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Interpretationsaufsatz mit übergreifender Teilaufgabe zu einer Pflichtlektüre (Werk im Kontext)


Lösung

1.

Georg Büchner – er starb im Jahr 1837 und wurde nur 24 Jahre alt – hat in seinem Drama „Dantons Tod“ eine kurze, aber wichtige Phase im Verlauf der Französischen Revolution thematisiert. Sie lässt sich genau datieren: Die Handlung spielt vom 24. März 1794 – an diesem Tag wurden die sozialrevolutionären Hébertisten hingerichtet, von dieser Hinrichtung berichtet Philippeau gleich in der Eingangsszene – bis zum 5. April 1794, an dem die Hinrichtung Dantons stattfand und mit dem Büchners Drama endet. Büchner hat mehrere Geschichtswerke studiert, bevor er sein Drama schrieb. Vom Leser werden zum Verständnis des Werkes vertiefte Kenntnisse der Französischen Revolution erwartet.

Büchner hat dieses Drama allerdings nicht aus historischem Interesse, sondern aus aktuellem Anlass und eigener Betroffenheit geschrieben: Büchner wurde als junger Mensch Zeuge der Pariser Julirevolution von 1830. Der Kampf um die Pressefreiheit, um die es zunächst ging, erweiterte sich zu sozialrevolutionären Aufständen des aufkommenden Industrieproletariats. Die Revolution fand ihr Ende mit der Niederschlagung der Aufstände und der Errichtung einer konstitutionellen Monarchie, die unteren Schichten blieben von der Beteiligung an der Macht ausgeschlossen. Büchner interessierte sich nicht nur theoretisch für Revolutionen, er wurde selbst auch aktiv: Er verfasste regimekritische Flugschriften wie den „Hessischen Landboten“ und wurde auch organisatorisch aktiv bei der Gründung der Darmstädter Sektion der „Gesellschaft für Menschenrechte“. Er wurde von staatlicher Seite beobachtet, verfolgt und musste das Land verlassen. Das Drama thematisiert also auch eigene Erfahrungen mit Blick auf die Frage nach Macht und Ohnmacht revolutionärer Bewegungen, reflektiert die Frage nach der Legitimation von Gewalt, Fragen, die historisch-politischer Natur sind.

Das Drama vermag aber noch mehr: Über die Gestaltung menschlicher Grundsituationen, z.  B. der Beziehung zwischen Mann und Frau, werden uns modellhaft Konstellationen und Möglichkeiten vorgeführt, die überzeitlich gültig oder möglich sind. Die Auswahl der zu bearbeitenden Szene lenkt den Blick auf die Beziehung zwischen Camille und seiner Gefährtin Lucile.

Von hier aus bietet sich dann im zweiten Teil der Vergleich mit entsprechenden Beziehungen in den beiden Romanen „Homo faber“ von Max Frisch und „Agnes“ von Peter Stamm an. Allerdings muss der Leser die gattungsbezogenen Unterschiede beachten: In Büchners Drama wird uns das Geschehen ohne Vermittlungsinstanz direkt vor Augen geführt, in den Romanen präsentieren uns männliche, in das Geschehen involvierte Erzähler das Geschehen.

Die Szene II, 3 setzt ein mit der Ankündigung, dass Dantons Verhaftung durch den Wohlfahrtsausschuss beschlossen ist. Vorausgegangen ist eine Entfremdung zwischen Robespierre und Danton, den beiden führenden Revolutionären, die auch für die Radikalisierung der Revolution seit 1792 verantwortlich sind. Erstaunlich ist, dass Danton die Möglichkeit zur Flucht, die sich ihm wohl geboten hat (vgl. Z.  10), ausgeschlagen hat; er ist müde, ist bereit zu sterben. Er weist auch Camilles Vorwurf der Trägheit (Z. 18) zurück. Danton verlässt die Szenerie rasch, nicht um zu fliehen, sondern um spazieren zu gehen; zurück bleiben Camille und Lucile.

Lucile macht keinen Hehl aus ihrer Angst um Camille. Und Camille? Er, der beim Eintreten Dantons noch zum Handeln riet (Z. 16) und seinem Freund Trägheit vorwarf, ist sprachlos, als Danton einfach abgeht. Er versucht Lucile zu trösten und ihre Befürchtungen abzuschwächen. Zum einen verweist er darauf, dass er nicht Danton sei (Z. 28). Zum anderen betont er, dass er und Robespierre gemeinsame Schulkameraden (Z. 37) gewesen seien; außerdem habe er ihn gestern erst aufgesucht und Robespierre sei freundlich gewesen (Z. 33). Camille erwähnt nur „gewisse[] Spannungen“ (Z. 33), die es zwischen ihm und Robespierre gebe. Camille spielt damit auf seine Beiträge in der Zeitschrift „Le vieux Cordelier“ vom September 1793 an, in denen er sich klar gegen den Terror Robespierres aussprach, also gegen die Politik, die Robespierre als unverzichtbar für den Erfolg der Revolution ansah. Vor diesem Hintergrund muss man seine Formulierung der „gewissen Spannungen“ als Verharmlosung lesen; er kann eigentlich selbst nicht an einen guten Ausgang glauben. Mit seinen Beschwichtigungsversuchen Lucile gegenüber macht er ihr und auch sich etwas vor. Camille macht sich schnell auf den Weg – Lucile bemerkt und thematisiert dies (Z. 41) –, wohl weil er befürchtet sonst durchschaut zu werden. Und Lucile? Sie fängt an zu singen, ein Lied über das Scheiden. Sie reflektiert, warum ihr gerade dieses Lied in dieser Situation in den Kopf kommt, und sie interpretiert es als ein Vorzeichen auf eine schlimme Zukunft. In einer abschließenden Steigerung äußert sie ihren Eindruck, sich in einem Toten- oder Sterbezimmer zu befinden.

Auch die Dialoggestaltung macht deutlich, in welch gespannter Situation sich alle Beteiligten befinden. Die Äußerungen der Protagonisten fallen kurz aus. Häufig finden sich elliptische Sätze, sie sind nicht ausformuliert und brechen ab. Lucile hat den größten Redeanteil: Ihre Schlusssequenz bringt die Befürchtung zum Ausdruck: Wie ein Totenzimmer wirkt das Zimmer. Sie hält es nicht aus und verlässt das Zimmer – die männlichen Protagonisten hatten das Zimmer zuvor ebenfalls beinahe fluchtartig verlassen, ohne groß Abschied zu nehmen und ohne ihre Befürchtungen zum Ausdruck zu bringen. Danton verweigert zweimal die Frage, wohin er gehe. Und Camille verabschiedet sich mit einem schlichten „Ich gehe“.  Lucile, die ihn zum Abschied küsst, gestattet dem Zuschauer einen Einblick in die Seele der Protagonisten.

Die Beziehung zwischen Camille und Lucile ist eine besondere Beziehung. Das jugendliche Paar hält zusammen, bis in den Tod. Die letzte Szene gehört Lucile: Als sie von der Hinrichtung Camilles erfährt, irrt sie durch die Straßen und ruft, im Angesicht einer Patrouille, ein Hoch auf den König aus. Sie wird sofort verhaftet und – so muss der Zuschauer vermuten, weil das Drama mit der Festnahme endet – hingerichtet. Der Zuschauer kann fragen, ob es ein Verhältnis ist, das auf Gleichberechtigung aufgebaut ist. Auf den ersten Blick sicherlich, vor allem wenn man das Verhältnis vergleicht mit den beiden Beziehungen zwischen Walter Faber und Sabeth in Frischs Roman bzw. zwischen dem Icherzähler und Agnes in Peter Stamms Roman, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde. Also: auf den ersten Blick beinahe eine ideale Beziehung, zumindest im Vergleich mit den beiden anderen Beziehungen. Wenn wir aber noch einmal auf die oben besprochene Szene II, 3 zurückblicken, dann fällt auf, dass Camille auf die Befürchtungen und Fragen Luciles nicht eingeht und sie zu beschwichtigen versucht. Warum tut er dies? Ist es Ausdruck seines männlichen Überlegenheitsgefühls? Fällt hier also doch ein  wenn auch kleiner  Schatten auf die Beziehung? Oder startet er den Beschwichtigungsversuch nur deshalb, weil er genau weiß, dass Lucile recht hat, weil er aber nicht weiß, wie er angemessen darauf reagieren soll? In diesem Fall wäre Camilles Übergehen der Einwände ein Zeichen von Schwäche, von Realitätsverdrängung. Eine endgültige Antwort kann hier nicht gegeben werden; eine Antwort kann auch abhängen von der Art und Weise der Inszenierung, wie die Handlung, wie der Dialog von einem Regisseur und den agierenden Schauspielern auf die Bühne gebracht wird.

2.

Mit Blick auf die zwei nun zu behandelnden Beziehungen ist zunächst eine gattungsbezogene Überlegung wichtig. Sowohl bei dem Werk von Max Frisch als auch bei dem Werk des zeitgenössischen Autors Peter Stamm handelt es sich um Romane. Beide Romane werden von einem Icherzähler, jeweils dem Mann, erzählt. Wir haben als Leser damit zu rechnen, dass die beiden Männer nicht objektiv, nicht vorurteilsfrei das Geschehen wiedergeben, vor allem wenn es um die jeweilige Einschätzung der Frau geht.

Das gilt für den Roman, mit dem ich beginnen will, auf jeden Fall: Max Frischs „Homo faber“. Der Icherzähler Walter Faber hat eine junge Frau kennen- und lieben gelernt, die – wie wir später erfahren – seine Tochter ist. Ein fatales Verhältnis also. Als Leser fragen wir uns, ob Faber nicht frühzeitig einen Verdacht hätte haben können, als er Informationen über Sabeths Vergangenheit erhält. Natürlich hätte er dies – aber er verschleiert es geschickt. Ebenso versucht er die Begebenheit zu verschleiern, die zu Sabeths Tod geführt hat. Der Leser muss detektivische Arbeit leisten, um den Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren und um auch auf das Verhalten Fabers als Ursache und auf seine Sorglosigkeit im Umgang mit Sabeths Verletzung zu stoßen. Der Leser kann Faber nicht von der Schuld freisprechen, mitschuldig an Sabeths Tod geworden zu sein.

Trotz dieser Vorbehalte gegen die Hauptfigur ist aber durchaus verständlich, dass Faber an dem Verhältnis mit Sabeth so lange wie möglich festhalten will. Dies hängt nicht in erster Linie damit zusammen, dass die junge, attraktive Frau für den älteren Mann begehrenswert ist. Sie, Sabeth, ist vor allem die Ursache für eine entscheidende Veränderung Fabers, die der Leser des Romans wahrnehmen kann: Sabeth ändert Fabers Welteinstellung, Fabers Weltverständnis und auch Fabers Menschenbild. Faber ist am Anfang Techniker und Rationalist. Letztlich ist an der damit verbundenen Lebenseinstellung seine Beziehung zu Sabeths Mutter, zu Hannah, gescheitert. Sabeth zeigt ihm, dass es mehr gibt; mit ihr erlebt er die Welt anders und neu. Er entwickelt ein Verständnis für Schönheit, für Gefühle, für bisher verdrängte und unterdrückte Seiten menschlichen Erlebens. Und er ist über den Tod von Sabeth wieder, wie schon bei der Frage der Abtreibung von Hannahs Kind, mit den schuldhaften Auswirkungen seines Handelns konfrontiert. Nun, im zweiten Teil des Romans, ist er bereit, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er nähert sich über diese Bereitschaft Hannah wieder an. Der Roman endet mit der anstehenden Magenoperation – ob er sie überlebt, ob die Annäherung an Hannah weitergehen kann, bleibt ungeklärt. Mit Blick auf den Romanausgang wird mehrheitlich gemutmaßt, dass er die Operation nicht überlebt hat.

Ich widme mich nun der dritten Beziehung, der zwischen dem Icherzähler aus Stamms Roman und der weiblichen Protagonistin Agnes. Was für Faber galt, dass man nämlich dem Icherzähler misstrauen muss, trifft in noch weiterem Sinne für den Icherzähler hier zu: Was können wir ihm glauben? Das beginnt schon mit dem ersten Satz: Agnes ist tot. Ist sie wirklich tot? Interpreten des Romans sind sich darüber nicht einig. Und auch vom Autor, von Peter Stamm, gibt es in Interviews auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Auf jeden Fall versucht der Icherzähler sie aus seinem Leben, aus dem „Buch Agnes“, das er im 32. Kapitel des Romans beginnt, herauszuschreiben.

Wie schon in Frischs Roman handelt es sich hier um die Beziehung zwischen einem älteren Icherzähler, einem Sachbuchschriftsteller, der gern einmal einen Roman schreiben würde, und einer jungen Frau. Und wie Faber in Frischs Roman im Zusammenhang mit der Schiffsreise, auf der er Sabeth kennen- und lieben lernt, zunächst versichert, dass er auf „Männertisch“ hoffe, also an Frauenbekanntschaften gar nicht interessiert sei, so versucht uns der Icherzähler in Stamms Roman klarzumachen, dass er sich damit abgefunden hat, allein zu leben, und dass er Bekanntschaften mit Frauen vermeiden will (Kapitel 2). Wenn man den Fortgang der beiden Handlungen betrachtet, dann sind beide Versicherungen nicht überzeugend für den Leser. Der Icherzähler sucht den Kontakt zu Agnes und freut sich über jedes Treffen.

Welche Wirkung hat die Beziehung zu Agnes? Der Icherzähler fühlt sich in seiner Freiheit durch die Frau eingeschränkt. Wie beim Verhältnis zwischen Sabeth und Faber eröffnet sich auch hier für den Icherzähler die Möglichkeit, sein Leben entscheidend zu verändern. Agnes bietet dem Icherzähler eine feste, auf lebenslanges Zusammenleben angelegte Partnerschaft an, letztlich – nachdem sie schwanger ist – ein Familienleben, das als bürgerlich-traditionell bezeichnet werden könnte. Anders als Faber, der Sabeth einen Heiratsantrag unterbreitet, geht die Initiative hier von der Frau, von Agnes aus; der Icherzähler in Peter Stamms Roman will von solch einer Zukunft nichts wissen. Über die Lebensgeschichte der fiktiven Agnes, die er als Roman verfasst und von der er weiß, dass sie von der realen Agnes gelesen wird, schreibt er die Zukunft so, wie er sie will: Agnes, die fiktive Agnes, bekommt kein Kind, die fiktive Agnes stirbt und verschwindet aus seinem Leben. Die reale Agnes, von der wir am Anfang gehört haben, dass sie tot sei, verschwindet auch. „Agnes war nicht mehr da“ – so lesen wir auf der letzten Seite des Romans, ohne wirklich zu wissen, was mit ihr geschehen ist. Möglicherweise ist Agnes in den drei von mir analysierten Beziehungen die einzige Frau, die überlebt. Auf jeden Fall bleibt ein Icherzähler zurück, der sich über den Verlauf der Handlung nicht geändert hat, der so ist, wie er war, nur dass er auf eine weitere Beziehung zurückblicken kann, die an seiner Unfähigkeit zur Kommunikation und zum Zusammenleben gescheitert ist.

Camille und Lucile, Faber und Sabeth, der Icherzähler und Agnes: drei Beziehungen, denen keine Zukunft beschieden ist. Die Beziehungen, die in den Romanen vorgestellt werden, scheitern am Verhalten der jeweils deutlich älteren Männer, das Verhältnis zwischen Camille und Lucile wird ge- und zerstört durch die gesellschaftlich-politischen Umstände, die mit den revolutionären Ereignissen in Frankreich verbunden sind.

Werfen wir noch einen letzten Blick auf die Werke, nun nur auf die beteiligten Frauenfiguren, dann fällt auf, dass Agnes die Figur ist, die sehr selbstständig agiert, die auch das Romangeschehen möglicherweise überlebt; sie geht und verlässt den Mann. Sabeth, die Faber eine neue Welt, ihm bisher Unbekanntes eröffnet, ist sicherlich auch selbstständig und selbstbewusst, sie nimmt aber durch die Beziehung und letztlich durch Fabers Schuld Schaden an Leib und Leben. Und Lucile? Auch wenn es sich bei ihrer Partnerschaft mit Camille um eine beinahe ideale Liebesbeziehung zu handeln scheint, ist sie am wenigsten selbstständig. Sie kann ohne ihn nicht leben und sucht bewusst den Tod, und zwar über eine politisch-provozierende Aktion, die das Königtum feiert, die die Republik verrät, also auch das, wofür Danton und vor allem Camille gestorben sind. Möglicherweise zeigt sich im Grad der Selbstständigkeit, den die Frauen aufweisen, auch die gesellschaftliche Entwicklung, die sich in den letzten zweihundert Jahren vollzogen hat und die zu einer größeren Emanzipation der Frau im Verhältnis zum Mann geführt hat.

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