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Liebe und Verlust: Textinterpretation Drama/Epik: J. W. Goethe: „Stella – ein Schauspiel für Liebende“


Aufgabe

  1. Fassen Sie das Gespräch zwischen Madame Sommer und Stella zusammen und analysieren Sie, wie beide Frauen das Gefühl der Liebe und die Auswirkungen des Verlustes beschreiben. Berücksichtigen Sie dabei auch den Sprachgebrauch. (Material) (35 BE)
  2. Vergleichen Sie Stella (Material) mit Gretchen aus Goethes Drama Faust I bezüglich ihrer jeweiligen Lebenssituation und Liebesbeziehung. (35 BE)
  3. „Madame Sommer: Männer! Männer!  Stella: Sie machen uns glücklich und elend!“ (Material) Überprüfen Sie, ob Stellas Äußerung auch von Lene aus Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen hätte stammen können. (30 BE)

Material:

johann_wolfgang_von_goethe_stella_-_ein_schauspiel_fuer_liebende.pdf

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Werke Bd. 4, Dramatische Dichtungen II, München 1998, S. 318–321
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

Erlaubte Hilfsmittel:

  • ein Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
  • eine Liste der fachspezifischen Operatoren
  • Goethe, Faust I
  • Fontane, Irrungen, Wirrungen

Lösung

a)

Im Auszug aus Goethes Schauspiel „Stella“ aus dem Jahr 1776 führen zwei Frauen ein langes Gespräch über die Liebe. Dieses intime Gespräch zwischen Stella und Madame Sommer wird im Folgenden zuerst zusammengefasst und dann untersucht. Die Untersuchung konzentriert sich auf die Darstellung des Gefühls der Liebe sowie die Darstellung des Verlustes des Geliebten.

Sowohl Stella als auch Madame Sommer sind von ihren Partnern verlassen worden. Im Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass der Verlust des Geliebten nicht bloß den Verlust eines vertrauten und wohlwollenden Menschen bedeutet, sondern sogar den Verlust eines Aspektes des eigenen Ichs.

Stella und Madame Sommer lernen sich zu Beginn des Gesprächs kennen und entdecken im Gesprächsverlauf, dass sie etwas gemeinsam haben. Diese Gemeinsamkeit besteht in einer ähnlichen Auffassung über die Liebe – ein intimes Thema, dass man wohl nur selten mit einer fremden Person bespricht.

Das Gespräch beginnt mit Stellas Erklärung: „Was mein Herz gesteht, bekennt mein Mund gern.“ (Z. 1) Nachdem sie auf diese Weise deutlich gemacht hat, dass sie offen mit ihren Gefühlen umgeht, fordert sie ihre Gesprächspartnerin auf, von sich selbst zu berichten. Madame Sommer kommt dieser Bitte nach. Auch sie ist eine Frau, die kein Geheimnis aus ihren Gefühlen macht. Madame Sommer erklärt nämlich, dass sie ihre Reise als sehr anregend empfunden habe. Das Frühlingswetter und die „abwechselnden Gegenstände“ (Z. 4) hätten ihre Erinnerung angeregt und ihr ihre Jugendzeit und die Zeit ihrer Liebe in Erinnerung gerufen.

Stella greift dieses Thema auf, indem sie bekennt, dass auch sie sich noch mit einer vergangenen Liebe beschäftigt. Madame Sommer ist hierüber begeistert und fasst Stellas Hände, sodass bereits nach wenigen Sätzen eine intime Situation zwischen den beiden Frauen entstanden ist.

Stella erkennt durch dieses impulsive Verhalten Madame Sommers eine Liebende in ihrer Gesprächspartnerin: „Sie haben geliebt! O Gott sei Dank! Ein Geschöpf, das mich versteht!“ (Z. 18 f.) Da das Eis nun ge­brochen ist, öffnet sich Stella ihrer Gesprächspartnerin ganz und um­schreibt in eindringlichen Worten ihr Liebesgefühl.
Zu diesem Gefühl gehört die ständige Gegenwart des Geliebten im Be­wusstsein der Liebenden: „Ach! der Geliebte ist überall, und alles ist für den Geliebten!“ (Z. 23 f.) Stellas Wahrnehmungen sind in ihrem Alltag ständig von der Erinnerung und den Erwartungen an ihren Liebespartner durchtränkt. Die Erfahrung der Liebe war für Stella verbunden mit einem außerordentlichen Glücksgefühl, das selbst ein „Jahrtausend von Schmerzen und Tränen“ nicht aufwiegen könne (Z. 38).

Stella greift nun Madame Sommers Zwischenruf „Männer! Männer!“ auf, um die Kehrseite dieses Glücksgefühls zu beschreiben: das Gefühl des Verlustes, das eingetreten ist, als der Liebespartner fortblieb. Stella fühlt sich von der Welt nun entfremdet. Sie finde keinen passenden Platz mehr in ihrer Umgebung, da der Partner fehlt, der ihre Gefühle und Gedanken kennt: „Und wo ist denn nun der Himmelsstrich für dies Geschöpf, um drin zu atmen, um Nahrung drunter zu finden?“ (Z. 53 f.)

Daraufhin wirft Madame Sommer ein, dass die Leidenschaft, die während der Liebe empfunden wird, ein Selbstbetrug sei – sowohl von der Seite des Mannes als auch von der Seite der Frau. Dem widerspricht Stella zwar nicht, doch sie hat einen anderen Gedanken: Das Gefühl der innigen Verbundenheit, das sie in der Liebe erfahren hat, will sie durch eine innige Freundschaft mit Madame Sommer ersetzen. Denn bis heute suche sie nach Tätigkeiten, die sie vom Gefühl des Ver­lustes ablenken. Madame Sommer ist angetan von diesem Vorschlag und führt aus, dass Geschäftigkeit tatsächlich ein Ersatz für die verloren ­gegangene Liebe sein könne. Dem widerspricht Stella jedoch bestimmt: Für sie kann Tätigkeit immer nur eine Ablenkung oder „Entschädigung“ (Z. 77) sein, niemals jedoch ein vollwertiger Ersatz.

Sowohl Madame Sommer als auch Stella sprechen eine sehr kunstvoll geformte Sprache, um ihren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen.

Madame Sommer leitet das Gespräch mit einem langen Satzgefüge ein (Z. 3–9). Lange, komplex gebaute Sätze einerseits und knappe Interjektionen andererseits (z. B. Z. 10, 13, 17, 26) sind die auffälligsten Merkmale des Satzbaus in diesem Gespräch. Beide Merkmale können darauf zurückgeführt werden, dass die beiden Frauen versuchen, ihren komplizierten und nicht alltäglichen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das kann beispielsweise an folgendem Satz gezeigt werden: „Nein, du bist nicht zum Himmel zurückgekehrt, goldne Zeit! du umgibst noch jedes Herz in den Momenten, da sich die Blüte der Liebe erschließt!“ (Z. 10–13) Die Interjektion, die den Satz einleitet, verdeutlicht die Heftigkeit des Gefühls von Stella. Der Satz wird nach der Interjektion aber nicht abgebrochen, sondern fortgeführt. Und schließlich wird er durch einen Relativsatz ergänzt; das verdeutlicht die Komplexität des Gefühls von Stella, das aufwendig umschrieben werden muss.

Die zwei Frauen verwenden zahlreiche rhetorische Mittel, um ihre Ge­danken auszuschmücken und ihren subjektiven Empfindungen Anschau­lichkeit zu verleihen. Stella beginnt in der ersten Zeile gleich mit einer Metonymie: „Was mein Herz gesteht, bekennt mein Mund gern.“ Herz und Mund werden stellvertretend für die gesamte Person eingesetzt, wodurch Stellas Gefühlsbetontheit unterstrichen wird.

Weiterhin wird die Hochschätzung der Liebe durch Metaphern betont, z. B. in Zeile 12, als die Rede von der „Blüte der Liebe“ ist. Ebenso werden Vergleiche herangezogen, zum Beispiel in Zeile 14, als Stella Madame Sommers Gesicht mit dem „Angesicht eines Engels“ vergleicht. Darüber hinaus findet sich ein Chiasmus („der Geliebte ist überall, und alles ist für den Geliebten“, Z. 23 f.), der den Umfang des Liebesgefühls betont. Ebenso sind Parallelismen beziehungsweise Wiederholungen zu finden: „Dahinaus sah ich ihn fahren, dahinaus“ (Z. 29). Die eingesetzten Mittel unterstreichen immer die Intensivität des Liebesgefühls der beiden Frauen.

Viele der Wörter, die Stella und Madame Sommer verwenden, ent­stammen einem religiösen Vokabular. So ist die Rede von einem „Engel“ (Z. 14), von „Gott“ und „Geschöpf“ (Z. 18), vom „Himmel“ (25), einem „ewigen Lied“ (Z. 36) und „Seligkeit“ (Z. 37). Durch dieses Vokabular und die zahlreich verwendeten Stilmittel entsteht ein pathetischer Stil, in dem die Liebe als sehr ernsthafter und feierlicher Bereich erscheint und mit dem Bereich der christlichen Moral verbunden wird.

Die Untersuchung der Sprache hat gezeigt, dass die Liebe für die beiden Frauen eine Erfahrung ist, in der sie ihre Subjektivität mit einem anderen Menschen teilen und ihre individuellen Anlagen entfalten können. Denn jede subjektive Empfindung, die die Liebenden haben, teilen sie zugleich mit ihrem Geliebten. Es zeigt sich, dass „alle Musik nur Melodie zu dem ewigen Liede seines Herzens“ (Z. 36 f.) ist. Stella macht klar, dass Liebe für sie auch mit Erotik und Leidenschaft zu tun hat: Sie erwähnt einen „feurigen Kuß“ (Z. 40 f.) und „stürmende Leidenschaft“ (Z. 47). Dennoch wird durch die religiösen Vokabeln deutlich, dass Liebe nichts Unmoralisches ist. Vielmehr erscheint sie sogar als außergewöhnlich erstrebenswerter und sensibler Zustand.
Liebe erscheint als das Teilen einer inneren Welt, als harmonischer Zu­stand, „Melodie zu dem ewigen Liede [des] Herzens“ (Z. 36 f.), als erotische und intime Verbindung („feurigen Kuß“, Z. 40 f., „ruhigatmende Umarm­ung“, Z. 41) und als „stürmende Leidenschaft“ (Z. 47).

Die Liebe existiert aber nur durch die innige Verbundenheit zweier Individuen. Wenn eines der beiden verschwindet, entsteht ein Verlust, der nicht mehr leicht ausgeglichen werden kann. Plötzlich fehlt der gesamte Ausdrucks- und Erfahrungsraum für die Subjektivität des Einzelnen.

Durch verschiedene Tätigkeiten soll das Gefühl des Verlustes überwun­den werden. Die vielversprechendste davon ist für Stella, die innere Welt mit einer Person zu teilen, die diese Welt auch verstehen kann – d. h. mit einer guten Freundin. Madame Sommer dagegen hält auch die Beschäfti­gung für einen Ersatz. Dieser Auffassung widerspricht Stella, denn in den meisten Tätigkeiten, die die verlassenen Liebenden suchen – zum Beispiel die Hausarbeit oder die Beschäftigung mit Kindern –, kann kein Ersatz liegen. 

b)

Goethe hat mehrere starke Frauenfiguren geschaffen. Gretchen aus seiner Tragödie „Faust I“, die 1808 erschien, ist wohl die bekannteste von ihnen. Genau wie durch Stella (1776) wird durch die Figur Gretchen die Liebe thematisiert. Doch obwohl es zwischen Stella und Gretchen große Gemeinsamkeiten gibt, was den Charakter angeht, gibt es entscheidende Unterschiede. Es sieht so aus, als ob der Autor Goethe nicht nur das Thema anders behandelt hat, sondern das Thema nach 32 Jahren auch anders versteht.

Dass das Thema in „Faust I“ anders geschildert wird als in „Stella“, lässt sich bereits an der Dramenform erkennen. Während „Stella“ schlicht als „Schauspiel“ bezeichnet wird, ist „Faust I“ eine Tragödie, die in der Katastrophe endet. Diese liegt im Ausgang der Liebesbeziehung zwischen Faust und Gretchen.
Die wichtigsten Unterschiede in der Darstellung der Liebesauffassungen, aber auch der Lebenssituationen Gretchens und Stellas sollen im folgenden Vergleich verdeutlich werden.

Stella wirkt durch ihre Ausdrucksweise sehr gebildet, während Gretchen schlichter formuliert. Ihr Stil ist weniger metaphorisch und schlichter als der Stellas: „Wer hat dir Henker diese Macht / Über mich gegeben! / Du holst mich schon um Mitternacht. / Erbarme dich und lass mich leben!“ (V. 4427–4430)

Von Stella erfahren wir weiterhin, dass sie öfter in einer „Loge“ saß (Z. 32) und Hüte mit einem „Federbusch“ (Z. 35) trug. Da sie an der geho­benen Kultur teilnimmt und modische Kleidung trägt, kann angenommen werden, dass sie relativ wohlhabend ist und einer gebildeten Schicht ent­stammt. Gretchen dagegen hat einen einfachen Hintergrund und ist zu­dem noch sehr jung. Sie bezeichnet sich selbst als „arm unwissend Kind“ (V. 3215).

Eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Frauen ist ihre Sitt­lichkeit. Stella spricht jedenfalls eine religiös angehauchte Sprache; Gretchen ist sehr fromm und gläubig.

Durch das uneheliche Kind von Faust erleidet Gretchen einen starken Ansehensverlust; ihr Bruder, der Faust wegen dieses Kindes stellen wird, beschuldigt Gretchen öffentlich, bevor er von Faust erstochen wird. Ein solcher Ansehensverlust ist uns von Stella nicht bekannt. Ganz zur Ausgestoßenen wird Gretchen, nachdem sie sich dazu entschließt, ihr Kind zu töten. Als Mörderin verurteilt, wird die halb wahnsinnige Frau nun in eine Kerkerzelle gesteckt und ist damit am untersten Rand der Gesellschaft angelangt.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen den beiden Figuren bestehen in den verschiedenen Liebesbeziehungen.

Stella hat nicht nur in Madame Sommer eine Seelenverwandte, die ge­nauso fühlt und empfindet wie sie selbst. Sie hatte auch in ihrem ver­schwundenen Liebhaber einen Vertrauten, mit dem sie eine Zeit lang all ihre Gefühle geteilt hat. Daran ändert auch Madame Sommers Bemerkung nichts, Liebende betrögen sich in Augenblicken der Leidenschaft gegenseitig (Z. 56).

Gretchen dagegen wurde von Anfang an manipuliert – und dies nicht nur von ihrem Geliebten Faust. Vielmehr wurde auch dieser noch manipu­liert und fehlgeleitet, und zwar von Mephistopheles. Die Liebesbezieh­ung ist insofern von Beginn an tragisch gewesen, da Faust selbst manipu­lierbar und schwach war: Um seinem faustischen Streben nachzugehen, hat er sich ganz in die Hände von Mephistopheles begeben. Dieser hat auch die Verbindung zwischen Faust und Gretchen hergestellt. Somit stand diese Liebesbeziehung von Anfang an unter einem schlechten Stern.

Stella leidet sicherlich unter dem Gefühl des Verlustes, doch Gretchen leidet noch zusätzlich unter der Verachtung ihrer Mitmenschen und zudem an ihrem eigenen schlechten Gewissen. Während für Stella die Liebe nach wie vor erstrebenswert ist, hinterlässt sie bei Gretchen nur Verzweiflung. Gretchen und Faust erleben zwar schöne Stunden miteinander, doch die Folgen ihrer Beziehung können beide nicht kontrollieren. Für Gretchen endet diese Beziehung in einer Katastrophe.

Goethes Dramen haben sich gemeinsam mit ihrem Autor entwickelt. Der jugendliche Goethe sah in der Liebe die Möglichkeit, zwei Menschen füreinander völlig vertraut zu machen und beiden neue Erlebensweisen und Erfahrungen zu ermöglichen. Der Autor des „Faust I“ betont aber auch das „Dämonische“ im Menschen: Faust ist ein Getriebener und er treibt Gretchen mit – in einen Abgrund. Dass es zur Katastrophe kommt, ist jedoch nicht nur Faust zuzuschreiben. Vielmehr erscheint in „Faust I“ die Gesellschaft als dritter Teilnehmer in der Beziehung: Die kirchliche Moral ist von der Liebe getrennt und verursacht Gretchen ein schlechtes Gewissen, während sie für Stella mit der Liebe vereinbar ist. Der Kindsmord und der Tod des Bruders wurden nicht durch Gretchens Ehrbegriff, sondern durch die Vorurteile ihres sozialen Um­feldes verursacht. 

c)

In Fontanes Gesellschaftsroman „Irrungen, Wirrungen“ aus dem Jahr 1888 wird wie in Goethes „Stella“ eine Liebesgeschichte dargestellt. Fontanes Thema sind aber auch die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und ihre jeweiligen Auffassungen von der Liebe.
Die Aussage, dass Männer „glücklich und elend“ machen, hätte sicherlich auch von Lene kommen können – allerdings mit einem anderen Sinn. Denn das Elend, das Lene durch die Liebe entstehen sieht, ist ein Elend, das nicht durch die Männer selbst verursacht wird, sondern durch die gesellschaftlichen Erwartungen an sie. Diese Erwartungen führen dazu, dass sie die Liebe und das Glück finanziellen Interessen und Standesinteressen opfern.

Zu den auffälligen Gemeinsamkeiten zwischen Stella und Lene gehört das Erleben der Höhen und Tiefen einer Liebesverbindung. Beide Frauen erweisen sich als sensible und genaue Beobachterinnen ihrer Partner und des Verlaufs der Liebesgeschichte. Sie kommentieren und analysieren sowohl ihr Glück als auch das Unglück und die Verlusterfahrungen, die die Liebe ihnen bringt.

Stella und Lene erfahren die Liebe beide als großes Glück. Für Stella bringt sie eine „goldene Zeit“ (Z. 8, 11), an die sie sich später immer gerne erinnern wird. Von Lene erfahren wir durch einen personalen Erzähler, der Bothos Perspektive reflektiert, dass in ihrem Charakter üblicherweise etwas „Entschlossenes und Herbes“ liege. Dieser Charakterzug sei allerdings durch die Liebe aufgeweicht worden. Der Erzähler relativiert diese Beobachtungen auch dann nicht, wenn er eine auktoriale Erzählhaltung annimmt. Das Glück der Liebe bedeutet für Lene, die aus armen Verhältnissen kommt, auch, für eine kurze Zeit von ihrem alltäglichen Lebenskampf entlastet zu sein und mit Botho unbekümmerte und sorglose Stunden verbringen zu können.

Stella hat Mühe, den Verlust ihres Geliebten zu bewältigen. Die Ablenk­ung durch alltägliche Arbeiten oder die intime Verbindung mit einer Freundin können eine gewisse Linderung herbeiführen. Auch für Lene ist völlig klar, dass das Ende der Liebe ein Ende des Lebensglücks mit sich bringt. Botho gegenüber äußert sie, dass ein Leben ohne Liebe ein Leben „ohne Glück“ (S. 106) sei. Botho bittet sie nach der Trennung um Verzeih­ung, dass er „ihrem Herzen weh tue“. Lene stimmt schlicht zu, dass die Trennung schmerzt, und schweigt dann. Lene hat ein fatalistisches Verhältnis zu ihrem eigenen Glücksbedürfnis, das bereits in ihrer Entschlossenheit und Herbheit angelegt wurde. Ihre Härte ist nichts anders als der praktische Umgang mit dem verweigerten Lebensglück, eine Schutzreaktion vor einem zu großen Verlustgefühl.

Es kann festgehalten werden, dass Lene wie Stella durch die Liebe unglücklich wird, doch im Unterschied zu Stella ist es ein Unglück, mit dem sich Lene bereits abgefunden und in dem sie sich notgedrungen eingerichtet hat. 

Fontanes Roman besteht – obwohl er ein Roman ist – zu einem erheblichen Anteil aus Dialog, er hat also auch eine dramatische Komponente. Wie im Drama ermöglichen es die Dialoge, Figuren zu charakterisieren. Das geschieht sowohl über den Inhalt der Äußerungen als auch über deren Stil. Jede Figur hat eine typische Ausdrucksweise, die sie als Angehörige einer Schicht mit einem entsprechenden Bildungsgrad charakterisiert, aber auch als Individuum mit besonderen Eigenheiten.
Während Stella durch ihre Sprache als außerordentlich gebildete und vornehme Frau gekennzeichnet ist, ist Lenes Sprachstil schlicht bis umgangssprachlich. Der Satzbau ist wenig komplex und das Vokabular ist wenig gewählt. Das ändert zwar nichts an der Tatsache, dass Lene in der Regel kluge Dinge von sich gibt, doch sie hat nicht Stellas Gewandtheit und kulturelle Ausbildung. Stattdessen gehört sie einer kleinbürgerlichen Schicht an und ist auch durch eine große gesellschaftliche Distanz von ihrem Liebespartner getrennt.

Für Stella ist die Liebe ein „ewiges Lied“ (vgl. Z. 36), Lene hingegen hat ständig das Ende ihrer Liebe vor Augen. Liebe und eine erfüllte Beziehung haben für sie den Charakter eines schönen, flüchtigen Traumes: „Wenn man schön geträumt hat, so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, wenn die Wirklichkeit wieder anfängt.“ (S. 105) Während ihr Partner Botho sich die Möglichkeit einer dauerhaften Beziehung zu Lene einredet, durchschaut Lene, dass gesellschaftliche Erwartungen einer solchen Verbindung im Weg stehen, denn die Liebe wird finanziellen Interessen untergeordnet.

Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass das „Unglück“ für Lene anders als für Stella nicht das Ergebnis individueller Entscheidungen ist. Vielmehr ist es das Ergebnis gesellschaftlicher Regeln und Erwartungen, denen sich Einzelne unterwerfen. Jedenfalls gilt das für ihren Partner Botho. Dieser bereut seine Entscheidung zwar sein Leben lang, widersetzt sich aber nicht ernsthaft den Erwartungen seines adeligen Umfeldes. Deswegen heiratet er seine Cousine Käthe, auch wenn sie für ihn völlig uninteressant ist.

Die Hypothese, dass Lene Stellas Äußerung zwar dem Wortlaut, aber nicht dem Sinn nach hätte machen können, hat sich bestätigt. Lene steht Gretchen näher als Stella, wenn auch ihr Schicksal nicht so tragisch ist. Denn während Stella eine optimistische und erfolgreiche Liebende ist, ist Lene eine gescheiterte Liebende, die sich aber aufgrund ihres Realismus in ihr Schicksal fügt. 

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