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Interpretationsaufsatz zu einem Gedicht oder Gedichtvergleich: B. Brecht: „Sonett Nr. 19“; S. Kirsch: „Dreistufige Drohung“


Lösung

Die Liebeslyrik stellt die wohl älteste überlieferte Form der Lyrik dar, denn diese erreichte schon vor der Zeitenwende zu Zeiten des Ovid ihren ersten Höhepunkt in der griechischen Antike. Einige Jahrhunderte später, während des Mittelalters (ca. 12./13. Jh.), hatte sie in ganz Europa einen ungeheuren Zulauf. Dichter wie Walther von der Vogelweide und Hartmann von Aue waren einige der bekanntesten Minnesänger (von mhd. minne = nhd. Liebe), die ihre Gedichte in Liedform vortrugen und von denen heute noch Zeugnisse überliefert sind. Aber auch während der Barockzeit (17. Jh.) sowie in der Romantik (18./19. Jh.) wurden zahlreiche bekannte Gedichte verfasst, die der Liebeslyrik zugeordnet werden können. Nicht zuletzt ist es die moderne Popmusik, die sich immer häufiger der Liebeslyrik bedient und auf großen Anklang bei der Bevölkerung stößt.

Im Folgenden werden die beiden Liebesgedichte „Sonett Nr. 19“ von Bertolt Brecht sowie „Dreistufige Drohung“ von Sarah Kirsch zunächst interpretiert. Im Anschluss daran werden beide miteinander verglichen. Beide Gedichte sind der Liebeslyrik zuzuordnen und beschäftigen sich mit dem Thema Verlustangst, stellen das Thema aber unterschiedlich dar.

Bertolt Brecht schrieb dieses Sonett im Jahr 1939, als er sich bereits im Exil in Nordeuropa aufhielt. Sechs Jahre vorher floh der Autor mit seiner Familie aus Deutschland ins Ausland, da er von den Nationalsozialisten auf die Liste der „verbotenen Autoren“ gesetzt wurde und im Zuge dessen all seine Bücher verbrannt wurden. Ebenso erkannte man ihm 1935 die deutsche Staatsbürgerschaft ab, woraufhin er über Tschechien, Österreich, die Schweiz, Frankreich und Dänemark schließlich 1939 nach Schweden kam.

Zu jener Zeit hatte Brecht eine Geliebte, Margarete Steffin, die ihm sogar ins schwedische Exil gefolgt war. Jedoch litt sie unter Tuberkulose und war zu dieser Zeit schwer erkrankt. Man nimmt an, dass Brecht das vorliegende Sonett für seine Geliebte geschrieben hat.

Bei einem (barocken) Sonett werden die Strophen, hinsichtlich der Anzahl ihrer Verse, in zwei Quartette (Strophen mit jeweils vier Versen) und in zwei Terzette (Strophen mit jeweils drei Versen) gegliedert.

Das typische Metrum oder Versmaß des Sonetts ist der Alexandriner, ein sechshebiger Jambus mit einer Zäsur (Einschnitt) nach der dritten Hebung.

Beim klassischen Sonnett wird üblicherweise das Reimschema abba – abba – cdc – dcd verwendet. Hier jedoch variiert es folgendermaßen: abba – cddc – ded – ffe. Auch verwendet der Autor lediglich einen fünfhebigen Jambus.

Die strenge äußere Form des Sonetts aber wird beibehalten.

Eng mit dieser strengen Form ist der Inhalt des Gedichtes verknüpft, worauf im weiteren Verlauf noch einmal Bezug genommen wird.

In Strophe eins beschreibt das lyrische Ich die Angst, von der Geliebten verlassen zu werden. Gleich in Vers 1 wird dies deutlich: „Nur eines möchte ich nicht: daß du mich fliehst.“ Anhand zahlreicher Beispiele wird nun verdeutlicht, wie sehr das lyrische Ich die Geliebte braucht. Diese Bedenken werden in den folgenden Versen veranschaulicht: „Ich will dich hören, selbst wenn du nur klagst.“ (V. 2) Das lyrische Ich zählt hier einige menschliche Gebrechen wie beispielsweise Blindheit oder Stummsein auf, die darauf hinweisen, dass es unter großen Verlustängsten leidet und die Geliebte selbst unter diesen Umständen nicht verlieren möchte (vgl. V. 3 f.).

Die folgende Strophe knüpft inhaltlich an die vorangegangene an, indem abermals erwähnt wird, dass das lyrische Ich die Geliebte auch bei deren Blindheit betrachten möchte (vgl. V. 5). Dies lässt sich auch formal daran erkennen, dass die beiden ersten Strophen und damit die Verse 4 und 5 durch fehlende Interpunktion am Ende des vierten Verses formal und inhaltlich miteinander verbunden sind. Daran anschließend wird die Geliebte als „Wacht“ bezeichnet (vgl. V. 6). Dieser Ausdruck entstammt ursprünglich der Sprache des Militärs, kann in diesem Kontext aber als „Wächter“ oder „Wegbegleiter“ gedeutet werden. Der gemeinsame Weg, den die beiden Liebenden durch das Leben gehen, sei noch nicht vorüber (vgl. V. 7), obwohl das „Dunkel“ (V. 8) derzeit noch vorherrsche. Daraus lässt sich schließen, dass die derzeitige Situation der beiden Liebenden eine schwierige ist. Jedoch sieht der Autor auch das „Licht am Ende des Tunnels“ und drückt seine Hoffnung auf bessere Zeiten aus. Dies wird besonders durch das Wörtchen „noch“ (v. 7) zum Ausdruck gebracht. Das Dunkel, in dem die beiden Liebenden stehen, soll sich durch den zukünftigen gemeinsamen Weg erhellen. Die Liebenden haben mit ihrem Weg also eine gemeinsame Aufgabe, die es zu bewältigen gilt.

In der dritten Strophe wird zunächst die Folgerung aus dem bisher Gesagten gezogen. Das lyrische Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass Ausreden, das Leben nicht in vollen Zügen zu genießen, nicht zugelassen werden. Keine Verwundung oder Verletzung (vgl. V. 9) entschuldige, etwas Lebenswichtiges aufzuschieben. Durch die anaphorische Verwendung von „So gilt kein […]“ in den Versen 9 und 10 wird noch einmal die Eindringlichkeit der Aufstundung der (irdischen) Vergnügungen betont. Dies wiederum kann als Anlehnung an die barocke Thematik gesehen werden, in der dieser Carpe-diem-Gedanke stark hervorgehoben wurde. Im letzten Vers des ersten Terzettes wird noch einmal der „Dienst“ (V. 11) angesprochen, der wiederum Bezug zum militärischen Wortschatz herstellt, ebenso wie das Wort „Wacht“ in Vers 6. Natürlich steht nicht der militärische Dienst an der Waffe im Vordergrund, sondern der zu leistende Dienst, also die Aufgabe, in einer Beziehung, diese aufrechtzuerhalten.

In der vierten und letzten Strophe wird die Geliebte direkt angesprochen: „Du weißt es: wer gebraucht wird, ist nicht frei.“ (V. 12) Dies impliziert, dass derjenige, der gebraucht wird, niemals frei sein könne. Damit betont das lyrische Ich die Pflicht, füreinander da zu sein. Es stellt die Bindung zum Gegenüber über die Freiheit des Einzelnen. Das lyrische Ich stellt sehr nachdrücklich heraus, die Geliebte für das weitere Leben zu brauchen. Sehr eindringlich wird deutlich gemacht, dass der Liebende abhängig von der Geliebten ist, deren Pflicht es ist, für ihn da zu sein und an seiner Seite zu stehen. Im letzten Vers, der sogenannten Schlussfolgerung, wird jedoch klar zum Ausdruck gebracht, dass beide, das lyrische Ich sowie dessen Geliebte, einander brauchen (vgl. V. 14). Daraus ergibt sich, dass das lyrische Ich die Forderungen, die es an die Geliebte stellt, auch selbst bereit ist zu erfüllen.

Im Anschluss an die Interpretation des Gedichts „Sonett Nr. 19“ von Bertolt Brecht soll nun das Gedicht „Dreistufige Drohung“ von Sarah Kirsch interpretiert werden.

Das Gedicht erweckt zunächst einen unregelmäßigen Eindruck. Insgesamt besteht es aus drei Strophen, wobei die ersten beiden aus sechs Versen, die letzte aus fünf Versen besteht. Das Gedicht reimt sich nicht, auch kann kein regelmäßiges Metrum festgestellt werden. Ebenso verhält es sich mit den Kadenzen, die stark alternieren. Der unregelmäßige Aufbau passt zu der inhaltlich dargestellten inneren Zerrissenheit

Das Gedicht beginnt, wie jede der drei Strophen, mit einer an den Geliebten gerichteten Frage. Diese Fragen informieren den Leser über das Handeln des Geliebten, der sich selbst nie äußert. Das lyrische Ich fragt den Geliebten, ob er es verlassen will (vgl. V. 1). Dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt, wird durch die sich darauf direkt anschließende Drohung deutlich. Das lyrische Ich möchte den Weggang des Geliebten dem Mond sagen, der die Tat als „weißzahnig[es]“ (V. 3) Monster dann rächen soll. Der umgangssprachliche und trotzige Ton ähnelt dem eines Kindes, das durch Trotzreaktion versucht eine Verhaltensänderung beim Gegenüber herbeizuführen. Die herbeigerufenen Gestirne wie „Mond“ (V. 2 f.) und „Große[r] Wagen“ (V. 4) werden wie im Märchen personifiziert, da sie dem lyrischen Ich zu Hilfe eilen und den Weggang des Geliebten verhindern sollen. Die erste Strophe endet mit der Alliteration „rollt er weißzahnig hinter dir her!“ (V. 6), die die Drohung noch einmal verdeutlicht.

Der Geliebte ist nun bereit zu gehen, er hält sogar schon die Türklinke gedrückt (vgl. V. 7). Die Inversion „Die Klinke drückst du?“ betont die Aufbruchsituation und unterstreicht den sich damit zuspitzenden Konflikt. Das lyrische Ich reagiert, indem es eine weitere Naturgewalt anspricht, nämlich den Wind. Er soll unwetterartig über den Geliebten herfallen und ihn dadurch am Gehen hindern. Der zweite Vers nimmt einen deutlichen Bezug zum zweiten Vers der ersten Strophe. Wieder wird angedroht, den Weggang einer Naturgewalt zu „petzen“. Die Alliteration „mit Ruß und Regen“ in Vers 10 soll diese Drohung noch einmal verdeutlichen und ihr somit mehr Nachdruck verleihen. Auch die „Hagelkörner“ (V. 11) erhalten durch den Vergleich mit Glasmurmeln (vgl. V. 12: „glasmurmelgroß“) eine stärkere Gewichtung.

Das lyrische Ich ist sich der Unterstützung durch die Naturgewalten sicher. Damit macht es deutlich, wie sehr es sich im Recht fühlt. Die verwendeten Enjambements verleihen den Drohungen Nachdruck und dem Gedicht Dynamik. Sie bringen weiterhin die Aufgewühltheit des lyrischen Ichs zum Ausdruck, das den Geliebten unbedingt bei sich halten will. Dieser ist jedoch schon dabei aufzubrechen.

All diese Bedrohungen können den (ehemals) Geliebten jedoch nicht vom Gehen abhalten, eine Tatsache, die mit der Frage „Du musst jetzt fort?“ (V. 13) ausgedrückt wird. Die dritte Strophe kann also als Steigerung zu den vorangehenden gesehen werden. Überraschenderweise stößt das lyrische Ich keine neuerliche Drohung aus; es folgen zahlreiche Beschwichtigungen. Plötzlich beteuert das lyrische Ich, den Geliebten ohne Widerworte ziehen zu lassen (vgl. V. 13–17) und es keinem zu sagen. Auch will das lyrische Ich keine Tränen vergießen, sondern stark sein. Diese Verse wirken zunächst wie ein resigniertes Aufgeben oder ein Sichabfinden mit der Situation. Dies erscheint zunächst widersprüchlich zu den wilden Drohungen der ersten beiden Strophen. In Vers 16 jedoch zeigt das lyrische Ich dem Geliebten die Konsequenzen seines Weggangs an: den Verlust ihrer Träume. Das kann einer emotionalen Erpressung gleichgesetzt werden, denn der Geliebte trägt durch seinen Weggang die Schuld am desolaten Zustand des lyrischen Ichs, das behauptet, seine Träume begraben zu müssen. Die Äußerung im letzten Vers, dass ihn nichts daran hindere zu gehen (vgl. V. 17), könnte man einerseits als resigniertes Aufgeben, andererseits als ironische Äußerung angesichts der zuvor ausgestoßenen Drohungen verstehen.
Während in den ersten beiden Strophen trotzige Drohungen an die Fragen angeschlossen werden, findet man in der dritten Strophe nur einen Aussagesatz. Das vorangestellte „Gut,“ kann auch hier entweder als Trotzreaktion oder als Resignation gedeutet werden.

Die Kernaussage des Gedichts – die Angst des lyrischen Ichs, vom Geliebten verlassen zu werden, doch auch die Einsicht, ihn nicht mit Gewalt halten zu können – wird durch eine sehr emotionale Sprache zum Ausdruck gebracht. Das wird durch die dreimalige Ansprache des Geliebten unterstützt. Indem das lyrische Ich die Handlungen des Geliebten auf sprachlicher Ebene spiegelt, kann sich der Leser eine reale Situation gut vorstellen. Die Resignation, die vor allem in Vers 14 („Gut, ich sage es keinem.“) deutlich wird, folgt aus der Einsicht, den Geliebten nicht halten zu können. Bezieht man nun den Titel des Gedichts ein, „Dreistufige Drohung“, so kann ohne Weiteres festgestellt werden, dass die Eindringlichkeit und Ausweglosigkeit des lyrischen Ichs von Strophe zu Strophe steigt und somit als Klimax gelten kann.

Abschließend sollen nun die beiden Gedichte miteinander verglichen werden. Beide behandeln das Thema Liebe und die Angst, sein geliebtes Gegenüber zu verlieren. Dieser Verlustangst wird in unterschiedlicher Art und Weise Ausdruck verliehen. Während sich Brecht durch die Sonettform in die Tradition klassischer Liebeslyrik stellt, ist Kirschs Gedicht ein typisch modernes Gedicht, das sich von der Formenstrenge des Sonetts deutlich abhebt. Beide Gedichte wirken sehr eindringlich, die lyrischen Sprecher wollen die Partner mit aller Macht bei sich halten und ein Verlust scheint unüberwindbar. Lediglich der letzte Vers weist bei Brechts Gedicht darauf hin, dass die Partner wohl eine symmetrische Beziehung führen und sich gegenseitig brauchen, bei Kirschs Gedicht wird von Anfang an deutlich, dass der Geliebte sich distanzieren möchte. Wo bei Brecht ein versöhnlicher Schluss nach einem sehr eindringlichen Gedicht steht, stehen bei Kirschs Gedicht die Hoffnungslosigkeit und Trauer, die den wütenden Drohungen des lyrischen Ichs folgen, im Vordergrund. 

Auch hinsichtlich der Sprache und des Tenors können einige Unterschiede der beiden Gedichte festgestellt werden. Der hypotaktische Stil bei Brecht erweckt den Eindruck einer sachlichen Argumentation. Demgegenüber stehen die sehr emotionale Sprache und der eher parataktische Satzbau bei Kirsch. Die Sprache erinnert sehr an die eines trotzigen Kindes und zeugt von der hoffnungslosen Verzweiflung des lyrischen Ichs.

Zu beachten ist auch, dass die Situation der lyrischen Sprecher sich grundlegend unterscheidet. In Brechts Gedicht wird der Fortgang der Geliebten nur imaginiert und dann wieder verworfen. Kirschs Gedicht beschreibt eine reale Situation, der das lyrische Ich direkt ausgesetzt ist.

Beide Gedichte thematisieren Liebe und Verlust, ein Thema, mit dem sich sicherlich ein großes Publikum identifizieren kann. Besser hineinversetzen kann man sich meiner Meinung nach in die Sprecherin in Kirschs Gedicht. Ihre kindlich-hilflosen Drohungen bis hin zur emotionalen Erpressung des Geliebten spiegeln deutlich die Extremsituation wider, in der sich das lyrische Ich befindet. Die Inszenierung einer realen Situation hat zur Folge, dass der Leser sehr gut mitfühlen kann.

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