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Gestaltend schreiben (2)


Aufgabe

Verfasse ausgehend von der Kurzgeschichte „Das Fenster-Theater“ (1949) von Ilse Aichinger zwei innere Monologe. Nimm dabei einmal die Innensicht der beobachtenden Frau und einmal die Innensicht des alten Mannes ein.

  1. Lies dir die Kurzgeschichte zunächst aufmerksam durch und setze dich gründlich mit ihrem Inhalt auseinander. Was erfährst du über die Frau und über den Mann? Liste ihre Verhaltensweisen und Eigenschaften in Stichpunkten auf.
  2. Schreibe für die Frau und den Mann jeweils einen kurzen inneren Monolog und gib ihre jeweiligen Wahrnehmungen, Gedanken und Empfindungen wieder. Beachte dabei die typischen Merkmale dieser Textsorte.

Text

Ilse Aichinger 

Das Fenster-Theater

Die Frau lehnte am Fenster und sah hinüber. Der Wind trieb in leichten Stößen vom Fluss herauf und brachte nichts Neues. Die Frau hatte den starren Blick neugieriger Leute, die unersättlich sind. Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan, vor ihrem Haus niedergefahren zu werden. Außerdem wohnte sie im vorletzten Stock, die Straße lag zu tief unten. Der Lärm rauschte nur mehr leicht herauf. Alles lag zu tief unten. Als sie sich eben vom Fenster abwenden wollte, bemerkte sie, dass der Alte gegenüber Licht angedreht hatte. Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich und machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die Prozession die Kirche verlassen hat. Die Frau blieb am Fenster.

Der Alte öffnete und nickte herüber. Meint er mich? dachte die Frau. Die Wohnung über ihr stand leer und unterhalb lag eine Werkstatt, die um diese Zeit schon geschlossen war. Sie bewegte leicht den Kopf. Der Alte nickte wieder. Er griff sich an die Stirne, entdeckte, dass er keinen Hut aufhatte, und verschwand im Inneren des Zimmers. Gleich darauf kam er in Hut und Mantel wieder. Er zog den Hut und lächelte. Dann nahm er ein weißes Tuch aus der Tasche und begann zu winken. Erst leicht und dann immer eifriger. Er hing über die Brüstung, dass man Angst bekam, er würde vornüberfallen. Die Frau trat einen Schritt zurück, aber das schien ihn zu bestärken. Er ließ das Tuch fallen, löste seinen Schal vom Hals - einen großen bunten Schal - und ließ ihn aus dem Fenster wehen. Dazu lächelte er. Und als sie noch einen weiteren Schritt zurücktrat, warf er den Hut mit einer heftigen Bewegung ab und wand den Schal wie einen Turban um seinen Kopf. Dann kreuzte er die Arme über der Brust und verneigte sich. Sooft er aufsah, kniff er das linke Auge zu, als herrsche zwischen ihnen ein geheimes Einverständnis. Das bereitete ihr so lange Vergnügen, bis sie plötzlich nur mehr seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah. Er stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht gerötet, erhitzt und freundlich wieder auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt.

Und während er, in ein Leintuch gehüllt, abwechselnd an beiden Fenstern erschien, unterschied sie schon drei Gassen weiter über dem Geklingel der Straßenbahnen und dem gedämpften Lärm der Stadt das Hupen des Überfallautos. Denn ihre Erklärung hatte nicht sehr klar und ihre Stimme erregt geklungen. Der alte Mann lachte jetzt, so dass sich sein Gesicht in tiefe Falten legte, streifte dann mit einer vagen Gebärde darüber, wurde ernst, schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten und warf es dann hinüber. Erst als der Wagen schon um die Ecke bog, gelang es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen. Sie kam atemlos unten an. Eine Menschenmenge hatte sich um den Polizeiwagen gesammelt. Die Polizisten waren abgesprungen, und die Menge kam hinter ihnen und der Frau her. Sobald man die Leute zu verscheuchen suchte, erklärten sie einstimmig, in diesem Hause zu wohnen. Einige davon kamen bis zum letzten Stock mit. Von den Stufen beobachteten sie, wie die Männer, nachdem ihr Klopfen vergeblich blieb und die Glocke allem Anschein nach nicht funktionierte, die Tür aufbrachen. Sie arbeiteten schnell und mit einer Sicherheit, von der jeder Einbrecher lernen konnte. Auch in dem Vorraum, dessen Fenster auf den Hof sahen, zögerten sie nicht eine Sekunde. Zwei von ihnen zogen die Stiefel aus und schlichen um die Ecke. Es war inzwischen finster geworden. Sie stießen an einen Kleiderständer, gewahrten den Lichtschein am Ende des schmalen Ganges und gingen ihm nach. Die Frau schlich hinter ihnen her. Als die Tür aufflog, stand der alte Mann mit dem Rücken zu ihnen gewandt noch immer am Fenster. Er hielt ein großes weißes Kissen auf dem Kopf, das er immer wieder abnahm, als bedeutete er jemandem, dass er schlafen wolle. Den Teppich, den er vom Boden genommen hatte, trug er um die Schultern. Da er schwerhörig war, wandte er sich auch nicht um, als die Männer auch schon knapp hinter ihm standen und die Frau über ihn hinweg in ihr eigenes finsteres Fenster sah.

Die Werkstatt unterhalb war, wie sie angenommen hatte, geschlossen. Aber in die Wohnung oberhalb musste eine neue Partei eingezogen sein. An eines der erleuchteten Zimmer war ein Gitterbett geschoben, in dem aufrecht ein kleiner Knabe stand. Auch er trug sein Kissen auf dem Kopf und die Bettdecke um die Schultern. Er sprang und winkte herüber und krähte vor Jubel. Er lachte, strich mit der Hand über das Gesicht, wurde ernst und schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu halten. Dann warf er es mit aller Kraft den Wachleuten ins Gesicht.

Quelle: Ilse Aichinger, Der Gefesselte. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1954

Lösung

Aufgabe a)

Frau: lebt allein in einer Wohnung im vorletzten Stock, neugierig, einsam, isoliert, passiv, sensationslüstern, hat Vorurteile, geprägt von starkem Ordnungsdenken

Mann: alt, schwerhörig, lebt allein in einer Wohnung, freundlich, humorvoll, kommunikativ, aktiv, kreativ, kinderlieb, besorgt, anteilnehmend

Aufgabe b)

Innerer Monolog der Frau

Ach, wieder nicht viel los da draußen. Die junge Familie drüben im ersten Stock könnte auch endlich mal ihre verdorrten Blumenkästen entsorgen und die Studentin, die ist wohl schon wieder ausgeflogen. Warum brennt denn da Licht in der Wohnung des Alten? Jetzt, am hellen Tag? Welche Verschwendung! Da ist er ja! Hat er mich jetzt etwa gegrüßt? Muss ja wohl so sein, denn unter mir und über mir ist ja keiner. Komischer Heini! Huch, gleich fällt er noch aus dem Fenster! Was macht er denn jetzt? Verrückt, einen Kopfstand. Das ist zu viel, jetzt rufe ich die Polizei! 

Innerer Monolog des Mannes

Niedlich, der Kleine. Aber warum weint er denn? Ich mache mal Licht an, vielleicht bemerkt er mich ja. Wohl nicht, aber dafür die neugierige Alte. Die kriegt auch alles mit! Hallo, Kleiner. Oh, er weint so sehr, will wohl nicht schlafen. Vielleicht kann ich ihn ein bisschen aufmuntern. Ja, das mit dem Hut scheint zu wirken, jedenfalls schaut er mir jetzt zu! Da, jetzt lächelt er und winkt sogar zurück mit seinem Tuch. Mal sehen, was er zu meinem Kopfstand sagt. Kuckuck, hier bin ich – und jetzt hier! Ich werfe ihm mal mein Lächeln rüber, bin gespannt, ob er das schon versteht. Kleiner, du musst jetzt schlafen gehen. Leg dich schön auf dein Kissen. Nanu, wer ist das denn?

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