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Literarische Erörterung: Literaturverständnis


Lösung 

Die Werke des hessischen Schriftstellers, Mediziners, Naturwissenschaftlers und Revolutionärs Karl Georg Büchner (1813–1837) können v. a. der Epoche des Vormärz zugeordnet werden. Durch seine vielschichtigen Studien erlangte Büchner nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik hohes Ansehen und engagierte sich dort rege. Zusammen mit einem Studienkollegen gründete er beispielsweise die „Gesellschaft für Menschenrechte“, um einen Umsturz der vorherrschenden politischen Verhältnisse zu bewirken. Mit seiner Flugschrift „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ rief Büchner zur Revolution auf. Büchners politische Ansichten sowie seine Erfahrungen während der Zeit des Vormärz prägten sein literarisches Werk stark.

Büchner erklärt 1935 in einem Brief an seine Familie, dass die Welt so dargestellt werden sollte, wie Gott sie geschaffen hat. Klar stellt er sich gegen jegliche Verklärung der Wirklichkeit, und zwar mit dem Hintergedanken, dass Gott, der Schöpfer, die Welt so erschaffen hat, wie er sie wollte, und nicht, wie sie den Menschen genehm ist.

Ob diesem Verständnis von Literatur zugestimmt werden kann, wird im Folgenden erörtert. Hierzu werden verschiedene Werke (Dramen, Novellen und Gedichte) aus unterschiedlichen Epochen stellvertretend für diese als Beispiele herangezogen.

Zunächst werden zwei Werke vorgestellt, deren Autoren eine gegensätzliche Meinung zu Büchners Auffassung von Literatur vertreten.

Joseph von Eichendorff vertritt als Romantiker eine andere Auffassung als die Forderung nach der realen Darstellung der Wirklichkeit, indem er in seinem Gedicht „Mondnacht“ aus dem Jahr 1837 v. a. die Sehnsucht thematisiert, die als zentrales Motiv dieses Gedichts, aber auch der gesamten Epoche der Romantik gesehen werden kann. In diesem Fall wird die Verschmelzung von Himmel und Erde, also dem Irdischen mit dem Überirdischen beschrieben. Interpretiert werden kann dies als Wunsch der Menschheit, ins Paradies zu flüchten. Da dies jedoch nicht möglich ist, soll zumindest die Seele eines jeden Menschen die Möglichkeit haben davonzufliegen.

Somit wird nicht die reale Welt, wie sie existiert, sondern ein Wunschdenken abgebildet.

Auch in der zeitgenössischen Literatur, v. a. im Bereich der Fantasyromane, wird von einer fantastischen Welt erzählt. Angeführt seien hier besonders die Harry-Potter-Romane von J. K. Rowling sowie „Der Herr der Ringe“ von J. R. R. Tolkien. Im erstgenannten wird den Lesern die magische Welt des Schülers Harry Potter nähergebracht, der in der Schule für Zauberkünste Hogwarts zahlreiche Abenteuer und Kämpfe gegen seinen bösen und dunklen Gegenspieler Lord Voldemort zu bestehen und auszutragen hat. Diese dargestellte Welt wird v. a. von jungen Leserinnen und Lesern als Möglichkeit der Flucht in eine andere, magische Welt gesehen. Die Literatur des bürgerlichen Realismus, allen voran die des Theodor Fontane, nimmt eine Zwischenstellung zwischen der Vermeidung der detailgetreuen Abbildung der Wirklichkeit und der Darstellung der realen Verhältnisse ein. Der Anspruch des Realismus ist es, die Welt so darzustellen, wie sie ist bzw. wie sie sein könnte. Fontane selbst sieht den Roman als „Bild seiner Zeit“. Wichtig ist dabei, bestimmte Themen wie die extreme Hässlichkeit und das soziale Elend nicht explizit darzustellen, sondern sie allenfalls anzudeuten. Nichtsdestoweniger liefern gerade diese Themen den Stoff der Literatur, werden jedoch nicht detailliert beschrieben. Weiter soll die fassbare Welt durch den Literaten objektiv betrachtet und anschließend ebenso dargestellt werden. Ein Roman ist also die künstlerische Wiedergabe der Wirklichkeit. Am Beispiel von Fontanes Roman Effi Briest wird nun darauf näher eingegangen.

Die 17-jährige Effi soll den wesentlich älteren Baron von Instetten heiraten. Von ihm wird Effi jedoch nicht als Ehefrau, sondern als Kind wahrgenommen und auch als solches behandelt. Von ihrem Ehemann vernachlässigt, findet Effi Trost bei seinem Hund Rollo und bei einem Offizier, mit dem sie eine Affäre beginnt. Der von starker Eifersucht getriebene Baron von Instetten findet nach Jahren Liebesbriefe und kommt dadurch hinter die Verbindung. Um seine Ehre wiederherzustellen, fordert er den Offizier zu einem Duell heraus und verletzt seinen Gegner tödlich; zudem lässt er sich von Effi scheiden. Aufgrund ihrer Liaison mit dem Offizier wird sie von der Gesellschaft und ihren eigenen Eltern verstoßen. Zusammen mit ihrer ehemaligen Haushälterin und ihrer kranken Tochter führt Effi ein einsames Leben in einer kleinen Wohnung in Berlin und stirbt schließlich mit 30 Jahren.

Diesem Roman liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, an die sich Fontane stark angelehnt hat. Jedoch spart er die Darstellung des Hässlichen sowie die des sozialen Elends der Effi aus. Auch die Affäre mit Baron von Instetten wird lediglich angedeutet und nicht explizit geschildert. Der Roman kann also als Zwischenstellung zwischen beiden Darstellungsweisen gesehen werden.

Dem stehen einige literarische Werke gegenüber, deren Autoren eine ähnliche Auffassung von Literatur haben wie Büchner.

Büchner selbst stellt die Realität und die damit verbundenen menschlichen Schwächen sowie auch die vorherrschenden politischen Verhältnisse beispielsweise in seinem Dramenfragment „Woyzeck“ dar.

Der Soldat Franz Woyzeck hat mit seiner Geliebten Marie ein uneheliches Kind. Um die beiden finanziell zu unterstützen, lässt er ihnen sein gesamtes Gehalt zukommen. Da aber das Geld dennoch nicht ausreicht, erlaubt Woyzeck einem skrupellosen Arzt, Versuche an ihm durchzuführen, wobei er sich an eine strenge Erbsendiät zu halten hat. Der von Haus aus eifersüchtige Woyzeck ertappt Marie zusammen mit dem Tambourmajor, mit dem sie ein Verhältnis hat. Durch die Versuche physisch und psychisch völlig labil geworden, hört Woyzeck eine Stimme, die ihm rät Marie umzubringen. Aus blinder Eifersucht ersticht Woyzeck Marie schließlich mit einem Messer am Ufer eines Sees.

Durch die Verwendung der Umgangssprache sowie des hessischen Dialekts im Gegensatz zur Sprache des Arztes und von Woyzecks Vorgesetzen soll auf den Unterschied in der ständischen Gliederung hingewiesen werden. Auch das Ausgeliefertsein Woyzecks an seine Vorgesetzten bzw. an den Arzt verdeutlicht dies. Die im Drama dargestellte Schizophrenie des Protagonisten zeigt die hässliche, von der Gesellschaft ungern gesehene Seite des menschlichen Daseins.

Büchner selbst hält sich somit an die von ihm geforderte Darstellung der Realität in der Literatur.

Auch in der Epoche des Expressionismus findet man einige Autoren, die ein ähnliches Verständnis von Literatur wie Büchner vertreten. Hierzu zählt zum Beispiel Gottfried Benn.

Der deutsche Arzt und Lyriker Gottfried Benn (1886–1956) führte in seiner Zeit als Arzt im berlinerischen Spandau ca. 197 Obduktionen durch. Dadurch erhielt er auch seinen präzisen Beschreibungsstil, was die überlieferten Sektionsprotokolle eindeutig belegen. All seine Erfahrungen, auch während zahlreicher Einsätze an der Kriegsfront, schlugen sich beispielsweise in den 1912 veröffentlichten und stark umstrittenen „Morgue“-Gedichten nieder. Darin beschreibt Benn sehr detailliert die Zustände des Krieges in den Feldlazaretten sowie die daraus resultierenden Verstümmelungen und die Grausamkeit des Todes. Als leitender Offiziersarzt war Benn zudem bei zahlreichen Exekutionen anwesend.

Neben Benn kann in diese Epoche auch der deutsche Schriftsteller Jakob van Hoddis eingeordnet werden. In seinem Gedicht „Weltende“ aus dem Jahr 1911 beschreibt er die aufstrebende Industrialisierung im Land sowie den Tod der Menschen durch Maschinen. Auch das bröckelnde Kaiserreich wird angesprochen. Insgesamt aber werden die Angst vor dem technischen Fortschritt der Menschen sowie die Bedrohung im Allgemeinen deutlich, womit das Gedicht sichtliche apokalyptische Züge erhält.

Auch Georg Heym kann der Epoche des Expressionismus zugeordnet werden. Dem 1911 von ihm verfassten Gedicht „Die Stadt“ liegt das Thema Stadt zugrunde. Darin werden vor allem das nächtliche Stadtleben, der lebhafte Stadtverkehr sowie das monotone Leben in der Stadt mit seiner Kurzlebigkeit dargestellt. Klar formuliert der Dichter eine Kritik an der Großstadt mitsamt ihrer Anonymität.

Betrachtet man nun diese drei dichterischen Werke des Expressionismus zusammen, so kann festgehalten werden, dass alle drei Autoren ihre (Um-)Welt exakt und detailgetreu darstellen und somit der Forderung Büchners entsprechen.

Auch der 1957 von Max Frisch verfasste Roman der Moderne „Homo faber“ zeigt die von Büchner geforderte realistische Darstellung der Welt. Darin steht der Protagonist Walter Faber, ein streng rational denkender und technisch orientierter Ingenieur, im Zentrum des Geschehens. Durch die Verkettung mehrerer Zufälle trifft er zunächst auf einem Flug den Bruder eines Jugendfreundes wieder. Durch einen technischen Defekt des Flugzeuges muss der Pilot in der Wüste notlanden. In zahlreichen detaillierten Beschreibungen z .B. des Flugzeuges lässt Faber die Leser an seinem technischen Wissen teilhaben. Im weiteren Verlauf der Handlung lernt Faber seine uneheliche Tochter, von der er zuvor nichts gewusst hatte, kennen und beginnt mit ihr eine inzestuöse Liebesbeziehung. Der Roman endet schließlich mit dem Tod Fabers.

Ebenso wie bei Büchner und den Autoren des Expressionismus wird in Max Frischs Roman „Homo faber“ die Welt sehr real und objektiv beschrieben. Gerade bei der Darstellung der technischen Details durch Walter Faber und dem damit verbundenen nüchternen, sachlichen Sprachstil kann dies festgestellt werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Literatur unterschiedliche Zwecke erfüllt. Dient sie der Unterhaltung, Ablenkung vom Alltag, dem Spaß sowie der Gedankenreise, so erfüllt hier die Verklärung der Welt ihren Zweck. Der Leser wird mitgenommen in eine andere, fantastische Welt und kann der realen Welt, dem Alltag, für einige Zeit entfliehen. Literatur wird jedoch auch zum Zweck der Bildung und Dokumentation eingesetzt. Hier ist ein detailgetreues Abbilden der Welt von Vorteil. Die Welt mit ihren Fehlern zu beschreiben ist erforderlich, wenn Literatur Anstoß zum Nachdenken sein und zur Kritik an bestimmten Zuständen verwendet werden soll. Auch erleichtert eine reale Darstellung der Welt die Identifizierung mit den handelnden Figuren.

Somit kann resümiert werden, dass unterschiedliche Ansprüche an Literatur unterschiedliche Darstellungsformen erfordern. In diesem Sinne haben sowohl die genaue Abbildung der Realität als auch ihre verklärende Darstellung bzw. eine Fantasiewelt ihre Daseinsberechtigung.

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