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Interpretationsaufsatz zu einem Kurzprosatext: F. Kafka (1883–1924): „Ein altes Blatt“


Lösung

Viele Werke von Franz Kafka kennen wir nur, weil sie sein Freund Max Brod aus dem Nachlass herausgegeben hat. Das ist bei der vorliegenden kurzen Erzählung „Ein altes Blatt“ anders. Die Erzählung erschien bereits zu Kafkas Lebzeiten, und zwar in dem Sammelband „Ein Landarzt“ im Jahr 1920. Vom Titel der Erzählung her scheint es sich auf den ersten Blick um eine alte, lange zurückliegende Geschichte zu handeln.

Die Geschichte setzt unvermittelt ein. Ein Icherzähler, von dem wir im Verlauf des Textes erfahren, dass er Schuster ist und seine Werkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen Palast hat, setzt ein mit einer Reflexion zur aktuellen außenpolitischen Situation seines Vaterlandes. Man habe sich, durchaus vorwurfsvoll auch an sich und andere Bewohner bzw. Handwerker des Heimatlandes gerichtet, in der Vergangenheit nicht um die Verteidigung des Landes gekümmert. Nun sei, erfahren wir gleich im ersten Abschnitt, eine Situation eingetreten, die Grund zur Sorge bereite.

Der Icherzähler liefert nun die Vorgeschichte nach. Das Land, in dem er lebt, das Kaiserreich, sei aus dem Norden angegriffen worden von Nomaden, die – für den Icherzähler unbegreiflich – das ganze Land besetzt hätten und auch schon in den Gassen der Hauptstadt aufgetaucht seien.

Über die Lage des Kaiserreichs erfahren wir nichts, auch nicht über die historische Epoche, in der das Geschehen zu verorten ist. Unklar bleibt auch, ob es sich überhaupt um einen Text handelt, der auf historische Vorgänge anspielt. Denkbar wären z. B. die Vorgänge um das römische oder chinesische Kaiserreich, wenn die Vorgänge in der Vergangenheit liegen, oder auf Österreich-Ungarn, Russland oder wiederum China, wenn es sich um Vorgänge handelt, die sich um 1900 ereignen. Aber ist der Text überhaupt mit Bezug auf reale Vorgänge zu lesen? Oder werden hier Vorgänge in einer rein fiktiven Welt reflektiert, Vorgänge, die modellhaft das Aufeinanderprallen zweier grundverschiedener Kulturen entwickeln, gewissermaßen einen clash of civilizations?

Zwischen den beiden Kulturen, der arbeitsteiligen Zivilisation des Kaiserreichs und dem Nomadenvolk, ist keinerlei Verständigung möglich. Nicht nur bleibt dem Icherzähler, wie wir bereits gehört haben, der Grund für den Erfolg der Nomaden unerklärlich, die Bewohner des Kaiserreichs sind nicht einmal in der Lage, die Sprache der Nomaden zu verstehen – und umgekehrt. Der Icherzähler vergleicht ihre Sprache mit den Lauten von Dohlen, also von Vögeln. Er spricht den Nomaden damit eine menschliche Artikulationsweise ab. Auch über Gestik und Mimik, also über körpersprachliche Signale, ist keine Kommunikation möglich. Die Nomaden interessieren sich nicht für die Lebensweise und Einrichtungen des Kaiserreiches, sie lagern unter freiem Himmel, sie vermeiden, ja, verabscheuen Wohnhäuser, wie der Icherzähler betont. Als Leser drängt sich hier die Frage auf, warum die Nomaden das Kaiserreich überfallen haben, was sie daran so attraktiv fanden. Aber auch auf diese Frage erhalten wir keine Antwort. Auffällig ist auch, dass der Icherzähler, der offensichtlich Bewohner eines differenziert strukturierten, hierarchisch gegliederten Reiches ist, über den gesellschaftlichen Aufbau des Nomadenvolkes gar nichts zu berichten weiß. Sie erscheinen durchgehend als amorphe, ungegliederte, rohe Masse. Eine Struktur oder Organisation bei den Nomaden ist in der Beschreibung durch den Icherzähler nicht erkennbar.

Der Icherzähler schildert an konkreten Erlebnissen und Situationen, wie sich die Nomaden verhalten. Das Erzählte steigert sich beinahe ins Groteske. Zunächst erwähnt er, dass die Nomaden dem Fleischer das Fleisch entreißen und es sofort verschlingen, und zwar gemeinsam mit ihren Pferden. Der Leser ist verblüfft: Sie werden das Fleisch doch nicht roh verschlingen? Doch, denn als der Metzger eines Tages den Nomaden einen lebendigen Ochsen überbringt, zerreißen sie ihn bei lebendigem Leib mit ihren Zähnen. Dieser Vorgang, den der Icherzähler offensichtlich nicht sieht, von dem er nur hört, erschreckt ihn so, dass er sich erst, als schon lange wieder Stille eingetreten ist, aus dem Haus wagt. Er sieht nun die Nomaden und vergleicht sie mit Trinkern, die um ein Weinfass lagern. Dieser Vergleich muss dem Leser als unangemessen erscheinen: Trinker mögen unmäßig sein, wie die fleischfressenden Nomaden auch, aber eine Gefahr geht von Trinkern nicht aus. Von den Nomaden aber geht eine Gefahr aus. Sie sind auch stets, wenn sie nicht gerade Fleisch verzehren, mit kriegerischen Handlungen beschäftigt: Sie schärfen die Schwerter, sie spitzen die Pfeile, sie üben zu Pferde.

Wie reagieren die Bewohner des Kaiserreiches? Gibt es Versuche der Gegenwehr? Wie sehen diese aus? Der Erzähler berichtet zunächst vom anfänglichen Versuch, den zentralen Platz rein zu halten. Allerdings scheitert der Versuch immer wieder am Verhalten der Nomaden. Die Reinigungsversuche sind vergeblich und gefährlich, denn der Bewohner des Kaiserreichs läuft Gefahr, von den Nomaden niedergeritten zu werden. Der Icherzähler beteuert, dass die Nomaden keine Gewalt anwenden, sagt aber zugleich, dass sie sich nehmen, was sie brauchen. Wie ist dies zu erklären? Ganz einfach damit, dass die Bewohner des Kaiserreiches zur Seite treten und den Nomaden alles überlassen. Auch dem Schuster, dem Icherzähler, ist schon manches geraubt worden; er beruhigt sich zunächst aber mit dem Verweis darauf, dass es dem Fleischer noch viel schlimmer geht. Offensichtlich verdrängt er zunächst die Gefahr, die von den Nomaden ausgeht. Der Text setzt ja auch mit seiner schon erwähnten Bemerkung ein, es sei Zeit, „sich Sorgen zu machen“. Das klingt nicht besonders dramatisch. Einen ganz anderen Eindruck vermitteln dann die Schlusssätze. Hier zitiert der Icherzähler in direkter Rede die Befürchtungen, die sich im Kaiserreich verbreitet haben: Die Handwerker und Geschäftsleute, denen die Rettung des Vaterlandes anvertraut sei, „sind dieser Aufgabe nicht gewachsen“. Der Icherzähler nimmt sich hier ausdrücklich nicht aus, sondern spricht von „wir“, von „uns“. Die Reflexion des Icherzählers endet mit der düsteren Vision, dass „wir […] daran zugrunde gehen“ werden. Dieses schlimme Fazit, das der Icherzähler zieht, steht im Gegensatz zu den eingangs erwähnten „Sorgen“, die man sich machen müsse. Wie ist dieser Gegensatz zu erklären? Hat der Icherzähler über seine Reflexion seine anfängliche Einschätzung der Situation ändern müssen, ist bei ihm also ein Erkenntniszugewinn, wenn auch ein schmerzhafter, zu verzeichnen gewesen? Oder hat er von Anfang an gewusst, dass es um alles, um Sein und Leben geht, hat dies aber dem Leser gegenüber noch verschweigen wollen, vielleicht sich selbst noch nicht eingestehen wollen?

Von den Handwerkern und Geschäftsleuten also ist keine Rettung zu erwarten. Wie sieht es mit der Zentralgewalt, dem Kaiser aus? Hier wird der Icherzähler vorsichtig. Vom Kaiser – und seinen Truppen – ist nicht viel die Rede. Der Icherzähler „glaubt[]“ ihn gesehen zu haben, wie er am Fenster steht und mit gesenktem Kopf die Vorgänge vor seinem Schloss beobachtet. Möglicherweise hat der Icherzähler den Kaiser gar nicht gesehen, möglicherweise entsprang diese Sichtung nur seinem Wunsch, dass der höchste Würdenträger im Reich Gegenmaßnahmen ergreifen möge. Und wenn er ihn tatsächlich gesehen hat, dann nur in einer resignierenden Haltung. Die Hoffnung, die mit dem Kaiser verbunden ist, wird letztendlich enttäuscht. Weder die Bewohner noch die Zentralgewalt des Kaisers haben den Nomaden etwas entgegenzusetzen.

Der Text ist im Präsens verfasst. Der Leser kann sich fragen, wann der Text verfasst worden ist: weit zurückliegend in der Vergangenheit, damals im Präsens geschrieben, und er hat sich auf einem alten Blatt erhalten oder ist es ein aktueller Text, der aus bestimmten Gründen den Titel „Ein altes Blatt“ trägt? Mit diesen Fragen hängt auch das Verständnis des Textes zusammen. Geht es um Vorgänge, die vergangen sind, vergangen auch mit Blick auf die Entstehungszeit des Textes? Geht es um einen Konflikt, der um 1900 aktuell ist? Oder geht es um Vorgänge, die modellhaft reflektiert werden und auch für den heutigen Leser von Bedeutung, von Aktualität sind?

Um meine Antwort auf diese Frage vorzubereiten, möchte ich eine methodische Überlegung einschalten. Sie zielt auf die Textsorte. Kafkas Text kann als Parabel gelesen werden. Eine Parabel ist eine gleichnishafte Erzählung. Sie besteht aus einem Vergleichsbereich, einer Bildhälfte, und einem Grundbereich, einer Sachhälfte, auf die die Bildhälfte verweist. In vielen Parabeln, so auch in Kafkas Text, ist die Sachhälfte ausgespart. Der Leser muss also die Elemente der Bildhälfte identifizieren und die Entsprechungen dazu auf der Sachhälfte finden. So könnte z. B., wenn man das Geschehen als überzeitlich gültige politisch-gesellschaftliche Parabel versteht, das Kaiserreich als eine satte, selbstzufriedene Zivilisation verstanden werden, die von einem jungen, armen Volk, das bisher völlig unbeachtet blieb, bedroht wird. Bezogen auf die Zeitgeschichte um 1900 könnte man die Parabel auch als Ausdruck der Angst verstehen, die im alten, differenzierten Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn um sich griff mit Blick auf die Bewegung des Panslawismus, der die Existenz Österreich-Ungarns bedrohte. Ich persönlich würde eine philosophisch-existenzialistische Interpretation favorisieren: Das Kaiserreich mit seinen Bewohnern steht dann für den Menschen, für jeden Menschen, der sich um ein zivilisiertes, geordnetes Leben bemüht, der aber immer wieder den Einbruch der Gewalt, des Triebhaften erleben muss und sich dagegen nicht wehren kann. Der Kaiser steht für die machtlose, Ordnung suchende Vernunft, die die Verheerungen nicht vermeiden kann. 

Eingangs wurde darauf verwiesen, dass die vorliegende Erzählung bereits zu Kafkas Lebzeiten erschienen ist. Aus dem Nachlass wurde eine Erzählung veröffentlicht, die Fragment geblieben ist, die aber in einem Zusammenhang mit der Erzählung „Ein altes Blatt“ stehen könnte. Gemeint ist die Erzählung „Beim Bau der chinesischen Mauer“, vermutlich kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs entstanden. Wir hören darin wieder von einem Kaiserreich – als „chinesisches“ benannt –, das bedroht wird. Auch in diesem Reich gibt es kaum einen Kontakt zwischen Kaiser und Bewohnern. Aber die Bewohner haben sich an die Arbeit gemacht, eine riesige Mauer, eine Schutzmauer gegen Eindringlinge zu errichten. Allerdings ist auch dieser Versuch, durch geordnete, kollektive Zusammenarbeit einen Schutzwall zu errichten, letztlich vergeblich, denn die Mauer – so legt es der Text nahe – wird niemals vollendet werden und verfehlt damit die ihr zugewiesene Schutzfunktion gegenüber möglichen Eindringlingen. Auch diese Erzählung kann, nach dem oben entwickelten Verständnis, als Parabel gelesen werden.

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