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Gestaltende Interpretation (Drama): F. Dürrenmatt: „Der Besuch der alten Dame“ (grundlegendes Anforderungsniveau)


Aufgabe

  1. Erläutern Sie kurz, wie es zu dieser Szene am Bahnhof kommt. Gehen Sie von folgender Annahme aus: Nach IIIs gescheiterter Abreise gehen die Beteiligten ihrer Wege; sie sprechen über das Vorgefallene und die möglichen Konsequenzen.
  2. Gestalten Sie das Gespräch zwischen dem Lehrer, dem Pfarrer und dem Polizisten.

Maßgeblich für die Beurteilung des Aufsatzes ist das Ganze der erbrachten Leistung.

Der Schwerpunkt liegt auf der gestaltenden Interpretationsaufgabe.

Material:

PDF icon Friedrich Dürrenmatt_Der Besuch der alten Dame.pdf

Quelle: Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame. Eine tragische Komödie, Neufassung 1980, Diogenes Verlag, Zürich 1998, S. 82–85

Lösung

a)

Im Jahr 1955 stellte Friedrich Dürrenmatt das Drama „Der Besuch der alten Dame“ im schweizerischen Neuchâtel fertig, zur Aufführung gelangte es erst ein Jahr später. Europa erlebte zu dieser Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand breitete sich in der Gesellschaft aus. Dieser Umstand regte Dürrenmatt unter anderem dazu an, ein Drama über dieses Phänomen zu verfassen. Ein weiterer zentraler Inhalt des Dramas ist das Streben nach Gerechtigkeit. Eben dieses Thema wurde von zahlreichen Autoren immer wieder aufgegriffen und neu interpretiert. Kann man durch Rache Gerechtigkeit erlangen? Die Protagonistin des Dramas, Claire Zachanassian, strebt genau danach.

Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über das Geschehen einschließlich der vorliegenden Szene am Bahnhof gegeben. Daran schließt sich ein selbst gestaltetes Gespräch zwischen dem Lehrer, dem Pfarrer und dem Polizisten an, in dem über das vorher Geschehene sowie über dessen Folgen gesprochen wird.

Die Protagonistin des Dramas, Klara („Kläri“) Wäscher, wächst in der Kleinstadt Güllen auf und verliebt sich im Alter von 17 Jahren in den zwei Jahre älteren Alfred Ill. Aus dieser Beziehung heraus entsteht eine ungewollte Schwangerschaft. Da Alfred Ill die Vaterschaft des Kindes vehement abstreitet, lässt es Klara zu einem Prozess kommen. Mithilfe bestochener Zeugen gelingt es Ill jedoch, den Prozess zu gewinnen und unbeschadet aus dieser Affäre hervorzugehen. Daraufhin bleibt Klara nichts anderes übrig, als die „konservative“ Heimat als gefallene und entehrte Frau zu verlassen. Wenige Wochen nach ihrer überhasteten Flucht verliert Klara das Kind und wird aufgrund ihrer Mittellosigkeit zur Prostitution gezwungen. Durch zahlreiche geschickte Ehen mit insgesamt neun Ehemännern gelingt es Klara, zu Reichtum zu gelangen. Von nun an nennt sie sich, als weltgewandte Dame, Claire Zachanassian.

45 Jahre nach ihrer Vertreibung aus Güllen fasst Claire den Entschluss, sich an ihrem früheren Geliebten Alfred Ill zu rächen. Die ehemals florierende und angesehene Kleinstadt Güllen ist mittlerweile heruntergekommen und verwahrlost. Das bringt Claire auf den Plan, die Stadt nach und nach komplett zu ruinieren. Während dieser Zeit gelingt es Claire, sämtliche Grundstücke und Fabriken der Stadt zu erwerben. Einige Zeit später begibt sich Claire selbst in die Stadt. Aufgrund des stetig fortschreitenden Verfalls der Stadt sind sowohl der Bürgermeister als auch die Bewohner leicht durch Korruption zu lenken. Schon im Vorfeld unterbreitete Claire ihnen ein unmoralisches, gleichzeitig aber verlockendes Angebot: Gelingt es ihnen, Alfred Ill zu töten, erhält die Stadt eine Milliarde. Claire möchte „Gerechtigkeit für eine Milliarde.“ Zunächst ist der Bürgermeister über dieses Angebot entsetzt und schlägt es aus, während Ill sich in Sicherheit wähnt und auf die Loyalität seiner Mitbürger zählt.

Angetrieben von Geldnot und Gier beginnen die Bewohner Güllens jedoch weit über ihre Verhältnisse zu leben, gerade so, als seien sie sich der kommenden finanziellen Unterstützung sicher. Aufgrund des geänderten Verhaltens seiner Mitbürger bekommt es Ill mit der Angst zu tun und bittet die Polizei um Hilfe. Auch bittet Ill bei Claire um Vergebung, in der Hoffnung, sie von ihrem Plan abbringen zu können. Die Mitbürger, selbst Ills Familie, verfallen immer mehr dem Konsumrausch, die Solidarität Ill gegenüber verblasst zusehends. Aus purer Angst, Verzweiflung und schließlich Anerkennung seiner Schuld fasst Ill den Plan, nach Australien zu flüchten. Umringt von allen Güllenern befindet sich Ill auf dem Bahnhof, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Allerdings traut er sich nicht, den Zug zu besteigen, aus Angst, „einer“ könnte ihn zurückhalten. Der Zug fährt ohne Ill ab und dieser bricht auf dem Bahnhof zusammen und erkennt seine ausweglose Situation.

b)

In diesem Gespräch zwischen Lehrer, Pfarrer und Polizist wird das Geschehen am Bahnhof zusammengefasst und über die weitreichenden Folgen der Szene am Bahnhof gesprochen.

Nachdem nun Ill am Bahnhof zusammengebrochen ist, verlassen alle Bürger den Schauplatz des Geschehens. Der Pfarrer, der Lehrer und der Polizist gehen gemeinsam zurück in die Stadt. Dabei unterhalten sie sich.

DER PFARRER:    ratlos, nicht wissend, was weiter geschehen soll

Nicht nur Ill, sondern auch wir sind verloren! Wir
alle haben bereits über unsere Verhältnisse gelebt,
selbst die Pfarrei hat sich eine neue Glocke gekauft.
Wie soll das alles finanziert werden, wenn Ill
weiter am Leben ist und die Auszahlung der
Milliarde von Claire ausbleibt?

DER POLIZIST:    holt einen Flachmann aus der Hosentasche
                            und nimmt einen Schluck

Wie ihr wisst, habe auch ich mir einen neuen Goldzahn
einsetzen lassen.

DER LEHRER:

Wenn Ill nicht aus freien Stücken die Stadt verlässt,
werden wir etwas unternehmen müssen. Claire wird
nicht von ihrem Standpunkt abweichen; und bedenkt,
dass wir auf das Geld angewiesen sind! Nur durch sie
kann die Stadt vor dem endgültigen Ruin bewahrt
werden.

DER POLIZIST:

Als Vertreter des Gesetzes muss auch ich das Wohl
der Stadt im Auge behalten.

DER PFARRER:

Wir haben Ill bereits mehrmals den Rat gegeben,
die Stadt aus freien Stücken zu verlassen. Dadurch
bewahrt er sowohl die Bürger Güllens als auch sich
selbst vor dem drohenden Unheil. Ich weiß wirklich
nicht, wieso er nicht in den Zug gestiegen ist …

DER LEHRER:

Selbst jetzt am Bahnhof habe ich immer wieder
versucht ihn zu beschwichtigen und ihm vorgehalten,
die Menschenmenge sei nur da gewesen, um sich
von ihrem geschätzten Mitbürger zu verabschieden.
Trotzdem hat er sich bedroht gefühlt!

DER POLIZIST:    nimmt einen zweiten Schluck

Ganz nüchtern betrachtet, wir müssen Ill beseitigen!

DER LEHRER:

Wo bleibt die Moral? Habt ihr kein Gewissen?

DER PFARRER:

Ihr mit eurer Moral! Denkt an die Folgen, die sich
daraus für ganz Güllen ergeben! Wir sind allesamt
hoch verschuldet! Der Bürgermeister, die Kirche,
sämtliche Bürger haben in den letzten Tagen über
ihre Verhältnisse gelebt!

DER LEHRER:

Ist Ill nicht selbst schuld an seiner Situation? Hätte
er nicht damals zu ihr und dem Kinde stehen
müssen? Trägt nicht jeder Einzelne von uns, der im
Prozess gegen ihn falsch ausgesagt hätte, eine
Mitschuld? Sind wir nicht alle in diese Geschichte
involviert?

DER POLIZIST:

Gerade deshalb müssen wir Ill aus dem Weg räumen,
wir müssen unseren Fehler von damals begleichen.

DER PFARRER:    sich einmischend

Claire ist unrecht getan worden. Wer aber nimmt
die Schuld auf sich und beseitigt Ill? Wäre es nicht
besser, man würde Ill, anstatt ihn zu töten, aus der
Stadt schaffen?

DER POLIZIST:

Lasst uns das gemeinsam erledigen, im Auftrag der
Stadt Güllen!

ALLE:

Im Auftrag der Stadt Güllen!
Im Auftrag der Stadt Güllen!

DER LEHRER:

Wartet, ich werde noch einmal das Gespräch mit
Claire suchen. Vielleicht kann man ihr einen
anderen Vorschlag unterbreiten. Wenn sie ihre
Milliarde nicht in die Bürger, sondern in den
Wiederaufbau der Stadt stecken würde, hätten
wir des Problems Lösung!

DER PFARRER:

So machen wir es!

DER POLIZIST:

Geht sogleich und sprecht mit ihr!

Allen Beteiligten ist bewusst, dass eine Lösung des Problems gefunden werden muss. Der Lehrer begibt sich tatsächlich zu Claire, um ihr seinen Vorschlag zu unterbreiten. Doch Claire eröffnet ihm, dass ihr bereits alle Grundstücke und Fabriken in Güllen gehören. Die Stadt ist nun in der Pflicht, ihr Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen. Die Presse hat von der Geschichte Wind bekommen, wittert eine gute Story und trifft im Städtchen ein. Währenddessen spricht der Bürgermeister ein weiteres Mal mit Ill und fordert ihn auf, sich selbst zu töten. Ill jedoch ist der Meinung, die Güllener selbst müssten dies tun, und er liefert sich ihnen aus. Es kommt zu einem weiteren Treffen zwischen Claire und Ill, der nun Reue zeigt und seine Fehler zugesteht. Noch am selben Tag findet eine Versammlung im Theatersaal der Stadt statt, bei der die Güllener vermeintlich über die Annahme oder Ablehnung der Stiftung abstimmen – in Wahrheit wird Ills Tod beschlossen. Schließlich wird die anwesende Presse des Saales verwiesen, die Fenster werden abgedunkelt, das Licht gelöscht und Alfred Ill wird getötet. Der Stadtarzt stellt den Tod durch Herzinfarkt fest. Den Schluss dieses Dramas bildet der Schlusschor, der den neuen Wohlstand der Stadt anpreist, während Claire mit dem toten Ill im Sarg die Stadt verlässt.

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