fragen nach wissenschaftlicher Ethik oder der Würde des Individuums spielen für den Doktor keine Rolle.

Ein völlig anderer Wissenschaftlertypus findet sich in Friedrich Dürrenmatts Drama „Die Physiker“. Um was geht es? Drei Wissenschaftler befinden sich aus freiem Antrieb in einer psychiatrischen Anstalt. Einer von ihnen, der Physiker Möbius, hat die „Weltformel“ entdeckt, mit der alle Probleme der Physik gelöst werden können. Von dieser Entdeckung geht jedoch auch eine Gefahr für die Menschheit aus, falls sie in die falschen Hände gerät. Aus diesem Grund stellt Möbius fest: „Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit.“ (M4, Z. 3 f.) Möbius ist sich seiner Verantwortung bewusst und will die Menschheit vor den Folgen seiner Forschungen schützen, indem er sich als Verrückter ausgibt. Er verlässt sogar seine Familie und begibt sich in die Anstalt, denn „nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“ (M4, Z. 8 f.) Möbius wird so zum Prototyp des verantwortungsvollen Wissenschaftlers.

Wiederum einen anderen, sehr zwiespältigen Typus des Wissenschaftlers verkörpert Julius Robert Oppenheimer in Heinar Kippharts Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“. Oppenheimer gilt als Vater der Atombombe, weigerte sich jedoch nach der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki am Bau der Wasserstoffbombe mitzuwirken. In Kippharts dokumentarischem Stück, das auf Prozessakten basiert, geht es um die Frage der Loyalität des Wissenschaftlers gegenüber dem Staat in der Zeit des Kalten Krieges. Oppenheimer lehnt die Verantwortung für die Folgen seiner Forschung zunächst ab. Damit erweist er sich als das völlige Gegenteil von Dürrenmatts Physiker Möbius. Im Lauf des Prozesses macht er jedoch eine Entwicklung durch und erkennt schließlich, dass sich eine Mitschuld an den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki nicht länger leugnen lässt, da er seine Forschungen der Politik vorbehaltlos zur Verfügung gestellt hat. 

Meine Damen und Herren, was zeigen diese Beispiele? Welche Funktion kann Literatur bei der „Auseinandersetzung mit Wissenschaft“ (M6, Z. 9 f.) haben? 
Der Leser bzw. Zuschauer ist entsetzt angesichts von Frankensteins Monster; das zeigt, was passieren kann, wenn Wissenschaftler Grenzen überschreiten und die Kontrolle über ihre Forschungen verlieren. Im Fall des Doktors in Büchners Drama „Woyzeck“ kann die Literatur den Leser zum Nachdenken über wissenschaftliche Methoden anregen, indem sie ein Beispiel für völlige Verantwortungslosigkeit und Menschenverachtung vor Augen führt. Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ dagegen stellt die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers für die Folgen seiner Forschungen. Das dokumentarische Drama „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ wiederum zeigt, dass die Wissenschaft nicht zweckfrei ist, sondern durch die Politik instrumentalisiert werden kann. Wer dieses Stück liest, wird Berichte über wissenschaftliche Forschungen und Errungenschaften anders bewerten und sich der Verknüpfung mit politischen und wirtschaftlichen Interessen bewusst sein.
Bei der Beschäftigung mit den genannten Wissenschaftlerfiguren ist uns aufgefallen, dass Literatur nichts an den problematischen Gegebenheiten ändert. Sie kann jedoch durchaus „einen Beitrag zur Reflexion der Frage nach ‚Wissen und Wissenschaft, Macht und Verantwortung‘ leisten“, wie Tom Kindt es formuliert (M6, Z. 14 f.). 
Ich hoffe, verehrte Gäste, Sie werden durch unsere Ausstellung einige Denkanstöße erhalten. Für Ihre Aufmerksamkeit bedanke ich mich herzlich und wünsche Ihnen einen schönen Abend.

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