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Interpretation eines epischen Textes: V. Braun: „Höhlengleichnis“


Lösung

Hört man vom „Höhlengleichnis“, so denkt man zunächst bestimmt an das berühmte Gleichnis des Griechen Platon, der es vor ca. 2500 Jahren verfasste. Doch auch in der modernen Zeit wird das Thema des Befreiungsprozesses der Menschen immer wieder aufgegriffen.

Auch Volker Braun thematisiert in seinem „Höhlengleichnis“, das im Jahr 1979 erstmals erschien und drei Jahre später in sein Werk „Training des aufrechten Gangs“ aufgenommen wurde, die Gefangenschaft der Menschen in Höhlen sowie den noch immer scheiternden Versuch des Ausbruchs aus dieser Situation.

Im Folgenden wird zunächst die Textart bestimmt und der Text inhaltlich und sprachlich erschlossen, im Anschluss daran erfolgt die Interpretation des Gleichnisses.

Bei Volker Brauns „Höhlengleichnis“ handelt es sich, wie der Titel schon vermuten lässt, um ein Gleichnis. Im Allgemeinen haben Gleichnisse den Anspruch der Belehrung der Menschen, was meist durch eine allgemein gültige Tatsache geschieht. An diesem Text lässt sich diese darin festmachen, dass sich der Mensch von seinen Zwängen und Ketten, die ihn in seiner Höhle festhalten, befreien soll. Das Gleichnis ist eng mit der Textart der Parabel verwandt, unterscheidet sich von ihr jedoch darin, dass eine Interpretation des bildlich Dargestellten gleich mitgeliefert wird. Ebenso wie die Parabel verfügt auch das Gleichnis über zwei Ebenen, die inhaltlich eng miteinander verknüpft sind: die Sachebene, die als zentralen Aspekt eine Lehre enthält, und die Bildebene, die eigentlich dargestellte Geschichte/Handlung. Hier stellt die Sachebene den Auf- und Ausbruch des Menschen aus seinen Ketten bzw. der Höhle dar, wohingegen auf der Bildebene die Beschreibung dessen folgt. Dabei verlaufen beide Ebenen meist parallel, d. h. gleichzeitig ab. Oftmals werden bei Gleichnissen Motive aus traditionellen Bereichen aufgegriffen und verdeutlicht, hier liegt Platons „Höhlengleichnis“ zugrunde.

Aus sprachlicher Sicht enthält der vorliegende Text einige Besonderheiten, die eng mit dem Inhalt in Verbindung stehen. Betrachtet man die Wortwahl genauer, so fällt generell die sehr bildhafte Sprache auf. Diese wird zum einen dadurch erzeugt, dass Volker Braun etliche Zahlenbeispiele wie z. B. „5000 Jahre“ (Z. 1 f., 18) verwendet. Aber es sind v. a. die veranschaulichenden Adjektive wie beispielsweise „berühmte Höhle“ (Z. 1), „sagenhafte Kriege“ (Z. 4), „minimalen Bewegung“ (Z. 7) und „unzersprengbaren Raum“ (Z. 22), die dem Leser die Umstände der Menschen in ihren Höhlen deutlicher vor Augen führen. Durch das Einsetzen einiger sehr ausdrucksstarker Verben wie „hocken“ (Z. 2), „herumwenden“ (Z. 6), „kauern“ (Z. 12) und „hausten“ (Z. 10) wird noch einmal das Bild des „in der Höhle hausenden Menschen“ verstärkt.

Besonders auffällig ist der im Gleichnis vorherrschende hypotaktische Satzbau (vgl. Z. 12–14), welcher der Veranschaulichung des Gesagten dient und die dargestellten Informationen und Bilder verdichtet wiedergibt. Auf diese Weise können dem Leser die vielen Detailinformationen schnell zugeführt werden. Volker Braun verwendet jedoch auch Ellipsen wie beispielsweise „Wände also auch nicht!“ (Z. 17), womit einerseits der mündliche Charakter des Gleichnisses betont wird und sich die Erzählweise derjenigen der Gleichnisse anpasst, andererseits hergehoben wird, dass sich die Menschheit in einer Höhle ohne Wände befindet.

Auch die zahlreich im Text verwendeten Akkumulationen wie z. B. „Ein Raum von Fakten, von steinernen Gesichtern“ (Z. 22 f.) und „[...] und verbannt zischen unsere Nagelscheren, Tabellen und Nabelschnüre rollten" (Z. 38) dienen der verdichteten Wiedergabe von Informationen. Wie schon bei der Bestimmung der Textart angeschnitten, verfügt das Gleichnis über eine sogenannte Bildebene, die durch zahlreiche bildhafte Darstellungen den Lesern und Zuhörern verdeutlicht werden soll. Hierzu trägt auch der in Zeile 26 verwendete Vergleich „wie in Ketten“ bei. Ebenso verbildlicht die Alliteration „schleimige[r] Schutt“ in Zeile 26 die Situation der Menschen in ihrer Höhle. Volker Braun übt jedoch auch offen Kritik, indem er beispielsweise durch die ironische Darstellung des Krieges, den er mit „sagenhaft“ (Z. 4) betitelt, seine Einstellung, aber auch dessen Nutzlosigkeit kundtut.

Das Gleichnis beginnt mit der Darstellung der Ausgangssituation, mit dem „Dahinvegetieren“ der Menschen seit 5000 Jahren in einer Höhle. Sie verhalten sich meist passiv und sind unfähig sich aus der Höhle zu befreien. Das Ergebnis, das sich aus dem Verhalten und dem Handeln der Menschen ergibt, ist die Tatsache, dass sie seit Tausenden von Jahren auf demselben Stand bleiben und sich nach 5000 Jahren des Wartens endlich das Zeitalter des „aufrechten Gangs“ ankündigt. Anders verhält es sich jedoch mit den Entwicklungen außerhalb der Höhle, die schnell vonstattengehen, im Gegensatz zu denen in der Höhle. Am Ende des Gleichnisses stellt sich dem Leser jedoch die Frage, ob der Mensch es jemals schaffen wird, aufrecht zu gehen, und somit die Höhle verlassen kann.

Die Menschen befinden sich seit 5000 Jahren in ein und derselben Höhle, da sie unfähig sind, sich zu bewegen, und die Höhle nicht verlassen können. Den beiden Weltkriegen sei es zu verdanken, dass die Menschheit dazu imstande ist, den Hals zu bewegen. Im Sitzen kann der Ausgang der dunklen Höhle nur schemenhaft erkannt werden, durch die Bewegung der Menschen jedoch wird auch ein Schatten in der Höhle wahrgenommen, was wiederum auf eine Lichtquelle schließen lässt. Im Freien ist es jedoch dunkel, da die Sonne nicht scheint. Im Inneren kauern unzählige Menschen zusammen und befinden sich in einer Art Dämmerzustand. Da die Menschen ein schwaches Licht ausstrahlen, finden sie ihr Abbild an den Wänden wieder, was zu einer großen Verunsicherung führt. Da die Höhle nicht, wie sonst üblich, über Wände verfügt, ist kein Festhalten möglich. Diese Tatsache ist jedoch erst nach über 5000 Jahren festgestellt worden. Damit bestätigt sich der Verdacht, dass es sich bei dieser Höhle nicht um eine Höhle im klassischen Sinn handeln kann. Weiter werden Geräte und allerhand Technik beschrieben, die sich in einer Art Raum befinden. Der Mensch hat sich also seine eigene Höhle geschaffen, doch es ist ihm nicht möglich, sie aus eigener Kraft zu verlassen. Diejenigen, die versuchen auszubrechen, werden zurückgerissen und verletzt. Doch nach 5000 Jahren Dasein beginnt nun das neue Zeitalter des aufrechten Gangs mit der Möglichkeit, der Höhe zu entkommen.

Um Spannung zu erzeugen, wird sich der Leser zu Beginn des Gleichnisses die Frage stellen, ob sich der Mensch jemals aus eigener Kraft aus der Höhle befreien kann. Durch die Beschreibung der äußeren Umstände wird die Spannung zunächst gesteigert, da ein positiver Ausgang nicht erwartet wird. Auch die Darstellung einiger misslungener Ausbruchsversuche von „Höhleninsassen“ trägt zur Spannungsverzögerung bei. Aufgelöst wird sie dadurch, dass in den letzten Sätzen des Gleichnisses das neu anbrechende Zeitalter des aufrechten Gangs angesprochen wird, das dem Menschen die Flucht aus der Höhle ermöglicht.

Untersucht man den Text hinsichtlich seiner Erzählstruktur, so fällt zunächst auf, dass von einem kollektiven „wir“ gesprochen wird. Der Icherzähler schließt sich also selbst mit ein, denn er zählt sich selbst zur Menschheit dazu. Da er über die Vorgänge in der Höhle und die Ausbruchsversuche Einzelner Bescheid weiß, spricht man von einem auktorialen Erzähler, der aus der olympischen Perspektive von oben hinab auf das Geschehen blickt. Dadurch dass er über 5000 Jahre zurückblickt und auch einen Ausblick auf die kommenden Jahrtausende gibt, spricht man von einem zeitraffenden Erzählen. Jedoch muss betont werden, dass der Erzähler nicht sichtlich hervortritt.

Von zentraler Bedeutung sind auch die Raum- und Zeitverhältnisse im Gleichnis, die deshalb näher untersucht werden müssen. Der Höhle als Handlungsraum wird eine besondere Bedeutung beigemessen. Sie wird als Raum ohne Wände, zugestellt mit modernster Technik, ohne Lichtquelle beschrieben, in dem Tausende Menschen eingeengt auf kleinstem Raum hausen. Durch die vorherrschende Dunkelheit und verbreitete Unsicherheit bei den Menschen ist die Stimmung gedrückt, ängstlich und erwartungsvoll. Die Höhle an sich sowie auch die Kette werden zu zentralen Symbolen des Gleichnisses. Jegliche Fluchtversuche laufen ins Leere, sind also ohne Erfolg.

Auch die bereits verstrichene Zeit, nämlich 5000 Jahre ohne nennenswerte Veränderung, verdeutlicht das stete menschliche Dasein. Lediglich die Anspielung auf das Zeitalter des aufrechten Gangs weist auf eine langsam voranschreitende Veränderung der Menschen hin.

Blickt man noch einmal zurück auf das erste Höhlengleichnis von Platon und vergleicht die zentralen Aussagen beider Texte, so kann durchaus eine Parallele konstatiert werden. Sowohl Platon als auch Braun zeigen den Sinn und die Notwendigkeit des philosophischen Bildungsweges auf und sehen ihn als Befreiungsprozess. Legt Platon aber den Fokus stärker auf die voranschreitende Bildung, so kommt es Braun eher auf den Ausbruch aus den selbst geschaffenen Räumen, den Höhlen sowie aus den selbst angelegten Ketten an. Beide sind sich jedoch darin einig, dass es der Mensch selbst ist, der sich aus den Zwängen und Engen befreien muss.

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