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Materialgestütztes Verfassen eines informierenden Textes


Lösung

Sehr geehrter Herr Direktor, sehr geehrtes Lehrerkollegium, liebe Eltern und Mitschüler!

Im Namen des P-Seminars „Die expressionistischen Dichter und der Krieg“ bedanke ich mich recht herzlich bei Ihnen, Herr Direktor, für die freundliche Begrüßung zur heutigen Ausstellungseröffnung. Ich darf Sie alle, auch im Namen meiner Mitschülerinnen und Mitschüler, in der Aula unseres Gymnasiums willkommen heißen und freue mich, dass Sie so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind.

In den vergangenen Monaten hat sich unser P-Seminar mit der Haltung der expressionistischen Dichter zum Ersten Weltkrieg beschäftigt – ein Thema, das für viele von uns zu Beginn unseres Seminars so weit weg war wie der Ausbruch des Weltkriegs vor 100 Jahren.

Je näher dieses Gedenkjahr aber rückte und je intensiver wir uns mit dem Thema beschäftigten, mussten wir feststellen, dass Krieg ein leider zeitloses und vor allem aktuelles Thema ist, mit dem wir tagtäglich in den Medien konfrontiert werden.

Einer ähnlichen Konfrontation waren auch die expressionistischen Dichter vor gut 100 Jahren ausgesetzt. Wie standen sie zum Krieg, der als Jahrhundertkatastrophe in die Geschichtsbücher eingegangen ist? Wie haben sie den Krieg in ihren Werken verarbeitet? Wie hat sich ihre Einstellung mit dem Kriegsverlauf verändert? Das waren zentrale Fragen, auf die die Ausstellung Antworten geben soll.

Auf unserem Ausstellungsplakat, das Sie hier hinter mir sehen können, ist Alfred Kubins Grafik „Der Krieg“ abgebildet. Bei genauerer Betrachtung lässt sich ein „antikisch-nackter Krieger von gigantischen Ausmaßen (erkennen, der) ein anrückendes Heer unter seinen Hufen (zertrampelt)“, wie es Alfred Czech in seinem Buch „Apokalyptische Landschaften. Krieg in Gedichten und Bildern des Expressionismus“ ausdrückt.

Dieses Bild, bereits in den Jahren 1901/1902 entstanden, hat etwas Gewaltiges an sich, das einerseits fasziniert, andererseits aber abstößt. Diese gespaltene Haltung lässt sich auch bei den Künstlern des Expressionismus feststellen.

Bedingt ist dies durch die historische Situation nach der Reichsgründung und der Jahrhundertwende. Das Bürgertum hatte es sich in seinem Wohlstand bequem gemacht, sodass die Situation im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts von vielen Intellektuellen als Stillstand gewertet wurde. Stellvertretend drückt dies der expressionistische Dichter Georg Heym aus: „Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts, nichts.“ So entstanden Visionen von einem Neuanfang, der die als unerträglich empfundene Situation beenden würde. Heym sehnt sich danach, „im Herzen den Rausch der Begeisterung (zu) spüren.“ Eine Möglichkeit, so der Dichter, „sei (…), daß man einen Krieg begänne (…).“

Mit diesen Aussagen bringt Heym verschiedene für den Expressionismus typische Strömungen auf den Punkt. Deutlich wird der Wille zum Aufbruch, zum Neuanfang, der mithilfe der Kunst, also auch mit der Literatur, geschafft werden soll. Zahlreiche Beispiele dafür zeigen sich in der expressionistischen Lyrik. Daneben ist es aber auch der Wunsch, dem Leben einen Sinn zu geben, sich zu engagieren, wie es in der aktivistischen Strömung des Expressionismus um Johannes R. Becher häufig zu finden ist. Der Mensch findet Sinn in seinem Leben, indem er sich für die Gemeinschaft engagiert, sich als politisch handelndes Wesen begreift.

Eine Möglichkeit dazu ist, sich als Soldat für sein Vaterland einzusetzen, weshalb viele junge Dichter mit großer Begeisterung im Sommer 1914 in den Krieg zogen, was vielfach sogar als Auszeichnung verstanden wurde. So gratulierte Oskar Kokoschka, ein bekannter österreichischer Maler, seinem Künstlerkollegen Franz Marc „zu der Auszeichnung für Deutschland in den Kampf zu kommen“. Was ist von solchen Aussagen zu halten? Ich bin mir sicher, und so wird es auch Ihnen gehen, dass Sätze dieser Art heute nicht mehr nachzuvollziehen sind. Sie machen aber deutlich, dass die jungen Dichter durch das Soldatentum ihrem Leben einen Sinn zu geben glaubten.

Mit dem Eintritt in den Kriegsdienst und den Erlebnissen an der Front ändert sich diese Einstellung jedoch radikal oder wie Thomas Anz es in seinem Werk „Literatur der Moderne und Erster Weltkrieg“ ausdrückt: „Die Kriegsbegeisterung mancher junger Künstler hatte oft nur wenige Monate, manchmal wenige Tage gedauert.“

War sie – wie vorher erwähnt – idealistisch verklärt und mit der Hoffnung auf Neubeginn verbunden, dominiert nun blankes Entsetzen angesichts der unglaublichen Kriegsschrecken, die ungeahnte Ausmaße annahmen.

Stellvertretend drückt dies August Stramm in einem Brief vom Februar 1914 aus, wenn er schreibt: „Ich habe jetzt sechs schwere Gefechtstage hinter mir. Der furchtbarste war gestern der 13. (…) Ich habe keine Furcht gefühlt. (…) Zum fürchten war alles zu furchtbar. Aber ein Grauen ist in mir ein Grauen ist um mich wallt wogt umher, erwürgt verstrickt, es ist nicht mehr rauszufinden. Entsetzlich.“

Deutlich wird in dieser Aussage die Ungeheuerlichkeit des Erlebten, das den Menschen an den Rand des Wahnsinns führt, wo der Mensch nicht mehr als Mensch wahrgenommen werden kann. Im Krieg hat er sich entmenschlicht. Auch dies lässt sich in Stramms Brief erkennen: „Denn ich fühle es, ich fühle es ganz deutlich das das peitscht und krallt nach meinem Verstand. (…) Hast du schon mal einen Fleischerladen gesehen, in dem geschlachtete Menschen zu Kauf liegen, und dazu stampfen mit ungeheurem Getöse die Maschinen und schlachten immer neue in sinnreichem Mechanismus.“

Es gibt aber auch keine Möglichkeit mehr, das Erlebte angemessen auszudrücken – „Ich habe kein Wort“, formuliert Stramm.

Das hat enorme Auswirkungen auf die expressionistische Literatur. Die bekannte Welt zerfällt, wird wortwörtlich gesprengt und lässt sich kaum noch in Worte und verständliche Satzstrukturen fassen. Bekannteste Beispiele, die im Deutschunterricht behandelt wurden, sind z. B. August Stramms Gedicht „Patrouille“ und Georg Trakls „Grodek“, die unmittelbar nach dem verstörenden Eindruck einer blutigen Schlacht entstanden sind.

Sehr verehrte Anwesende, was bedeutet dieser Krieg nun für die Literatur? Es wird kaum überraschen, dass mit dem Kriegsende auch die expressionistische Strömung an ihr Ende gelangt ist. Der Grund ist einfach: Viele der mit Begeisterung an die Front gezogenen jungen Schriftsteller waren im Kampf gefallen. Nach einer Statistik wurden allein 1,8 Millionen deutsche Soldaten getötet. 20 Millionen Menschen wurden weltweit Opfer dieses Krieges.

An die Stelle der Kriegsbegeisterung tritt nun die Einsicht der Schuld und der eigenen Verantwortlichkeit für diesen Krieg. „Reißt das Hemd auf. Schlagt euch an die Brust: bekennt: ich, ich bin schuldig“, formuliert Klabund in seiner „Bußpredigt“ aus dem Jahr 1917 und zeigt gleichzeitig auf, wie Buße gelingen kann: „Durch gutes Wort und bessere Tat.“ Diejenigen, die den Verlust von Freunden und Kollegen verkraften mussten, verarbeiteten diese Erfahrungen in ihren Werken. Die expressionistische Bewegung deutete nach 1916 das Erlebte „entweder als läuternde(s) Strafgericht (…) oder als notwendige(s) Durchgangsstadium zu einer völlig neuen Ära des Friedens und der Mitmenschlichkeit“ (Thomas Anz). So lassen sich in der Literatur nun pazifistische Töne ausmachen, etwa wenn es in Ernst Tollers Gedicht „Den Müttern“ (1917) heißt: „Euer Leid, Millionen Mütter, / Dien als Saat durchpflügter Erde, / Lasse keimen / Menschlichkeit.“

Liebe Gäste, ich hoffe, ich konnte ihnen einen ersten Eindruck davon verschaffen, wie sich die Einstellung der expressionistischen Dichter im Lauf des Krieges verändert hat. Diesen Wandel hat unser P-Seminar in der Ausstellung in aller Ausführlichkeit dokumentiert.

Ich lade Sie herzlich ein, sich in aller Ruhe umzusehen und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Gerade in einer Zeit, die des Ausbruchs vor 100 Jahren gedenkt und in der die Weltgeschichte alles andere als friedlich ist, sollte man sich des Zitats des amerikanischen Schriftstellers Henry Miller erinnern: „Jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

(1157 Wörter)

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